Ein frühes Beispiel für die Beschäftigung mit einem Altertum, das wegen der vermeintlich gesünderen öffentlichen Zustände erforscht wird, ist bereits der Aufsatz des späteren Präses Colmar aus seiner Studienzeit: «Etwas über die teutschen Schauspiele, nebst einem Rosenblütischen Fasnachtspiel. Eine auserordentliche Vorlesung, bei seinem Aufenthalt in Altdorf an Peter und Paul Fest, von Joh. Albert Colmar, d[er] R.[echte] L[icentia]t. den 25. Junius 1783.» Er befindet sich nicht in den Akten der Altdorfer „deutschen Privatgesellschaft”, sondern im Pegnesenarchiv, ein fadengebundenes Oktavheftchen ohne Deckel und ohne Seitenzählung. Im gleichen Format ist dort die eigenhändige Abschrift des Textes abgelegt, unter dem Titel: «Troya. Ein Fasnachtsspiel aus dem XV. Jahrhundert vom Dichter Hans Rosenplüt, genannt Schnepper. vorgelesen am 22sten August 1791 von Dr. Johann Albert Colmar, OrdensMitglied.» Dies war nun schon in einer Sitzung des Blumenordens geschehen. Colmar trug andererseits keine Bedenken, auch seine Doktorarbeit, in der es gar nicht um Dichtung ging, außerhalb akademischer Gepflogenheiten zu Gehör zu bringen. Dieser Absicht diente die Übersetzung des Manuskriptes «Ius Publicum Norimbergense» ins Deutsche («Abhandlung vom Nürnbergischen Bürgerrecht, 1784»), welche zusammen mit dem Ausgangstext ebenfalls bei den vorhin erwähnten Schriften im Archiv liegt. „Auch ich wollte populär schreiben.“ erklärt Colmar im Vorwort auf Seite 3. Das heißt wohl, daß er seine rechtsgeschichtlichen Erkenntnisse für wert hielt, zur Erhöhung des Selbstbewußtseins seiner Nürnberger Zeitgenossen verbreitet zu werden. Später scheint er zu bestimmten Gelegenheiten auch Verse gemacht zu haben; jedenfalls überliefert sein Biograph einzelne, nicht sehr bemerkenswerte Beispiele. In dem Spruch zu der von ihm gewählten Blume (die Zitronenblüte) ermahnt er sich selbst: „Wirst Du Deiner Brüder wegen auf die Rechte merken,/ o dann fällt die Blüte nicht vergeblich ab.” Die Innerlichkeit soll sich zum Nutzen der Allgemeinheit nach außen kehren. Dies entspricht noch dem Übergang vom empfindsamen Individuum zum Citoyen.


Einen umgekehrten Verlauf nahm die Schriftstellerei bei Johann Gottfried Pahl (s.o.). „Anfänglich bewegte er sich mit Vorliebe und nicht ohne Glück in der romantischen Literatur; wiewohl aber seine ziemlich zahlreichen Schöpfungen auf diesem Felde, z. B. Hillmars Geständnisse vom Lande, die Philosophen aus dem Uranus etc. selbst bei Wieland und von Wessenberg eine ausgezeichnete Anerkennung gefunden hatten, so trieb ihn doch bald der Stern der Tagesbegebenheiten auf das historische und politische Gebiet hin […] Materialien zur Geschichte des Krieges in Schwaben, 1797. Geschichte des französischen Revolutionskrieges, 3 Bde. 1799-1801. […] Eduards Wiedergeburt oder die Entwicklung des religiösen Lebens, 2 Bde. 1811. […] Politische Lektionen für die Deutschen des 19ten Jahrhunderts, 1820.” Nach der Revolutionsära und der napoleonischen Zeit nimmt man eine Bestandsaufnahme seiner frühzeitig durch mancherlei Turbulenzen errungenen Erfahrungsweisheit vor und glaubt, den Grund für den ganzen Rest des neuen Jahrhunderts legen zu können, eine Erneuerung des religiösen Lebens eingeschlossen.


Georg Versemeyer, ein weiterer Schwabe (s.o.), war auf das 16. Jahrhundert spezialisiert und teilte bei seinen Aufenthalten in Nürnberg auf Ordensversammlungen daraus mit. Er befaßte sich auch mit Sprachgeschichte, wenn er etwa im April 1807 über den Dürer-Zeitgenossen Ulrich Varnbühler urteilte, dieser habe, indem er Erasmus übersetzte, trotz seines harten und manchmal schwer verständlichen Ausdrucks im Vergleich zu anderen Prosaisten seiner Zeit die deutsche Sprache nicht schlecht geschrieben und dadurch gefördert. Weitere Studien Versemeyers betreffen Petrarcas «Griseldis» (vorgelesen 15. August 1808); «Über ein paar seltene Ausgaben von zwey Schriften Luthers» (vorgetragen am 8. Mai 1809); «Hieronymus Ziegler, ein Bairischer Gelehrter des 16. Jahrhunderts.» Hieran fällt auf, daß der scheinbare Rückzug in die Studierstube zu einem Ausgreifen in Themenbereiche geführt hat, die vorher kaum gleichgewichtig nebeneinander bearbeitet worden waren: Öffentlicher Sprachgebrauch und Dichtung, fränkische und bayerische Vergangenheit, protestantische und katholische Kultur. Die Vereinigungstendenzen des neuen bayerischen Königreiches bilden sich indirekt ab. Versemeyer ist als ehemals reichsstädtischer Ulmer den Hauptumbrüchen dieser Tage in gleicher Weise ausgesetzt wie seine Ordensgenossen in Nürnberg.


Den Klassizismus in der Literaturkritik vertritt im Blumenorden unter anderen der Schriftführer Nikolaus Adam Heiden (s.o.), und es ist zum mindesten kurios zu nennen, wie er noch 1809 bei der Abgrenzung vom längst überholten „Sturm und Drang” gleich auch die Dichtung aus der Frühzeit des Ordens abqualifiziert, noch frühere, “altdeutsche”  Dichtung aber, dem zwischen Griechenverehrung und Mittelalterschwärmerei schwankenden Zeitgeschmack huldigend, gerade aus ihrer scheinbaren Nähe zum Ursprung aller Kultur Hochschätzung angedeihen läßt: „Unsere Kraftmänner des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts waren gar keine Verächter der Alten; sie zürnten nur mit der abgezirkelten Theorie des Vaters Aristoteles und mit den darauf gebauten, mühsam zu befolgenden Grundsätzen des feinen Kritikers Batteux. Aber auch diese beyden Theoristen rächten sich so nachdrücklich an ihnen, daß ihr wilder Lärm nun schon seit geraumer Zeit schweigt, und daß man bereits ihre Werke neben den Produkten eines Filip von Zesen, Sigmund von Birken und ähnlicher Schriftsteller ruhig schlummern sieht. Ohne Kenntniß auswärtiger Muster und vorzüglich der Alten, kann kein wahrer Künstler und kein wahrer Dichter gebildet werden. Selbst Hanns Sachs, der Volkssänger, wäre ohne dergleichen Lektüre, — wozu ihm freylich nur Übersetzungen, so gut sie damals zu haben waren, dienen mußten, — das nicht geworden, was er war.”


So zog sich also, wie das Nebeneinander offizieller Baustile in neugotischen und griechischen Formen in Musterbüchern Leo von Klenzes, das entsprechende neubairische Literaturinteresse schon früh durch die Sitzungen des Blumenordens. Bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts lesen sich die Sitzungsprotokolle wie Anschauungsmaterial zu der im Frühjahr 2006 eröffneten Nürnberger Ausstellung „200 Jahre Franken in Bayern”:


Geschehen Nürnberg im Gasthof zum weißen Schwan. Montags den 7. May, 1821.

[…] Hierauf wurde

I.) durch den Herrn Präses des schätzbaren Geschenkes ruhmvoll und dankbar erwähnt, welches Herr Marktsvorsteher Frank der Ordens-Bibliothek mit dem von Herrn Rath Becker zu Gotha herausgegebenen schönen Werk: „Hanns Sachs im Gewande seiner Zeit“ gemacht hat […]

V.) Von Herrn Diakonus Wilder wurde ein Schreiben des verewigten Herrn Architekts Baron von Haller [des sogenannten „Griechen-Haller”] an dessen Bruder Herrn Major von Haller in Königsberg, über des Ersteren Reise in Griechenland, vorgelesen.

VI.) Herr Ministerialrath Roth las einige bisher ungedruckte Briefe des bekannten verstorbenen Schriftstellers Hamann ab, welche demnächst im Druck erscheinen sollen.” —

Geschehen Nürnberg im Gasthof zum weißen Schwan. Montags den 12. November, 1821.

[…]

II.) […] dankbare Erwähnung der Geschenke, welche der Ordens-Bibliothek

1) von Herrn Pfarrer Michahelles mit dem von ihm verfaßten Auszug aus der vaterländischen Geschichte von Baiern,

2) von Herrn Dr. Wolf mit dem 10den Heft des II. Bandes der Abbildungen und Beschreibungen merkwürdiger naturwissenschaftlicher Gegenstände gemacht worden sind. [… die vorigen hat er auch schon nach und nach sowie sämtlich, wie früher Panzer seine typographischen Schriften, dem Orden eingereicht.]

 

III.) Verschaffte der verehrungswürdige Veteran unserer vaterländischen Literatur Herr Graf von Soden den anwesenden Ordens-Mitgliedern [22 Personen] eine höchst angenehme und interessante Unterhaltung, durch die Ablesung einiger Stücke aus einer noch ungedruckten Geschichte des bekannten fränkischen Ritters Götz von Berlichingen, so wie durch die Fortsetzung der bey einer der vorigen Versammlungen bereits zu lesen angefangenen humoristischen Erzählung: „Reise in Kakokampo“.


Wie schrieben diese Leute, wenn sie selber dichteten?