Viertes Beispiel: Mythologische Einkleidung erotischer Gegenstände

Auch der Frömmste, falls er nicht gerade ein Mucker war, konnte damals, wenn er sich im Vorwort ein wenig für den weltlichen Leichtsinn seiner Jugend entschuldigte, allerhand Themen auf poetische Weise behandeln, ohne seinen christlichen Lebenswandel dem Vorwurf der Heuchelei auszusetzen. Zum Menschsein mit seinen Widersprüchen und Unvollkommenheiten gehörten auch die vielen Schattierungen des Umgangs mit dem anderen Geschlecht; humanistische Gelehrsamkeit hatte auf dem Gebiet der Künste zu einiger Großzügigkeit beim Nachempfinden der alten heidnischen Muster geführt; gerade Lutheraner betonten, daß die Sünde des Menschen der Gnade Gottes nie zu groß sei und verleiteten als Studiosi gelegentlich jemanden zu Ausschweifungen, den sie im Verdacht hatten, Calviner zu sein: hätte er sich allzusehr gegen das 'fortiter peccare' gesträubt, wäre offenbar geworden, daß der Mensch seiner ketzerischen Ansicht nach schon um einer einzigen Sünde willen die Verdammnis verdiene und immer im Ungewissen sei, ob die Vorsehung ihn zur Rettung vorherbestimmt habe. Kurz: das Wort 'Pornographie' ist eine Erfindung des finsteren neunzehnten Jahrhunderts, in dem auch Nicht-Puritaner puritanisch waren (was seither zu einer um so widerlicheren Verbissenheit ins primitiv Aufreizende geführt hat); vorher hieß so etwas 'scherzhafte Muse' und konnte durchaus ehrbare Liebesgedichte neben deftig lüsternen Darstellungen bezeichnen. 'Verliebte Materien' waren eines wie das andere. Dies sei vorausgeschickt zum Verständnis, wie der sehr vornehme und sehr fromme, kränkliche Herr VON FÜRER mäßig frivole Verse machen konnte, obwohl die unter seinem Vorsitz erstellte Ordenssatzung auf Wohlanständigkeit hielt.
Liebs-Erklärung

Wo hat mein Leben dann ganz meinen Tod beschloßen?
Ist keine Rettung da vor einem [!] armen Knecht?
Sih doch die Threnen an/ die ich vor dich vergoßen;
und wann ichs nicht verdien/ gib nur der Liebe recht.

Die Versform ist nach französischem Vorbild der Alexandriner, wobei die Reimform nicht, wie in zeitgenössischen englischen Gedichten dieser Art, paarweise Couplets zusammenfaßt, sondern als Kreuzreim jeweils vier Zeilen überspannt. Diese bilden, als 'Quatrains', eine gedankliche Entwicklung und bewahren den Alexandriner vor dem Klappern.
Ich muß dir noch einmal auch wider Willen schreiben/
die Noth die zwinget mich/ und treibet meine Hand/
ich weiß mir länger nicht in diesem Stand zu bleiben;
sih deinen Sclaven an/ und öffne seine Band!
Du kennst ja den Spital/ in dem ich bin gefangen/
du weist die Fessel auch/ darinn ich bin bestrickt;
die Ketten die du sihst an meinen Gliedern hangen/
die sind mir nur allein von deiner Hand geschickt.
Spott meiner Schmerzen nicht/ die ich vor dich empfunden;
der Schalk/ der mich verwundt/ ist noch nicht aus der Welt.
Ein Krüppel dient zwar offt zur Kurzweil der gesunden/
doch komts/ daß gleiche Plag auch auf die Spötter fällt.
Ist gleich dein Herz von Stein/ und läßt sich nicht erweichen/
denk/ daß es mit der Zeit auch fleischern werden kan;
die Jugend pflegt indeß mit Kummer zu verstreichen;
im Alter reut uns offt/ was wir nicht jung gethan.
Wer frische Rosen will/ der brech sie an dem Morgen/
wann noch der feuchte Thau auf ihren Blättern hafft/
wann noch in Knospen ligt die beste Krafft verborgen/
und nie kein Bien genascht von ihrem Purpur-Safft.
Du weist/ was Jupiter mit Danaë getrieben/
da dieser Künstler Gold auf ihrer Schos gemacht;
welch eine lange Nacht must nicht Alcmene lieben/
biß daß ein Hercules wurd auf die Bein gebracht?
Ach könnt ich deiner Lieb hinfort versichert leben/
so wär ich warlich mehr als Jupiter beglückt;
die Liebe könnte uns vergnügte Nächte geben/
ob sie gleich heut zu Tag nicht güldnen Regen schickt.
Die mythologischen Anspielungen erscheinen nicht nur als Redeschmuck und beliebig aus dem Zettelkasten gegriffen, wenn wir uns den Aufbau der letzten sieben Verse ansehen. Der mittlere mit dem Wunsch, der die Bedingung stellt ( Ach könnt ich...") wird schalenweise eingerahmt von Entsprechungen, die über das mythologische Personal angeknüpft sind: Die erste und letzte Zeile beziehen sich auf Jupiter und Danaë, die zweite und vorletzte auf die überlange Nacht des Jupiter mit Alkmene, und die unmittelbar einrahmenden auf das Höchstmaß von Liebeslust, dem der stärkste Mensch, Herakles, sein Dasein verdankte. Diese Zusammenstellung bringt den Wunsch noch deutlicher heraus, als es das antike Kostüm an sich könnte, daß die Liebe höchst beglückend sein und auch die besten Früchte tragen möge. Daher werden nämlich auch gleich zwei göttliche Liebeshändel auf einmal als Bezugspunkte genommen: Der göttlichen Aura, dem Goldregen, wovon Danaë sich umgeben sah, entspricht auf der Erde die vollkommen gelungene Verkörperung der Liebe im Zeugen eines Helden.
Ich pflanzt um unser Bett Violen und Jasminen/
die Rosen wären mir mit ihrem Ruch zu schlecht/
Cupido müste uns zu unsrer Wollust dienen/
du wärst mein Venus-Bild/ und er wär unser Knecht.
Ich lachte aller Plag/ die mein Gemüt berührte/
wann ich bey dir/ mein Kind/ nur Trost zu hoffen hätt:
Ich scherzte/ wann das Glück mich auf die Spitzen führte/
dein Brust wär meine Lust/ dein Arm mein Schwahnen-Bett.
Es ist schon Mitternacht/ da ich dir hab geschrieben;
mein Nachbar steht schon auf/ eh ich zu Bette geh:
diß macht/ daß ich von Furcht und Hoffnung bin getrieben/
und nicht/ wie er vergnügt/ in süsser Ruhe steh.
Doch will ich auch einmal nach Schlaf und Ruhe streben/
von Liebe/ Sorge/ Furcht und Wachen abgematt.
Vielleicht wird mir ein Traum bald zu erkennen geben/
was etwan meine Lieb von dir zu hoffen hat.