Kriegsjahre, zum zweitenmal

Abzusehen war der Krieg wohl, aber den Verlauf hatte man sich anders vorgestellt. Das nimmt wunder, denn schon im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg hatte zum Beispiel Rudolf  Steiner irgendwo eine ganz einfache Rechnung aufgemacht, die bestimmt auch andere anzuwenden gewußt hatten: Man muß sich nur die jährlich zur Verfügung stehenden Energiemengen der Beteiligten, meinetwegen in Britischen Kohle-Einheiten, ansehen, um zu wissen, wer gewinnen wird. Für Kriege, die in der Fläche geführt werden, stimmt das jedenfalls. Ziemlich bald setzte Realitätsverweigerung ein, dann ängstlich verschwiegene Verzweiflung. Gerade die Zivilisten, die im vorigen Krieg noch tief im eigenen Land wenigstens ihres Lebens und ihrer festsitzenden Habe sicher waren und ihren Patriotismus auf Kosten der armen Frontschweine hochhalten konnten, bekamen jetzt in ganz direkter Weise zu spüren, worauf sich das Land eingelassen hatte. Gerade der Präses erlitt wohl den größten Verlust, und nach dem Ende des alten Europa 1918 schien 1944 das Ende der herkömmlichen Kultur überhaupt gekommen.

Jahresbericht des Pegnesischen Blumenordens 1939. […]
Wir schauen wieder dankbar zurück auf ein Jahr schöner Zusammenarbeit und reichen Genießens, in dem wir es, wie schon so oft, erleben durften, daß die Kunst hinaushebt über Raum und Zeit und den Alltag des Lebens. Dies dürfen wir sowohl von den ersten Monaten sagen, da unser Vaterland noch im Frieden lag, als auch von der Zeit, in der schon dunkle Wolken des Krieges sich über ihn zusammenballten und endlich von den letzten Monaten, in denen rings um unser Deutschland her der Krieg tobte und unsere Grenzen von unseren tapferen Soldaten treu beschützt wurden.
Daß wir solchen Rückblick halten können, ist vor allem das Verdienst des verehrten Ordensleiters, des Universitätsprofessors Herrn Dr. Eberhard Freiherrn von Scheurl und seiner verehrten Frau Gemahlin […]
Im 1. Halbjahr versammelten wir uns wie bisher, durchschnittlich zweimal monatlich, im Hause der Gesellschaft Colleg, in dem der Pegnesische Blumenorden etwas mehr als 10 Jahre getagt hat. Das Scheiden aus den so lange vertrauten Räumen fiel nicht ganz leicht, als es durch den Beginn des Krieges im Herbst bedingt war, da das Colleg von der Stadt beschlagnahmt und zum Lazarett bestimmt und eingerichtet wurde. Der Ordensvorstand entschloß sich, die Versammlungen nun vorläufig in die Gaststätte „Zum Krokodil“, Weintraubengasse, zu verlegen, […] wo der Orden seine Versammlungen schon viele Jahre abgehalten hatte (etwa von 1910 – 1922). Die Kriegszeit hatte es ratsam erscheinen lassen, nur monatlich einmal zusammenzukommen, und zwar möglichst zur Zeit des Vollmonds, in der die durch den Krieg notwendige Verdunkelung der Straßen weniger empfindlich ist, ja in der man sogar auf dem nächtlichen Heimweg die Schönheit der alten Stadt ganz besonders genießen kann. […]
1. Frau Wanda von Baeyer-Katte über Annette von Droste-Hülshoff
2. Der Nürnberger Mundartdichter Johann Greulein erzählt aus seinem Handwerkerleben und streut eigene Gedichte ein — Georg Türk liest eine neue Erzählung: „Die Bank“
3. Oberlehrer Hans Hubel spricht über Adalbert Stifter, zur Erinnerung des Eintritts seiner Heimat in das deutsche Reich. […]
6. Hildegard Reinke liest aus eigenen Werken
7. Oskar Franz Schardt: Aus eigenen Werken
8. Paula Schneider-Höllfritsch trägt Werke von Annette von Droste-Hülshoff vor.
9. Georg Türk spricht über Ina Seidels neuestes Werk: Lennacker
10. Professor Wilhelm Schmidt über: Martin Greif (geb. 1839)




11. Der Adventsabend fand am 19. Dez. in dem weihnachtlich im Schmucke von Tannen u. Lichtern strahlenden Saale des Krokodil statt […] Freiherr von Scheurl, Bernhard [Leonhard?] Ringler, General von Fürer, Oberstudienrat Kaspar, Betti Schneider-Stöcker, Maria Schneider, Hildegard Reinke und Pfarrer Türk gestalteten mit dichterischen und musikalisch hochstehenden Vorträgen den Abend außerordentlich stimmungsvoll und schön. […]
Unser Mitgliederstand war am 1. Januar 1940 bei 6 neuen Mitgliedern und 6 Verlusten durch Tod oder Austritt: 1 Ehrenmitglied, 87 ordentliche Mitglieder, 3 in schriftlichem Verkehr stehende, und 8 außerordentliche (vom Beitrag befreite Hinterbliebene verdienter Mitglieder).
[…] erwähnt sei mit herzlicher Dankbarkeit auch, daß Professor Dr. Reubel die Kassenführung, gleichsam als Erbe des verstorbenen Schatzmeisters, vorläufig übernahm.
Die 1. Schriftführerin hat auch im verflossenen Jahre Berichte von allen Versammlungen (Vortragsabenden und Festlichkeiten) geschrieben u. sie zunächst an 4 Zeitungen gegeben. Seit Beginn des Krieges hat nur der Fränkische Kurier die Berichte angenommen. […] wie bisher erhielten auch Einladungen die Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums, die Gaudienststelle des deutschen Volksbildungswerkes, der am Schluß jedes Monats auch die Besucherzahl angegeben wurde. Der Landeskulturwalter Gau Franken, Landesleiter für Schrifttum und endlich der Präsident der Reichsschrifttumskammer, Abteilung Reichswerk Buch u. Volk, Berlin Charlottenburg, Hardenbergstr. 6. […]

Sophie von Praun schrieb ihre Einzelprotokolle nicht mehr, wie frühere Berichterstatter, zur Verlesung und Genehmigung in der nächsten Versammlung, sondern seit geraumer Zeit schon für die Zeitungen und neuerdings eben für die Gesinnungsschnüffler. Die Rückschau für die Mitglieder war auf den Jahresbericht in der Hauptversammlung beschränkt.

Jahresbericht des Pegnesischen Blumenordens 1940
[…] In all dem großen Geschehen der Kriegszeit und in den mancherlei Sorgen, die auf uns liegen, durften wir doch auch im letzten Jahre ungestört unsere Vortragsabende halten und manche anregende, schöne Stunde erleben. Die Versammlungen waren, wie seit Kriegsbeginn, einmal monatlich und zwar stets zur Zeit des Vollmonds, in der das abendliche Ausgehen trotz der durch den Krieg notwendigen Verdunkelung für die meisten Mitglieder doch leicht möglich ist. […]
Das Irrhainfest, oder — wie es der ernsten Zeit wegen diesmal genannt wurde — das Sommertreffen im Irrhain fand am 7. Juli statt. […] Georg Türks gedankentiefer Nachruf für einen jungen Gefallenen (W.W. Schmidt), die schönen ernsten Dichtungen Elisabeth Schnidtmann-Lefflers und Emil Bauers. Eine heitere Erzählung Oskar Franz Schardts […] Freiherr von Scheurl schloß mit Worten heißen Dankes gegen Gott, den Führer und die Wehrmacht und mit dem Ausblick auf eine lichte Zukunft […]
Unser Mitgliederstand war am 1. Januar 1 Ehrenmitglied, 87 ordentliche Mitglieder, 3 in schriftlichem Verkehr stehende, 10 vom Beitrag befreite Hinterbliebene verdienter Mitglieder.
[…] Von den Veranstaltungen brachte der Fränkische Kurier regelmäßige, aber leider nur sehr knappe Berichte, was auf die durch den Krieg veranlaßte Papierknappheit zurückzuführen ist. […]
Er [der Irrhain] wurde, nachdem die reichlichen Wasser des Winters 1939/40, die ihn zu einem großen See umgewandelt hatten, von einigen Mitgliedern und ihren Familien an schönen Sonntagen häufig besucht […]
Während der vorliegende Jahresbericht in frühester Morgenstunde des 6. Mai beendigt wurde, trieben feindliche Flieger in Neunhof, in nächster Nähe des Irrhains, ihr furchtbares Zerstörungswerk, dem mehrere Bauernhöfe und Scheunen ganz oder teilweise zum Opfer fielen. […]
Dies nächtliche Erleben legt uns den heißen Wunsch auf Herzen und Lippen, daß unsere alte Stadt und ihre Umgebung ferner gnädig behütet werden möge vor Brand und Verderben. […] Und möchten diejenigen, die ihn bisher so treu geführt haben, vor allem unser verehrter Ordensleiter [!], Freiherr von Scheurl, und seine Frau Gemahlin, die wohl seine treueste Mitarbeiterin genannt werden darf, ihn noch viele Jahre führen und seine Wege ebnen dürfen!

Nürnberg, 6. V. 41.
Sophie von Praun, 1. Schriftführerin
Januar-Februar-März-Ansage 1940. […]
Dienstag 23. Januar, 20 ¼ Uhr: Prof. Frhr. v. Scheurl spricht über: Otto Gmelin „Das Angesicht des Kaisers“, Roman „Friedrichs II. von Hohenstaufen“.
Dienstag 20. Februar, 20 ¼ Uhr: Oskar Franz Schardt: „Ernste und heitere Kriegsnovellen nach eigenen Erlebnissen im Weltkrieg 1914/18.
Dienstag 27. Februar, 20 ¼ Uhr: Frau Wanda v. Baeyer-Katte spricht über: Wilhelm Schäfer „Theoderich König des Abendlandes“.
Dienstag 12. März, 20 ¼ Uhr: Ordentliche Hauptversammlung […]

April-Mai-Ansage 1940. […]
Dienstag 16. April, 20 ¼ Uhr: Dr. Emil Reicke, Archivdirektor i. R.: „Im Kriege 1870/71; Szenen aus einem Festspiel zu Ehren eines ehemaligen norddeutschen Regiments.“
Dienstag 23. April, 20 ¼ Uhr, 1. Stock: Lieder und Balladen von Uhland, Geibel, Lenau und Storm, vertont von Fritz Scheiding, gesungen von Helene Friderich (Alt). […]
Dienstag 21. Mai, 20 ¼ Uhr: Herr Studienrat Herold spricht über den Roman von H. Benrath: „Die Kaiserin Galla Placidia.“ […]

Februar-März-April-Ansage 1941 […]
Dienstag, 11. Februar 20 ½ Uhr:
Osk. Frz. Schardt liest eigene Novellen:
1. Der Wolfseher 2. der Krug von Gent 3. Spiel im Chor
Dienstag, 11. März 20 ½ Uhr:
Oberlehrer Hans Hubel spricht über:
Isolde Kurz: „Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen“
Dienstag, 8. April 20 ½ Uhr:
Ordentliche Hauptversammlung […]