Zehnter Abschnitt: Rückzug vom Literaturgeschehen


Zu den Entwicklungen, die an den Vereinsangelegenheiten und an den Vorgängen um den Irrhain zwischen 1914 und 1933 zu beobachten waren, liefert der folgende Abschnitt die Innenseite, das mentalitätsgeschichtliche und poetologische Unterfutter. Die zeitgemäßen Impulse kamen von außerhalb — solange „zeitgemäß“ einigermaßen mit „modern“ gleichlief —, wurden aber nicht integriert. Später wurden sie weitgehend ignoriert, dann in Einzelfällen verpönt. Andererseits: Man macht es sich heute zu leicht, wenn man aus der Literaturgeschichte, die sich wahrzunehmen lohnt, die biederen Erzeugnisse jener Jahre ausblendet, wie sie etwa auch von Autoren aus der Mitgliederzahl des Blumenordens verfaßt wurden. Das Blut-und-Boden-Geschwurbel, das auch verzapft wurde, kann man getrost beiseite lassen, es sei denn, als abschreckendes Beispiel. Doch gab es in all der fehlgeleiteten Produktion auch gut gemachte Texte, wenn auch nach den Maßstäben von 1880 gut, und in diesen wiederum Zeugnisse einer liebevollen Betrachtung menschlicher Regungen und Handlungen, geschichtsverliebte Heimatkunde, ja in einigen Fällen geradezu den humanen Kontrapunkt zu dem gewaltdurstigen Schrumpfgermanentum der politischen Rechten und ihres Überkochens. Wie beim Kontrapunkt in der Musik bedingte freilich das eine das andere. Und wie in der Architektur von Privathäusern, die man an Villensiedlungen der Zwanziger, Dreißiger Jahre noch heute beobachten kann, eine zurückhaltende, geradezu zierliche Eleganz bei Fenstern und Fassadendetails auftritt, die sich von der brutalisierten Antike der Großkotzbauten abhebt, so bietet sich in den mehr oder weniger poetischen Texten zunehmend ein Rückzug in das an, was man später zu dem Entschuldigungsterminus „Innere Emigration“ hochstilisiert hat, obwohl es nur ein müdes „Laß, oh Welt, oh laß mich sein“ wie bei Mörike war. Die dazugehörige Literaturtheorie, falls man von „Theorie“ überhaupt reden kann, ging einen ähnlichen Weg: von freier Auseinandersetzung mit Neuem zur Einengung auf das politisch zu Gebrauchende — und dessen Ausblendung.


Kriegspoesie und Streit an der Heimatfront


Zaghafter Aufbruch in eine gärende Öffentlichkeit

Die Standpunkte sortieren sich

Das Völkische überwiegt