Wenige Wochen nach Schillers Tod verfaßt Diaconus Seidel, der spätere Präses, einen Hochzeitsglückwunsch als formale Parodie auf dessen „Drei Worte nenn’ ich euch inhaltsschwer”:
 
Es sind zwei Blumen von zarter Hand
Gepflanzet ins irdische Eden.
Sie sind den Guten nur ächt bekannt
Ihr Duft erquiket nicht jeden.
Und wo sich ein Ungeweihter naht,
Da welkt vergiftet die köstliche Saat.
[usw.]
 
Die Füllungsfreiheit der Verse ist geschickt imitiert und bringt die Sprache zum Schwingen; Schillers oftmals recht üppiger Gebrauch konventioneller Epitheta zur moralischen Bewertung begegnet auch hier.

In der Trauerfeier, welche die Pegnesen ihrem verstorbenen Präses Panzer den folgenden August veranstalteten, las Kiefhaber etwas ab, was anscheinend als Ode in freien Rhythmen gedacht war. Ordnet man den Text nicht in willkürlich abgebrochenen Zeilen, sondern als Fließtext an, bleibt von einer rhythmischen Wirkung nichts übrig, so willkürlich ist die Anordnung — es sei denn, sprecherische Einteilung von Sinnschritten werde hier zur bequemeren Reproduktion über die Zeilenenden vermittelt. Freilich ist, schon wegen der zahlreichen Ausrufe, unverkennbar, daß beabsichtigt war, etwas Erhabenes zu schaffen. Nur entspricht dem keineswegs die blanke Aufzählung wissenschaftlicher Errungenschaften einer sehr prosaischen Art, und auch nicht die Wortwahl an anderen Stellen:
 
So ging, o Freunde! auch Panzer den Weg,
Den einst Mattaire und Denis,
Und Riederer und Strobel gingen! —
Er ging ihn und folge ienen allen,
Denen er innig oft dankte,
Wo sie auf der Bahn des Forschens ihm vorleuchteten! —
In welch Staunen würden Mattaire und Denis gerathen,
Wenn sie sehen, hören und lesen koennten,
Wie viel ihr Fleiß, dem Fleiße Panzers noch übriglies;
Wie sehr würden sie wundern mit welcher Sorge
Und Pünktlichkeit Panzer nicht nur
Da fortfuhr, wo sie stille standen —;
Sondern wie oft er sie beßerte, mehrte, berichtigte!
Und Riederer, der tief eindrang
In das Studium der kirchlichen wie der Bibelgeschichte,
Würde nicht minder staunen über die Menge der Schriften,
Welche seiner Forschung verborgen blieb! —
[…]
War es nicht Panzer, dessen Fleiß
Mehrere Punkte der Bibelgeschichte
Näher und bestimmter untersuchte,
Genauer sie prüfte, als vor ihm nie geschah!
War nicht er es, der bey seinen rühmlichen Forschungen
Immer etwas Neues zu entdecken wußte! —
War nicht er es, der einen langen litterarischen Streit
Über die Urschrift des augsburgischen Bekenntnißes
Eben so rühmlich, als glücklich beendigte!—
Und dieser Forscher litterarischer Schätze
War unser! — War uns Führer und Freund!
Seiner Leitung danken wir siebzehn Jahre lang schon,
Den veredelten Zweck unsers ergrauten Bundes!

[…]
 
Eine würdige Trauerrede, gewiß; aber als Poesie völlig verunglückt. Darin erweist sich der Bürgerklassizismus, der vermeint, durch formale Nachahmung des Neuesten zu Zwecken der ewig alten Gelegenheitsdichtung auch an dem Hohen Stil der Chöre aus Schillers «Braut von Messina» teilzuhaben, als ebenso steril wie die in Reinweiß und Marmor die Griechen nachahmende Plastik der Canova und Thorvaldsen, die aussieht wie aus Seife geschnitten.
Geschickter schon im Treffen des Tones — von einzelnen Ausrutschern wird noch die Rede sein — und jedenfalls im tüchtig erdachten Gehalt der Schillerschen Gedankenlyrik nah, präsentieren sich Seidels Langstrophen auf das Neujahr 1808 (Anlässe, auch dem durchschnittlichen Freizeitdichter Stoff zu tiefernster Behandlung und ehrlich durchlittener Gedankenarbeit zu geben, boten die  politisch-militärischen Ereignisse jener Jahre genug):
Sieh, die lezte Furche ist gezogen
In dem neusten Felde der Vergangenheit,
Und mein Geist hat stille es erwogen,
Was Erinnrung aneinander reiht.
Auf dem neuen Pfad im Labyrinthe,
Das das Leben um den Menschen flicht
Streift Vergangenheit die Zauberbinde
Unsrer Gegenwart vom Angesicht.
Was wir auf die Erde ausgesäet
Für die Erndte der Vergänglichkeit
Hat der Sturm der Erde weggemähet,
Bessre Saat blüht für die Ewigkeit.
Die Vergangenheit beut uns den Spiegel,
Wo der Mensch hin in die Menschheit blickt,
Wo Erfahrung ihm der Wahrheit Siegel
Auf die Welt und seine Stirne drückt.
Der Geschichte Strom rauscht mir vorüber,
Staunend schau ich in den Wogenbruch,
der durch seine Wellen uns herüber
An der Gegenwart Gestaate trug.
 
Zieht vorüber, ihr Heroen alle,
Die der Vorwelt Genius gebahr,
In des blutbesprizten Tempels Halle,
Mit dem stolzen Lorbeer um das Haar.
Wandelt hin, ihr Millionen Schatten,
Die der Krieg in Charons Nachen stieß,
Seit die Erde ihre grünen Matten,
Von dem ersten Bruderblute tränken ließ.
Heilig sind mir Eure Todtenhügel,
Wenn das Vaterland zum Streit euch rief.
O! da wehten sanfter Geister Flügel,
Wo ein Held für’s Vaterland entschlief.
Laßt zum Himmel Mausoleen streben,
Stein sind sie, von Steinen aufgestellt.
Bei Termopylä und Lützen sanken Leben
Und kein Marmor predigt es der Welt.
 
Weggekehrt von jenen Blutgerüsten,
Wo das Schwerdt durch edle Herzen drang,
Abgewandt von menschenleeren Wüsten,
Wo die Kriegstrommette schmetternd klang.
Vor dem Aug die Hand beim hellen Brande,
Der um einen Huß die Lohe schlug,
Und von aller jener Schmach und Schande,
Wo die Menschheit sich zu Grabe trug;
Laßt es mich vergessen, daß es um die Wette
Alexanders, Sullas und Neronen gab,
Und senkt Hermandad und Banndekrete
In des Lethe tiefes Flutengrab.
 
Laßt mich Euch umfassen, große Geister,
Die das Reich der Wahrheit angebaut,
Denen Er, der ew’ge Herr und Meister
Seiner Weisheit Lehren anvertraut.
Von Sinai, den die Wolk’ umfeuchtet
Bis zum Kreuz im stillen Abendschein,
Bis zum Letzten, dem die Wahrheit leuchtet,
Gehen sie zum hohen Himmel ein.
Laßt mich Euch umfassen, die zum Segen
Unsre Zeit in ihrem Sturm erhält,
Ihr, von denen keines von den Wegen
Hoher Pflicht zur Furcht hernieder fällt.
Denen, wie es auch von Aussen brauset,
Doch das Herz den Friedensgruß ertheilt;
Wo die alte Redlichkeit noch hauset
Und die deutsche Biederkeit verweilt.
 
Mich an solche Edle anzuschließen
Sey der Zukunft sicherer Gewinn,
Mag ich es dann gleichwohl gar nicht wissen,
Ob ich lang auf dieser Erde  bin.
Laßt und Gutes thun und nicht ermüden,
Bis der lezte Lebensakt erscheint,
Und uns freuen, wenn zum innern Frieden
Uns das wahrhaft Göttliche vereint. G.E.F. Seidel, Diac. Aegyd.

 
Was ist nun an einem so hehren Gedicht zu beanstanden? Man lausche noch einmal den Worten nach: „[…] Mag ich es dann gleichwohl gar nicht wissen, / Ob ich lang auf dieser Erde bin. / Laßt uns Gutes thun und nicht ermüden, / Bis der lezte Lebensakt erscheint, […]” Es sind die silbische Kurzatmigkeit und werktagspredigerhafte Wortwahl, die ihn an dieser Stelle leider aus der angenommenen Rolle des Weltweisen fallen lassen. Andererseits ist epigrammatischer, bester Schiller-Stil: „Bei Termopylä und Lützen sanken Leben/ Und kein Marmor predigt es der Welt.”