Pegnesen blicken nach auswärts

Einer der ersten Belege dafür, daß Pegnesen sich nicht vor Beziehungen zu umstrittenen Autoren scheuten, ist der Versuch des DURANDO (JOHANN JACOB HARTMANN), auf seiner Studienreise nach Holland bei dem exilierten Hugenotten PIERRE BAYLE vorgelassen zu werden. Dieser bedeutende französische Aufklärer arbeitete in seinem holländischen Exil an der Erweiterung seines Dictionnaire historique et critique (1695-97), einer von Skeptizismus der pessimistischen Art (Pyrrhonismus) durchdrungenen Hinterfragung alles überlieferten Wissens. Ob sich BAYLE verleugnen ließ oder wirklich nicht anwesend war, können wir nicht sagen, doch der Versuch HARTMANNs läßt jedenfalls darauf schließen, daß er BAYLEs Haupttendenz kannte und nicht ablehnte. Er wurde 1713, im Jahr seiner Aufnahme in den Orden, Bibliothekar der zu St. Lorenz gehörigen Fenitzerschen Bibliothek und starb 1728.

Zu Lebzeiten des Präses LILIDOR I. richteten sich die Wünsche nach Bekanntschaft mit auswärtigen Gelehrten allerdings noch vorwiegend auf solche Literaten, die noch innerhalb der "galanten" Epoche eine Rolle spielten. HERDEGEN-AMARANTES selbst und JOHANN WILHELM GOLLING (CLEANDER II .) trafen in Hamburg zu unterschiedlichen Zeiten mit ERDMANN NEUMEISTER, MARTIN RICHEY (der auch oft als musterhaft wegen seiner reinen Schreibart gelobt wurde) und JOHANN HÜBNER zusammen. HERDEGEN fühlte sich allerdings bei einem Aufenthalt in Perleberg auch veranlaßt, das Grab des Pietisten GOTTFRIED ARNOLD aufzusuchen. Dieser hatte mit seiner Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie jedoch — ob er es beabsichtigt hatte oder nicht — dazu beigetragen, daß man neuerdings ein Christentum ohne Kirche für möglich hielt. Seine Hauptthese war gewesen, das wahre religiöse Leben habe sich immer gegen Verfolgungen durch die Amtskirche wehren müssen. Dieses Argument sollte den Pietisten zur Verteidigung gegen die lutherische Orthodoxie dienen, klang aber auch manchem Freidenker vernünftig. Eine Übergangserscheinung.

Der erwähnte CLEANDER II. besuchte außerdem in Hamburg noch den Naturdichter BROCKES, der pantheistischen Tendenzen vorarbeitete mit seinem Lob des Schöpfers in der Anschauung der Schöpfung. "Physikotheologie" kann diese Anschauung genannt werden, und unter diesem Namen ist es eine altehrwürdige christliche Geistesrichtung, die schon mit den gnostischen Tendenzen des 2. Jahrhunderts zusammenhing. Wie die Dinge aber um 1720 lagen, ordnete sich vieles Altbekannte um einen neuen Kern, und der strebte von allem Kirchlichen fort bis — im Extremfall — zum Atheismus.

In Holland besuchte GOLLING den Philosophen HEMSTERHUIS und in Basel JOHANN BERNOULLI aus der berühmten Mathematikerfamilie. Sein eigenes Forschungsgebiet war das Universalienproblem, also die Frage, inwieweit gewisse Grundbegriffe gebildet werden könnten, anhand derer sich alle Erscheinungen der Welt einteilen ließen.

Man sieht schon -- es hätte für eine wöchentliche Gelehrtenzusammenkunft nach den Vorstellungen FÜRERs eine Menge Anlässe zu guten Erörterungen unter gescheiten Leuten gegeben. FÜRER jedoch war je länger desto weniger imstande, den Kristallisationspunkt derartiger Tätigkeit abzugeben. Er hatte mit seinen Ämtern so viel zu tun, daß er sich oft über ein Jahr lang nicht um den Blumenorden kümmern konnte. Als er 1732 im Alter von fast 69 Jahren starb, hatte er immerhin seine Nachfolge gut vorbereitet, denn der neue Präses FLORANDO (Pfarrer JOACHIM NEGELEIN) wurde noch im gleichen Jahr gewählt. Die Bedeutung des Ordens beruhte aber nurmehr auf der Bedeutung einzelner Mitglieder, die diese sich außerhalb des eigentlichen Ordenslebens errungen hatten, und nicht mehr auf der gemeinschaftlichen Tätigkeit des Ordens. So verhielt es sich eigentlich zu den meisten Zeiten der Ordensgeschichte, nachdem man aufgehört hatte, gemeinsam "Schäfereien" zu dichten. (Von den Ausnahmen wird noch die Rede sein.) Auch HERDEGENs kultur- und geistesgeschichtlich so bedeutsame Festschrift, aus der hier ständig zitiert wird, ist im wesentlichen als Einzelleistung zu sehen. Man war um 1740 zwar fähig, aber kaum in der Lage und zudem meistens nicht willens, sich den weltanschaulichen Herausforderungen einer neuen Zeit zu stellen.