Bezeichnende Neuaufnahmen

Dagegen werden anstandslos drittklassige Schriftsteller bescheidener Herkunft in den Blumenorden gelassen, bloß weil sie "unterwürfig" genug sind. Da schreibt am 11. Juli 1752 ein gewisser JOHANN GEORG MEINTEL aus Petersaurach ein Dankschreiben für seine Aufnahme, in dem er mit dem spitzbübisch-verzweifelten Humor eines Schulmeisterleins Wuz seine bedrängte Lage offenbart: "[...] daß ein jeder angehender Gesellschaffter bey seinem Antritte 6. ReichsThlr zum Fisco liefern soll. So viel hatte mir, die Wahrheit frey zu sagen, nicht vermuthet. [...] so ist doch das Geld bey den meisten meines gleichen Land-Geistlichen um diese Jahres-Zeit etwas rar; [...] maßen sich die Leute iezo weder zum Hochzeit-machen noch zum sterben Zeit nehmen mögen." Es muß demütigend sein, sich angesichts des Unglücks anderer Menschen kargen Sold zu versprechen, und ich will es dem guten Manne gewiß nicht verübeln, daß ihm seine geistliche Rolle unter diesem Gesichtspunkt schon langsam komisch vorkommt. Aber von der Schriftstellerei zu leben, ist damals (nur damals?) ebenso demütigend, wie Landgeistlicher zu sein, wenn man nichts zuzusetzen hat; man braucht "Patrone": Demnächst erwarte er von der Ansbacher Zensur ein Werk zurück. Auf der Grundlage eines alten Buches von 1588 sind ihm erbauliche Betrachtungen über Kräuter aus der geschäftigen Feder geflossen. Ob der Herr Prediger SCHÖNLEBEN ihm dafür einen Verleger vermitteln könne? ENDTER und ZIMMERMANN hätten schon abgelehnt...

Dem Manne und seinem gleichzeitig aufgenommenen Sohn wurde der Aufnahmebeitrag stillschweigend erlassen. So weit, so gut. Aber daß er, ohne daß man von seiner weiteren Teilnahme im Orden etwas fände, bis heute in der Stammliste unter dem gräzisierenden Namens-Anagramm MELINTES geführt wird, stellt bestenfalls eine Kuriosität dar.

In GEORG ANDREAS WILLs Gelehrten-Lexicon kommt JOHANN GEORG MEINTEL gar nicht schlecht zur Geltung, doch sollte man die grundsätzlich lokalpatriotische Tönung in Anschlag bringen sowie den Respekt vor der Tüchtigkeit eines aus armen Verhältnissen stammenden Gelehrten, wie es um seine Leistungen auf diesem Gebiet auch immer bestellt gewesen sein mag. Geschont hat sich der ältere MEINTEL gewiß nie. "[...] ist geboren den 21. Nov. 1695 zu Buschendorf, woselbst sein Vater, Wolfgang, Schneider und Nürnbergischer Meßner35 war". Als kleiner Lateinschüler lief er einen Sommer lang jeden Tag, den anderen zweimal wöchentlich, vom (heute noch) abgelegenen Orte Rohr nach Schwabach -- das sind wohl, auf Feld- und Waldwegen, insgesamt zwanzig Kilometer. Er war dabei ein guter Schüler und konnte 1714 nach Jena zum Studieren gehen, 1717 nach Leipzig und Halle; natürlich reichte es nur zum Freitischsystem armer Theologen. "1723, da der Herr Marggraf, Wilhelm Friedrich, Todes verblichen, bemerkte unser Hr. Meintel in dem Namen Wilhelmus Friedericus, am ersten die Jahreszahl 1723, entwarf darüber eine lateinische Inscription von 2 Bögen und überreichte dieselbe mit einer deutschen Uebersetzung bei Hofe; [...] Dieses bahnte ihm den Weg zur Beförderung [...] zu dem Rectorate in Schwabach und der damit verknüpften Adiunctur des Ministerii [... Schulmeister und Hilfsgeistlicher heißt das, weiter nichts.] 1730 erhielte er ein Decret auf die Pfarre Petersaurach, nachdem er das Jahr vorher auf die fürstliche Vermählung [des "Wilden Markgrafen" mit seiner permanent beleidigten Preußenprinzessin] ein Gedicht in deutscher, französischer, englischer und holländischer Sprache verfasset und eine ergiebige Medaille dafür erhalten hatte." Sein nach heutigen Begriffen seltsam unproduktiver Fleiß brachte ihm 1755 die Stadtpfarrei in Windsbach ein. Nun hätte er seinen Aufnahmebeitrag wohl entrichten können... 1757 wurde er sogar aufgrund der Schriften, die es ihm mittlerweile gelungen war zu veröffentlichen, zum Doktor der Universität Gießen promoviert. (Man muß sich allerdings erinnern, daß um diese Zeit GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG eine bei weitem schlechtere Bezahlung in Göttingen in Kauf nahm, nur um nicht an der Landesuniversität seines ehemaligen Stipendiengebers lehren zu müssen, die einen gar zu bescheidenen Ruf genoß.) "Des Hrn. Doctors ältester Sohn, Hr. Mag. Conrad Stephan Meintel, kaiserlich gekrönter Dichter und des Pegnesischen Blumen-Ordens in Nürnberg Mitglied, der zu Altdorf und Jena studieret und sich in Erlangen habilitiret hat", arbeitete mit dem Vater bei verschiedenen Schriften zusammen und soll laut WILL eine Zierde der Wissenschaft gewesen sein. — Warum lassen einen dann die Bedenken angesichts des Aufstiegs dieser Menschen nicht los, warum erscheinen sie symptomatisch für einen Zustand des Blumenordens, der sich nur mit dem Wort 'Sklerotisierung' bezeichnen läßt? BIRKEN hatte auch Patrone gebraucht, FÜRER seine Lust an Kryptogrammen gehabt, HERDEGEN und WILL selber viel Fleiß an obskure Gegenstände verwandt. Den Unterschied macht allein die Abwesenheit jegliches zeitüberschreitenden Konzepts — und eben die Unterwürfigkeit.

Im Grunde war es fortschrittlich — und wirkte sich später auch so aus — daß man die Reihen der Pegnesen mit Neumitgliedern zu ergänzen suchte, die tüchtige soziale Aufsteiger waren. Die Durchlässigkeit des alten ständischen Systems für begabte Kinder wird immer noch nicht gebührend eingeschätzt von den Verächtern eines jeden anderen als des sozialistischen Systems (die dafür mit dem Wort 'Begabung' nichts anzufangen wissen). HARTLIEB-SCLEROPHILUS war der Sohn eines Hutmachers. Ein anderer Neupegnese jener Jahre, JOHANN LEONHART ETTLINGER, war 1714 als Sohn eines Metzgers in Fürth geboren. In Nürnberg erhielt er, u.a. von Rektor MUNZ-PHILODECTES, seine Gymnasial-Ausbildung. Der gute Ruf Jenas in naturwissenschaftlichen Fächern zog ihn zum Studieren dorthin, und er belegte Medizin, wurde aber auch in die dortige "Redner-Gesellschaft" aufgenommen. Nach Altdorf zurückgekehrt, promovierte er über die Ernährung des menschlichen Körpers. 1734 Aufnahme in den Orden. Auf einer Reise nach Holland, wo man damals als wissenschaftlicher Mediziner wenigstens so viel Praktisches lernen konnte wie ein Bader oder Feldscher, vervollständigte er seine Ausbildung, nahm aber auch in Würzburg an einer der seltenen Sektionen teil, praktizierte hernach in Hof und brachte es schließlich zum Leibarzt in Kulmbach. Die Angaben über diese einzelnen Mitglieder können dartun, welches Potential an neuen Kräften der Blumenorden eigentlich hatte, obwohl er es kaum genutzt zu haben scheint. Man wird noch sehen, wie Leute dieser Art einen fruchtbaren Bruch mit der brackigen Überlieferung herbeiführten, einfach dadurch, daß sie die ihnen gewährte Bildung mit ganz anderen, von der Trübung des Gewohnten freien Blicken betrachteten. Nicht um 1750. Da war der Aufsteiger noch zu wenige. Sie ordneten sich, zu ihrem Vorteil, ein.