Das Berufsbild 'Dichter' gerät ins Wanken


Die Mitglieder des Pegnesischen Blumenordens hatten daran in dem hier zu untersuchenden Geschichtsabschnitt erleidend Anteil. Birken und Omeis, die als kaiserliche Pfalzgrafen Dichterkrönungen selbständig vornehmen konnten, bezogen daraus wenigstens noch Gebühren. Schon die von ihnen erhobenen Laureaten konnten sich je länger je weniger einbilden, daß mit diesem Titel irgendwelche materiellen Vorteile verknüpft seien. Wieland, der auch noch 'Comes Palatinus' war, machte von seinem Recht nur einmal Gebrauch, und zwar ohne Bezug auf die Dichtkunst: Er erhob einen Vertreter des freireligiösen Enthusiasmus, einen gewissen Oberreit, zum Doktor der Philosophie1, aber er hätte nie unter diesem Siegel Aussagen über die Qualität eines poetischen Werkes gemacht. Titel dieser Art waren um 1790 nur noch Äußerlichkeiten.

Innerlich stimmte es schon lange nicht mehr, selbst wenn sich im Rahmen einer Dichtergesellschaft wie des Blumenordens noch lange die Fiktion hielt, man dichte aus der kleinen Gesellschaft der Hirten heraus für die weite Gesellschaft im Reich oder wenigstens für die Gelehrtenrepublik. Das neuzeitliche Subjekt fing an, sich in Gegensatz zu seiner Außenwelt zu stellen, um sich über seine individuelle Wesensart klar zu werden, seit das Rollenangebot der ständischen Organisation nicht mehr alle möglichen Bewußtseinsinhalte abdeckte.

Für die Dichtkunst bedeutete das, daß man Themen behandeln wollte, ja mußte, für die es kaum Gattungsmuster und jedenfalls keine sicheren Abnehmer gab, und daß andererseits das Dichten in den vertrauten Geleisen immer schablonenhafter geriet und zur bloßen Kunstfertigkeit herabsank. Die virtuose Kunstfertigkeit dieser Gebilde ist vielleicht ein Zeichen für den schleichenden Unglauben an ihrem Gehalt. Und wer das Zurechtklügeln von Rollen- und Gelegenheitsgedichten hinter sich ließ, fand deshalb noch lange nicht zu überzeugenden neuen Formen, sondern goß oftmals neuen Wein in alte Schläuche.

Der in einer literarischen Gesellschaft organisierte Privatdichter ist ein Unding, aber ebenso die privaten Anlässe für Gelegenheitsgedichte mit öffentlichem Charakter. So blieb den bewahrend gesinnten Dichtergemütern eigentlich nur das Gebiet der religiösen Meditation, um individuelle geistig-seelische Erfahrung mit herkömmlichen Themen, Formen und gesellschaftlicher Stellung zu vereinbaren. Und andere als am Herkommen hängende Gemüter fanden sich im Orden kaum zusammen. Das individuelle Dichten braucht zwar auch den Beifall Gleichgesinnter und den Austausch mit ihnen, aber es ist ein weiter Unterschied zwischen den Freundesbünden und Schulenbildungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dem gemächlichen Sich-Ergänzen einer schon lange bestehenden Vereinigung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts.

"Ad fontes!" — sehen wir uns die Quellen an. Auszüge müssen einer typologischen Betrachtung genügen; eine denkbar erschöpfende Übersicht des Vorhandenen bis auf das Jahr 1744 hat Renate Jürgensen seit dem Abschluß der vorliegenden Auswahl in ihrem erwähnten Buch Utile cum dulci geliefert, hier aber besteht nicht die Möglichkeit und auch kaum eine Notwendigkeit, die Beispiele zu vermehren.