Zweites Beispiel: Geistliches Lehrgedicht

Auf der Höhe seiner Kunst zeigt sich FÜRER mit dem Buch: Christliche Vesta und Irrdische Flora. Oder Verschiedene theils aus fremden Sprachen übersetzte theils selbsterfundene Geist-und Weltliche Teutsche Gedichte eines Mitglieds der Pegnesischen Blumen-Gesellschaft. Anno 1702. Der einseitige Titelkupfer des ersten Teils zeigt einen vom Jahwe-Zeichen überstrahlten Rundtempel mit opfernder Vestalin, dahinter, ganz klein, Haimendorf und Moritzberg von Westen.


Aus dem geistlichen Vesta"-Teil des Buches wähle ich zur Verdeutlichung des lutherischen Tones das Gedicht Auf einen Eigennützigen . Man kann darin eine Satire sehen, die zur Predigt geworden ist. In einer herkömmlichen Satire werden nämlich die Torheiten vor den Richterstuhl einer innerweltlichen, gesellschaftlich geltenden Wertordnung gezogen; hier aber ist der Maßstab das ewig gültige göttliche Gebot, und das Strafgericht besteht nicht in der Lächerlichkeit, sondern in der ewigen Verdammnis.
Was suchst du/ du Erden-Ratz!
alles nur an dich zu ziehen?
wie kanst du dich doch bemühen
zu vermehren deinen Schatz?
Welche Sorge/ welchen Fleiß/
welche Klugheit/ Müh und Schweiß
pflegest du nicht vorzukehren/
um dein kahles Gut zu mehren?

Hör/ du Narr/ in dieser Nacht
wird die Seel von dir genommen/
wo wird wohl der Koth hinkommen/
der dich ewig elend macht?
Alles läßest du zurück
Reichthum/ Ehr und anders Glück;
nichts als deine Laster-Thaten
folgen dir zu deinem Schaden.

Hast du hier auf dieser Welt
manchen um sein Guth betrogen/
fremde Haab an dich gezogen/
denk/ was man davon behält;
ders bekommt/ der lachet dein/
und wird nicht gesegnet seyn;
aber du wirst ewig müssen/
die verschluckte Bißen büssen.

Ach der saure Witwen-Schweiß/
ach der Waysen heiße Threnen/
ach der Unschuld seufzend sehnen/
sind wie glühend Pech so heiß;
deß Gewissens Zwick und Biß
sind die rechte Zangen-Riß/
und die glüend-rothe Eisen
die einst Herz und Brust zerreißen.

Zehle an den Fingern ab
deines Lebens kurze Stunden/
denk/ wie bald sie sind verschwunden/
und wie nah du seyst dem Grab:
kommt der letzte Augenblick/
der gewiß nicht bleibt zurück/
da du vor Gericht sollst gehen/
Jammer! wie wirst du bestehen?

Dieser Richter fürcht sich nicht/
daß du ihn könntst wieder drücken/
wann du gleich auf ihn läßt blicken
dein erbostes Angesicht;
stelle alles grübeln ein/
bey ihm hilft kein falscher Schein
kein bemänteln/ kein verdrehen/
weil er selbst ins Herz kan sehen.

Es ist ihm mit keinem Geld
etwan durch den Sinn zu fahren;
auch kein Unterscheid von Jahren
macht/ daß er die Ordnung hält;
keine Freundschafft/ Macht noch Ehr
die hier gilt/ gilt dorten mehr:
ja kein poltern/ Zorn und zanken
hindert seine Macht-Gedanken.

Und wie lange daurt ers doch/
daß du deine Lust gebüßet?
welche doch so bald verfließet;
etwann stirbst du heute noch/
da der Tod den Schwammen druckt/
der zu viel hat eingeschluckt/
welcher Safft und Geist und Leben
in der Preß muß wiedergeben.

In der Hölle denk daran/
laß dir deinen Mammon helfen/
sihe/ ob er auch dein gelfen
hören und dich retten kan;
Warum bist du ihm dann hold/
sag/ was half dich dann dein Gold?
Was dir guts davon geschehen/
ist/ daß du es angesehen.

Dieses sehen ist zu teur/
du must es zu hoch bezahlen;
ach ihr ewig-lange Qualen!
Ach du schmerzlichs Höllen-Feur!
wie wird man in deiner Qual
denken so viel tausendmal:
daß das Unrecht werd gerochen/
sey ein scharfes Recht gesprochen.

GOtt! laß mich ja nimmermehr
in ein unrecht Gut verlieben/
sollt der Reichthum mich betrüben/
so gib lieber Armut her;
schenk mir einen solchen Sinn/
der nicht trachte nach Gewinn;
laß an Schätzen mich ergötzen/
die der Tod nicht kan verletzen!


Wieso werden eigentlich solche Gedichte so lang? Mußte es sein, daß die Drohung mit der jenseitigen Gerechtigkeit dreimal wiederkehrt? Auf solche Fragen geben die Regeln der Homiletik, der Kanzelberedsamkeit, Antwort; die damalige Zeit hätte sie gar nicht gestellt. Das Gedicht verfolgt seinen Zweck unter verschiedenen Gesichtspunkten und steigert sich in den Mitteln. Was heute so langatmig erscheint, ist die Tugend, an alles gedacht zu haben, kein Schlupfloch zu lassen für abweichende Deutungen. Eine Gedichtinterpretation in heutigem Sinne ist darum auch unnötig.

Aus sprachgeschichtlicher Sicht fällt die unterschiedliche Schreibung ein- und derselben Wörter auf. Das geht vielleicht auf die Rechnung der Setzer, vielleicht zeigt es aber auch die vielfältigen Einflüsse, denen FÜRER aufgrund seiner auswärtigen Verbindungen ausgesetzt war. Verschiedene Normen kamen den Lesern tag-täglich vor Augen, je nachdem, wo das Buch gedruckt worden war, mit dem sie sich befaßten. In Leipzig hätte die Überschrift gelautet: Auff einen Geld-Geitzigen", und Auslassungen von Buchstaben, Elisionen oder Kontrahierungen wie in 'Feur' und 'daurt' oder gar in 'könntst' waren dort verpönt als gar zu billige Mittel, viele Wörter in einen Vers zu zwängen. Bairische Texte jener Zeit sind voll davon. Auch das 'druckt' statt 'drückt' und andererseits die eher nördliche Schreibung 'Threnen' für 'Thränen' sind Anzeichen, daß sich Nürnberg eigentlich in einer günstigen Mittellage zwischen ober- und mitteldeutschem Lautstand befand: Bei anderen politischen und personellen Verhältnissen hätte die Normierung ganz gut von den Pegnesen ausgehen können. Jedenfalls hat FÜRERs Rechtschreibung recht behalten, wo er sparsam umgeht mit dt ('Tod'), th ('Gut'), tz ('kurze') und ck ('Gedanken'); nicht gehalten hat sich die Kleinschreibung substantivierter Verben ('grübeln').



Christoph VII. Fürer, der unter anderem auch Kastellan der Nürnberger Burg war (im Bild links).
Ausschnitt; Original 32,5 x 42,5 cm