Zwischenakt

Nun konnte man sich wieder den laufenden Geschäften widmen, und Schriftführer Seiler legte ein neues Protokollheft an:

Protokolle über die Monatsversammlungen des pegnesischen Blumen-Ordens unter der Leitung des 15. Ordens-Vorstehers, S.T. Herrn Dr. Rh. Gg. Wolfg. Karl Lochner, k.b. Studien-Rector und Professor, Ritter des Verdienst-Ordens vom heiligen Michael, vom Jahre 1857. an.

Die Verschiedenheit der Geschäfte zeigt sehr deutlich die Niederschrift einer Sitzung, „Geschehen Nürnberg den 16. Jan. 1857. im Gasthause zum goldenen Reichs-Adler.
[…] 5.) […] Dabey wurde zugleich der Beschluß gefaßt, daß künftighin von auswärtigen, ausserordentlichen Mitgliedern ein Dukaten in Gold als Aufnahmegebühr und für die Ausstellung eines Diploms entrichtet werden soll.
6.) Ferner wurde ein beim Ordensvorsteher eingelaufener Brief von OM [Ordensmitglied] Negges aus Paris vorgelesen, in welchem derselbige Vorschläge zur Erweiterung des Wirkungs-Kreises des Ordens macht. Bey aller Anerkennung der wohlwollenden Meynung des Antragstellers beschließt die Versammlung, zur Tagesordnung überzugehen.
[…] 8.) Endlich wurde beschlossen, daß ein neues Mitgliederverzeichnis gedruckt und dem verst. H. Ord. Vorst. Freyherr von Kreß ein schriftliches Denkmal gesetzt werden soll, zu dessen Abfassung auf dringendes Bitten Herr OR [Ordensrat] Dr. Lösch bewegen ließ; daß dem Schuldner Stephan das Kapital von 400 fl. nicht gekündiget werden dürfte, da er das Viertel an den rückständigen Zinßen (f. 24.) abgeführt hat und nur mit 3 fl. noch rückständig ist, und daß über die bedachungsbedürftige große Hütte im Irrhain durch eine besondere Kommission, bestehend aus dem Schriftführer, dem OM. H. Th. Wagler und einem Techniker, eine Untersuchung anberaumt und auf dem Grund derselben ein Antrag gestellt werden soll.“

Die Mitglieder müssen verstört gewesen sein, als nach verhältnismäßig kurzer Zeit plötzlich bekannt wurde:

„Nürnberg am 16. October 1857. im Lotterschen ehemals Löselschen Kaffehause.
[…] 3.) Ferner zeigt der Vorsitzende [Dietelmair] an, daß Herr Rector Dr. Lochner seine Ordensvorstandschaft mittelst eines Schreibens niedergelegt hat, worauf beschlossen wurde, diese Niederlegung anzunehmen, dem H. Dr. Lochner den Dank des Ordens für seine bisherigen, verdienstlichen Leistungen auszudrücken und ihn zu bitten, seine Thätigkeit dem Orden zu erhalten. […] Da die Zeit zu weit vorgerückt war, wurden die Verhandlungen geschlossen.“

Hinter vorgehaltener Hand wurde bald herumgesprochen, was geschehen war: „Nürnberg d. 20. Dcbr 1857
Verehrter Herr College!
Sie kennen die schlimme Wendung, welche H. Rectors Dr. Lochner Geschick genommen hat. Er ist in Folge desselben von der Vorstandschaft des Blumenordens abgetreten […]“ Was aber war diese schlimme Wendung?

Wilhelm Schmidt stellt den Vorgang in seiner unveröffentlichten Festschrift so dar: „Kleinliche und engherzige Auffassungen im Ministerium waren die Ursache. Diese Maßregelung veranlaßte Lochner, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen und den Vorsitz niederzulegen. Im Dezember 1858 trat er überhaupt aus dem Orden aus, nachdem er keine Sitzung mehr besucht hatte. […] Sein Ausscheiden aus dem Orden geht auf Vorgänge zurück, die mit dem Orden selbst nichts zu tun hatten.“

Noch genauer Mummenhoff in seinem Nachruf:


Der 3. Dezember des Jahres 1882 bedeutet für die Nürnberger Lokalgeschichtsforschung einen herben, wenn nicht unersetzlichen Verlust. An diesem Tage verschied der quieszierte Rektor und Stadtarchivar Dr. Georg Wolfgang Karl Lochner.
Der Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg muß es als seine unabweisliche Pflicht erachten, das Gedächtnis dieses Mannes, den er kurz nach seiner Gründung durch Verleihung der Ehrenmitgliedschaft auszeichnete, zu erneuern und zu befestigen. […]
Lochner wurde am 29. August 1798 als der Sohn des Kupferstechers Karl Friedr. Lochner zu Nürnberg geboren. […Er besuchte] von 1809-1815 das neuorganisierte Gymnasium, dessen erster Rektor Hegel war.
[…] an der Universität Erlangen […studierte er] Theologie und Philologie, welch letzterer Wissenschaft er sich 1817-1818 ausschließlich zuwandte. Von Juni 1819 bis um Ostern 1823 war er als Lehrer an einer Erziehungsanstalt zu Nürnberg thätig und bekleidete darauf ein volles Jahr eine Hauslehrerstelle bei einer adeligen Familie Württembergs.
Nachdem er noch im Sommer desselben Jahres die Prüfung für das höhere Schulamt mit vorzüglichem Erfolge bestanden hatte, übernahm er auf kurze Zeit die Verwesung einer Gymnasialklasse in seiner Vaterstadt, wurde aber als der Demagogie verdächtig am 8. Mai 1824 seiner Lehrthätigkeit entrissen, verhaftet und nach München abgeführt, nach Jahresfrist indes wieder auf freien Fuß gesetzt.
Zunächst wirkte er nun als Privatlehrer in Nürnberg, bekleidete seit Sommer 1826 das Lehramt für neuere Sprachen […] 1830 wurde er zum obersten Leiter und Subrektor der lateinischen Schule, 1845 zum Verweser des Rektorats und 1846 zum Professor der Oberklasse und Rektor der Studienanstalt befördert. Die Philosophische Fakultät der Universität Erlangen ehrte ihn am 14. August 1854 durch Ertheilung des Doktorgrades und König Maximilian II. von Bayern am 22. Januar 1856 durch Verleihung des St. Michaelsordens I. Klasse. Am 10. Oktober 1857 erfolgte seine Quieszierung. […]
[Um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können,] trat er am 24. Dezember 1857 als Hülfsarbeiter in die Redaktion des Korrespondenten v.u.f. Deutschland ein, bei welchem er bis Ende 1860 thätig war, und in dessen Feuilleton er eine Anzahl kleiner historischer Aufsätze erscheinen ließ.
Lochner hatte am 12. Dezember 1856 seine Gattin durch den Tod verloren. Ihr folgte am 30. Oktober 1862 die schon seit zwei Jahren kränkelnde und dann ernsthaft erkrankte Tochter […]
Da fiel es wie ein belebender Sonnenstrahl in sein trübes Dasein, als ihn der Magistrat gegen Ende des Jahres 1864 zur Einrichtung und Ordnung des städtischen Archivs berief.
[…] 1830 war er nämlich neben seinem Lehrberufe auch noch in der Archivpraxis tätig. […] es hat fast den Anschein, als ob der frühere Reichsarchivdirektor und quieszierte Regierungsdirektor, der durch seine Memoiren bekannte Ritter von Lang, nicht ohne Einfluß auf die Gewährung eines so weit gehenden Zugeständnisses gewesen sei. In der Vorrede zu den Jahrbüchern stattet Lochner seinem Förderer in warmen Worten seinen Dank ab, […]

Es folgt eine genaue Auflistung und Würdigung der zahlreichen und umfangreichen Arbeiten Lochners, u.a. „Das städtische Archiv verwahrt nunmehr 16 gleichfalls aus Lochners Nachlasse erworbene Quartanten, diplomatisch getreue Abschriften von ebensovielen Tomen der Ratsbücher der ehemaligen Reichsstadt Nürnberg v. J. 1441-1532“. Keine Erwähnung seiner Mitgliedschaft oder gar Vorstandsschaft im Blumenorden! Das kann auch daran liegen, daß Mummenhoff mit dem Blumenorden zeitweise im Unfrieden lebte, wie noch berichtet werden wird.

Zum Glück für den Blumenorden war es keine schwierige Aufgabe, einen würdigen Präses zu finden: „[…] 3.) Darauf wurde zur Wahl eines neuen Ordens-Vorstehers geschritten. Unter 26. Stimmen fielen 20. auf den 2. Herrn Ordensrath, Dr. Lösch, der auf besonderes Andrängen der Anwesenden [außer Lösch noch Dietelmair,  Lützelberger, v. Forster, Seiler jun., v. Aufsess, Sigm. Merkel, Beck, Schmidt, Leuchs, Dr. Göschel, Th. Wagler, Haller, Sondermann, Schnerr, Dr. Mehmel, Wieland, Dr. Zahler, Georg, Seiler sen.] zuletzt die Wahl annahm.
4.) Alsdann wurde zur Wahl eines zweyten Ordensrathes geschritten und dieselbige fiel mit Stimmenmehrheit auf das OM. H. Th. Wagler, der dieselbige auch annahm.“