Literarische Gegenstände in den Sitzungen
 
Keineswegs beschränkte sich der Vortrag von Dichtung und die Erörterung darüber auf die Irrhainfeste oder Totenfeiern. Nachdem die historischen Gegenstände eine zeitlang den Vorrang behauptet hatten, wurde in den regelmäßigen Sitzungen wieder mehr Literarisches vorgestellt. Darum machten sich vor allem zwei neue Mitglieder verdient: Soden und Johann Christoph Jakob Wilder. Hier knüpfen wir wieder an: Wie sah Pflege der Dichtung aus, insofern sie gesellig ausgeübt wurde?
 
Wilders Biograph schreibt: „[…] Fürwahr in Nürnberg geht kaum ein bedeutenderes Ereigniß des öffentlichen oder häuslichen Lebens vorüber, ohne daß Poesie sich müßte vernehmen lassen. Seyen da ihre Schöpfungen wie die Gabe, so der Raub des Momentes — das Erhebliche und Tiefere ist ein sich allgemein aussprechendes Bedürfniß nach Poesie, und ein Verlangen, den flüchtigen Erscheinungen des Daseyns höhere Weihe zu geben. Der Entschlafene war unzähligemal des [sic] Organ fremden Gefühls; er hat jenem Bedürfnisse genügt, jenem Verlangen gehuldiget, wie vor ihm Keiner. Der Drang der Zeitkürze hat ihn nicht ängstlich machen, Anmuthungen, die dem Geschmacke widerstreben, und gegen die sich der Genius wehrt, haben ihn nicht außer Fassung bringen können. Auch konnte er kaum zu einer Stunde aufgefordert werden, in der es ihm an poetischer Stimmung gänzlich gefehlt hätte.” (S. 7) Hatten sich die Romantiker, die der Poesie eine Hütte unter den Menschen bauen bzw. das gesamte Leben poetisieren wollten, die Erfüllung ihres Programms so vorgestellt?

Wenn ein Ideal wie dieses allgemein anerkannt wird — d.h. hier natürlich nur: in kulturtragenden Kreisen— und wenn es auf die machbaren Erzeugnisse einer ständig zur Verfügung stehenden Kunstfertigkeit zuzüglich einer diffusen poetischen Gestimmtheit herunterverdünnt wird, mag das Ergebnis im Vergleich mit dem hohen Schwung der Frühromantik abfallen. Aber was will man mehr? Indem es um 1820 in Nürnberg poetisierende Philister gibt, die nicht nur formale Regeln zu beherrschen versuchen, sondern auch poetisch gestimmt zu sein oder zu werden wünschen, geschieht der öffentlichen Kultur ja nichts Verderbliches. Echte Romantiker hatten wir nicht. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. An Versuchen hat es nicht gefehlt.

Nachdem Seidel Präses geworden war, nahmen die Ordenssitzungen einen etwas anderen Verlauf. Nach den geschäftlichen Tagesordnungspunkten wurde Dichtung vorgestellt oder erörtert. So heißt es etwa im Protokoll der Sitzung vom 2. Mai 1814: „[…] Hiermit endigte sich zwar die dermahlige Sizung; es wurde aber zur weiteren literarischen Unterhaltung von dem Herrn Präses unter andern eine Schrift, unter dem Titel: der Sprachgerichtshof, mitgetheilt, und mit eigenen Gedanken über den Reichthum und die Verbesserung der deutschen Sprache, und über die zum Nachttheil derselben von Zeit zu Zeit immer mehr unnöthig eingemischte fremde Wörter, begleitet; auch nachher noch aus Deutschland der Frau von Stael eine und die andere Stelle abgelesen, worinnen dieselbe über einige deutsche Schriftsteller, z.B. über Klopstock, Schiller, Göthe, p.p urtheilt, und die deutsche Literatur mit der französischen vergleicht.” Aus dem Konzept des Schriftführers, das der Abfassung des Protokolls voranging, ist überdies zu ersehen, daß damit der Umfang der Gegenstände jener Sitzung nicht abgeschlossen war, die man sich, mit einem abschließenden Mahl beendigt, als eine stundenlange Abendunterhaltung vorstellen kann: „Seume an Münchhausen. Münchhausens Antwort. Vorlegung der neuen Ausgabe des Telemach. Des Journals die Musen, des Erichsonschen Musenalmanachs.”

Das an derselben Stelle auffindbare Konzept zur „Session vom 4. Novembr. 1816” enthält stichpunktartige Hinweise auf die Leseinteressen des Ordens: „[…] 4. Wielands Urtheil über Sonnenberg […] 7. G. Seume. 2. Gedichte. […] Hr. Grf. V. Soden. Synd. Zahn. Lecture. Koerners Gedichte”. Syndicus Zahn ist ein persönlich anwesender Verfasser, doch der Horizont der Pegnesen ist damals überregional sowie zeitgenössisch.

Am 3. Februar 1817 tritt der Graf von Soden dann auch persönlich auf: „VII.) Der bey heutiger Sitzung zum erstenmal erschienene Herr Graf Julius von Soden unterhielt die Ordens-Versammlung mit einem von ihm verfaßten sehr gehaltvollen Aufsatz über die Lebensumstände und die zahlreichen Schriften des berühmten spanischen Dichters Lope Felix de Vega Carpio nebst einer beygefügten Ankündigung der von ihm demnächst herauszugebenden Übersetzung mehrerer der vorzüglichsten dramatischen Werke dieses Schriftstellers.”

Zu Anfang Mai 1817 sagen die Notizen einiges über eine ähnlich bunte Zusammenstellung aus wie November 1816:„Sess. Walp.[urgis] 1817 […] H. Graf Soden. Vega. Zum Vorlesen. H. Zahn. Ich. [Müller, der Schriftführer] Jean Paul. Museum. P. 91 ff.”

Dies ist freilich schon ein Übergang von Literatur zu Literaturgeschichte. Sodens weitere Beiträge bewegen sich auf dieser Grenze und streifen dann das gehoben Journalistische, Essayistische. Es folgen Protokolle, in denen u.a. steht: „Geschehen Nürnberg im Gasthof Zum weißen Schwan Montags den 5. May, 1817. […] IV.) Herr Graf von Soden theilte den versammelten Mitgliedern ein sehr gehaltreiches Fragment aus seiner in künftigem Jahr erscheinenden Schrift: über Nazional-Oekonomie, ablesend mit, worinnen besonders der Gehalt der jezigen Schauspiele und die Beschaffenheit des Theaters mit treffenden Zügen entworfen und seinem wahren Werthe nach gewürdiget wird.”

Man kann sich nur wundern, wie dieser Theaterpraktiker in einer wirtschaftlichen und technischen Analyse auch den Gehalt der neuesten Schauspiele  in Anschlag brachte. Wahrscheinlich ging es um deren Ausstattung.

„Geschehen Nürnberg im Gasthof zum weißen Schwan. Montags den 10. May, 1819. […] VIII.) Wurde durch Herrn Grafen von Soden eine Abhandlung über die Juden und deren Nationalisirung abgelesen, mit allgemeinem Beyfall aufgenommen und dem verdienstvollen Herrn Verfasser der Wunsch zu erkennen gegeben, daß es demselben gefällig seyn möge, diesen literarischen Verein noch öfter mit so gehaltvollen Vorlesungen zu erfreuen.”

„Geschehen Nürnberg im Gasthof zum weißen Schwan. Montags den 8. May, 1820. […] 3.) theilte Herr Graf von Soden einige Fragmente aus einer noch ungedruckten Geschichte des Baurenkriegs in Franken mit […]”

Hiermit ist der Blumenorden wieder in dem Fahrwasser, in dem er eine Generation früher, um 1788, bereits navigierte. Es geschieht jedoch aus unverstellt aktuellem, nicht vorgeblich archivarischem Denken.