Daß Seidel auch anders schreiben konnte, und zwar gar nicht ungeschickt, bezeugt sein Biograph: „Aber auch im Komischen und Scherzhaften bewegte sich Seidels Muse mit gefälliger Leichtigkeit. Zum Beweise dafür mögen die Gedichte dienen, welche er einem armen Colporteur jährlich zu seinen Neujahrsbesuchen fertigte […]” Das Komische besteht bei diesem caritativen Eingehen auf einen armen Teufel nicht in Verlachkomik, und das Scherzhafte nicht in irgendeinem Hintersinn. Vielmehr geht Seidels soziales Gewissen mit der in seiner Jugend aufgenommenen Empfindsamkeit vor dem Hintergrund einer grimmig ernsten Zeit eine Verbindung ein, die man auch bei Jean Paul findet und in dem Sinne humoristisch nennen könnte, daß man, statt über die Zustände zu weinen, den armen Menschen gelten läßt, ja sogar als Subjekt ernstnimmt, und die komische Unangemessenheit des Tons als Hinweis auf die Würde auch des elendesten Menschen und auf die Lichtblicke seiner Existenz einsetzt. Für eine solche Sicht auf die Dinge muß man sich in einen bestimmten Gemütszustand versetzen können, eben den Humor. Davon daß man „trotzdem lacht“, kann hier nicht einmal die Rede sein; gerade zu einem wehmütigen Lächeln wird es reichen.
 
Ein kleines Gedicht mit einem langen Titel
zum
neuen Jahre 1807,
 
worinnen Topp seinen Kunstfleiß, seine Wichtigkeit, seine Selbstständigkeit und seinen Nothstand darthut, und zuletzt mit einem Wunsch schließet, bei welchem Seine Gönner nicht weniger als er selbst interessirt sind.
 
Zwar bin ich nicht im Krieg gewesen,
Und dennoch ein geschlagner Mann.
Man sieht es mit gesunden Augen
Mir schon von Weitem deutlich an.
 
Wie eine Fahne flackernd wehet
An ihrem dürren, morschen Stab,
So hängt von meinem dürren Leibe
Der Rock gar malerisch herab.
 
Die Kunst und Wissenschaft geht betteln,
Es ist ja eine harte Zeit.
Warum hab ich den schönen Künsten
Mich unbesonnen doch geweiht?
 
Welch schöne Werke könnt ihr sehen
In meinem wandernden Verlag,
Wo ist ein Noricum gewesen,
Dem ich nicht meine Gunst versprach?
 
Wer wühlt in den Antiquitäten
So unermüdet, als wie ich?
Wo ist ein Colporteur gewesen,
Der mir auch nur von Ferne glich?
 
[…]
 
Noch immer bin ich frei vom Gelde,
Noch immer Sorgen um mich her;
Noch immer fleißig und betriebsam,
Noch immer keinen Kreuzer mehr!
 
So wird’s auch bleiben, wie ich merke,
Doch, daß es also bleiben mag,
Dazu gehören wenig Stücke
Und wenig nur für jeden Tag.
 
Dieß Wenige wollt ich erbitten,
Zum Wenigen tragt etwas bei,
Verehrte Gönner! Daß ich ferner
Mir selber standhaft ähnlich sei.
 
Doch weniger solls auch nicht werden,
Sonst gränzt es völlig an das Nichts,
Das Glas geht freilich lang zum Wasser;
Doch endlich — währts zu lang — so brichts.
 
Was wäre dann mein Fall — ich bitte,
Laßt diesen Jammer noch nicht zu.
Das Publikum ist zu bedauern,
Geht einst der gute Topp zur Ruh.
 
Ich hoffe freilich und ich wünsche,
In einem Jahr noch da zu seyn,
Um eures Glücks, verehrte Gönner!
Mich dann recht inniglich zu freuen.

 
Neujahrsgedichte waren als Einzelblätter seit geraumer Zeit im Schwang gewesen, und Originale wie „Topp“ hatten von Tür zu Tür mit derartigen Produkten ein paar Kreuzer geheischt. Manche davon waren, um die soziale Stellung des Bittstellers humoristisch auszunutzen, im Nürnberger Dialekt abgefaßt, und davon schreibt sich die Mundartdichtung her. Der erste Mundartdichter von Belang war freilich Johann Conrad Grübel.