Eigene Werke der Nürnberger Mitglieder

Obwohl es noch viele weitere Schriftstellernamen gibt, die in den Protokollen der Freitagsversammlungen eine Rolle spielen, wird es aus Platzgründen höchste Zeit, einen Blick auf selbstverfaßte Texte der Pegnesen am Ort zu werfen. Sie spiegeln das Gemenge der Zeitströmungen.

Fürst-Bismarck-Lied.
Melodie: Kommt Brüder trinket froh mit mir.
Nun, deutsche Männer, tretet an
Und schaart Euch froh zu Reihen,
Heut gilt es einem stolzen Mann
Ein stolzes Lied zu weihen!
Wir feiern seinen Ehrentag
Bei Red und Lied und Festgelag:
Fürst Bismarck ist der Mann,
Stoßt an, stoßt an! […]

Ende März 1893. Dr. W. Beckh.

Rudolf Geck las in den Wochenversammlungen der Jahre 1895 und 1896 regelmäßig seine Gedichte vor, fast als ständige Programmpunkte, und erntete damit „ungetheilten Beifall“. Einige Proben:

Küsse mich auf beide Augen
Küsse mich auf beide Augen
Daß sie träumen von den deinen,
Daß sie dich im Traume sehen,
Daß am Tage und zur Nacht sie
Deinen weichen Atem fühlen,
Deiner Lippen weiches Pressen —
[vor den letzten beiden Versen stehen Bleistift-Fragezeichen]

Küsse mich auf beide Augen
Daß entfernt vom Taggewühle,
Unter lärmendem Gehaste
Sie doch immer deiner denken;
Und nur dich, ja dich nur suchen.

Küsse mich auf beide Augen
Daß in heil’gem Zorn sie glühen,
Daß sie mitleidsvoll sich senken
Daß der Träume weiche Welle
Nur im Lichte zitternd falle!
Küsse mich auf beide Augen.

II.
Mütterchen ist eingenickt,
Nur der Regulator tickt,
Zwischen uns der Tisch und ich
Neige flugs hinüber mich.

Standen beide auf den Zehen,
Tief in’s Auge uns zu sehen,
Waren uns so nah, und da —
Ja, wer weiß, wie es geschah?

Mütterchen ist aufgewacht,
Hat in sich hineingelacht,
Spricht vergnügt und aufgeräumt:
Kinder ich hab hübsch geträumt.

III
Stürzt ich, ein brausender Waldbach zu Thal!
Ahntest du mich schon früher einmal?

Wie ich durch blühende Wiesen geschäumt,
Hast du an meinen Ufern geträumt!

Leuchtende Farben! Lippen so rot!
Hüte dich Blume! Mein Kuß ist der Tod!

Neigtest dich dennoch! Entwurzelt, verblaßt,
Ruht mir im Arm, die ich stürmend umfaßt.
Dröhnende Qual! Doch ich laß dich nicht los,
Liebliche Leiche in meinem Schooß!

Klagend umfängt dich Thränengeleit:
„Rede nur Blume: ist es dir leid?“

IV
Alle meine kleinen Lieder
Unter ihrem Kissen liegen
Und zu mitternächt’ger Stunde
Wird sie darauf ihr Köpfchen schmiegen.

Und den kleinen Liederseelchen
Bin Gebieter ich und Meister,
Sie gehorchen meinem Winke,
Also sag ich Euch, Ihr Geister:

Tollen Unsinn sollt Ihr treiben,
Schlüpft hervor aus dem Verstecke,
Bildet raschelnd einen Reigen,
Schwebt und huschelt bis zur Decke!

Zieht sie an den ros’gen Öhrchen
Drin die Bernsteinperlen hangen,
Zupft sie an den kleinen Füßchen
Die heut nicht zu mir gegangen!

Macht ein wüstes Durcheinander!
Tanzt und kichert, meine Wichtchen,
Lüpft die Decke, zerrt das Kissen!
Streichelt husch, ihr das Gesichtchen!

Herzt sie! Aber laßt das Küssen!
Blast sie! Zaust die schwarzen Haare!
Scheucht das eigensinnge Fältchen
Zwischen ihren Augenpaare!

Flattert! Gaukelt! Aber lieblich!
Wehe Euch, wenn sie erwachte!
Herzt sie, bis im Traum sie lächelt!
Rückt das Köpfchen! Aber sachte!
VI [diagonal gestrichen:]
Oft in der Arbeit halt ich ein,
Daß ich die Augen mir erfühle —
Dann fühl ich heißer Flammen Schein
Und ungeahnte Lichtesfülle!

Ich weiß daß du’s mein Seelchen bist,
Das eilig, im Vorüberfliegen —
Mir feurig Mund und Augen küßt,
Doch heimlich, heimlich und verschwiegen.
Das war wohl das Äußerste an Fin-de-siécle-Erotik, was der Blumenorden  verkraftete. Aber Geck konnte auch Naturalismus:

Schläferin

Durch’s Gelände, durch die Wälder braust der Bahnzug. — Auf der Bank
Sitzt ein Weib mir gegenüber das in leisen Schlummer sank.

Dürft’ge Kleider! Harte Hände! Ein verrunzelt Angesicht.
Durch das Fenster flutet breites, gelbes Morgensonnenlicht!

Nicht verklärend! Nein verschärfend, unerbittlich jeden Zug!
O, der Wunden! O, der Narben, die ihr Leid und Arbeit schlug!

Seine Schatten grub das Leben, scharf um Nase ihr und Kinn.
Schweres Atmen! Alles deutet: Siehe eine Kämpferin!

Nun auf kurzer Strecke schläft sie: Störe nimmer ihre Ruh!
Ihre Narben sind geheiligt und sie kämpfte mehr als du!

Es war keineswegs so, daß ein Mitglied irgendetwas liefern konnte, was dann automatisch gutgeheißen worden wäre.

9. W.V. Freitag den 28. Febr. 1896
[…] Ferner „Clara“ ein Drama in 5 Aufzügen von unserem Mitglied Reusch. Es muß hier der Wille für die That gelten und die Anwesenden ehrten denselben dadurch, daß sie die Lesung über sich ergehen ließen. […]

Wenn man weiß, daß jedes dieser Protokolle am Anfang der folgenden Sitzung verlesen wurde und durch Abstimmung genehmigt werden mußte, wird die Zurechtweisung, die der glücklose Autor hinnehmen mußte, erst deutlich. Auch Änderungswünsche wurden zu Protokoll gegeben:

7. April 1899     13. Wochenversammlung
[…] Ueber Kügemanns Schauspiel „Wachtmeister Frommel“ entspinnt sich ein lebhafter Meinungsaustausch. Geißler wünschte eine weniger rasche Entwicklung des Schlußes, Wingenroth findet den verarbeiteten Stoff zu reich und glaubt daß der Inhalt des Stücks als Roman glücklicher verarbeitet werden könnte. Heller theilt diese Meinung und kritisirt das Zusammendrängen so vieler Handlungen. Eine sich anschließende Debatte über eine Titeländerung des Schauspiels bringt zwar manchen Vorschlag und wird als bester Titel „Die beiden Frommel“ bezeichnet.

Die Verbreitung von Texten aus dem Nürnberger Kreis des Blumenordens beschränkte sich nicht auf die Mitgliedschaft und die Besucher von Ordensveranstaltungen.

15. Wochenversammlung am Freitag den 22. April 1898
[…] Beckh [verlas] seine für die Veröffentlichungen des Alpenvereins verfaßten Verse „Hohenstein“ „Der Wichsenstein“ […]

7. October 1898     31. Wochenversammlung
[…] Es wird beschloßen, daß nächsten Freitag jedes heute anwesende Mitglied ein oder zwei Sprüche, die für den neuen Rathskeller geeignet sind, mitzubringen hat. […]

Am 14. October 1898 32. Wochenversammlung
[…] In Folge des Beschlußes in voriger Sitzung wurden die für den Nürnberger Rathskeller bestimmten Sprüche verlesen und berathen
Schmidt 4 Sprüche
Geißler 4
Knapp 8
Bernhold 1
Beringer 2
Lambrecht 4
Beckh 3
[Bleistiftnotiz: „angenommen wurden seinerzeit 1 v. Schmidt 1 v. Beckh die zum großen Theil Anerkennung fanden.“ …]

D. 21. October 1898 33. Wochenversammlung
[Beckh] verliest hierauf nochmals die Verse, die von der Tafelrunde für den Rathskeller gefertigt worden waren. Er fügte noch 7 Verse von sich und verschiedene Sprüche und Reime von Seyfried an. Es wurde aus allen vorhandenen Gedichten eine Auswahl getroffen und beschloßen, diese dem Herrn Bürgermeister Schuh zu übergeben. […]

Prolog für den Wohltätigkeitsabend zum Besten der Nürnberger Stadtmission
Mittwoch, 27. November 1912 im Evangelischen Vereinshaus

gedichtet von Dr. Emil Reicke
gesprochen von Fräulein Grete Riedel


Gilt es nicht ein Abschiednehmen
Draußen jetzt in Wald und Heide?
Herbstes letztem Schmuck zu Leide
Hat November aufgeräumt.
Schrumpflig welk an dürren Ästen
Hängen ein paar Blätter nur.
Und aus dem Gewölk, dem grauen,
Scheint der Alte schon zu schauen,
Der die kahlgewordnen Auen
Breit mit weißem Tuch besäumt.

Früh schon naht der Nächte Dunkel.
Aber in den Straßen flimmert
Helles Licht. Aus Läden schimmert
Bunter Schätze Glanz darein.
Abendlich nicht mehr im Freien
Tummelt sich der Kinder Schwarm.
Nur verstohlen durch die Scheiben
Seh’n sie wirre Flocken treiben,
Möchten gern im Zimmer bleiben
Bei der Lampe trautem Schein.

Frohe Kinder! Mutterliebe
Hängt an Eure roten Wangen
All ihr sorgend süßes Bangen,
Triumphierend der Gefahr.
Jahre ziehen. Sanft verrauschet
Ungetrübter Jugend Glück.
Seht Ihr nicht beim Geigenklingen,
Wie sie schon im Tanz sich schwingen,
Hand in Hand dann fester schlingen,
Sich zu einen am Altar?

Aber denkt Ihr, treue Eltern,
Jener Kinder auch hinieden,
Die, von Schicksals Gunst gemieden,
Niemand sich zu Tische lud?
Hohl aus halbzerbrochnem Fenster
Grinst uns Gram und Zwietracht an.
Wie soll Kindes Herz erwarmen,
Wenn selbst aus der Mutter Armen
Haß ihm wächst und das Erbarmen
Nie an seiner Wiege ruht!

Unbehütet, bar der Liebe
Möchten auf verschneiten Feldern
Einsam selbst in finstern Wäldern
Nicht verlieren sie den Pfad.
Aber in dem Qualm der Städte
Fällt das Opfer ungehört.
Glück suchst Du Dir zu gewinnen,
Töricht Kind, und wirst nur innen,
Daß es jäh Dir muß entrinnen,
Krampfend die Verzweiflung naht.

Ausgebrannt in leerer Kammer
Ist das letzte Licht. Die Stiegen
Schnell hinunter! Flocken fliegen,
In den Haaren zaust der Wind.
Schatten schwanken, irres Leuchten
Spiegelt sich im dunklen Fluß.
Dem das Leben brach in Stücke,
Ach, wer hält das Weib zurücke,
Daß es sich nicht von der Brücke
Stürzt mit vaterlosem Kind!

Oft vergebens rufen Stimmen:
Bleibe! Gib Dich nicht verloren!
Denn auch Du bist auserkoren
Neuem Leben, nicht dem Tod.
Oft vergebens! Doch nicht immer.
Denn der Helfer ist am Werk.
Treue Schwestern in den Gassen
Suchen jene, die verlassen,
Kennen sie am Blick, dem blassen,
Heben sie aus Schmach und Not.

Und auf glattgestrichnen Kissen
Betten sie, die sie gefunden.
Heiliger Ruhe fromme Stunden
Laben sie zum ersten Mal.
Nie noch so mit sanftem Streicheln
Hat der Morgen sie geweckt.
Hauses Frieden recht zu spüren,
Lernen sie die Hände rühren,
Folgsam nach der Schwester Führen;
Seligkeit auf solche Qual!

Und für weitren Daseins Kämpfe
Stählet sich der Kräfte Streben.
Oft schon ward zu bessrem Leben
Hier der Keim ins Herz gesenkt.
Doch wie schwach sind unsre Hände
Und wie riesengroß das Leid!
Will er Segen sich erraffen,
Darf der Helfer nicht erschlaffen,
Muß er unermüdet schaffen,
Gottvertrauend, Gottgelenkt.

Schaffet mit! Seid uns willkommen,
Die Ihr fehlen heut beim Feste
Nicht gewollt, liebwerte Gäste,
Treu dem Ruf der Stadtmission.
Helft ein eigen Heim ihr bauen,
Das der alte Geist durchweht.
Glaube zündet lichte Kerzen,
Liebe sucht nach fremden Schmerzen,
Hoffnung quillt in wunden Herzen,
Das sei Euer Dank und Lohn.

Eindringliche Gebrauchslyrik, aus der zumindest hervorgeht, daß man das Problem der dysfunktionalen Familien, der emotionalen Verwahrlosung durch die Armut, sehr wohl kannte — und dagegen auch etwas anzubieten hatte, illusionslos.
Von dem Rechtsanwalt Dr. Fritz Buchmann, in den Orden aufgenommen im Jahre 1900, sind Gedichte aus den Jahren 1903 bis 1907 erhalten. Eines ist in der Art der Wortzusammensetzung und im Satzbau, ja im Oh-Mensch-und-Kosmos-Pathos gewissen Texten Rudolf Steiners ziemlich ähnlich. Es ist jedenfalls modern, insofern es zur Zeit des Jugendstils bereits auf den Expressionismus voranweist:

Auferstehung!

Wir beteten also:
    Du Heiland der Welt,
    Komme zu uns
    Und bleibe mit uns,
    Und heile uns —!
    Du Land der Sehnsucht,
    Heimat des Herzens!
Und eine Stimme uns hörend sprach:
    Den Weltenheiland,
    Ihr Erdenkinder,
    Hegt Euch die Tiefe der Brust,
    Den Himmelsgedanken in Euch.
Wir aber fragten:
    Wie sollen wir suchen
    Den Himmelsgedanken?
Und die Stimme sagte:
    Suchet, Suchet,
    Den Himmelsgedanken!
    Aus dunkler Nacht
    Ferne im Osten
    Grauet der Morgen.
    Ferne im Osten
    Leuchtet ein Strahlen,
    Die zitternden Schleier
    Sieghaft zerteilend.
    Der Erde Flur
    Schmückt mit Edelgestein
    Blitzend ihr duftend Gewand —
    Ein Reh schreit im Ried —
    Erdgeruch — ahnende Kraft,
    Wache, wache zum Tag
    Ahne das kommende Glück.
Wir fragten wieder:
    Wie sollen wir finden
    Den Himmelsgedanken?
Da kam die Antwort:
    Heil dem Tage!
    Die Glocken läuten
    Vom hohen Turm,
    Der furchende Pflug
    Durchgräbt das Gefield [sic]
    Harrend der Saat.
    Die Schmiede durchblitzt
    Sprühendes Eisen.
    Wohin Du blickest
    In Dorf und Stadt
    Tätiges Walten!
    Schwinge den Hammer,
    Füge die Form dem Stahl,
    Wirke, wirke dem Tag,
    Lass erstehen das Werk!
Wir aber forschten:
    Unfroh der Mühe,
    Wir sollen wir fassen
    Den Himmelsgedanken?
Und über uns
    Mit ehernem Klange:
    Heil dem Abend
    Des Schöpfertages!
    Wer Rast sich streitend erkämpfte
    Wer Ruh sich wirkend erzwang,
    der umsonst nicht gelebt
    Zu faulem Gaffen,
    Der fühle der Götter
    Schirmende Weisheit.
    Möge erklingen das Lied,
    Mög das Gebilde erstrahlen,
    Wissend, dass Du gerungen,
    Dass Du in Treuen gewirkt —
    So nütze, nütze den Abend.
    Dem erschaffenen Willen zum Dank
    Gedenke des Lebens
    Und trete hin zur Geliebten.
    Küsse des Kleides Saum,
    Ihr Haar und Mund —
    Und sage ihr stolz,
    Dass Du treu gewesen,
    Ihr getreu und dir selbst,
    Treu dem Wollen zum Dasein.
    Erhöhe Dich selbst
    Zur Grösse der Seele,
    Die gläubig Du fandest.
    Künde ihr Preis,
    Dass der Himmelsgedanke
    In eigner Brust
    Sich innig verkläre,
    Die Heimat des Herzens
    Gestaltung gewinnend:
    Denn siehe, da schreitet
    Dein Weltenheiland,
    Der Friede Sehnsucht. —
    Das Glück,
    Das unendliche Glück! …
Im Januar 1907 begann Max Schneider sich im Orden bemerkbar zu machen; selten verging eine Sitzung, in der nicht Gedichte von ihm mit Beifall vorgetragen wurden. Er hätte den Orden als Podium nicht nötig gehabt, wie sein umjubeltes Festspiel „Das Leben“ zeigt, das beim Künstlerfest am 8. Januar 1908 zur Aufführung kam. Wilhelm Beckhs Feuilleton zu diesem Anlaß wurde im „Fränkischen Kurier“ abgedruckt: