Zweiter Abschnitt: Aufklärung und Empfindsamkeit

Nach heutigem Verständnis sind Dichter Individualisten. Diejenigen, die es nicht sind, insofern sie mit ihren Hervorbringungen öffentliche Anforderungen oder andere Gemeinschaftsaufgaben zur Zufriedenheit der Auftraggeber erfüllen, werden Angestellten von Werbeagenturen gleichgeachtet oder zum mindesten nicht ganz für voll genommen. Kennern moderner Dichtkunst erscheinen Autoren, die politische oder überhaupt weltanschauliche Gedanken poetisch einkleiden, grundsätzlich als zweitklassig. Wer gar eine National- oder Landeshymne, ein im herkömmlichen Sinne religiöses oder traditionelle Werte bekräftigendes Werk geschrieben hat, erweckt Zweifel an seiner Lauterkeit als Schöpfer. Im 20. Jahrhundert war für das Ansehen manches britischen Lyrikers seine Erhebung zum 'Poet laureate' der Monarchie ein schwerer Rückschlag. Eben dies wäre aber für den Dichter innerhalb der ständischen Gesellschaft das erstrebenswerteste Ziel gewesen. Auch ohne ganz so hoch zu steigen, etwa als einer der vielen 'Poetae laureati Caesarei' im Blumenorden, kannte er seinen Platz und wurde anerkannt. Man muß sich nur klar machen, wie schlecht es um das Berufsbild 'Dichter' und die soziale Absicherung der Verseschmiede heutzutage bestellt ist, um zu ermessen, wie grundaufstörend der Wandel vom siebzehnten zum neunzehnten Jahrhundert in dieser Hinsicht gewesen sein muß.

Das Berufsbild 'Dichter' gerät ins Wanken

Poetische Selbstdarstellung des Ordens

Unpoetische Selbstdarstellung des Ordens

Post-mortem-Barock

Der Blumenorden wurde in diesen Jahren oft vom Tod heimgesucht. Rührendstes Zeugnis davon sind nicht die pompösen Traueroden zu Florandos, Amarantes', Melanders oder Alcanders Abscheiden, sondern, dazwischen aufbewahrt, ein in schwarzes Glanzpapier eigenhändig eingebundenes, handschriftlich sauber vollgeschriebenes Heftchen im Oktavformat. Der Verfasser ist der damalige Zweite Ordensrat. Es gibt von ihm ein schönes Kupferstichporträt. Respektabel angetan, modisch in Kurzhaarperücke, kommt er dem Betrachter dennoch mit so gütigem Blick entgegen, daß er sogleich menschlich nahe erscheint. Von dieser Seite her war er sicher ein guter Arzt. Er war 1720 geboren, wurde 1745 aufgenommen und starb 1775. Chiron, Dr. med. Johann Konrad Wittwer. Nomen est Omen.


Seine erste Frau starb im Wochenbett am 20. 7. 1746. Es war die Tochter Negeleins, die erst zwei Jahre zuvor, bei der Hundertjahrfeier als Clarinde in den Orden aufgenommen worden war. Chiron war dabei, ein Dankgedicht auf ihre glückliche Entbindung zu schreiben, als die dramatische Verschlechterung ihres Gesundheitszustands einsetzte. Wie er in einer Vorbemerkung im Einband mitteilt, ist das so entstandene Freuden- und Trauergedicht sehr unmittelbar, "in den ersten Tagen entworfen" worden. Er ließ es so, der poetischen Gattungsregeln unerachtet, als privates Lebens- und Leidenszeugnis.

Neuer Wein — alte Schläuche?

Die Wirklichkeit überbietet empfindsame Konventionen

Rehberger-Uranio heiratete am 4. 8. 1762, und das Gratulationsgedicht dazu schrieb Schmidbauer-Hodevon. Es sticht sehr ab von der rhetorischen, engagierten Sprechweise, die in Melanders Geiste von Reichel-Eusebius zu erwarten gewesen wäre. (Dieser war 1760, nach dem Tode Schönlebens, zunächst einmal Schriftführer geworden und konnte wohl als solcher nach 1765 den inoffiziellen Mittelpunkt des Ordens darstellen, um so mehr, als damals das Amt des Schriftführers als das zweitwichtigste im Orden galt.) Eine literarische Richtung, die sich als aufklärerisch verstand, sah im Vergleich zu den empfindsamen Privat- und Intimdichtungen nun erst recht karg aus.

Plattheit als Gegengift zum Bombast

Da aus der Sammelveröffentlichung Schönlebens nichts geworden ist, hat man andauernd auf die Einzeldrucke von Trauergedichten aus dem Archiv zurückzugreifen; so entsteht leider der Eindruck, daß der Tod zu dieser Zeit längeren und tieferen Schatten als sonst über den Orden werfe. (Anderswo schreiben die Dichter vorzugsweise anakreontische Tändeleien, harmlose Liebes- und Trinkgedichte.) Am 1. 7. 1772 wird der wackere Leucorinus, der Pfarrer und Schulmeister von Poppenreuth, Christoph Sigmund Löhner, zu Grabe getragen und gebührend beklagt. Cramer-Irenander gibt überraschenderweise im Titel seines Gedichtes an, den Leucorinus "beklagte die deutsche Gesellschaft in Nürnberg"! Während die regelmäßige Ordenstätigkeit zwischen Lilidor II. und Irenäus I. neun Jahre lang ruhte oder noch mehr im stillen vor sich ging als sonst, muß es also Bestrebungen gegeben haben, im Programm Anschluß an die auswärtigen 'Deutschen Gesellschaften' zu finden.

Ein neuer, sehr alt gemeinter Ton

Eine Anlehnung des Blumenordens an eine damals in Altdorf bestehende 'deutsche Gesellschaft' wird überdies durch zwei Hinweise wahrscheinlich gemacht: Über Konrad Meierlein, zuletzt Pfarrer von Kraftshof, heißt es im Denkmal der Freundschaft , das Johann Friedrich Frank über ihn und Lugenheim verfaßt hat, "[...] seine guten Dichtergaben, die ihm [!] schon ehemals der deutschen Gesellschaft zu Altorf, deren Mitglied er war, werth gemacht hatten, hatten auch für uns so viel anziehendes, daß wir seinen Beytritt zum Blumenorden für sehr wünschenswert hielten. Mit Vergnügen wurde er im Jahre 1777. unter die Mitglieder desselben aufgenommen [...]". Außerdem gibt es eine Biographie des Pfarrers Erhard Christoph Bezzel aus der Feder seines Neffen, M. Johann Gabriel Bezzel (Nürnberg, im November 1801), in der es auf S. 8 heißt: "Schon im Jahr 1757 den 10ten August wurde er in die vom Hrn. Prof. Will gestiftete Altdorfische teutsche Gesellschaft als ausserordentliches Ehrenmitglied aufgenommen [...] und im Jahr 1776 den 23sten Mai wurde er nebst seiner Gattin und seinem jüngsten Bruder, meinem Vater, ein Mitglied unsers Ordens. Er wählte sich den Ordensnamen Noricus."

Von Altdorf her kann es sogar Übernahmebestrebungen gegeben haben, zumal schon 1761 Gottsched an Will geschrieben hatte, da die Pegnesische Schäfergesellschaft ihrem Ende ziemlich nahe zu sein scheine, solle doch Wills Deutsche Gesellschaft sich den Irrhain aneignen! Will und seine Freunde sahen vielleicht bloß nicht viel Sinn darin, jeweils den Weg nach Nürnberg auf sich zu nehmen, um im Kreise von Liebhabern der Dichtung zu sein; sie trugen ihre Mitgliedschaft im Blumenorden wie ein Abzeichen und arbeiteten anderswo zeitgemäßer. Das mußte den verständigeren Pegnesen ein Hinweis sein. Mit einer bloßen Umbenennung war es jedoch nicht getan.