Teil VI: Zwiespalt der Bürgerkultur


Die Verhältnisse im Pegnesischen Blumenorden um die Zeit seines Jubiläums im Jahre 1844 kann man als die einer Honoratiorenrunde bezeichnen. Bei genauerer Betrachtung zählen allerdings nur wenige Pegnesen dieser Jahre zu denen, die in der Stadt bedeutende politische Ämter oder wirtschaftliche Macht ausüben, und ehrenvoller Status ergibt sich meist aus dem Miteinander von höherem Schul- oder Kanzelamt und klassischer Bildung. Zur geistigen und gesellschaftlichen Verfassung dieser Runde gehört, daß man unter sich bleibt und nicht in die Öffentlichkeit drängt. Ohne daß sich schlagartig daran etwas ändert, nimmt allerdings durch die Gründung des Literarischen Vereins in Nürnberg, dessen frühe Mitglieder gleichzeitig dem Blumenorden angehören, auch in diesem die Tendenz zur Öffnung zu, einer Öffnung gegenüber neuen Arten von Mitgliedern und neuen Arten der Wirksamkeit. Der Horizont der wahrgenommenen Literatur erweitert sich, die Tätigkeit wendet sich zunächst der innerstädtischen Öffentlichkeit zu, und zwar über die Grenzen des freundschaftlichen Hin und Her zwischen Vereinen ähnlicher Zielsetzung hinweg. Man arbeitet sich am Verhältnis zur Presse ab und bezieht in steigendem Maße zeitgeschichtliche Themen in die Debatten und literarischen Hervorbringungen ein. Andererseits ist eine ausgleichende Vorliebe für mittelalterliche Gegenstände und Kostümierungen nicht zu verkennen. Anfangs politische Parteinahme vorsichtig vermeidend, der Ruhe im Gemeinwesen zugetan, den Umtrieben von 1848 abgewandt, entdeckt man an den Fortschritten der Industrialisierung sowohl den Reiz als auch die Gefahren, fühlt sich zur Stellungnahme herausgefordert und gerät so in einen — vorläufig milden — Gegensatz der Interessen. Am Ende dieser Entwicklung steht auch im Blumenorden der Typus des bürgerlichen „Intellektuellen“, des bürgerlichen, wohlgemerkt, der nichts dagegen hat, zum Status des Honoratioren alten Typs aufzusteigen.

Vormärzliche Manöver

Exkurs: Der Literarische Verein

Äußere und innere Verfassungsdebatten