Jener arme, später durch geschickte Manipulation des Literatur- und damit des Immobilienmarktes reich gewordene Skribent, den er in seinem ersten Roman darstellt, ist natürlich nicht das Sprachrohr des Dichters Lochner, auch wenn jener durch die Erwähnung eines "ästhetischen Systems" recht professionell erscheint. Am 11. Januar 1802 hatte aber Lochner in einer Versammlung des Blumenordens sein eigenes ästhetisches System vorgestellt. In diesem Text geht es gehörig philosophisch zu. Einiges von der Weitschweifigkeit seiner Formulierungen muß man herauskürzen, um die Kernaussagen nicht aus dem Blick zu verlieren; dann aber lohnt ein Vergleich mit dem sogenannten "Ersten Systemprogramm des Deutschen Idealismus", das in keiner Hegel-Gesamtausgabe fehlt, aber wahrscheinlich nicht von ihm allein, sondern im Frühsommer 1796, wohl kurz vor dem Abgang vom Tübinger Stift, von Hegel, Hölderlin und Schelling gemeinsam verfaßt worden ist. Man erinnert sich, daß Hegel, nach seiner Zeit als Redakteur in Bamberg, 1808 Rektor des Nürnberger Egidien-Gymnasiums wurde. Schelling war 1803 Professor in Würzburg geworden und hatte auch Hegel den Weg zu dessen erster Professur in Jena geebnet. Publiziert hatten beide schon vor 1802. Der Aufmerksamkeit eines schriftstellernden, in der neuesten Literatur gut belesenen Pfarrvikars konnten sie sicher sein. Vielleicht gab es auch vor 1808 Verbindungen Hegels zu Nürnberg oder Altdorf. Das müßte man einmal nachprüfen. Für den Vergleich der Positionen ist es freilich unerheblich.
 
Lochners Vortrag beginnt so (nachdem er erst einmal Fahrt aufgenommen hat):

"[...] Man findet nemlich fast durchgehends die lezte Ursache der ungeheuren Abwege und Mißgriffe [...] in dem sehr einfachen Umstande, daß der Mensch seit dem ersten Gefühle seines Bedürfnisses, das ihn über den Bezirk der Sinnenwelt um ihn her hinaustrieb, das was er suchen, und zwar seiner Bestimmung gemäß suchen sollte, immer nur ausser sich, nie aber da, wo es allein gefunden werden konnte, in sich selbst ausspähte. [...]"

Im "Ersten Systemprogramm des Deutschen Idealismus" (nachfolgend ESI abgekürzt) steht: "Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen."

Lochner fährt fort: "daß alle diejenigen um nichts besser verfuhren, welcher von aller äussern Autorität zurükweichend, nur aus ihrem Kopfe den Maasstab, nur aus ihrem Herzen den Prüfstein, nur aus ihrer Erfahrung das Endurtheil und nur aus ihrem Privatsysteme die Anwendung aller möglichen Ideen zu nehmen sich rühmten [...]"

ESI: "So — wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von spätern Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, dass die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie. der unsrige ist, oder sein soll, befriedigen könne." — Übereinzukommen scheinen die beiden Aussagen am Rande, wenn es darum geht, daß durchaus auch "Data" aus der Außenwelt neben den Ideen aus dem Inneren des Menschen eine Rolle zu spielen hätten.

Lochner: "Wenn man, all der Erleuchtung ungeachtet die man dem laufenden Zeitalter so freygebig zuschreibt, noch immer dem größeren Theile nach fortfährt, das Wissen als abhängig von den Dingen ausser uns, und die Welt als den Grund und Boden der Philosophie zu betrachten [...] wenn man ferner in den Angelegenheiten des Willens diesen noch sehr häufig entweder vom äusseren Schicksal (Fatalismus) oder von gewissen übermenschlichen Gesezen aus einem unbekannten Reiche [...] abhängig denkt, und mithin ihn [...] dem unterordnet, was man sehr gewöhnlich mit dem heiligen Namen der Religion oder des Willens Gottes stempelt —; wenn man dem zu Folge die Autonomie der Erkenntniß und des Wollens mit einer empörenden Gleichgültigkeit Preiß giebt, — so ist man auf ein drittes Grundvermögen der menschlichen Seele, das Gefühl, desto eifersüchtiger."

ESI: "Ihr seht von selbst, dass hier alle die Ideen, vom ewigen Frieden usw. nur untergeordnete Ideen einer höhern Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung — bis auf die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit — Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst." — Es trifft nicht Lochner, was hier über vernunftheuchelnde Priester gesagt ist, denn er steht dieser höheren Idee nahe, wenn er die Autonomie der Erkenntnis und des Wollens nicht einem Fatalismus (La Mettrie?) oder einer falsch verstandene Religion preisgeben will. Aber wie kommt Lochners Hinweis auf das dritte Vermögen, das Gefühl, mit dem ESI überein?

"Ich wage wohl nichts, wenn ich [...] die absolut nothwendige und ursprüngliche Harmonie jener drey Grundkräfte der persönlichen Menschheit (des Ich) zum Princip alles dessen aufstelle, was ich hier in kurzen Umrissen mehr auszudeuten als zu entwickeln habe. Da uns übrigens hier [...] um [...] ein Verhältniß [...] der Kunst [...] zu [...] der ethischen Tendenz zu thun ist, so kann uns nur die Harmonie des Willens (der praktischen Vernunft) mit dem Gefühle (im empirischen Gebrauche Geschmack genannt) aus jener Principalidee ansprechen. [...]" — Mit dem Wort "Geschmack" begibt Lochner sich auf den Boden der Ästhetik. Dort stellt sich die Harmonie der drei Grundkräfte des Menschen her, und darum ist sie das Grundprinzip. Auch die Ethik hängt damit zusammen. Das war im ESI bereits der Ausgangsgedanke, gegründet auf Kant:

"Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt — wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat, so wird diese Ethik nichts andres als ein vollständiges System aller Ideen, oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst, als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt — aus dem Nichts hervor — die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts." — Auf die Ästhetik kommt der ESI nach den oben erwähnten Zwischenschritten zu sprechen: "Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischem Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen, als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsre Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonieren  — ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen,  — und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht."

Lochner: "Der Ausdruk des reinen Gefühls in der Sinnenwelt [...] heißt Schönheit, das System der Schönheit (das aber vor der Hand in concreto noch nicht existirt), Aesthetik, und ihre Hervorbringung, die nicht ohne ein Ideal denkbar ist, Kunst. [...] Es kann mithin das Ideal der Religion nur ein Uebersinnliches, das der Kunst nur ein Sinnliches seyn, u. von einer überirdischen Schönheit oder von einer irdischen Gottheit zu reden, ist bekanntlich nur dem Künstler erlaubt. [... Es ist ...] eigentliche Obliegenheit des [...] Künstlers [...] über die Wirklichkeit hinauszugehen, doch ohne sie zu verlassen, aus dem Reich der Ideen irgend etwas zu holen, und es im Reiche der Dinge gleichsam wiederzugeben, und zwar nicht in die übersinnliche Welt zu entrüken, aber  sie uns in der sinnlichen abzudruken. [...] so täuschend auch die Kunst ihr Geschöpf in irgendein Substrat der empirischen Welt zu verbergen wußte [...]"

ESI: "Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war — Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben."

Lochner: "Wem das Wort Sinn nicht anstößig ist, der mag es [das Gefühl] auch den Schönheitssinn nennen [...] Nur dadurch wird das Streben nach Vollkommenheit von jeder einseitigen Richtung bewahrt, denn es giebt für uns eben so wenig eine vollkommene Handlung der Pflicht, als einen vollkommenen Genuß des Lebens ohne die Form der Schönheit [...] Für den Menschen, u. mithin auch für die Religion des Menschen, giebt es keine höheren Formen als die der Kunst, für die Kunst keinen höheren Gegenstand [...] als die Religion. [...]" Diese Religion müßte für den Herrn Pfarrvikar Lochner eigentlich mit seiner vernünftig und gleichzeitig mit Schönheitssinn ausgeübten protestantischen Predigertätigkeit vereinbar sein — aber welcher Abstand zur Orthodoxie, welche noch hundert Jahre zuvor von Leuten wie dem Präses Lilidor in Nürnberg amtlich vor Entstellungen bewacht wurde, tut sich da auf!

ESI: "Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen.
Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, so viel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist— wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.
Ehe wir die Ideen ästhetisch, d.h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden, und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! — Ein höherer Geist vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte größte Werk der Menschheit sein."

Der letzte Absatz beschreibt in etwa die spätere Praxis Hölderlins. Es ist natürlich nicht zu erwarten, daß Lochner ihm darin gleichkommt oder überhaupt nur in eine ähnliche Richtung zielt. Immerhin umfaßt auch sein Denken den Begriff der Menschheit:
"Ganz bestimmt bemerken wir diesen übersinnlichen Charakter der Kunst da, wo sie nicht nur die wirkliche, sondern auch die mögliche sublunarische Erfahrung aufgiebt [...] nicht mehr dem Verstande [...] sondern der Vernunft, die übersinnliche Geseze zu verwirklichen strebt, die Züge zu ihren Gestalten absieht. Aber dies kann sie nur theilweise, denn das Ideal der moralischen Vernunft [...] ist keiner Gestalt fähig. [...] Das Höchste also was die Religion in ihrer moralischen Tendenz sich zum Ziele sezen, und was die Kunst in ihrer aesthetischen auszudrüken versuchen kan, ist ein Ideal der Menschheit. [...]"

Es kann sich nicht darum handeln, Abhängigkeit oder Priorität zu ermitteln; hier genügt vollauf zu konstatieren, daß im Blumenorden des Jahres 1802 die Erörterung ästhetischer Fragen auf der Höhe der Zeit war. Was noch hätte werden können, wenn Lochner nach 1808 in persönlichen Kontakt mit Hegel getreten wäre, ist Spekulation. Leider heißt es im Protokoll der Ordenssitzung vom 3. Mai 1803:
"[...] 3.) Proponirten Herrn Präses Hochwürden, daß dem, vor einigen Tagen, am 22sten vorigen Monats, zum allgemeinen Bedauern in der Blüthe seiner Jahre verstorbenen Herrn Pfarr-Vikar, Johann Philipp Christoph Lochner, von dessen vorzüglichen Talenten das gelehrte Publikum, und besonders der Orden sich noch viel zu versprechen gehabt hätte, ein Denkmal im Druck zu errichten seye [...] daß Herr Dr. Panzer in Hersbruck, welcher den Verstorbenen genau kannte, sich hierzu erbitten lassen würde [...]"

Aus dem Nachruf, den der jüngere Panzer verfaßt hat, erfährt man über das bisher Zutagegetretene hinaus, daß Lochner ein sprachbegabter Student war, der vor lauter Wißbegierde seinem Körper Gewalt antat, indem er die Müdigkeit mit Kaffee und Wein überging. Ein guter Kanzelredner, mit 19 Jahren schon Vertreter des Hersbrucker Pfarrers Büchner in dessen letzter Lebenszeit, hatte er damals aber schon unter Bluthusten zu leiden.