Friederich, der Schillernde

Dennoch lohnt es wegen anderer Verdienste, die Person Friederichs noch genauer zu beleuchten. Wer könnte es besser als sein Freund Leuchs? D. Johann Andreas Friederich, Reichsstadt Nürnbergischer ordentlicher Advokat. Eine treue biographisch karakteristische Schilderung, im Namen des Pegnesischen Blumenordens, dessen würdiges Mitglied und thätiger zweiter Consulent er war, gefertiget von einem seiner Freunde und Kollegen, D. Leuchs. Nürnberg, 1802.

Friederich war etwa ein Altersgenosse Schillers, geboren am 26. Februar 1758. Sein Vater war "Großpfragner" (Lebensmittel-Großhändler) und Salzhändler. Es war nicht selbstverständlich, daß man bei solcher Herkunft Jura studierte. Er war eben ein tüchtiger Schüler und fand Gönner. Schon auf der Schule war er übrigens mit Link zusammen. Später studierte er eine zeitlang in Jena, dann wieder in Altdorf. 1781 begann er seine Berufslaufbahn als "außerordentlicher Advokat" in Nürnberg, wurde bereits ein Jahr später als "ordentlicher Advokat" zugelassen und konnte in dieser Stellung ans Heiraten denken. Seine Erwählte war die älteste Tochter "des ehemaligen Vorstehers des Pegnesischen Blumenordens, des verstorbenen Doctors und Professors der Theologie, Johann Augustin Dietelmairs zu Altdorf." Hieraus erklärt sich zum guten Teil, wie die "teutsche Privatgesellschaft" später zum Blumenorden kam; was an der Erklärung noch fehlt, ergibt sich aus Friederichs Charakter: Er war ein leidenschaftlicher Pläneschmied, um nicht zu sagen Intrigant, und als Jurist ein Naturtalent. "Während Link ängstlich über dem Buchstaben des Gesezes brütete, spührte Friederich dem Gange der Cabale nach, und während Jener an einer gelehrten Deduction arbeitete, hatte dieser mittelst seiner Welt- und Menschenkenntnis die Cabale erreicht und durch Beredsamkeit besiegt. In den meisten Processen, von welchen ich weiß, daß Friederich Links Gegner war, verlohr Lezterer; [...]"



Sein Pläneschmieden artete allerdings zuweilen in Luftschlösserbau aus. Wie sollte es nicht — ohne Gewerbefreiheit, ohne große Kreditanstalten. Viele aufgeweckte Köpfe machten sich in jener Zeit Gedanken, wie der drückenden Enge und den Geldsorgen eines klein- oder mittelstädtischen Gelehrtenlebens mit Finanzprojekten oder Landgut-Bewirtschaftung zu entkommen wäre. Wieland, Heinrich von Kleist... Von den wenig bemittelt geborenen Schriftstellern jener Zeit gibt es fast keinen, der nicht Projekte gemacht hätte, und keinen, dem sie gelungen wären. (Selbst Goethes Freund Merck verspekulierte sich und nahm sich das Leben.) Und Friederich: "[...] sein Geist ließ sich durchaus nicht an einerlei Gegenstände fesseln. So verfiel er mit unter, auf Projecte und Negotiationen." Manche sollen geglückt sein, seltsamerweise aber nicht die, worin er auf eigene Rechnung arbeitete. Auch beruflich ging nicht alles glatt. Ab 1794 war er Genannter des Größeren Rats — eine Ehrenstelle, ohne jede Besoldung. Als er sich bei der Beförderung übergangen fühlte, zeigte er die Charakterfestigkeit, sie niederzulegen, grämte sich aber nicht, weil, wie er sich richtig vorsagte, "[...] wenn er jene Stelle erhalten hätte, sie ihm mehr schädlich als nüzlich gewesen wäre [...]" Nebenbei arbeitete er wissenschaftlich, und zwar das Handels- und Finanzwesen betreffend, und leitete seine Aufsätze den zuständigen Behörden zu. (Hier haben wir wieder eine der Quellen, aus denen sich die industrielle Wiedererweckung Nürnbergs im 19. Jahrhundert speiste.) Er dilettierte auch auf theologischem Gebiet. (Ob er sich damit seinen Schwiegervater warmhielt?)

Am liebsten aber widmete er seine Freizeit der Dichtkunst. Er hätte nach Schätzung seines Freundes Leuchs zwei Oktavbände gesammelter Gedichte herausgeben können, aber nur weniges wurde verstreut in Almanachen veröffentlicht, das meiste ging wohl verloren. Ihm war das gleichgültig. (Illusionsloser Welt- und Menschenkenner, der er war, machte er sich wohl auch bezüglich des ästhetischen Wertes seiner Sachen nichts vor. Dichten machte ihm halt einfach Spaß.) In den Orden wurde er 1786 aufgenommen, und es hätte jeden gewundert, wenn er nicht 1788 schon zweiter Ordensrat geworden wäre. (Von diesem Trubel später mehr.) "Als unser jezige[r] verdienstvolle[r] Präses, Herr Doctor und Schaffer Panzer, den schönen Entschluß faßte, den Orden von mancherlei alten auf unsere Zeiten nicht passenden Flecken zu reinigen, dafür mehr innere Würde in solchen zu legen, mehr Geist darein zu bringen, und ihn an eigentliche gelehrte Gesellschaften anzureihen; kurz, als Panzer zu unserm immerwährendem Dank, als zweiter Schöpfer des Pegnesischen Blumenordens auftrat; da war Friederich [eine Fußnote stellt ihm Colmar an die Seite] überaus geschäftig dabei [...]".

Leuchs rühmt ihn als guten Erzähler; es scheint, daß er in Gesellschaft mit der Fertigkeit glänzte, Heiterkeit um sich her zu verbreiten. Ohne ausgebildeter Sänger zu sein, gefiel er durch vorzüglichen Liedvortrag mit starker Tenorstimme. Sein Fehler war (wie gesagt, teilte er ihn mit den Besten), daß er Landwirtschaft zu seinem Steckenpferd machte. Dadurch hätte er beinahe seine Familie ruiniert. Bevor das geschah, starb er. (Soll man sagen: zum Glück? Ja, Faulwetters Beispiel legt es nahe; davon später mehr.) Er war nur 43 Jahre alt geworden. Die Schilderung seiner Todesstunde deutet auf Herzinfarkt. Bei der Leichenöffnung bemerkte man "Engbrüstigkeit" und, daß sein Herz "mit Fett überwachsen" war. "Die Gelehrtenrepublik verlohr an ihm einen Mann von vielen Kenntnissen, ohne es selbst recht gewußt zu haben, weil er sich nicht öffentlich dafür bekannt machte." Und wieso nicht? Ansonsten wußte er doch, daß Klappern zum Handwerk gehört, und machte dabei, dank seinem angenehmen Temperament, eine gute Figur. Er wird aber zu klug gewesen sein, um mit gewissen fortschrittlichen Ansichten bei der Nürnberger Obrigkeit anzuecken. Man durfte anscheinend wohl dies und das vorschlagen, aber niemals die Stellung der Stadt im herkömmlichen Machtgefüge nach außen hin in Zweifel setzen. Sollten Nürnberger etwa doch Napoleon für das Ende dieses Spuks dankbar sein, auch wenn er ihnen letztlich die Bayern beschert hat?