Der zweite große Schlag

Die Inflation der Jahre 1922 bis 1923/24 vernichtete schrittweise, dann immer schneller die finanzielle Absicherung derjenigen Familien, die keine Produktionsmittel besaßen, und damit des Großteils der Blumenordens-Mitglieder. Als ein Verein, dessen Einkünfte allermeist aus Mitgliedsbeiträgen bestanden, wurde er so gut wie handlungsunfähig. Das war noch schlimmer als die Einschränkungen der Kriegszeiten und die mit den Friedensverträgen verbundenen Verluste, und es wurde als Machenschaft der vormaligen Kriegsgegner empfunden. Die Mentalität radikalisierte sich entsprechend; man möchte mit Wilhelm Tell sagen: von der Milch der frommen Denkart zu schwärend’ Drachengift — wenn auch nicht bei allen.

Freitag den 7. Juli 1922.    Außerordentliche Hauptversammlung.
[Anwesend 13 Mitglieder, darunter Wießner]
[…] Der erste Antrag Lambrecht, den Jahresbeitrag ab 1. Januar 1923 auf Mk. 60.- zu erhöhen fand einstimmige Annahme. Weiter wurde beschloßen den Jahresbeitrag bis auf weiteres jedesmal bei der Hauptversammlung nach dem jeweiligen Goldkurse festzusetzen. […]
Auf Antrag Börner wurde dem Paragraphen der Satzungen über die vorzuschlagenden Mitglieder der Passus als Fußnote angefügt: „Die Bekanntgabe zu Mitgliedern Vorgeschlagener auf den Monatsprogrammen soll so viel wie möglich durchgeführt werden, ist aber nicht zwingend.“
[…] Die Zettelumfrage zur Besetzung des II. Schriftführerpostens ergab die fast einstimmige Wahl Fräulein Sophie v. Prauns zu diesem Amt. Die erwählte erklärte es dankend, anzunehmen. [… Sie diente in diesem Amt bis 1953.]

Ausschußsitzung        Donnerstag, den 7. Dezember 1922
[…] Der jetzige Raum — ein Zimmer im Lutherhause [Tucherstraße 20, nicht wie heute Niemeyerstraße] — bietet keine Unterbringung für die Bücherei; ferner sind die Kosten des zur Verfügung stehenden Zimmers auch zu hoch, und die Notwendigkeit, Speisen und Getränke einnehmen zu müssen, hält Verschiedene vom Besuch der Abende ab. Um diesen Übelständen abzuhelfen, haben Herr und Frau Baron von Scheurl in dankenswerter Weise den Büchereisaal im Scheurlschen Hause am Burgberg zur Verfügung gestellt. Miete wäre für die Benützung nicht zu geben, nur Beheizung und Beleuchtung und für die Reinhaltung Sorge zu tragen. Der Wirt einer gegenüber liegenden Wirtschaft würde Bier zur Verfügung stellen.
Das Anerbieten wurde einstimmig angenommen und mit Dank ergriffen.
[…] Es wird der Vorschlag gemacht, 300 M jährlich zu bezahlen, die Beiträge nur von Vierteljahr zu Vierteljahr zu bestimmen u. Bücher, die nicht mehr viel verlangt werden, aus der Bücherei zu verkaufen u. solche z.B. die in zwei Ausgaben vorhanden sind. […]

Bericht über das Ordensjahr 1922    (12. Januar 1923)
[…] Vom September ab fanden die allwöchentlichen Versammlungen im Dürer Zimmer des Lutherhauses statt. […] Sophie von Praun

Freitag, den 12. Januar 1923        Ordentliche Hauptversammlung
Beginn 8 ½ Uhr
Vorsitz: Dr. Behringer
Anwesend [19 weitere Mitglieder, darunter die Scheurls]
[…] Um nicht jedesmal den schwerfälligen Apparat einer Hauptversammlung in Tätigkeit setzen zu müßen wurde vorgeschlagen der vereinigten Vorstandschaft, nebst Ausschuß die Ermächtigung zu erteilen, aus sich eine Erhöhung des Jahresbeitrags bis zur Höhe von 50% beschließen zu können. […]
Deßgleichen wurden die durch Steller revidierten und den heutigen Verhältnißen angepaßten Satzungen einstimmig gutgeheißen.
Betreffs der, erst alle vier Wochen, später für zwei Monate herauskommenden Programm-Karten wurde der Antrag gestellt, dieselben eingehen zu laßen. […] wurde beschloßen sie, trotz der hohen Herstellungskosten — M 10000-12000 für die Auflage von 180 Karten — beizubehalten.
Um den größeren Teil der Portis zu sparen erboten sich eine Anzahl Mitglieder die Verteilung eines Teiles derselben persönlich vorzunehmen […]
[…] gab die Familie v. Scheurl folgende Vertragsbestimmungen bekannt:
Der Raum des sogenannten Bibliothekssaales, Burgstraße 10 I steht dem Orden jeden Freitag Abend von 8 Uhr ab, für seine Versammlungen, ohne Entgeld, zur Verfügung. Für die Benützung des, einem anderen dort tagenden Vereine gehörenden Mobiliars ist an denselben eine, vorher vereinbarte, Miete zu bezahlen. Die Kosten für die jedesmalige Saalreinigung, Beleuchtung — auch des Bedürfnißraumes — und Heizung hat der Orden zu tragen. Das Heizmaterial hat der Orden zu stellen.
Eine Haftung für die, dem Orden gehörenden und von ihm dort hinterstellten Gegenstände übernimmt die Familie v. Scheurl nicht. Mit diesen Bedingungen erklärte sich die Versammlung einverstanden. […]
[Die Bilanzsumme schloß ab mit Ausgaben von M. 17284,10.] Das Deficit von M. 1902.45 wurde teils aus dem Kapitalfund, teils aus Verkäufen aus Gegenständen des Ordens gedeckt. […]

Vereinigte Vorstands- und Ausschußsitzung        31. Mai 1923
[…] Zunächst wurde die durch die Abreise von Herrn und Frau von Scheurl notwendig gewordene Frage besprochen, woher man in Zukunft die Stühle nehmen solle, da diese nun nicht mehr wie bisher von Scheurls zur Verfügung gestellt werden könnten. […] Es wird vorgeschlagen, jeder solle unter Eigentumsvorbehalt seinen Stuhl mitbringen. Schließlich wird die Frage dadurch einstweilen hinausgeschoben, da die Neue Christengemeinschaft, die nun die Mieterin der Bücherei ist, vorläufig Bänke hat, die auch von uns benutzt werden können.

Anscheinend hatte das Ehepaar von Scheurl aus dem historischen Mobiliar dieses historischen Patrizierhauses Stühle herausgesucht, die noch die neuesten und weniger kostbaren waren, doch bei Abwesenheit der Besitzer war niemand ermächtigt, das zu tun. Die Hilfbereitschaft der Christengemeinschaft unter der Leitung des Pfarrers Rittelmeyer scheint sich auch in Grenzen gehalten zu haben. Pfarrer Rittelmeyer war derjenige gewesen, dessen Nachruf auf den ersten Gefallenen des Ordens, Rechtsanwalt Meixner, Beckh am 5. Februar 1915 vorgelesen hatte (Pegnesenarchiv, Schachtel 99), und insofern dem Orden bekannt. Er hatte sich wegen der Frage, wie man als Anthroposoph das Christentum praktizieren könne, an Rudolf Steiner gewandt, und dieser, der eigentlich keine Sekte gründen wollte, hatte ein paar Hinweise gegeben. Diese scheinen in dieser geistig aufgeregten und von Suchenden aller Art bevölkerten Zeit offenbar auch bei der Familie von Scheurl ein offenes Ohr gefunden zu haben.

Vereinigte Vorstands- und Ausschußsitzung        19. Okt. 1923
Museum, 7 Uhr abends
[…] Da ein Verbleiben des Ordens im Scheurlschen Hause nicht mehr möglich war, wurde zunächst die Raumfrage besprochen. Es wurde das Luitpoldhaus, der Rote Hahn (Miete ½-3/4 Ztr. Coks) das Sanitäts-Kolonnenhaus (Miete ½ l Bier) vorgeschlagen. […] Herrling schlug das Lesezimmer des Bezirkslehrervereins im Lehrerheim vor. Jeden 3. Freitag könnte es nicht benutzt werden. Beheizung und Beleuchtung müßte gestellt werden. Außerdem wird noch die Poliklinik und schließlich von Herrn Oberstudiendirektor Ackermann das Museum in Vorschlag gebracht, das auch zu mäßigen Bedingungen zu haben wäre. Man einigt sich zunächst auf das Museum [das Haus der Gesellschaft Museum].
[…] Man kam überein, daß jedes Mitglied für das 2. Halbjahr 150 Millionen bezahlen müsse. Herrling sagt, er könne bei Geldmangel Plaquetten verkaufen und einen kupfernen Dachziegel von der Lorenzkirche, der auch im Besitz des Ordens sei. Reubel schlägt vor, solchen, die vor 1914 Mitglieder waren, wenn nötig Ermäßigung zu gewähren. Es wurde sodann auch die Art der Einhebung besprochen. Sie soll durch Mitglieder geschehen.
[…] Endlich erklärt Dr. Reubel, daß er 9 M wertbeständig zahlen wird für ein Schränkchen und einen Koffer, die im Besitz des BlumenOrdens sind.
Anschließend an die Vorstands- und Ausschußsitzung war
Außerordentliche Hauptversammlung
[…] Wer im Oktober noch zahlt, soll 150 Millionen zahlen, nachher den Preis eines Glases Bier. […]
[…] Vorschlag von Frau Kommerzienrat Wieseler […] Sie stellte dem Blumenorden — unter Vorbehalt der Rücksprache mit ihrem Gatten — den Sitzungssaal des neuen Gebäudes Deutscher Glas- Porzellan- und Luxuswarenhändler, des sogenannten Wieselerhauses, Schoppershofstraße 86 zur Verfügung. Miete und Beheizung würden gar nichts kosten, nur die Beleuchtung würde berechnet. Der Vorschlag fand allseitig freudige Aufnahme und es sei gleich erwähnt, daß […] eine Rücksprache mit Herrn Kommerzienrat Wieseler zu dem Ergebnis führte, daß der genannte schöne und in jeder Beziehung geeignete Saal dem Orden zur Verfügung gestellt wurde.
[…] Herr Dr. Ackermann ist der Ansicht, daß unter diesen Umständen vielleicht doch die Zeitschriften: Deutschlands Erneuerung und Der Wächter weiter gehalten werden könnten […]
Schließlich beantragte Herr Archivdirektor Dr. Reicke, Herrn und Frau Baron von Scheurl den Dank des Ordens zum Ausdruck zu bringen für die Gastfreundschaft […]
Der Hansel enthielt 241 030 000 M. […]

Bericht über das Ordensjahr 1923
[…] In dunklen Tagen, in denen schwere Schicksalsstürme über unser armes, geknechtetes Vaterland dahinbrausten, ist der Pegnesische Blumenorden freundliche Wege geführt worden, und Sorgen, die auch ihm nicht erspart blieben, wurden rechtzeitig immer wieder zerstreut. Eine Fülle von fesselnden, anregenden Vorträgen wurde den Mitgliedern geboten, und die Zahl der Zuhörer ist in den letzten Monaten entschieden gewachsen. […Die Themen dieser Vorträge lohnen aus heutiger Sicht keine Erwähnung.]
Öffentliche Vorträge fanden im vergangenen Jahre nicht statt. […]
Der Stand der Mitglieder war am 31. Dezember 1923
Ehrenmitglieder            12
Korrespondierende Mitglieder    21
Ordentliche Mitglieder        155
Freie [beitragsfreie] Mitglieder    6
Außerordentliche Mitglieder        2
Körperschaftliche Mitglieder        1
[…]
Erwähnt sei noch, daß der Hansel im ganzen eine Einlage von 2 986 469 988 646 M aufzuweisen hat, eine Summe, deren scheinbare Höhe und doch so traurige Niedrigkeit in unserer Zeit und der  beträchtlichen Geldentwertung des letzten Jahres zu suchen ist. […]

Freitag, den 24. Februar 1924    Ordentliche Hauptversammlung
Vorsitz Dr. Ackermann
[anwesend weitere 24 Mitglieder]
[…] Steller berichtete über die Rechnungslegung des Schatzmeisters und betonte, daß es infolge der Inflation unmöglich gewesen sei ein richtiges Bild über Einnahmen und Ausgaben anzufertigen. Auch der Voranschlag für 1924 könne kein festes Gebilde aufweisen, da es sich nicht voraussehen laße, ob sich die Währung in gleicher Höhe halten werde […]
Für das erste Halbjahr 1924 beschloß der Ausschuß einen Mitgliedsbeitrag von 3 Rentenmark vorzuschlagen mit dem Rechte, denselben, im Bedarfsfalle, aus sich heraus, um 50% erhöhen zu können.
[…] Die Neuwahlen brachten keinerlei Veränderung.
[…] Der Hansel enthielt 1.86 Rentenmark
O. Börner

Bericht über das Ordensjahr 1924
[…] Aber schon gegen Ende des Sommerhalbjahres sank der Besuch etwas, und im Herbst mußte ziemlich regelmäßig eine ganz bedeutende Abnahme der Besucherzahl festgestellt werden. Der Grund für diese sehr bedauerliche Tatsache ist wohl hauptsächlich in der weiten Entfernung des jetzigen Versammlungsraumes vom Mittelpunkt der Stadt zu suchen. […] Eine Anzahl neuer Bücher wurde im Laufe des Jahres angekauft, nachdem die Verhältnisse des Ordens sich nach der Einführung der Rentenmark wieder gebessert hatten. […] ob die Fülle von anderen Darbietungen, die jetzt Vielen wieder leichter zugänglich sind als im vergangenen Jahre und vielleicht auch der Standpunkt, der sich nun in so vielen Häusern eingebürgert hat, manchen früheren treuen Besucher der Freitagsabende von unseren Vorträgen abgehalten hat [… Welcher Standpunkt?]