Zaghafter Aufbruch in eine gärende Öffentlichkeit

Auf einmal schien alles möglich, sogar das, wovor man sich vornehm zurückgehalten hatte. Sollte aber der Blumenorden ein Kind der Zeit werden, statt ihr milde lächelnder Urgroßvater zu bleiben?

Samstag den 25. Jan. 1919.         Hans-Sachs-Abend
[Aus der Fränkischen Tagespost (sehr expressionistisch!):]
[…] Draußen hämmernde, gärende, fordernde Gegenwart. Altes großes Sehnen reckt tausendarmig Herz und Seele empor, ringt nach Erfüllung. Tat schreit auf. Die Pegnitzschäfer reiben sich den Dornröschenschlaf aus den Augen und öffnen behutsam das efeuübersponnene Pförtchen des wohlsoignierten „Irrhains“. „Mit Nutzen erfreulich“ lautete wohl einstens ihre blumige Devise. „Teilweise genügend“ könnte man, um im magistralen Bild des Abends zu bleiben, die Veranstaltung „zensieren“. Ein Prolog, tönende Jamben, ein nasses Auge über die würdelose, die schreckliche Zeit, ein verklärtes über die Errettung aus ihr durch teutschen Geist. Die Manen Hans Sachsens hatte man dafür zu Gast geladen. Herr Dr. Behringer sprach, altdeutsch, kernig und bieder. Nichts von der großen Geste jenes Deutschlands der Reformation das sich anschickte, mit der Revolution des Geistes drückende Fesseln zu zersprengen, nichts vom Geist Ulrich von Huttens, dessen „Ich hab’s gewagt“ die Morgenröte einer neuen Zeit begrüßen wollte. […]
[Aus dem Fränkischen Kurier:]
[…] Die als Verbindungsglied gedachte Würdigung Hans Sachsens durch Dr. Behringer, mit schwungvollem poetischem Hinweis eingeleitet, mochte manchen die Beziehungen zur Gegenwart vermissen lassen: über den Wert des anspruchslosen Vortrages wollen wir hier nicht mäkeln. […] Der Blumenorden wird jedenfalls zielbewußt seinen Weg verfolgen, anspruchslose Hörer am echten Born guter deutscher — alter und neuer  — Literatur zu erquicken und zu stärken in den Nöten der Zeit. […]

Freitag den 29. Jan. 1919        1. Familienabend
[Aus dem Fränkischen Kurier:]
[…] In den 9 Bildern seines [Hanns Johsts] „Einsamen“, die auch Nürnberg demnächst sehen soll, gibt der Dichter, an Christian Dietrich Grabbes Gestalt, die Entwicklungstragödie eines Schaffenden — vom Zenith bis zum Verderben. Das Werk […] erfuhr durch Georg Gustav Wießner eine treffliche Wiedergabe; denn er las mit Wärme der Empfindung, steuerte geschmackvoll an aller, naheliegenden, Uebertreibung vorbei und lieh dem Reichtum fruchtbarer, oft in blühende Bilder gekleideter Gedanken glücklichen, fein differenzierten Ausdruck. […]

Das war das Bindeglied zwischen Expressionismus und Naziliteratur. Brecht entwarf seinen „Baal“ als Gegenentwurf zu diesem „Einsamen“. Über Brecht erfährt man aus den Akten des Blumenordens kein Sterbenswörtchen.

Freitag, 28. Februar 1919        8. Wochenversammlung
[…] es wird sodann der Bericht der „Fränk. Tagespost“ über den Hans Sachs-Abend verlesen und die Kritik kritisiert. Die Meinungsäußerungen gehen dahin, daß die Kritik zwar etwas scharf, aber doch nicht ganz ohne Wahrheit bezüglich des Dornröschenschlafes ist. […]

2. Familienabend am Sonntag, den 2. März 1919.
[…] Anwesend: ca. 40 Damen u. Herren
[…] Vortrag über Theodor Fontane […] dessen 100. Geburtstag am 30. Dez. ist. Herr Konrad Gustav Steller gibt ein lebendiges Bild über Fontane als Märker, Preuße und Deutscher. […] Fontane war wahrheitsliebend und aufrichtig — ein echter Deutscher, aber kein Hurrapatriot. […]

Bemerkenswert, daß Steller, den man schon als einen der Fortschrittlicheren im Blumenorden kennt, sich hier von einer Art von Patriotismus distanziert, die unzweifelhaft von Beckh, Dr. Behringer, aber auch ihm selbst zu Zeiten vertreten worden war.

Freitag, 7. März 1919        8. [9.] Wochenversammlung
[…] Dr. Heerwagen nimmt Gelegenheit zu erklären, daß die Bücherei das wichtigste Attribut des Ordens ist. Man wird später wohl den Orden nach seiner Bücherei einschätzen. [Hier irrt er! Es ist das Archiv …] Wir sollten auch weniger Vorurteile haben und etwas großzügiger sein und auch die „wilden Tiere“ in der Literatur anschaffen. […]

Samstag, den 15. März 1919        2. öffentlicher Abend
[Fränk. Kurier:]
[…] Am Samstag sprach Prof. Dr. Artur Kutscher-München als Gast des Pegnesischen Blumenordens im Hörsal [sic] des Bayer. Gewerbemuseums über das Thema „Das deutsche Drama der letzten 40 Jahre“.
Es erscheint uns außerordentlich begrüßenswert, daß der Pegnesische Blumenorden, eingedenk seiner großen Tradition, neuerdings eine regere Tätigkeit zu entfalten beginnt und dabei vor alle auch sein Interesse für die zeitgenössische Literatur darzutun sich bemüht. […] Natürlich muß, wer sich in das frisch-fröhliche Kampfgetümmel wirft, Puff und Stoß vertragen können und darf sich über Kritik und Opposition nicht wundern. […]
Um es nun gleich herauszusagen: Heute liegen die Dinge so, daß scharf geschossen werden muß! Die Sache will es.
[…] wenn Kutscher sich zu der mehr gewagt als geistreich paradoxen Behauptung verstieg, daß im Drama das literarische Moment von untergeordneter Bedeutung sei, das Wort nur die Rolle der Partitur spiele. […] Den ungleich diffizileren Problemen des Expressionismus gegenüber versagte er hingegen insofern entschieden, als er nun plötzlich ganz Partei werdend in ziemlich summarischer Weise lediglich die Nachteile dieser Kunstrichtung brandmarkte […] Der Expressionismus hat sehr wohl Werke hervorgebracht, die dem tiefer Urteilenden schon heute Respekt einzuflößen imstande sind. Ich erinnere nur an Kaisers „Gas“. […] Die Abkehr von der in Aeußerlichkeiten barbarischen Raffinements entarteten alten Kunst zum Urquell reinen Kunstausdrucks kann indessen an sich zweifellos nur von heilsamer Wirkung sein. […] Die Form aber, in der er [Kutscher] gegen Schluß in antisemitische Animosität verfiel, mußte gerade durch ihr sich ängstlich hinter einfache Konstatierungen verbergendes beredtes Schweigen direkt peinlich wirken. Wer soviel sagt, muß mehr sagen! […]
[Nürnberger Zeitung:]
[…] Expressionismus. Hier waren seine Ausführungen freilich nicht mehr Vortrag, sondern schärfste Abrechnung. Und es tat wohl, einmal solch kräftige Worte zu hören, bei denen nur der Ausflug ins rassentheoretische Gebiet ebenso überflüssig, wie falsch und taktlos war. […]

Freitag den 21. März 1919        10. Wochenversammlung
[…] Ohne inneren Zusammenhang mit diesen Ausführungen flocht der Vortragende [Kutscher] hier die Bemerkung ein, daß die Vertreter des Expressionismus zu 80 % aus Juden bestünden.
Gegen diese Bemerkung wandte sich Dr. Willy Mayer in einem an Prof. Dr. Kutscher gerichteten, der Tafelrunde zur Kenntniß gebrachten, längeren Schreiben. Der wesentliche Inhalt desselben ging auf eine energische Abwehr seiner, von dem Schreiber u. dessen Mandanten als Beleidigung empfundenen Äußerung hinaus. Die daran geknüpften mündlichen Ausführungen den Pegn. Bl. Orden, als Veranstalter des Abends, für den Ausspruch Kutschers verantwortlich zu machen, entsprangen wohl mehr dem Triebe diesen für seine Auseinandersetzungen mit Kutscher zu gewinnen, als einem logisch begründbaren Rechtssatz.
Dr. Ackermann stimmte mit dem Vorredner insofern überein, als er die Äußerung Kutschers in der gefallenen Form weder zum besseren Verständniß des Expressionismus als notwendig, noch in der Weise wie sie gefallen für angebracht hielt, stellte dann jedoch entgegen, daß […keine] Absicht zu einer Beleidigung vorliege. Nur Überempfindlichkeit könne sich eine solche daraus konstruieren. […]
Faßt man die Urteile der Tafelrunde zusammen, so stimmen sie darin überein, daß die Äußerung Kutschers zwar überflüssig war; als Konstatierung einer Tatsache jedoch […] keineswegs eine Beleidigung involviere. […]

Freitag den 4. April 1919.        11. Wochenversammlung
[…] Wießner gab die ihm vom Briefschreiber übersandte Originalabschrift des Briefes Prof. Kutschers an Willy Meyer […] bekannt […] daß er mit seiner Bemerkung nur eine, zum Vortrag gehörende Tatsache festgestellt, die weder im Zusammenhang noch an sich eine Spitze gegen das Judentum enthalte. […]

Kaum will der Blumenorden wieder einmal in die Öffentlichkeit wirken, handelt er sich wegen eines Krypto-Antisemiten Ärger ein. Ein sich betroffen fühlender, wahrscheinlich jüdischstämmiger Ordensbruder gibt Alarm, wird aber der Überempfindlichkeit geziehen. Der Verursacher versteckt sich hinter der angeblich reinen Faktizität seiner Aussage. Immerhin muß er zu dieser Zeit noch einen Rückzieher machen. Das hat auch die Presse bewirkt. Aber den Blumenorden haben damit diese Spielchen zum ersten Mal nahe berührt.

Freitag den 11. April 1919.    Gesamtvorstandschafts- und Ausschußsitzung.
[…Wießner schlägt vor:] 3 Serien von je 6 Vorträgen einer auswärtigen, geeigneten Kraft über je eine Dichtform: (Lyrik, Drama, Roman) aus den letzten 3-4 Dezennien. — 4 Vorträge von bekannten Schriftstellern aus, oder über ihre Werke. — 8 Familienabende.
[…] Die Deckung der Kosten denkt sich Wießner am besten durch Ausgabe von Serienkarten zu erreichen u.z. für Mitglieder etwa zu M. 3.- Nichtmitglieder M. 6.- pro Serie. Sollte das Unternehmen größere Ueberschüße abwerfen, so ließe sich vielleicht der Gedanke einer „Süddeutschen Dichtergedächtnißstiftung“ ins Auge fassen. Zur Flüßigmachung der Erstmittel sei es allerdings nötig die Mitglieder des Ordens zur Aufbringung eines Fonds von M. 2000-3000 zu gewinnen, in Darlehen von M. 50- aufwärts, welche, seiner Ansicht nach, nach Beendigung der Vorträge wieder zurückbezahlt werden könnten.
Lambrecht lehnt als Schatzmeister, unter Hinweis auf frühere Erfahrungen, laut deren er sich die Defizite meist aus eigener Tasche auszugleichen genötigt sah, jede  Art von Finanzierung der Vorträge auf sein Risiko ab […]
v. Bezold ist der Meinung, die Sache einmal zu probieren, vielleicht einstweilen mit einer einzigen Serie. Ein Heranziehen auswärtiger Kräfte hält er vorerst nicht für nötig […]
v. Harsdorf wendet sich gegen die Anzahl der geplanten Vorträge […] Reicke ist […] der gleichen Ansicht. […]
Wießner beharrt auf seinen Vorschlägen und erklärt zur Finanzierung derselben M. 500- leihweise zur Verfügung stellen zu wollen.
[…] hält es Steller für zweckmäßig, erst einmal die Frage zu klären, ob wir unter uns bleiben oder in die Oeffentlichkeit gehen wollen? Er selbst ist für möglichste Oeffentlichkeit schon aus dem Grunde, um dem Literarischen Bund nicht einseitig die Belebung des Publikums und namentlich der Jugend für, und die Einführung in die Literatur zu überlaßen. Bei dem heutigen Stande der Literatur, in welchem sich Können und guter Wille vielfach mit Rohheit, Verflachung und der Sucht nach dem Sensationellen paart und sogenannte neue Strömungen die Geister vielfach in Verwirrung setzen, sei es notwendig, den Geschmack des Publikums wieder in die richtigen Bahnen zu leiten; dazu würden sich, seiner Ansicht nach, Serienvorträge am besten eignen […] Die Handelshochschule habe zwar bis jetzt auch dieses Gebiet gepflegt, werde sich aber in Zukunft mehr den, ihrem eigentlichen Gebiet zugehörigen Spezialwissenschaften zuwenden. Der Orden habe somit die beste Gelegenheit, ohne der Handelshochschule Conkurrenz zu machen, da einzusetzen, wo dieselbe aufgehört und sich zu dieser Tätigkeit mit deren bisherigen einheimischen Kräften, Prof. Caselmann, Hensel, Uhlemeyer p.p. ins Benehmen zu setzen, resp. sich deren Mitarbeit zu sichern. […]
Dr. Behringer […] Die soziale Jugend wie der Arbeiter erwarte vom Bürgertum, daß es sie an seinen geistigen Errungenschaften teilnehmen laße […]
Ackermann […] Ein Hinausgehen in die Oeffentlichkeit […] halte auch er für erwünscht und nötig; es dürfe aber dadurch die interne Tätigkeit des Ordens auf keinen Fall ausgeschaltet werden […]
Wießner bleibt bei seinen Vorschlägen.
[Es geht noch eine Weile hin und her; dann formiert sich ein Ausschuß, der der Sache weiter nachgeht.]
[…] Aus den Oberklassen der Mittelschulen seien 1-2 Schüler herauszusuchen und diese zu veranlaßen aus gleichstrebenden Mitschülern eine Vereinigung zur Pflege der Literatur zu bilden. Diesen Vereinigungen solle sich alsdann der Orden unterstützend zur Seite stellen […]

Freitag den 2. Mai 1919. II. Fortsetzung der Ausschußsitzung vom 11/4.
[Die Schüler solle man möglichst privat ansprechen, damit nicht der Eindruck eines Druckes entstehe, und ihren Klubs völlige Selbstbestimmung zugestehen.]
 
Und am 16. Mai 1919 begann also der Vorstoß des jungen Wießner wegen einer Jugendgruppe des Blumenordens, aus der, wie bekannt, nichts wurde.

Freitag den 9. Mai 1919        15. Wochenversammlung
[…] Ferner las Wießner eine Parodie von Erich Wehsam [Mühsam] auf die Sozialisierungspläne der Räterepublik und ein Gedicht von Max Eyth „Der Monteur“ vor. […]

Freitag den 19. Sept. 1919        24. Wochenversammlung
[…] Weiter sind in Aussicht genommen ein Vortrag über Gottfried Keller, für welchen der Schriftsteller Herm. Hesse, oder ein Zürcher Profeßor, welch beide als die besten Kellerkenner gelten, gewonnen werden soll. Der Vorsitzende wird sofort mit den Herrn in Verbindung treten um, falls die Honorarforderung sich nicht zu hoch stellen sollte, diesen Vortrag möglichst bald zur Durchführung zu bringen. […]

Freitag den 7. Nov. 1919        30 Wochenversammlung
[…] Anwesend: […] Frl. Kellermann, 2 Frl. Leffler […] Wießner […insgesamt 15 Personen]
[…] Der Vorsitzende [Ackermann] erteilte alsdann Frl. Leffler das Wort zur Besprechung von Hadenas: „Suchender Liebe“ & Hallströms: „Rote Rose“.
Steller meldete für den nächsten Freitag einen Bericht über Karl Brögers: „Der Held im Schatten“ an. […]

Freitag den 14 November 1919    31. Wochenversammlung
[…] Den Gesamteindruck des Romans faßte Steller in dem Urteil zusammen, daß der Verfasser an großer Selbstüberhebung leide und das auch in dem Roman oft in sehr grasser [sic] Weise zur Geltung bringe, eine Art, die ebenso wie seine intime Familien- und Selbstschilderung den Leser nur abstoße. […]

Hierin könnte der Grund liegen, warum der lange geradezu hofierte Bröger doch nicht Mitglied im Blumenorden wurde.

Donnerstag den 20. Nov. 1919.
Vorstand- und Ausschußsitzung im Krokodil. Beginn 6 Uhr.
[…] Lambrecht erklärte, daß es bei der Finanzlage des Ordens unmöglich sei, den für den 29. Nov. geplanten Vortrag des Schriftstellers Hans Heinz Ehrler durchzuführen. Der Vortrag des Univ. Profs. Dr. Geißler habe dem Orden ein Deficit von M. 230.- gebracht. […]
Ackermann replizierte darauf, daß die gegenwärtige Zeit, wie in den Sitzungen wiederholt betont wurde, von dem Orden besondere Leistungen verlange, Defizite heute fast in allen Vereinen an der Tagesordnung seien und für solche Fälle doch verschiedene Stiftungen vorlägen […]
Wießner ist, trotzdem er früher für eine Serie von circa 20 Vorträgen plädiert habe, unter den heutigen, mißlichen Umständen gegen den Vortrag. Desgleichen Reicke. […]
Es wurde darauf einstimmig beschloßen, den Vortrag auf März oder April 1920 zu verschieben.

Fränk. Kurier. Dr. Ackermann.
Die deutsche Ballade seit Liliencron
-R- Am letzten Samstag den 8. ds. Mts. sprach im Hörsaale der Landesgewerbeanstalt der Erlanger Prof. Dr. E. Güßler [Geißler] vor einem nicht allzu zahlreichen, aber desto dankbareren Auditorium […] Wohl selten sahen wir das Publikum derart hingerissen und trotz der Kälte des Saales innerlich erwärmt […] Ausgehend von Fontane, dem Vater der neuen realistischen und Liliencron, dem Schöpfer der naturalistischen Ballade, verfolgte er deren Auftreten und Eigenart bis zum Expressionismus herab. Der Schluß gipfelte in einer scharf umrissenen, aber gerechten Charakteristik dieser neuesten Richtung, ihrer gefährlichen Neigung zum Internationalismus an Stelle eines gesunden Kosmopolitismus […]
Diese letzte Unterscheidung bekäme man gerne etwas genauer erklärt. Wenn man Verehrung des Weltbürgers Goethe voraussetzen darf, erscheint der ungesunde Internationalismus als einebnende Gleichmacherei anstelle des gegenseitigen Respekts vor den Leistungen der jeweils fremden Völker. Hundert Jahre später grenzen wir die wirtschaftlich motivierte Globalisierung von der Aufgeschlossenheit für andere Kulturen ab — nicht ganz dasselbe.

Freitag den 12. Dez. 1919.        34. Wochenversammlung
[…] gab der Vortragende [Hugo von Bechtolsheim] den Versammelten ein geschickt durchgeführtes Stimmungsbild der Vorgänge und Empfindungen, welche der Krieg und seine Folgen in ihm auslösten. […] schilderte er das sich näher und näher schleichende Verhängniß, bis zur Katastrophe des Zusammenbruchs. Ein kurz danach entstandenes Gedicht: „Götterdämmerung“, zeigt, daß der Verfasser trotz alledem den Glauben an eine neue Zukunft hochhielt. […]

Freitag den 19. Dez. 1919.        Familienabend
[…Es hat] Dr. Emil Reicke das Thema erwählt: „Franz Werfel, der vornehmste Lyriker des Expressionismus“.
Lissauer [ein weiterer expressionistischer, übrigens jüdischstämmiger Lyriker und Rezensent Werfels …] glaubt seiner [Werfels] Gabe, Eindrücke rein intuitiv in poetische Formen zu kleiden eine heilsame Gegenwirkung gegen die Plattheit und Verflachung wie die gesuchte Manieriertheit und Unklarheit der gegenwärtigen, neueren Dichtweise zusprechen zu dürfen. […]
Daß diese […] Richtung der Dichtkunst durch ihre, an sich löbliche, Absicht, das z.Z. Alltägliche […] durch mehr poetische Verklärung zu heben […] wenigstens einen Teil zu dieser Hebung beitragen wird, ist immerhin möglich. […]
Franz Werfel […kommt] in der ersten, von ihm 1909 veröffentlichten Sammlung von Gedichten [… bei] Außerachtlaßung jeden Reimes […] nicht über hergebrachte Durchschnittsware hinaus.
Die II Sammlung […] 1913 […] zeigt schon mehr expressionistische Anklänge […]
Die III Sammlung erschien erst nach dem Kriege. Eigentliche Kriegslieder in irgendwelcher Form enthält dieselbe nicht […] zeigen aber in der Sprache einen nicht unwesentlichen Fortschritt. […]
[…] Urteil Lissauers […] „Viel Mißratenes, aber kein Gedicht ohne irgend welche Anregung.“ […]

Lissauer selber zu Wort kommen zu lassen, hätte sich der Orden finanziell nicht leisten können. Einstweilen versuchte man aus eigenen Kräften für Außenstehende interessant zu sein.