Klopstock-Nachfolge



David Gottfried Schöber, der Bürgermeister von Gera (jetziger Partnerstadt Nürnbergs), war unter dem Namen Coelestin Mitglied des Ordens. Als er im Juni 1778 starb, gab der Orden, wie gewöhnlich, einen Einzeldruck des Leichcarmens heraus. Verfaßt hatte es Frank-Pylades. Daraus entnehme ich die besonders charakteristischen Strophen:

O! welch ein Glück, wenn uns nach abgeschiedner Sonne
Und abgeschiednen [sic] lieben Tag
Nie schwarzes Laster quält — wenn nichts als Seelenwonne
Uns folgt ins dunkle Schlafgemach.

[...]

Sein aufgeflogner Geist singt an Jehovens Throne
Der Himmelssänger Jubellied,
Indeß die Hülle nun, mit einer Mirthenkrone
Beschenkt, zur Mutter Erde flieht.

Da der Vortrag den Dichter macht, spricht es nicht von vorneherein gegen eine unvoreingenommene Betrachtung, wenn erst einmal der Inhalt der Aussage auf eine kurze Form gebracht wird; um so besser ermißt man den Anteil der poetischen Überformung:

Man sollte bei einbrechender Dunkelheit ein gutes Gewissen haben.
Die Seele ist im Himmel; der Leib kehrt zur Erde zurück.

Im Sinne eines eigenständigen Einfalls ist nur die erste Aussage zu werten, denn darin liegt bereits der Kern einer Metapher: Man sollte, heißt es eigentlich, wenn die Nacht des Todes beginnt, ein gutes Gewissen, d.h. gut gelebt haben. -- Und nun beginnt der dichterische Höhenflug. Diesen Ausdruck möge man bitte nicht so ironisch nehmen, wie man ihn heute üblicherweise versteht, denn nach der Einebnung der Lyrik zur mehr oder weniger witzigen, gereimten Gedankendrechselei begann man in jener Periode in vollem Ernst wieder eine besondere Sprache für die gebundene Rede zu suchen; Erhabenheit und Schwung, die nicht ohne Begeisterung zu erzielen sind, setzten solche Produkte wieder ebenso weit ab von der Prosa wie die Gedichte der ersten Pegnitzschäfer, nur daß sie nicht gekünstelt, sondern erfühlt wirken sollten. Ein Mittel hierzu waren Wort-Zusammensetzungen: 'Seelenwonne' (statt des bekannteren 'Seelenfreude' oder 'Seelenfriede'), 'Himmelssänger' (für 'Engelchöre'). Birken hätte dem Verfahren gewiß seinen Beifall nicht versagt. Man mache einmal den Versuch und setze die landläufigeren Wörter anstelle der Neubildungen: Alles wird ein wenig stumpfer; man kommt von der Grundaussage nicht weit genug los, um sich noch etwas dabei zu denken, geschweige denn, etwas Ungewöhnliches zu empfinden. Und war denn dies nicht der Zweck?

Beiwörter müssen gar nicht so originell sein, um die Empfindung zu erhöhen: 'schwarz' für das Laster und 'dunkel' für das Schlafgemach überraschen nicht, aber ihre Entsprechung sowie ihre Entgegensetzung zu dem 'lieben' Tag sprechen stark für das Argument, ohne daß man sich das bewußt machen muß. Noch paßt darauf das Wort der ersten wissenschaftlichen Ästhetik (von Alexander Gottlieb Baumgarten, 1735), daß eine poetische Rede keine deutliche, aber dennoch klar sei.

Was Schwung in die Aussage bringt, sind natürlich die Tätigkeitswörter. Hier erscheint glücklich gewählt der 'abgeschiedne' statt eines bloß 'vergangenen' Tags -- so kommt die Assoziation mit dem Ende des Lebens zustande; 'aufgeflogen' ist der Geist, nicht 'aufgefahren in den Himmel', wie wohl nur von Christus gesagt werden dürfte; und doch ist Nähe zum 'Menschensohn' nicht unbeabsichtigt bei einem Frommen. Daß der Körper in die Grube 'flieht', könnte ein wenig zu dynamisch genannt werden. 'Mutter Erde' allerdings als Fluchtpunkt klingt schon ein wenig freundlicher.

Hier schlummert sie — ruht sanft im kühlen kühlen Grabe,
Ruht von der langen Arbeit aus —
Auf Hofnung eingesenkt, daß sie zu erben habe
Ein lichters glanzerfülltes Haus.

Heil ihr! Sie ahndet sie, die Freudenschöpfungsstunde
In ihres Grabes Finsternis.
Erwacht auf Gottes Ruf — und lobt mit frohem Munde
Den Ruffer, ihres Glücks gewiß.

[...]

Wir aber, Coelestin, wir irren in dem Haine,
der Dir o! Lieber, heilig war,
Um Dich betrübt, herum! und unsrer Thränen keine
Stellt Dich uns lebend wieder dar!

[...]

Was soll hierzu Lichtenbergs Kritik? Ihm paßte wohl die ganze Richtung nicht, sonst hätte er an jener Stelle auch einmal ein Wort darüber verloren, daß man keiner großen Erfahrung in der Welt der Geschäfte bedarf, um über Außerweltliches zu dichten; man muß nur Erfahrungen in der eigenen Seele gemacht haben. Daran allerdings muß sich derartige Lyrik messen lassen, und nicht nur daran, welche klopstockischen Verfahren der Verfasser gelernt hat — sonst fällt man wieder in die Auswüchse der barocken Virtuosenlyrik. Die gute Gelegenheit für angehende Dichter, die sich auf geistliche Dichtung verlegen — nämlich, nicht aus der platten Wirklichkeit etwas machen zu müssen — hat ihre Gefahr allerdings darin, daß man im Regelfall theologisch gebildet sein muß, um nicht in Schwierigkeiten mit dem Konsistorium zu geraten, und: daß man nicht über alle Gegenstände so schreiben kann, ohne über die Trennlinie zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen zu stolpern. Man kann wohl Frank-Pylades abnehmen, daß er dieser Gefahr zu so traurigem Anlaß selbst in einem Gelegenheitsgedicht entgangen ist.