Das Gespenst Catilina ©️Werner Kügel 2023
Das „Catilina“-Projekt besteht aus fünf Szenen. Der Verlauf der catilinarischen Verschwörung wird
von hinten nach vorne, also vom Ende der ursprünglichen Handlung bis zum Beginn, in der
Kostümierung verschiedener Epochen dargestellt, und zwar derjenigen, in denen von bekannten
Schriftstellern der Stoff bearbeitet worden ist, bis zurück zur Urquelle, Sallusts „Coniuratio
Catilinae“ und den Reden Ciceros. Diese Urquelle wird allerdings revuehaft verfremdet und es wird
gezeigt, daß Sallust selber — und auch Caesar — sehr wohl an der Verschwörung in zweiter Linie
beteiligt waren.
Szene 1 (um das Jahr 1977)
Waldlichtung auf einem Berg. Der erste graue Streifen am östlichen Himmel. Zeitpunkt der
größten Kälte vor Tagesanbruch. Jahreszeit: Anfang Mai. Im Mittelgrund, an einer leichten
Bodenerhebung, der Eingang zu einem aufgelassenen Bierkeller. Zwei Leute: der eine steht
mit verschränkten Händen und aufgeschlagenem Kragen seiner Windbluse, der andere
stampft mit kleinen Schritten hin und her, um sich warm zu machen.
Fritz (mit steifen Lippen): Mach Kniebeugen.
Erwin (ebenso): Zu müde. — (Dann fällt ihm ein:) Wenn man erschöpft ist und die
Durchblutung nachläßt, friert man leichter.
Fritz: „Erschöpft“. „Durchblutung“. Ts.
Erwin: Es wird jetzt ein bißchen heller dort drüben.
Fritz: Na und. — Kann ich vielleicht was dafür?
Erwin: Du meinst, daß keiner mehr kommt?
Fritz: Halt doch wenigstens deinen Rand. Und hör das Gehüpfe auf, du nervst mich.
Erwin: Gut. — Du meinst, ich denk nicht an die Konsequenzen. — Jetzt mal vernünftig,
ohne Streiten: Wir müssen uns klar werden...
Fritz: Psst!
Es knackt. Überraschend schnell huschen drei Gestalten heran, zwei davon Mädchen.
Fritz: Na Gottseidank.
Sie reichen sich stumm die Hände, gruppieren sich dicht beieinander, wie um Wärme zu
suchen, sprechen dann im Flüsterton.
Ute: Seit wann seid ihr hier?
Bernhard: Wie seid ihr hergekommen?
Erwin: Mit dem letzten Postbus. Um halb zwei waren wir im Dorf.
Bernhard: So. Der Fahrer erinnert sich bestimmt an euch.
Fritz: Quatsch. An zwei besäuselte Bauernjungen.
Ute: Wart ihr wirklich noch high? (Kichert ein bißchen.)
Sandra: Der erinnert sich jedenfalls nicht, bis er gefragt wird. Und das kann noch dauern.
Erwin: Warum habt ihr so lang gebraucht? Hat die Polizei euch aufgehalten? Seid ihr verhört
worden?
Bernhard: Ach wo. Die haben bloß unsere Namen aufgeschrieben. Die hatten ja bloß einen
Haftbefehl für Ehring. Und Tim und Susi haben sie mitgenommen, weil die beim Waffenkauf
dabeiwaren; irgend so ein Macker hat ausgesagt, aber er hat bloß die Personenbeschreibung
geliefert.
Ute: Na, das war genug. Die sitzen in Untersuchungshaft. Und da werden wir auch landen,
wenn die morgen mit Recherchieren anfangen.
Fritz: Heute. — Wir landen aber nicht dort. Sag ich dir.
Bernhard: Wie seid ihr so schnell verschwunden?
Erwin: Durch die zweite Tür in die Toilette und durchs Fenster. Die hatten mit euch genug zu
tun. Wußten gar nicht, wie viele sie da mit Ehring zusammen vorfinden würden.
Fritz: Das Haus war nicht umstellt.
Kleine Denkpause. Es fällt ihnen wieder auf, wie kalt es ist.
Bernhard: Ihr seid ganz instinktiv durchgegangen, als sie Ehring wegen Mordes verhaftet
haben. Und wir ganz instinktiv nicht nach Hause, sondern euch nach. — Ich denke, das war
ein Fehler.
Fritz: Wir hatten ausgemacht, daß die Organisation hier ihren Fluchtpunkt hat, für alle Fälle.
Sandra: Wir hatten uns nicht genau vorgestellt, wie das ist, wenn man um den Vorteil des
ersten Zuges kommt.
Erwin: Jetzt ist ein Tatbestand da.
Bernhard: Den die noch nicht entdeckt haben. Theoretisch könnten wir noch brave Bürger
bleiben.
Fritz: Nein. Verknackt würden wir so und so.
Ute: Aber wie lang. Und wofür.
Bernhard: Wenn wir jetzt in den Untergrund gehen — falls wirs schaffen — geht die
Aussichtslosigkeit und politische Sinnlosigkeit erst an... Hab ich mir gedacht.
Sandra: Er wollte zuerst ganz einfach heimgehen.
Fritz: Ist das wahr, Bernhard? Weißt du, wie dumm das gewesen wäre?
Bernhard: Es sah vor einer halben Stunde noch gar nicht so dumm aus.
Erwin: Na hör. Waffen im Haus. Verdacht auf Beihilfe, wenn nicht gar Anstiftung zum Mord.
Verknackt wären wir auf jeden Fall worden.
Bernhard: Durch Abhauen haben wirs schlimmer gemacht. Gegenbeweise und Alibis haben
wir nämlich keine. Den Linken trauen sie alles zu. Was Ehring getan hat, ist als politischer
Mord abgestempelt.
Sandra: Es ist klar: zurück gehts nicht mehr. Sie würden uns schlimmer mitspielen, als wir
selbst nach bürgerlichen Gesetzen verdient hätten. —
Ute: Scheiße: Ich wär lieber als Lehrerin für die Änderung der Verhältnisse nützlich
geworden.
Fritz: Das könntest sowieso nicht. Sie lassen ja keinen mehr Beamter werden, der in einer
linken Hochschulgruppe war.
Bernhard: Ich wollt Arzt werden. Aber mit Vorstrafe? Nee.
Sandra: Relegiert würden wir auf alle Fälle. —
Erwin: Werden wir auf alle Fälle. —
Ute: Was reden wir noch. Es ist kalt. Notwendigkeit geht jetzt vor Vernunft. Geht schon rein,
holt das Zeug raus.
Bernhard: Ich möchte warnen vor einem blinden Durchschlagen der Gewalt, daß es alle
Sicherungen raushaut. Denkt an die Baader-Meinhof-Gruppe.
Fritz: Wir brauchen nur die Mittel, an Geld heranzukommen, an so viel Geld, daß wir dieses
Land verlassen können, wo wir ohne eigenes Verschulden aus der Linie der praktikablen
Methoden abgedrängt worden sind. Wir müssen jetzt in ein Land gehen, in dem der Kampf
aufgrund historischer Notwendigkeit mit Waffengewalt ausgetragen wird. Mal was tun, statt
zu denken. Es wird jetzt ernst. Auf jedem von uns ruht in Zukunft eine viel wichtigere
Verantwortung. Das kann uns das Leben ein bißchen verkürzen. Aber wir können
glücklicherweise dieses Leben um vieles sinnvoller einsetzen, als wir bisher glaubten.
Er zieht eine Taschenlampe hervor und geht in die Höhle. Erwin und Sandra folgen ihm. Der
erste Vogel fängt zu pfeifen an.
Bernhard: Palästina. Oder Vietnam.
Ute: Brasilien. Südafrika.
Fritz (kommt mit einigen automatischen Gewehren wieder heraus): Das richtet sich nicht nach
euern Urlaubswünschen. Darüber reden wir noch.
Ute: Aber ich freu mich. Ehrlich.
Die andern kommen mit MPs, Pistolen, einer Munitionskiste.
Erwin: So. Wie bringen wir das ungesehen weg? Und wohin?
Fritz: Zuerst müßten wir ein Auto haben.
Bernhard: Da unten am Wasserreservoir stehen zwei geklaute Mercedes.
Fritz: (schaut ihn verblüfft an, beginnt dann leise zu kichern, klopft ihm auf die
Schulter): Ach so!
Sie nehmen die Waffen auf.
Erwin: Noch nicht laden. Erst mal ins Auto.
Sie gehen alle von der Bühne. Es wird jetzt sehr rasch hell. Nach kurzer Zeit heftiges
Schießen. Dann einige Sekunden Stille. Alle Vögel setzen jubilierend ein. Der Tag ist da.
Szene 2
„Catilina 2“ lehnt sich stilistisch an Ibsen an (sein „Catilina“ datiert von 1850) und ist eine
Andeutung der Flucht der Catilinarier aus Rom in der Gestalt eines bürgerlichen Kammerdramas.
Schauplatz: Eine norwegische Stadt „Skien“ [Aussprache: „Schean“]. Bühnenbild: Eine gehobene
„gute Stube“, an deren Wand unter anderem eine Pistole hängt. Ein 13. Dezember.
Erster Auftritt
Lucia erscheint vor den versammelten anderen Personen durch die Tür links. Sie trägt ein weißes
Kleid mit rotem Gürtel und einen Kranz brennender Kerzen auf dem Haupt.
Frau Kronberg: Lucia! Wie schön! Eine echte Lucia, die ihrer Namenspatronin Ehre macht!
(Die Versammelten applaudieren.)
Herr Kronberg: Na, Erik, wie gefällt dir dein Bräutchen?
Erik: So herzlich gut, fast zu gut — sind die Kerzen sicher?
Julie (steht auf, tritt hinter Lucia, die innig lächelnd und die Hände spreizend vor den anderen steht):
Ich passe auf und lösche sie, wenn es sein muß!
Erik: Das ist gut! Wartet bitte damit, bis wir das Sankta-Lucia-Lied gesungen haben.
Herr Kronberg: Typisch Musiker. Jetzt will er uns diesen neapolitanischen Import als norwegischen Volksbrauch andrehen. (Singt langgezogen, nicht sehr sauber, aber so, daß man es noch erkennen kann:) Santa Luciii-a!
Frau Kronberg: Anders, verdirb den Kindern nicht den Spaß! Sonst kriegst du nichts von den
Lussekatter! [Aussprache: „LúseKássär“]
Lucia: Doch, laßt uns singen, nicht nur essen. Der Pastor soll das Lied auch nicht umsonst eingeübt haben.
Herr Kronberg: Hör mir auf mit diesem Pastor.
Frau Kronberg: Anders! — Komm, Erik, stimm mal an!
Erik: Die erste Zeile: (singt) Schwarz se-enkt sich die Nacht / im Stall und in der Stu-ube…
Alle (furchtbar falsch): Schwarz senkt sich die Nacht — (der Versuch endet in allgemeinem
verlegenen Gelächter)
Lucia: Ach Erik! Du weißt doch, daß die Kronbergs keinen Ton halten können.
Erik: Bis auf dich, mein Schatz.
Julie: Meinst du nicht, daß die Kerzen zu weit heruntergebrannt sind, bis wir das begriffen haben?
Frau Kronberg: Ja, puste sie lieber aus. Lucia, wir werden auch so nicht vergessen, wie bezaubernd du als Sankta Lucia ausgesehen hast.
Erik: Jetzt riecht es halt nach den Dochten.
Frau Kronberg: Um Himmes willen! Nicht nur nach denen! Die Lucienkatzen im Backofen! (Eilt hinaus, Erik und Julie ebenfalls.)
Zweiter Auftritt
Herr Kronberg: Ich habe überhaupt nichts dagegen, daß Erik Musik studiert. Es käme halt darauf an, daß er in Oslo eine Stelle findet. Hier in Skien sieht es damit nicht so gut aus.
Lucia: Was sieht hier in Skien überhaupt gut aus.
Herr Kronberg: Abgesehen von dir und deiner Cousine Julie — fast nichts. Na, Spaß beiseite. Wir sind, das hast du begriffen, eine aussterbende Spezies.
Lucia: Als was — als Patrizier oder als Liberale?
Herr Kronberg: Beides. Das ist es ja. Den einen sind wir zu volksnah, die andern trauen uns nicht, weil wir das aufgesetzte Volkstümliche nicht so schätzen.
Erik (tritt ein, zu Lucia): Das Gebäck wäre wohl noch zu retten…
(Lucia ab.)
Dritter Auftritt
Herr Kronberg: Sei mir nicht böse, daß ich mich gegen das Lied ausgesprochen habe. Abgesehen
davon, daß wir es dir verdorben hätten, weil wir nicht singen können — der ganze Lucienzauber hat etwas von Volksbesänftigung in einer Zeit, in der man aus freien Bürgern und Bauern Fabrikarbeiter macht.
Erik: Und aus gesetzten Patriziern Villenproletarier?
Herr Kronberg (lacht kurz auf): Ich hätte nichts dagegen, in einer Demokratie zu leben. Aber ich hätte sie lieber stabil und auf der Grundlage der Leistung als derjenigen irgendeiner Gesinnung.
Erik: Wie bemißt man Leistung? Zum Beispiel die eines Musikers?
Vierter Auftritt
(Frau Kronberg zu den vorigen)
Herr Kronberg: Was machen die Lussekattar?
Frau Kronberg: Unsere jungen Damen sind noch dabei, die braunen Stellen abzuschaben. — Anders, für dich ist wieder so ein Umschlag abgegeben worden. Ich weiß nicht, ob es dringend ist…
(Herr Kronberg verläßt wortlos den Raum durch die rechte Tür.)
Erik: Seid ihr deswegen so durcheinander? Früher hättest du doch nie die Teigschnecken im Ofen vergessen.
Frau Kronberg: Man muß sich nicht gleich bedroht fühlen. Und das mit dem Backen passiert
irgendwann einmal. Nur schade, daß es gerade heute passiert ist.
Fünfter Auftritt
(Julie durch die linke Tür.)
Julie: Tante, wir haben gerettet, was wir konnten. Lucia meint, man könnte dem ganzen noch etwas aufhelfen, wenn es Schlagsahne dazu gäbe.
Frau Kronberg: Ja! Guter Einfall. Ich werde mal sehen, ob die Sahne auch kühl genug steht. Sonst müssen wir sie in kaltes Wasser… (ab)
Erik: Weswegen fühlt sich dein Onkel nicht mehr sicher?
Julie: Ach, das ist eine unklare und trotzdem unangenehme Geschichte. Er spricht sich seit Jahren für den Bau einer Eisenbahnlinie aus. Ihm als Holzhändler käme das sehr entgegen. Aber die
Alteingesessenen, die ihre Geschäfte über den Hafen abwickeln, wollen davon nichts hören. Rein
offiziell geht die Debatte im Stadtrat in gesitteten Bahnen vor sich, natürlich. Aber anonyme
Schreiben mit Vorwürfen können einen schon um die Seelenruhe bringen.
Erik: Es werden wohl eher Verleumdungen sein, sonst kämen sie nicht anonym an. Aber was kann man eurer achtbaren Familie schon anhängen?
Julie: Du weißt es noch nicht? Onkel Anders hat zwei Brüder, die schon einige Zeit außer Landes sind. Und die sind von der öffentlichen Meinung regelrecht verjagt worden. Den einen nennt die sogenannte „kompakte Majorität“ nur den „Volksfeind“, der andere wurde sogar mit dem sagenhaften Peer Gynt verglichen, weil er in mehrfacher Hinsicht ein Außenseiter war.
Erik: Ich weiß schon etwas, täusche dich nicht. Ich habe bloß nicht gedacht, daß es sich noch auswirkt und daß es sogar den altliberalen Anders betrifft.
Julie: Warum sagst du „altliberal“?
Erik: Weil diese Anschauung auf halbem Wege stehenbleibt. Es ist die ungehinderte Verfügung über Privateigentum, was die Gesellschaft immer mehr herunterbringt und die meisten Leute verarmen läßt.
Julie: Ich höre einen Sozialisten dozieren.
Erik: Und was waren deine Onkels, wenn nicht Sozialisten?
Julie: Die waren wenigstens keine Systemdenker. Aber in einem hast du recht: sie traten auf wie die Gracchen im alten Rom.
Erik: Zum Glück hat man sie nicht gleich totgehetzt. In unseren zivilisierten Zeiten macht man einen nur mundtot.
Sechster Auftritt
Lucia (die von links hereinkommt, mit einer Schale voller Gebäck): Hier sind endlich die Lussekattar. Bloß auf die Sahne müssen wir noch ein wenig warten. Julie, kannst du bitte den Kaffee kochen, während Mutter die Sahne schlägt?
Julie: Gerne. Ich hoffe, ich kann es so gut wie die Dienstboten. (ab)
Erik: Tja, seitdem wir das Norwegisch-Volkstümliche pflegen, haben die am Lucientag frei.
Julie: Du gönnst es ihnen aber doch?
Erik: Wie du mich kennst, würde ich denen noch viel mehr gönnen. Ohne euren Besitzstand zu
schmälern, natürlich.
Lucia: Es kann bälder passieren, als du ahnst, daß wir uns einschränken. Mutter liegt unserem Vater in den Ohren, wir sollten wenigstens für einige Zeit auf unser Landhaus in den Bergen ziehen, bis sich die aufgewühlten Parteien wieder beruhigt haben.
Erik: Sieh an. (Er steht auf und geht ein-, zweimal auf und ab.) — Was du bestimmt nicht weißt: Euer Kutscher und euer Gärtner sind revolutionäre Sozialisten und haben nach und nach einiges an Waffen in der Nähe dieses Landhauses verborgen. Das bot sich bei Versorgungsfahrten so an.
Lucia: Um Himmels willen! Und du hast damit zu tun! Sag, daß es nicht wahr ist!
Erik (nimmt die Pistole von der Wand): Bekanntlich muß eine Pistole, die im ersten Akt an der Wand hängt, im letzten Akt losgehen. Entweder so — (er hält sie vor sich hin) oder so! (Er hält sie sich an die Schläfe.)
Lucia: Nein! — Nein!
Erik: Hab dich nicht so. Das Ding ist doch nicht geladen. (Hängt es wieder hin und verläßt nach
rechts den Raum.)
Lucia (sinkt auf einen Stuhl und hält die Hände vors Gesicht): Erik — ein gefährlicher Spinner!
Siebter Auftritt
(Frau Kronberg mit einer kleinen Schüssel, hinter ihr Julie mit einem Tablett, auf dem sie eine Kanne und Kaffeegeschirr für fünf Personen trägt.)
Frau Kronberg: Und da ist nun auch die Sahne!
Szene 3
Die Szene ist ein Boudoir in einem Schloß des 18. Jahrhunderts. Das Jahr ist 1749. Nur zwei
Personen: eine Dame mittleren Alters und ein Herr in gleichem Alter, beide in etwas
nachlässigem, jedoch kostbarem Morgenhabit. Auf einem verschnörkelten Tischchen steht ein
ebenso verschnörkeltes Kaffeekännchen mit zwei Tassen, aus denen die beiden gelegentlich
nippen.
Madame: Es ist nicht zu leugnen: Wer leugnet, wird verleumdet.
Monsieur: Manchmal mache ich mir Hoffnung, es könnte besser geworden sein. Giordano
Bruno wurde noch verbrannt, Gassendi und Newton durften eines natürlichen Todes sterben.
Madame: Und Sie, mein lieber Freund: Man hat sie ja nur verprügelt.
Monsieur: Aber nicht wegen wissenschaftlicher oder religiöser Gründe. Ich hatte eine
Beleidigung durch den eitlen Hohlkopf, den Chevalier de Rohan, nicht auf mir sitzen lassen
und entsprechend geantwortet. Dann schickte er mir seine Schlägerbande auf den Hals.
Madame: In dieser unserer hochnäsigen Gesellschaft kann das jedem zustoßen, der keinen
uradligen Namen trägt, sondern einen klugen Kopf.
Monsieur: Meinen schönsten Dank für das Kompliment, teuerste Freundin. Richtig beruhigt
wäre ich jedoch nur, wenn es bei Angriffen dieser Art keine Rolle spielte, was der Kopf
hervorbringt.
Madame: Sie unterschätzen immer noch, daß der falsche Stallgeruch den homo novus schon
verurteilt, ohne daß er irgendetwas getan hat. Denken wir an Cicero: Er konnte geleistet haben,
was er wollte, die Oberen Fünfhundert im alten Rom haßten ihn, schon weil es ihn gab.
Monsieur: Eine gewisse Beruhigung schöpfe ich daraus, daß den Höflingen unsere
Wissenschaft, unsere Aufklärung, einfach zu hoch sind. Sie merken es nicht, daß man an
ihren Privilegien rüttelt.
Madame: Oh doch, sie ahnen es. Sie wissen nur nicht zu antworten, also verleumden und
inhaftieren sie. Voilà!
Monsieur: Wenn sich nur nicht der König von diesen Kreisen so abhängig gemacht hätte!
Wenn nur nicht die Kirche von ihnen durchsetzt und pervertiert wäre — dann könnte man sie
ja als Opium für das Volk gerade noch gelten lassen. Aber diese Prälatenkirche aus dem Adel
— bringt das Monster um, kann ich da nur sagen!
Madame: Echauffieren Sie sich nicht, Chéri. Das Monster bringt sich auf die Dauer selbst um.
Und in meinem Hause genießen Sie eine relative Sicherheit, die es ohne gewisse
Adelsprivilegien ja nun auch nicht gäbe.
Monsieur: Sie, teuerste Freundin, tragen einen sprechenden Namen, weil wir gerade von
Namen sprechen: Châtelet, eigentlich Chastelet, hat ja wohl seinen Urspung in einem Kastell.
Madame: Einem kleinen Kastellchen, wenn es nach der Endsilbe geht. Ganz sicher jedoch ist
man in diesem Staate nie.
Monsieur: Ach, gäbe es doch, wie ich es in England bemerkt habe, ein ständiges Parlament,
vor dem man eine Rede halten könnte, eine Rede, welche die Dunkelmänner beschämen und
die Vernünftigen zur Verteidigung der Bürgerrechte aufrufen würde!
Madame: Nicht etwa sogar der Tugend?
Monsieur: Verehrte Freundin, das Wort Tugend hat neuerdings eine seltsame Wandlung
erfahren. Sie wissen, daß ich diesen Jean-Jacques Rousseau recht gern gehabt habe, aber in
seinem Munde wird die Tugend allmählich etwas Allbezwingendes, fast schon eine
Gewaltphantasie.
Madame: Etwas unsäglich Albernes und Bedrohliches in gleichem Maße. Und dabei
schwärmen meine Standesgenossinnen von ihm, daß es schon nicht mehr dezent ist.
Monsieur: Und verleumden ihrerseits unsere dezente Liaison. (Er lächelt, da er es aber bei
geschlossenem Mund tut, kommt eine breit grinsende, freudlose Grimasse heraus.)
Madame: Sie haben mit viel Geschick, und ohne Zweifel auch von ihren mathematischen
Kenntnissen geleitet, ein schönes Vermögen gemacht. Da kann doch keiner sagen, ich hielte
Sie aus. Aber dieser Rousseau…
Monsieur: In Privatangelegenheiten sich zu mischen, ist nur Kräfteverschwendung. Ich
fürchte aber in dem lieben Jean-Jacques den Aufrührer. Er hat etwas Catilinarisches an sich.
Madame: Es gäbe immer noch genug aufgeklärte Anhänger Ihrer Schriften, die auf eine
Klarstellung von Ihrer Seite warten und sehr aufgeschlossen dafür wären. Wir müssen ja hier
nicht nur Mathematik und Astronomie studieren.
Monsieur: Ich will doch sehen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, dem Theater, nicht
wird predigen lassen.
Madame: Voltaire, Sie sollten ein Stück über Catilina schreiben.
Monsieur (faßt sich an die Stirn, theatralisch und aufgekratzt, wie ihn Grillparzer vor sich
sieht, und sagt): Ah! Das werde ich tun!
Szene 4
Es wird angenommen, daß das „Catilina“-Theaterstück von Henry Chettle, das Henslowe auf 1599 datiert, unvollendet in die Hände Ben Jonsons gelangte, der es bis 1611 fertigstellte (nach den
Erfahrungen mit dem Gunpowder Plot)
Die Szene ist eine getäfelte Stube mit Butzenscheibenfenstern und Balkendecke, die Zeit 1605.
Personen: Robert Catesby (Anführer), Thomas Wintour, Sir Everard Digby, Lord Monteagle,
Guy Fawkes.
Catesby: Welche fehlen noch?
Wintour: Mein Bruder, Robert Wintour, ist unpäßlich. Christopher Wright und dessen Bruder
John können die unpäßlichen Straßen nach London nicht passieren. (Gemütliches Gelächter.)
Thomas Percy, John Grant, Ambrose Rookwood und Robert Keyes haben sich aus dem
Grunde entschuldigt, daß sie sich beobachtet fühlen. Von Francis Tresham weiß ich nichts.
Catesby (wendet sich an Monteagle): Milord, es ist uns eine besondere Ehre, Euch als
Teilnehmer und Ratgeber unserer Besprechung willkommen heißen zu dürfen. Als eine der
wenigen erlauchten und hochmögenden Personen des Königreiches, die dem alten Glauben
treu geblieben sind, stellt Ihr für uns verfolgte Katholiken einen Leuchtturm der Hoffnung dar.
Wir erbitten Euren Rat und werden diesem gerne Folge leisten.
Monteagle: Danke, mein Gutermann Catesby. Wiewohl es mit der Hoffnung nicht gerade
überschwenglich aussieht. Ich werde selber auf jedem meiner Schritte beargwöhnt. Unter der
seligen Elisabeth Regina war das noch anders.
Digby: Ein Hoch auf ihr Andenken!
Alle: Hoch lebe die Königin!
Fawkes: „Lebe“ ist gut. Eigentlich müßten wir König Jakob hochleben lassen. Ich würde es
sogar tun, wenn er nicht durch seine schottische Erziehung ein Calvinist geworden wäre. Mit
den Anglikanern wäre leichter klarzukommen.
Wintour: Wir können nicht darüber hinwegsehen, daß Katholiken zunehmend von Ämtern
ausgeschlossen, ja in einzelnen Fällen sogar verfolgt werden. Meine Befürchtung ist, daß es
wieder, wie unter Heinrich dem Achten, zu grausamen Hinrichtungen kommt.
Digby: Könntet Ihr, Milord Monteagle, wenigstens so etwas durch das Euch verbliebene
Ansehen verhindern? Und wenn Ihr Euch mit dem Earl of Arundel verständigt, der ja auch
katholisch ist?
Monteagle: Will sehen, Sir Everard. Der König braucht von Fall zu Fall einen jeden Peer, um
bestimmte Dinge durchs Oberhaus zu bringen.
Catesby: Im Unterhaus verlieren die Puritaner an Einfluß. Hätte man nicht denken sollen,
nachdem der König als Presbyterianer eigentlich dasselbe glaubt, was letztlich auf den Ketzer
Calvin zurückgeht. Ganze Schiffe voller Puritaner haben das Land schon in Richtung
Amerika verlassen.
Monteagle. Tut-tut. In bezug auf den König rate ich vom Gebrauch des Wortes „Ketzer“ ab.
Catesby: So war es nicht gemeint, Milord. Mein Herz schlägt für den Monarchen, weil er
allein einen Bürgerkrieg verhindern kann.
Digby: Selbstverständlich sehen wir uns nicht als Partei in einer solch unseligen
Auseinandersetzung. Im Gegenteil: Wir wünschen nichts als die Wiederherstellung der
bewährten alten Ordnung, in der es einem Englischmann gestattet war, seinen eigenen Weg
zu gehen, solange er an keinen anderen stieß.
Monteagle: Freut mich zu hören. Bitte nun aber, mich zu entschuldigen. Habe noch dringende
Geschäfte. Catesby, ich höre von Euch, was Eure Besprechung ergeben hat. (Verschwindet.)
Digby: Haben wir ihn jetzt verprellt?
Wintour: Wir haben jedenfalls nichts Aufrührerisches gesagt.
Fawkes: Mir brennt das Herz, wenn ich von Aufruhr höre. Der gerechte Kampf um unsere
Bürgerrechte kann nur vor der Person des Königs zurückschrecken.
Catesby: Eigentlich nur vor der Institution des Königtums.
Digby: Wißt Ihr, was Ihr soeben gesagt habt? Daß wir einen anderen König bräuchten! Und
daß der jetzige irgendwie verschwinden sollte. Wollen wir das?
Catesby: Ja, verdammt noch mal! Die Frage ist nur, wie man ihn zur Abdankung zwingen
könnte. Das muß im Volk von langer Hand vorbereitet werden.
Wintour: Schade, daß Chettles Theaterstück über Catilina nicht fertig geworden ist. Das wäre
eine gute Propaganda geworden.
Fawkes: So viel ich weiß, hat Ben Jonson sich die Geschichte vormerken lassen.
Digby: Bis der damit zurande kommt, vergehen Jahre. Und dieses Vorgehen ist derart
indirekt…
Fawkes: So, jetzt sage ich Euch was: (Er setzt sich eine der heutzutage bekannten Guy-
Fawkes-Masken auf.) Wenn am 5. November das Parlament eröffnet wird, ist der König
anwesend. Die Räume unter den Sitzungssälen kann man als Lagerräume mieten. Ich bin
Sprengstoffexperte.
Wintour: Um Gottes willen, Guy, wo denkst du hin?
Catesby (sehr ruhig): Er schlägt vor, das Gebäude hochgehen zu lassen, mit allen, die darin
sind.
Digby: Kann man das vor Gott verantworten?
Catesby: Wir nehmen extreme Gefahr auf uns. Wer einen Umsturz plant oder ins Werk zu
setzen versucht, wird zuerst gehängt, bis er ohnmächtig ist, dann wird ihm der Bauch
aufgeschnitten —
Wintour: Daran wacht er wieder auf!
Catesby: — dann wird er ausgeweidet und anschließend aufs Rad geflochten. Ich will damit
sagen: Wir gehen einem Martyrium entgegen, welches uns geradewegs in den Himmel führt,
wenn unser Kampf fehlschlägt, mit welchen Mitteln wir ihn auch führen.
Fawkes: Dann soll man wenigstens das stärkste Mittel wagen.
Digby: Man muß Lord Monteagle vorher in unbestimmten Worten warnen, damit er nicht
hingeht.
Wintour: Ist er zuverlässig?
Catesby: Er ist Katholik und hat von einem Verrat keine Vorteile zu erwarten.
Fawkes: Ich werde in der nächsten Zeit dafür sorgen, daß nach und nach die benötigte
Pulvermenge unter das Parlament kommt.
Catesby (nimmt seinen Hut ab und reicht ihn scherzhaft herum): A penny for the Guy, please!
Szene 5
Gegenwart. Ort: irgendein Revuetheater. Der Schauplatz ist neutral. Allenfalls wäre an Projektionen graphisch verfremdeter römischer Motive zu denken. Fünf Darsteller und zwei Darstellerinnen stehen in leicht gekrümmtem Halbrund am Bühnenrand: Sallust, Quintus Curius, Sempronia, Flaccus, Crassus, Fulvia, Lentulus, Caesar
(Sallust und Caesar gehen von den entgegengesetzten Enden der Reihe aufeinander zu und
stellen sich davor.)
Sallust (liest aus einer Papierrolle): Maßen aber groß Unzucht, Völlerei, allerhand
Hurenstück und Laster das römische Volk beherrscht in diesen Tagen, gings auch politisch in
die Grube, will sagen: Schlangengrube. Haben also auch gotteslästerlicher Menschen viel
nach Herrschaft gestrebt über die Maßen, sich der ränkevollsten Mittel beflissen, wohl gar
den heiligen Senat zur gänze abtun wollen. Unter welchen ist auch gewesen Catilina, der übel
berüchtigte Mordbube. Gleichwohl hätt nicht kommen müssen solche Gefahr, wären nicht
auch Personen der obersten Ständ und Ämter verseucht gewest vom Niedergange der Moral.
— Und so weiter. Merkst du was, geneigter Caesar?
Caesar: Jetzt lach ich erst mal. — Mensch, Sallust, daraus wird doch keine Sau klug. Ist das
eine Parodie auf den alten Cato?
Sallust: So schaut’s aus. Aber der Inhalt paßt nicht dazu. Ich stell mich zwar zu meiner und
deiner persönlichen Sicherheit auf den alten Moralstandpunkt. Aber indem ich das
dazugehörige alte Latein schreibe, relativiere ich ihn historisch. Nebenbei verarsch ich die
jetzige altrömische Mode. Wir verstehen uns?
Caesar: Ja, wir verstehen uns.
Sallust: Dann kann’s ja losgehen.
(Sie nehmen ihre Plätze wieder ein.)
Alle im Chor: Freunde! Um euch zu zeigen, wie man lebte
im alten Rom
Fulvia: nach Sullas Diktatur
Flaccus: ergehen wir uns in Lobsprüchen
Crassus: bevor wir euch erinnern, wie man starb
Caesar: vor Caesars Diktatur
Alle: also immer noch in derselben Zeit
Sallust: die ja eine abnorm friedliche war
Caesar: jedenfalls bei uns
Alle: in der wir lernten, die Freiheit zu genießen
Sempronia und Curius: den Genuß in Freiheit
Fulvia: den freien Genuß
Flaccus: den freien Konsum
Crassus: auch den freien Erwerb
in einer freien Wirtschaft genießen lernten
Lentulus und Sempronia: lernten, die Freiheit genießerisch zu konsumieren
Alle: bis nichts mehr da war
Sallust: unbehelligt von Verfolgungen der Gesinnung
Caesar und Crassus: und von staatlichen Maßnahmen
Alle: denn der Staat waren wir!
Crassus: Ich zum Beispiel, Marcus Licinius Crassus,
bin schon fast dasselbe wie die Staatskasse.
Ich finanziere alles und jeden.
Mit Vorliebe übertrage ich die Politik
In ein Geflecht wirtschaftlicher und persönlicher Abhängigkeiten
Ich denke real — so ist die Welt.
Und ich hoffe es noch so weit zu bringen,
daß alle Welt mir schuldet.
Ich wünsche das aus Gründen der Übersichtlichkeit
und für den Fortschritt.
Alle (auf die Erwähnten zeigend): Caius Julius Caesar, Valerius Flaccus, Sempronia, Fulvia
—
Sallust: Namen von Klang, berühmte Namen, Namen, die für den Stil unserer Epoche stehen!
Flaccus: Was tun diese Menschen, das sie so beliebt, beleibt, beneidenswert, glücklich macht?
Alle: Was garantiert den Erfolg?
Caesar: Nun, was mich betrifft, Caius Julius Caesar, stadtbekannter Dandy, kürzlich aus
Protektion, nicht etwa wegen besonderer Würde, ins Amt des obersten Priesters berufen,
Abkömmling eines uralten Hauses, das seinen Ursprung auf die Götter zurückführt: Ich
verwende Rosenwasser, Myrten- und Lorbeerkränze, Rasiermesser aus Damaskus, (flüsternd)
sowie ein Herrentoupet, ein Wunder an Subtilität, aus Ägypten —
(laut) bei meinem Freund Crassus stehe ich schwer in der Kreide,
deswegen ist er ja auch mein Freund.
Der Zuneigung des Pöbels versichere ich mich
indem ich kulturelle Highlights biete
Rennsportveranstaltungen etwa oder Kämpfe
bezahlter Berufscatcher. Überhaupt
hüte ich mich, den Wünschen des Volkes zu widersprechen
wenn man auch nicht alle Wünsche erfüllen kann.
Alle: Die wöchentlichen Tips für die Dame. Es berät euch
Alle (gesungen): Fulvia!
Fulvia: Langsam scheint sich herumgesprochen zu haben, daß die guten alten italischen
Wollstoffe passé sind. Auch das Leinen wurde in der vorigen Saison von leichteren
Erzeugnissen aus Byssus und den syrischen Purpurmanufakturen abgelöst. Diese Woche
freuen wir uns zu hören, daß eine Schiffsladung orientalischer Seide auf ihre Abnehmer
wartet. Ich darf wohl voraussetzen, meine Damen, daß ihr nicht lange überlegt, bevor ihr
zugreift. Wir Römerinnen haben gegenüber den Frauen der besiegten Länder einen
Nachholbedarf, der auch als Forderung staatlichen Prestiges nicht unterschätzt werden sollte.
Das muß der Gatte einsehen, nicht wahr? Ferner ist zu denken an das Schmuckangebot, vor
allem in der Kombination von Silber mit Edelsteinen, geschmackvoll asiatisch. Wenn
Sempronias Großmutter noch sagen konnte: „Meine Pretiosen sind meine Söhne“, sind wir
heute in der weit glücklicheren Lage, unseren Wohlstand in Schönheit aufgehen zu sehen.
Seit ihr, meine Damen, nicht mehr euren Aufgabenkreis darin begreift, Ziegen zu melken, das
Herdfeuer zu hüten und Kindsmagd zu sein, definiert sich auch der Begriff des Wohlstandes
auf neue Art: Das ist nicht mehr allein der Grundbesitz, sondern der bewegliche Besitz, der
Luxus der unterworfenen Völker, der mit Recht vor allem uns lange vernachlässigten Frauen
zugute kommt. Die Arbeitsersparnis infolge des Imports von Haussklaven ermöglicht auch
eine individuelle Seelenkosmetik, durch Musik, durch Dichtung, durch den Tanz! Siehe
unsere unvergleichliche Sempronia!
Sempronia: Zuerst war ich ein schwieriges Kind
Dann eine Skandalnudel
Dann die teuerste Frau in Rom.
Heutzutage bin ich etwas im Preis gesunken
und beschäftige mich auch mit Politik
vornehmlich mit Reputationen und Images.
Ich habe nicht die idealistischen Prinzipien
Meines Vaters und meines Onkels
Der Gebrüder Gracchus
Die wegen eines Reformwerks zur Vermögensverteilung
Von staatserhaltenden Kräften liquidiert worden sind.
(Sie weint ganz kurz und zierlich, fährt dann fort:)
Inoffiziell bin ich die Chefin der Reklameabteilung
Bei Crassus
Und ich sage: Wenn der
Seine kleineren Konkurrenten auffressen läßt
Durch Catilina
Möchte ich auch Dividenden davon haben.
Alle außer Crassus: Auf uns beruht zum großen Teil
Der neue Stil der Welt
Für uns wird Luxus zweiter Klasse
Teuer hergestellt.
So streben wir den Playboys nach
und hätten gern viel Geld
doch weil der Vater nicht gern blecht
der seine Kohle selber möcht’
wird auf Kredit bestellt.
Flaccus: Und zwar:
Edelfressen aller Länder
Fulvia: Kosmetika und Prachtgewänder
Sempronia: Mittel, die am Schlafen hindern
Curius: Mittel, die den Trübsinn lindern
Caesar: Mittel, die Potenz zu heben
Alle: Mittel, Mittel, um zu leben.
Flaccus: Die schönsten Huren werden importiert von Osten
Die alles machen und die nicht viel kosten
Und trotzdem geht bald ein Vermögen drauf.
Sempronia Wir sind verschuldet wie der letzte Arme
Lentulus: und um zu sparen, werden wir alle Warme
doch alles kostet viel, das hört nicht auf.
Sallust: Kein Mensch läßt gerne von der Art
In der er aufgezogen
Wir haben viel und brauchen viel
Sonst fühln wir uns betrogen.
Crassus: Dann kommt der Crassus
der hat dran seinen Spassus
Flaccus: der gibt uns immer weiter Geld
Damit er uns behält.
Sallust: Der hat was vor, der will was werden
Drum züchtet er Klientenherden.
Caesar: Es fragt sich nur, ob sie nicht eines Tages
Sich gegen ihn erheben, für einen ihres Schlages.
Alle: Irgendwer schafft’s. Irgendwer wird Diktator. Was für einer? Und für welche Leute?
Verwandlung. Im folgenden werden stumme Bilder vorgeführt, entweder als Pantomimen,
oder als Schattenspiele auf einer Leinwand, oder mithilfe einer Beleuchtung von hinten als
abgedunkelte Tableaus.
I. Die Bedrohung Ciceros
Rechts steht eine Figur, die eine Toga anzuhaben scheint. Von rechts nähert sich eine
Frauengestalt, warnt ihn, geht wieder. Von links nähern sich drei Gestalten, die an eine Pforte
zu klopfen scheinen. Der Togaträger erschrickt und kauert sich zusammen. Die Gestalten
warten ein bißchen, ziehen sich dann f.usteschüttelnd zurück.
II. Die catilinarischen Reden
Der Togaträger steht links; rechts sitzen sechs der acht Darsteller in zwei Reihen, ein
Darsteller gesondert. Auf ihn deutet der Togaträger wiederholt hin. Jedesmal geht ein Ruck
durch die anderen.
III. Flucht Catilinas und Hinrichtung der in Rom verbliebenen Verschwörer
Der gesonderte Darsteller entfernt sich eilig nach rechts. Die zwei Reihen gruppieren sich um:
Die eine wird von der anderen gefesselt. Der Togaträger weist auf die Gefesselten, die dann
erstochen werden.
IV. Tod Catilinas
Der Abgesonderte naht sich mit zwei Gestalten von rechts. Drei Gestalten treten ihm von
links entgegen, zwei von rechts hinter ihm. (Keine trägt diesmal eine Toga) Die catilinarische
Dreiergruppe wird in Zeitlupe abgestochen.
Verwandlung. Auf der sonst leeren Bühne treffen von beiden Seiten wieder Sallust und Caesar
aufeinander.
Caesar: Wenn Fulvia den hasenfüßigen Cicero nicht gewarnt hätte und der nicht so bald seine
einzigartigen Reden im Senat geschwungen hätte, wäre ich vielleicht auch in Versuchung
gewesen. Ich bin gerade rechtzeitig abgesprungen.
Sallust: Mir gefiel die ganze Sache schon eher nicht mehr: als nämlich Catilina bei der Wahl
zum Konsul durchgefallen ist. Seine Absichten zur Zinssenkung und Schuldenerleichterung
hätten mir schon gefallen. Aber Gewaltanwendung eher nicht.
Caesar: Was würdest du wetten: Wer überlebt die politische Mördergrube Rom länger —
Cicero oder ich?
Sallust: Den Cicero nimmt doch keiner mehr als Politiker ernst. Der sonnt sich in seinem
vergangenen Ruhm und ist zum Philosophen geworden.
Caesar: Du meinst, man wird ihn in seinem Tusculum in Frieden lassen? Nicht, wenn er seine
Nase noch einmal in öffentliche Angelegenheiten steckt. Dann wird sie ihm samt der Rübe
abgehackt.
Sallust: Gib auf dich acht, Caesar. Mußt du denn eine öffentliche Rolle spielen?
Caesar: Ich kann nicht anders. Crassus spielt die Geldkarte, ich spiele die Militärkarte. Ave,
mein lieber Sallustius Crispus.
Sallust: Salve, Caesar. Alles Gute.