Erstes Beispiel: Bürgertugend im Gedicht für einen Patrizier


Auf Seite 29 der Oederschen Sammlung beginnt sein Ehrengedicht an Herrn Gustav Georg Tetzel von Kirchensittenbach, zu Vorra und Artelshofen, etc. Ihro Römisch-Kayserlichen Majestät würklichen Rath, und des ältern geheimen Raths der Stadt Nürnberg etc. Es enthält die bemerkenswerten Zeilen:
Die Tugend nimmt an sich, wie Marmor, keine Schminken,
Und kan sich damit schon beglückt und herrlich dünken,
Daß zum gemeinen Wol ihr Wolthun Nutzen schafft,
Wie Ströme, die getrost aus ihren schönsten Höhen,
Dem Land, nicht sich, zu gut, durch stille Thäler gehen.
Hier finden sich auf engem Raum die wesentlichen Leitbegriffe der bürgerlichen Aufklärungsphase, in der neue Schichten über akademische Qualifikationen nach Besitz strebten, in ihrem Streben nach Durchlässigkeit der Standesschranken moralische Argumente gegen eine Einordnung gemäß dem Rang der Geburt gebrauchten und sich mit den bisher verachteten und beschränkten kleinen Gewerbetreibenden zusammentaten, um statt des Reichtums die Kreditwürdigkeit, statt des Geizes die Investitionsbereitschaft, statt der Repräsentation die Produktivität auf ihre Fahnen zu schreiben und alle Welt danach zu messen: 'Tugend', 'Gemeinwohl', 'Wohltätigkeit' (im Sinne von Anregung der Wirtschaft), 'Nutzen', und ÷ im Bild — Entäußerung der adligen Vorrechte, Abkehr von einem Leben des müßigen Genusses zugunsten der Arbeit für das Land. Es kann gut sein, daß Herr TETZEL ein altnürnbergisch guter Haushalter war und patriarchalisches Wohltun übte. Indem man ihm in diesen Worten schmeichelte und ihn dadurch in die Pflicht nahm, ein Citoyen zu werden, untergrub man allerdings die geistigen und politischen Grundlagen seines Daseins. Ob er es geahnt hat? Ob es MUNZ gemerkt oder gar beabsichtigt hat?

Immerhin muß man für eines seiner Hauptwerke einen Rednerwettstreit betont weltabgewandten Inhalts ansehen: Die in den Leiden JESU geoffenbarte Liebe. In einem Teutschen Redner-Auftritt gezeiget von Georg Christoph Munzen/ Nürnberg, gedruckt mit Felßeckerschen Schrifften, An. 1735. Es handelt sich um "oratorische Passions-Übungen", in denen Schüler des Egidiengymnasiums von ihrem Rektor Texte vorzutragen bekamen, die teils Streitgespräche in Prosa, teils längere Reden, teils Oden und teils tatsächlich musizierte Kantaten waren, immer schön abwechselnd. Die Aufführung, deren erbauliche Wirkungsabsicht, Länge und Vielgestaltigkeit vielleicht auf die Form der von KLAJ und BIRKEN in Nürnberg eingeführten Rede-Oratorien zurückgeht — näheres mögen zünftige Barockforscher untersuchen — beschäftigte eine ganze Reihe von jungen Herrschaften, deren Familiennamen später bei anderen Personen im Blumenorden wieder auftauchen. So hatte u.a. ein JOHANN PHILIPP DIETELMAIR zu untersuchen, "ob die etwas freyen Poeten mögen entschuldigt werden" — natürlich konnten in einer Passionsübung die "Galanten" mit ihren zuckrigen Zoten nicht entschuldigt werden!