Einwirkungen auf den Blumenorden von auswärts

ROSAMOR
— das ist SIGMUND JACOB HOLZSCHUHER, geboren 1710 — studierte 1731/32 in Leipzig, das sich damals gerade zu einer Hochburg der Aufklärungsphilosophie entwickelt hatte. Er verschaffte sich Einblick in "des Welt-berühmten Philosophen unserer Zeit, Herrn Wolffens Anfangs-Gründe der Mathematischen Wissenschaften". Auch hätte er genau der Generation angehört, die sich als erste mithilfe einer philosophischen Methode über den Streit der Konfessionen erhob, und zwar nicht individuell im Gelehrtenstübchen, sondern mit Breitenwirkung. Leider war dem jungen Herrn keine lange Wirkung mehr beschieden, und er zog es vor, todkrank geworden und nach Hause zurückgekehrt, im Frieden mit seiner ererbten religiösen Weltanschauung zu sterben, 1740.

Es gab frühere Beispiele der Verbreitung wolffianischen Gedankenguts im Nürnberger Gebiet, wenn auch außerhalb des Ordens. Da ein jedes Landeskind verpflichtet war, wenn es studieren wollte, wenigstens ein Jahr auf der eigenen Hochschule in Altdorf zuzubringen, sind Kenntnisse aus zweiter Hand bei keinem auszuschließen, sobald es in Altdorf wolffianische Professoren gab. Ein solcher war MICHAEL KELSCH, der seit 1720 Philosophie und von 1731 bis 1742 Mathematik und Physik las. Er regte zum Beispiel einen jungen Theologen namens JOHANN MAYER an, nach Halle zu gehen und WOLFF zu hören, wie GEORG ANDREAS WILL, selber ein Wolffianer in Altdorf, später berichtete. So gelangte der rationalistische, tugend- und fortschrittsgläubige Predigtstil auch auf Nürnberger Kanzeln.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt des Ordens an neuere Entwicklungstendenzen ist gegeben in der Person des IRENÄUS (JOHANN AUGUSTIN DIETELMAIR, geboren 1717). Er ging 1737 nach Halle und hörte dort Vorlesungen des ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN, also desjenigen Philosophen, der auf der Grundlage des Wolffianischen Systems die Ästhetik als wissenschaftliche Disziplin begründete. Grund genug, auf DIETELMAIRs Wirken im Orden neugierig zu sein. Daß er sich zu einer Auffassung geoffenbarter Religion hingeneigt haben könnte, die auch nach den außerkirchlichen oder gar natürlich herleitbaren Quellen solcher Glaubenswahrheiten fragt, ist vielleicht belegbar anhand seines Werkes Dissertatio Epist.[olaria?] de Religione Christiana Philosophiae nomine a veteribus compellata , anscheinend einer Abhandlung in Briefform über die christliche Religion, soweit sie sich unter der Bezeichnung "Philosophie" schon bei den "Alten", den antiken Schriftstellern, auffinden läßt. DIETELMAIR wurde 1741 aufgenommen. Von 1774 bis zu seinem Tode 1785 war er Präses.

Ein tätiger Mitarbeiter am Umbau des Zeitgeistes war zweifelsohne FERRANDO III . (JOHANN ANDREAS FABRICIUS, geboren 1696). Er war während seiner Leipziger Studienzeit zunächst in das von AUGUST HERMANN FRANCKE gegründete "Collegium philo-biblicum" eingetreten, einen pietistischen Bibel-Lesekreis. Schon dadurch bewies er, daß er gesonnen war, gegen den Strom zu schwimmen, denn es war noch nicht allzulange her, daß FRANCKE auf Betreiben der Orthodoxen die Stadt verlassen hatte müssen. 1715 bis 1718 war er außerdem Mitglied in der Redner-Gesellschaft, ähnelte nach Anschauungen und Neigungen also durchaus den zeitgenössischen Pegnesen. Seine im Jahre 1722 abgehaltene Disputation trägt aber schon den durch und durch rationalistischen Titel: De summa hominis in hac vita felicitate — "Über die höchste dem Menschen in diesem Leben erreichbare Glückseligkeit"! Es ist selbstverständlich, daß eine solche diesseitsbezogene Erörterung damals die Kirche im Dorf und den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Es wird an Beteuerungen, die höchste Glückseligkeit überhaupt liege in der ewigen Anschauung Gottes im Jenseits, nicht gefehlt haben. Aber eine neue Weltanschauung bricht sich ja nur selten durch schroffe Ablehnung der bestehenden ihre Bahn. Eine Verlagerung der Thematik, vielleicht eine Betonung einer bisher unterschätzten Denkweise ist zunächst das einzige, was davon zu spüren ist. CHRISTIAN WOLFF selbst war überzeugt, endlich einen Weg gefunden zu haben, wie man unter Anwendung von Verstand und Vernunft ein überzeugter Christ sein könne. FABRICIUS aber gerät nun unter den Einfluß derjenigen, die auf mathematische Weise aus bestimmten Grundbegriffen alle Erscheinungen der Welt in ihrem sinnvollen Zueinander ableiten wollen: möglicherweise unter den Einfluß GOTTSCHEDs, des bedeutendsten Verbreiters der Wolffianischen Lehre, denn 1724 wird er Mitglied in der Leipziger "Teutschen Gesellschaft". Diese war eben dabei, sich aus einer barocken Sprachgesellschaft unter dem Einfluß JOHANN FRIEDRICH MAYs und des jungen GOTTSCHED zu einer aufklärerischen Normierungskommission für deutschen Sprachgebrauch zu entwickeln. Genau das hätte man in Nürnberg zu dieser Zeit auch tun können. Man sah aber nicht -- oder wenn man es sah, dann nur unter endlosen Bedenklichkeiten -- daß ein solcher Kreis gerade dazu den Sprachgebrauch beeinflussen werde, um das Denken der Zeitgenossen auf bestimmte Bahnen zu lenken.

FABRICIUS, der Auswärtige, veröffentlichte schon 1724 eine Philosophische Redekunst. Es war drei Jahre, nachdem CHRISTIAN WOLFF von seinem Lehrstuhl in Halle vertrieben worden war — diesmal auf Betreiben der Pietisten! Das focht FABRICIUS nicht mehr an. Sein 1728 erschienenes Buch Vernünftige Gedanken von der moralischen Erkänntnis der menschlichen Gemüther könnte, was den Titel (und wohl auch die Methode) betrifft, genausogut von WOLFF sein; dieser fing seine sämtlichen Schriften mit "Vernünftige Gedanken..." an. 1733 wagte sich FABRICIUS auf das Gebiet seines Meisters und schrieb eine Logik. In die Sprachpflege fällt eine Schrift Specimen orthographiae Teutonicae demonstratae , die als Vorlesungsprogramm erschienen ist. Man machte sich jetzt allen Ernstes an die landesweite Regelung der Rechtschreibung, konnte jedoch die gewaltigen Stoffmengen vorerst nur an Beispielen, als "specimen", behandeln. (Daß der Titel lateinisch war, zeigt, wie das vielerorts noch gültige Verbot griff, die deutsche Sprache in der Wissenschaft zu gebrauchen. WOLFF fing dagegen um diese Zeit an, seine früheren Werke, in denen er eine deutsche Wissenschaftssprache erst eigentlich geschaffen hatte, zum Gebrauch des Auslandes ins Lateinische zu übersetzen. Diejenigen, die deutsche Vorlesungen für skandalöse Unbildung hielten, wollten ja auch im Grunde nur gute Europäer sein. Bloß schrieb man anderswo schon seit Jahrhunderten wissenschaftliche Werke auch in der Landessprache.) 1741 lehnte FABRICIUS — er war unterdessen Rektor eines Gymnasiums in Braunschweig geworden — eine Berufung nach Gießen zum Professor der Redekunst und Poesie ab. Die Stelle wäre vermutlich mit geringeren Einkünften verbunden gewesen. Nach Altdorf hätte er unter diesem Gesichtspunkt erst recht nicht gehen dürfen. Aber um Aufnahme in den Pegnesischen Blumenorden suchte er nach, 1743. Es muß Pegnesen gegeben haben, die ihm als wahre Zeitgenossen und gelehrte Leute erschienen. Vielleicht wollte er auch einen weiteren Stützpunkt zur Verbreitung des "Lichtes der Vernunft" auftun. Er war aber nie in Nürnberg.