Erwünschte Verknüpfungen

Zu einer Zeit, in der jeder Bürger, der etwas auf sich hielt, in mehreren Vereinen Mitglied war — schon um zu zeigen, daß er sich von seinem Beruf nicht auffressen lasse —, gab es entsprechende Überschneidungen personeller Art, aber auch Fühlungnahmen von Vereinsvorständen untereinander. Von kultureller Erweiterung und Fortschrittlichkeit, an welcher der Blumenorden je länger je mehr teilhaben wollte, waren jene Honoratiorenkontakte noch ein gutes Stück entfernt, aber so bahnte sich doch etwas an, was über den reinen Literaturbesprechungsbetrieb und die hausgemachte Dichtung hinausführte.

28. W.V. Freitag 11. October 1895
Einläufe: von der hies. Section des D. Alpenvereins eine Einladung zum Besuch des Vortrages des berühmten Polarreisenden J. von Payer […]

Eine kolonialistische Einstellung vertrug sich anscheinend mit uneigennütziger Neugier und dem Stolz auf länderüberschreitenden Austausch:

31. W. V. Freitag 9. Oct. 1896
[…] Dr. Beckh legt vor „Geologie der deutschen Reichsgebiete in Africa“  [Dissertation des Freiherrn von Stromer (des Bürgermeistersohnes)].

39. W.V. Freitag den 4. Dec. 1896
[…] Schmidt II bringt den schriftlichen Dank des Gouverneurs von Alexandrien, Emir Firky, für der Bibliothek v. Alexandrien überlassene Festschrift des Ordens.

Freitag, den 14. Dezember 1906    38. Wochenversammlung
[…] Schmidt hat eine Nummer der deutschen Colonialzeitung mitgebracht aus der v. Praun einen Aufsatz „Auf unbekannten Pfaden“ verliest, der in seiner märchenhaften Art zwar sehr an die Reiseromane des Karl May erinnert, aber doch in recht wirkungsvoller u. spannender Sprache geschrieben ist. — Dem Inhalt der Erzählung nach zu schließen, wäre im deutschen Südwestafrika noch ein unentdecktes u. unbekanntes Stück Land, dessen Vorhandensein von seinen wilden Bewohnern als unantastbares Geheimnis streng verschwiegen wird. Reiche Schätze aller Art sind in ihm verborgen u. besonders Diamanten scheinen auf der Straße zu liegen, wie bei uns die Kieselsteine. — Wenn alles wahr ist, was der Aufsatz erzählt, ist unseres Colonialdirektors schneidiges Auftreten im Reichstag noch mehr zu verstehen.

Zu verstehen ist höchstens die durch Karl May angeregte naive Abenteuerlust, schon weniger die Gier, und Kopfschütteln muß hervorrufen, wie die deutsche Öffentlichkeit durch derartige Veröffentlichungen im Sinne einer skrupellosen Kolonialpolitik manipuliert werden konnte. Daß damit rassistische Hetze einherging, zeigte sich immer deutlicher: Am 22. April 1910 brachte August Schmidt eine Nummer der „Vierteljahresschrift des Deutschtums im Auslande“ mit, aus der Alexander von Praun den Aufsatz „Abkömmlinge des Deutschtums als Hörige der Neger“ verlas. Reaktionen der Zuhörer sind nicht überliefert, wenn man nicht das Wörtchen „nachdenklich“ dafür nimmt, das als Prädikat aber dem Aufsatz zugeschrieben wurde.

Exklusive Fernreisen als Bildungserlebnisse scheinen den Geschmack schon eher getroffen zu haben.

Freitag, den 2. Dezember 1910    36. Wochenversammlung
[…] Einen großen Teil des Abends füllte der Vortrag des Ordensmitglieds, Herrn kgl. Bezirksamtsassessor dahier Eberhard Freiherrn v. Scheurl, aus, der die von ihm gelegentlich einer mit Gattin im Anschluß an eine Schenker’sche Reisegesellschaft — insgesamt nur 5 Teilnehmer — dieses Jahr unternommenen Orientreise gesammelten persönlichen Eindrücke zu einer begeisterten Schilderung des zu Wasser und Land Geschauten verwob. Die Hörer begleiteten die Orientfahrer im Geist über Triest, Korfu, Patras, […], den Piräus, Phaleron, Salamis, nach Athen, auf der Meerfahrt nach und in Konstantinopel, durch den Bosporus, nach Smyrna, wieder zurück nach Athen, endlich auf der Heimreise durch den Isthmus von Korinth, nach Neapel und Genua. Der inhaltsreiche und ungemein anregende Vortrag wurde mit großem Interesse verfolgt und erntete der Redner verdienten Beifall. […]

Durch solche Weltoffenheit empfahl sich anfangs der soeben erst am 12. Juni 1908 aufgenommene spätere Präses.

Ein bedeutender Kulturfaktor und Mittelpunkt der Freizeitgestaltung war das Theater, wobei die städtische Bühne bereits mit etlichen Kleinbühnen von zweifelhaftem Ruf in Wettbewerb stand. Im gutbürgerlichen Blumenorden wollte man natürlich die Bühne als moralische Anstalt und als Ort der Selbstvergewisserung wertbewußter Damen und Herren unterstützen, kam damit jedoch nicht immer gut an.

37. Wochenversammlung am 26. Novembr. 1897
[…] Nun berichtet Beckh in ausführlicher Weise über einen lebhaften Briefwechsel, den er mit Herrn Stadttheaterdirektor Reck in der vergangenen Woche gepflogen u. der insofern für den Orden von großem Interesse ist, als die Ordensberichterstattung in der Fränkischen Morgenzeitung vom 12. Novembr. a.c. den Anlaß dazu gegeben hat.
In dieser Berichterstattung war nämlich die Thatsache constatirt worden, daß in dieser Ordenssitzung gelegentlich der Erwähnung über eine Meistersingeraufführung in Paris, von verschiedenen Seiten dem Unmuthe über das lange Fehlen der Meistersinger auf dem Repertoir [sic] unserer Bühne [eingeklammert: „seit (einem Jahre) langer Zeit“] Raum gegeben wurde u. daß auch in dieser Sitzung der Wunsch nach öfterem Erscheinen unsrer Klassiker auf der Bühne zum Ausdrucke kam. […]
Herr Director Reck bat nach Kenntnisnahme dieser Berichterstattung um seinen Austritt aus dem Orden u. motivirte in einem Briefe an den Ordensvorsitzenden diesen Entschluß.
Dr. Beckh erklärte nun Herrn Director Reck dieses Austrittsgesuch um so weniger annehmen zu können, als dem Orden u. seiner Leitung nichts ferner gelegen ist als dem Theater u. Herrn Director Reck mit d. Berichterstattung zu schaden. Im Gegentheil sei stets für die Nürnberger Theatersache eingetreten worden u. seien namentlich in jüngster Zeit wieder in den Kreisen des Ordens abfällige Urtheile über die Überhandnahme der Varieté-Theater u. Tingel-Tangel’s gefällt u. bedauert worden, daß der Besuch des Stadt-Theaters darunter zu leiden habe.
In seinen diesem Briefe folgenden Erwiederung [sic] legt nun Herr Director Reck die Gründe dar, warum die Meistersingeraufführung in so langer Pause nicht mehr auf unserer Bühne erschien u. warum auch die Klassiker in seltenerem Maß an die Reihe kommen. Die Beilagen von Kassenrapporten geben eine wirkungsvolle Illustration zu den Reck’schen Ausführungen.

Die Kunst geht nach Geld; das ist in Zeiten ohne reichliche Subventionen durch eine nicht immer unterscheidungsbefähigte Kulturbehörde eine Überlebensfrage. Das hätte man schon aus E.T.A. Hoffmanns Ausführungen mit dem sprechenden Hunde Berganza abnehmen können. (Diesen Autor kannte und schätzte man.) Hans Reck ließ sich jedenfalls beschwichtigen, und nachdem er sich Jahr um Jahr Verdienste um die Inszenierung der Irrhainspiele erworben hatte, wurde er am 29. Januar 1909 zum Ehrenmitglied ernannt.

Zu einer weiteren Institution, dem Germanischen Nationalmuseum, hatte der Orden zwar schon gute Beziehungen mit personellen Überschneidungen, war aber dessen Förderverein noch nicht beigetreten. Am 14. Mai 1897 wurde darüber debattiert, und das Ergebnis war, daß man im Jahr 10 Mark Mitgliederbeitrag und 10 Mark entrichten wollte, die aus der Sammelkasse, dem „Hansl“, darlehensweise entnommen werden konnten. Der Obmann des Kontrollgremiums, des Ausschusses, Herr von Kress, hatte dagegen einen milden, nicht mehr wirksamen Einwand: „Es ist nur löblich, wenn der Orden die Zwecke des germanischen Museums und der Stiftung zur Erhaltung Nürnberger Kunstwerke zu fördern bedacht ist. Aber es muß bei solchen Beschlüssen doch stets die Frage aufgeworfen werden, sind auch die Mittel dafür im Voranschlag vorgesehen.“

Wenn sich etwas auf dem Gebiete der Volksbildung tat, wollte der Orden auch nicht beiseitestehen, nur kosten durfte es nicht viel:

8. Wochenversammlung am 25. Februar 1898
[…] Schmidt berichtet über die für Nürnberg in Aussicht genommene Öffentliche Lesehalle, daß die Eröffnung zwischen 15. u. 20. Maerz c. stattfinden soll und daß bereits ein Vermögensstock v. M 4200,- beisammen ist. 240 Zeitschriften sind bereits gesichert. Der Orden beschließt, dem zu begrüßenden Unternehmen unsere Veröffentlichungen, nämlich Altes u. Neues 1. 2. & 3 ferner die Festschrift zum 250jährigen Jubelfeste und von den literarischen Albums 1864-71 je 3 Exemplare für seine Bücherei zu überlaßen. […]

Etwas derartiges gab es bereits in Prag, doch diente es der Selbstbehauptung der deutschsprechenden Minderheit, die desto schriller wurde, je mehr sie sich in die Enge gedrängt fühlte.

Freitag den 5. Mai 1905    16. Wochenversammlung
Die Rede- u. Lesehalle der deutschen Studenten in Prag, die fast keine Veranstaltung vorübergehen läßt, ohne den Orden davon in Kenntnis zu setzen, schickt auch diesmal wieder die Einladung zu ihrer Schillerfeier. Der Orden wird Gegeneinladung ergehen lassen.

Freitag den 9. Juli 1909    21. Wochenversammlung
[…] Beckh legt den 60. Bericht der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag vor und gibt einen kurzen Überblick über den reichen interessanten Inhalt des Berichtes. Die Abschnitte die von den mannhaften Kämpfen der Studenten gegen die Übergriffe des Czechentums handeln erregen besonderes Interesse. […]

Verhältnismäßig rasch entflammten die Herren der Tafelrunde für Verknüpfungen, auch auf der Basis von Beitragszahlungen, wenn auswärtige Gesellschaften dem Blumenorden die Ehre angetan hatten, von ihm Kenntnis zu nehmen.

Freitag den 15. Februar 1907    7. Wochenversammlung
[…] Dr. Oertel verliest die, auf Grund seines Schreibens eingelaufene Antwort der Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg. Der Jahresbeitrag mit dem der freie Bezug der Hausbücherei verbunden ist, beträgt M 25,-. Der Beitritt wird einstimmig beschlossen. […] Der Verband deutscher Schriftsteller in Amerika mit dem Sitz in Newyork sendet seine Satzungen, die ein erfreuliches „Sichrühren“ unserer Landsleute erkennen lassen. […]

Als Terroristen werden sie schon nicht aufgetreten sein, und wer sich in den USA als Ethnie behaupten wollte, mußte sich wohl bemerkbar machen.

Konrad Gustav Steller, ein Feuerkopf, durch seine Position als Geschäftsführer des Bayr. Kanalvereins gut vernetzt, wegen irgendeines Beleidigt-Seins am 2. Juni 1906 ausgetreten, machte kurz nach seiner einstimmigen Wiederaufnahme einen bemerkenswerten Vernetzungsvorschlag:

Freitag den 19. November 1909    32. Wochenversammlung
In dem zweiten Schreiben spricht Steller den Wunsch nach jungem Nachwuchs für den Orden aus, mit dem besonders auch die Freitagsabende belebt werden könnten. Er nennt eine Reihe von Namen […] sollen sowohl zu den Veranstaltungen des Ordens als auch zu den Sitzungen der Freitagstafelrunde eingeladen werden. Des weiteren schlägt Steller vor mit dem Künstlerverein, der Künstlerklause u. der Kunstgenossenschaft ein ständiges, gesellschaftliches Gegenseitigkeitsverhältnis aufzubauen, so daß im Laufe des Jahres gemeinschaftlich in’s Werk gesetzte Unterhaltungs-Abende stattfinden könnten. Auch mit dem einen oder anderen Münchener Verein könnte ein solches Gegenseitigkeitsverhältnis hergestellt werden. […]

Andere Mitglieder, die in der freien Wirtschaft ihr Geld verdienten und den Wert der Kontakte mit Jüngeren oder sozial Tieferstehenden erkannt hatten, hieben in die gleiche Kerbe:

Freitag, den 14. Oktober 1910    30. Wochenversammlung
[…] 2) schlägt Wießner, einem dementsprechenden Gedanken u. Wunsche seines Sohnes Rechnung tragend, die Einrichtung einer dem Pegn.Bl.O. anzugliedernden Jugendabteilung vor. Es wird beschlossen die Sache weiterhin zu überlegen u. dann wieder darauf zurück zu kommen. […]

Freitag den 18. November 1910    34. Wochenversammlung
von Praun meldet als Vorschlag unseres Mitgliedes Commerzienrat Sachs den Bürgermeister von Buch Herrn Georg Sippel als Mitglied an. […]

Freitag, den 23. Dezember 1910    39. Wochenversammlung
[…] Eine Anfrage Schneiders […] wie man sich zu der kürzlich ins Leben gerufenen „Neuen Vereinigung“ […] zu stellen gedenke, in der Schn. bis zu einem gewissen Grad eine Art Konkurrenz-Unternehmen zum Blumenorden zu erblicken scheint, gibt Veranlassung zu einer längeren Diskussion über die Frage, ob es nicht angezeigt sei, durch ähnlich öffentliche Darbietungen das Nürnberger Publikum, insonderheit die „junge Welt“ für unsere Bestrebungen in erhöhtem Maße zu interessieren. Schneider und Steller glauben ein Mittel in einer häufigeren Veranstaltung der zu seltenen öffentlichen Abende zu finden. Schneider befürwortet namentlich einen Versuch, den Anschluß an die Erlanger Universitätsdozenten zu gewinnen. Der Vorsitzende erklärt, sehr dankbar für die gegebenen Anregungen zu sein und ist derselbe bereit diese gewünschten Erlanger Beziehungen anzuknüpfen.

Freitag den 6. Januar 1911    1. Wochenversammlung
[…] Beckh hat ein Verzeichnis derjenigen Erlanger Hochschulprofessoren aufgestellt, die bei Vorträgen im Ordenskreise in Betracht kämen u. schlägt vor, an diese Herren ein Schreiben zu richten, in welchem sie um ihre Mitarbeit für die Ordenssache gebeten werden. Verschiedene der Herren sollen direkt um Vorträge ersucht werden. Schneider nennt als Vortragenden auch Herrn Pfarrer Dr. Rittelmeyer. [Den Anthroposophen und Mitbegründer der „Christengemeinschaft“! …] Ein gedruckter Jahresbericht soll am Ende des Jahres die Mitglieder von dem Ordensleben unterrichten. […]

Selbstverständlich gehörte zu einer intensivierten Öffentlichkeitsarbeit auch die Instrumentalisierung der Presse.

Freitag, den 17. Februar 1911    7. Wochenversammlung
[…] Der vom bisherigen I. Schriftführer [Oskar Beringer] ausgearbeitete erste Monatsbericht (Januar 1911), der eine löbliche Sitte aus früheren Jahren wieder aufleben läßt, liegt in einem Ausschnitt aus der Nordbayerischen Zeitung vor. Die Niederschrift war in Vervielfältigungen, für die Lambrecht freundlichst gesorgt hatte, an alle Nürnberger Tageszeitungen ohne Ausnahme hinausgegangen. Aber nur die Nordbayerische Zeitung und die Fränkische Tagespost brachten den unverkürzten Bericht. Die Stadtzeitung brachte nur die paar Zeilen über den Lesezirkel, also die grausamste Verstümmelung unseres Eingesandt. [sic] Der Fränkische Kurier u. die anderen Blätter schweigen sich vollständig aus. Schmidt möchte dieses nicht erwartete Ergebnis damit erklären, daß dieser Monatsbericht einigermaßen zu weitläufig geraten war und empfiehlt für die Zukunft gedrängtere Übersichten zu liefern. […]

Als anläßlich des erwähnten Vortrages über Rosegger das Honorar zu hoch erschien, erhob sich eine Auseinandersetzung, ob man überhaupt fremde Referenten heranziehen solle und wer darüber zu bestimmen habe. Gleichzeitig war es eine Debatte um die Außenwirkung des Ordens. Eine gewisse Rolle spielte dabei auch die Frage, ob man Eintrittsgelder erheben sollte.

Freitag, den 22. September 1911     27. Wochenversammlung
[…] 3) störe ihn [August Schmidt] das Verlangen von Eintrittsgeld. Das bedeute ein Geschäftemachen und setze die Meinung vom Pegnesischen Bl.O. bei Außenstehenden herunter […] Lambrecht erwidert, daß man bei den Veranstaltungen des Ordens bisher doch eben immer nur dieselben sicheren Leute, niemals weitere Interessenten, habe entdecken können. Ein frischerer Zug täte doch not, wir könnten nicht alles selbst besorgen. […] Kraus erinnert daran, […] Heute gäbe es nur 2 Wege: entweder der Bl.O. bleibe auf seinem konservativen, ausschließenden Standpunkt stehen und wolle nach wie vor mit anderen Leuten nichts zu tun haben, oder aber er nehme Rücksicht auf die billigen Forderungen einer modernen Zeit: Bekenne man sich zu Letzterem, dann müsse man auch auf das Beischaffen von Persönlichkeiten bedacht sein, die wirklich etwas bieten können. Beckh bekennt, daß er sich selbst zu jenen Konservativen des Ordens rechne, daß er aber doch zur Erkenntnis gelangt sei, wie not uns Leute wären, die imstande sind die Draußenstehenden anzuziehen. Die Zeit sei leider vorbei, da die Vorträge sämtlich von Mitgliedern gehalten werden konnten. Die wenigsten Leute verfügten mehr über die zur Ausarbeitung größerer Vorträge erforderliche Mußezeit. […] Nicht jedem passe es immer wieder eingeladen und eingeführt zu sein. Manchem möge es lieber sein durch Zahlung des kleinen Betrags Eintritt zu erhalten. […]

Freitag den 24. November 1911    36. Wochenversammlung
[…] Steller […] stellt die Frage, ob es überhaupt Sache der Vorstandschaft u. des Ausschusses sei, ein endgültiges Programm für die öffentlichen Abende aufzustellen — ob diese Festsetzung nicht der Freitagstafelrunde zukomme. Von verschiedenen Seiten wird dieses Recht der Tafelrunde verneint u. besonders auch auf das finanzielle Risiko, daß [sic] doch auch die Ordensleitung bei allen Veranstaltungen zu tragen hat, hingewiesen. […]
Möge es dem Protokollführer [Oskar Beringer] in Gnaden erlassen werden einen genauen stenographischen Bericht davon in das Protokollbuch einzutragen, trotzdem keine Frage der letzten Zeit, außer der Maroccoaffaire solchen Staub aufgewirbelt hat, wie die hier erörterte. […] Die nunmehr durch Wießner verlesene Einladung des Kraftshofer Adlerwirtes Hofpeter, der den Blumenorden zu seiner am nächsten Sonntag stattfindenden Fisch- u. Ganspartie ergebenst einladet, wirkt beruhigend auf die Tafelrunde wie „Oel auf den wogenden Fluten“. […]

Freitag den 1. Dezember 1911    37. Wochenversammlung
[…] Lambrecht berichtet über das von der neuen Vereinigung  veranstaltete Konzert […] Erkundigungen ergaben, daß es der Vereinigung in allererster Linie um Gewinnung von möglichst viel Mitgliedern — die einen Jahresbeitrag von M 8.- leisten — zu tun ist. Rund 100 Mitglieder sind bereits da, immer neue Mitglieder suche man herbeizuschaffen. Die mehr und mehr durch Steigerung der Einkünfte aus diesen Beiträgen sich bessernden Finanzen ermöglichen es, beliebig Leute zu besonderen Veranstaltungen kommen zu lassen und diese Abende völlig umsonst zu bieten. Der Orden, auf dem besondere Lasten wegen des Irrhains lasten, könne sich derartige Anstrengungen freilich nicht leisten und müsse es aufgeben hier zu konkurrieren. […]

Freitag 26. Januar 1912    4. Wochenversammlung
Aus einer Zuschrift der Neuen Vereinigung für Kunst u. Heimatschutz ist zu ersehen, daß es von Seite der Vereinsleitung sehr freudig begrüßt wird, wenn der Blumenorden u. die „Neue Vereinigung“ in gegebenen Fällen gegenseitige Fühlung miteinander nehmen. Unser Mitglied Schneider hat die Anregung dazu gegeben. […]

Freitag den 22. Nov. 1912.    34. Wochenversammlung
[…] Reicke entledigt sich eines von Dr. Uhlemeyer, im Auftrag eines neu zu gründenden Vereins, an ihn gestellten Ersuchens, dem Orden die anzustrebenden Ziele […] zu unterbreiten […] Der neue Verein will den Zweck verfolgen dem etwas dickflüßigen litterarischen Leben Nürnbergs frisches Blut zuzuführen, u, erhofft das durch öffentliche Matinées […] Eine Rücksprache mit Theaterdirektor Balder ergab, daß dazu mindestens ein Stamm von 200 Mitgliedern mit einem Jahresbeitrag von M. 10.00 nötig wäre. Bei Abführung dieser M. 2000.00 an seine Kasse verpflichte er sich vor der Hand jährlich 4 Gratisvorstellungen für die Mitglieder zu geben […] In der sich daran anschließenden Debatte, an welcher sich die Herren Beckh, Dr. Behringer, Reicke, Schmidt, Schneider, Lambrecht & Wießner […] beteiligten, wurde der Gedanke selbst als gut u. wünschenswert anerkannt. […] die Aufbringung von M. 2000.00 lediglich für Aufführungen, also ohne die sonst noch nötigen Vereinsausgaben […] begegnete berechtigten Bedenken. […] wem die Auswahl der, zur Aufführung zu bestimmenden Werke zustehen soll; ob Hofrat Balder allein, oder mit welchem Stimmenverhältniß zu den Mitgliedern, oder dem Verein allein. Es ist dieses, nach der Geldfrage, wohl der wichtigste Punkt.

Vier Abgesandte des Ordens sollten der nächsten Versammlung des Gründungskommittees beiwohnen. Es war allen klar, daß ein neues Geschäftsmodell sich ankündigte, gegen welches die Abspaltung des „Literarischen Vereins“ im 19. Jahrhundert harmlos erschien. Nun konnte der Blumenorden aus finanziellen Gründen, zu denen gewiß der Irrhain gehörte, aber nicht nur, leicht ins Hintertreffen geraten. Es gab eben jetzt einen kapitalistisch funktionierenden Markt der Kulturvermittlung.

Freitag den 29. Nov. 1912.    35. Wochenversammlung
[…Es wurde bekanntgegeben] daß sich der neue Verein bereits am 19ten Nov., also 3 Tage früher als dem Orden […] Mitteilung darüber geworden sei, […] konstituiert habe. […] Die einzige Möglichkeit um event. ein Stimmrecht in dem neuen Verein zu erhalten, sei die, daß der Orden sich mit einem Jahresbeitrag von M. 50.00, oder mehr […] beitrete […] Diese post festum Erklärung, aus der hervorgeht, daß es dem neuen Verein überhaupt nicht darum zu tun war, den Orden bei der Gründung beteiligt zu sehen, schlöße ja eigentlich […] jedes weitere Eingehen in die Sache von selbst aus […] Als erste Leistung des neuen litterarischen Vereins ist für den kommenden Februar eine Matinée vorgesehen, in welcher 2 Einakter von Maurice Maeterlink zur Vorstellung gelangen sollen. [… Es wird freigestellt] daß diejenigen, welche Interesse für die Sache haben, einfach dem neuen Verein als Mitglieder mit beitreten sollen [… Das war das Vorgehen im 19. Jahrhundert gewesen. Nun aber verquickte sich das ganze auch noch mit der Frauenemanzipation:] Die Damen, namentlich Frau v. Scheuerl [sic; statt „Scheurl“] & Frau & Fräulein Schmidt traten warm für das neue Unternehmen ein u. befürworteten eine Beteiligung, die es auch ihnen möglich mache, im Rahmen ihrer Ordensmitgliedschaft, den Leistungen des Unternehmens persönlich beiwohnen zu können. […]

Wenn man sich vor Augen hält, daß es dem Orden zu dieser Zeit finanziell besser ging als lange Zeit davor oder danach, hätte man lieber gesehen, daß er sich, unter Hintanstellung etlicher kostenzehrender Routine, unternehmerisch wagemutiger gezeigt und sich dadurch an die Entwicklung der Kulturszene enger angeschlossen hätte. Andererseits: Hätte er auf diesem Weg die Turbulenzen der kommenden Jahrzehnte auch überstanden? Seine eigenständige Verfassung stand auf dem Spiel. Überzeugt davon, ohnehin nicht mithalten zu können und wegen der Kommerzialisierung des Geschmacks auch nicht zu wollen, besann man sich auf Versuche, die den gebahnten Wegen folgten und bisherige Verknüpfungen aufleben ließen.

Freitag den 3. Oktober 1913        29. Wochenversammlung
[…] Daran schloß sich eine von Beckh eröffnete, wiederholte Besprechung, wie dem schlechten Besuch des Ordens aufzuhelfen sei, an. Als geeignetes Mittel dazu beizutragen wird die neuerliche, periodische Veröffentlichung der Ordenstätigkeit im Fränk. Kurier empfohlen. Dr. Behringer machte die erfreuliche Mitteilung, daß sich, bei einer gelegentlichen Rücksprache mit dem Chefredakteur desselben, dieser gerne bereit erklärt habe dem Orden für diese Veröffentlichungen den benötigten Raum unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. […]

30. Wochenversammlung am 10. Oktober 1913
[…] Jedes Mitglied stelle ein Verzeichnis seiner unter Umständen zur Aufnahme in den Orden in Betracht kommenden Bekannten auf. Aus diesen Verzeichnissen schaffe man eine einheitliche Adressenliste. Die darauf Verzeichneten seien einzuladen. Eine geeignete Fassung der Einladung sei vorzuschlagen. […]

Freitag den 14. November 1913.    35. Wochenversammlung
[…] Wießner bespricht die Liste der für den öffentlichen Abend einzuladenden Personen, wie er sie sich aus den, von den Mitgliedern eingelaufenen Vorschlägen zusammengestellt hat. Es handelt sich um rund 140 Einladungen.
 
Lambrecht war das Porto für die Einladungsschreiben zu hoch. Und dazu wurde man plötzlich steuerpflichtig, ohne Eintrittsgelder erhoben zu haben.

[…] Beckh gab bekannt, daß für den letzten Vortragsabend zum erstenmal nachträglich eine Lustbarkeitssteuer in Höhe M. 1.00 erhoben worden sei, jedenfalls infolge Anzeige eines Polizeiorgans, welches die Veranstaltung kontrolliert habe.

Irgendwie hatte man die „schlafenden Hunde“ geweckt; dabei hatte man alles auf den Bekanntenkreis beschränken und schön privat sein wollen. So ging es nicht mehr weiter.