Viertes Beispiel: Ein Pfarrer verteidigt die Naturwissenschaft

Nach der Leichenfeier begeben wir uns in die Anatomie. Auch dazu fiel MUNZ etwas zeitgemäß Bedeutendes ein: Die vertheidigte Anatomie als Tit. Herr Christoph Jacob Treu, Medicinae Doctor, und Physicus ordinarius, auf dem Nürnbergischen Theatro Anatomico, A. 1728. einen männlichen Cörper zergliederte.

Übrigens war TREU der Sohn des Apothekers in Lauf, eines durch gelehrten Briefwechsel weithin bekannten Pharmazeuten, und selber war er auch bis ins Holländische bekannt. Sein Vater, sei der Kuriosität halber erwähnt, verfaßte 1680 eine Schrift zur Verteidigung des Laufer Bieres, das ins Gerede gekommen war, und die lebensmittelchemischen Untersuchungen dazu waren zum Teil von dem Nürnberger JOHANN GEORG VOLCKAMER vorgenommen worden. Dieser, von HARSDÖRFER unter dem Namen HELIANTHUS als zehntes Mitglied in den Orden aufgenommen, war ein bekannter Arzt, Botaniker und Astronom. Einer seiner Söhne wiederum, JOHANN CHRISTOPH VOLCKAMER, war der Verfasser des bekannten botanischen Werkes Nürnbergische Hesperides , erschienen 1708, worin er alle damals bekannten Zitrusfrüchte und die Gartenanlagen der Nürnberger Reichen, in denen sie gezogen wurden, beschreibt und abbildet. Mit diesen Hesperidengärten konnte und sollte der Irrhain natürlich nicht wetteifern. Aber man sieht schon, wie der Orden von Anfang an in die Kultur und die naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Gelehrtenschicht Nürnbergs verwoben war. Darum stammt das folgende Gelegenheitsgedicht nicht nur zufällig von einem Pegnesen.
[...] Auch selbst die edle Kunst, da ein geschliffner Stahl
Durch todte Leichen tringt, und ein Gedächtnis-Mahl
Der allerhöchsten Macht in unsre Sinnen kerbet,
Hat mehr als einmal schon der gelbe Neid verfärbet
Und häßlich angeschwärzt. Man drohet aus dem Buch,
Das uns zum Himmel führt, bey nahe Bann und Fluch,
Und suchet uns dadurch des Fehls zu überführen,
Daß GOtt verbotten hat, die Todten zu berühren.
[...]
Anscheinend hatte eine fundamentalistische, weniger gelehrte als zelotische Partei an Sektionen Anstoß genommen. Konnte es eine Gruppe aus dem Patriziat sein, die wieder einmal die Gelehrten etwas dämpfen wollte? Ich glaube eher, daß es im Interesse der städtischen Regierung war, die wohlweisen Einrichtungen auf dem Gebiet der Medizin zu verteidigen. Aber mit welchen Argumenten der Geistliche MUNZ darangeht, den tüchtigen Amtsarzt gegen die fromme Plebs in Schutz zu nehmen, verdient im Hinblick auf die Aufklärungsbewegung unsere Aufmerksamkeit.
Allein, was dazumal die erste Kirche that,
Geschah (wer zweifelt dran?) aus wolbedachtem Rath.
So schien es auch nicht Noth, bey ihren Wunder-Gaben,
Den Beytrag über diß von einer Kunst zu haben,
Die nunmehr nöthig ist, nachdem die sondre Krafft
Der Wunder aufgehört, und unsre Wissenschaft
Durch unermüdten Fleis, durch forschendes Bemühen,
Zum allgemeinen Nutz, fortfähret aufzublühen.
Und wisst ihr nicht, daß wir auf deren Schultern stehn,
Die vor uns sind gewest, und mithin weiter sehn,
Als jene nicht gedacht? Das Blat hat sich gekehret,
So, daß die spate Zeit uns eine Wahrheit lehret,
Die vorhin dunkel war. Wer hat sich nicht gescheut,
Was die erfahrne Welt mit vollem Halse schreyt,
Daß nemlich gegen uns, am andern Theil der Erden,
Die Menschen, so wie hier, bey uns, gefunden werden,
Nur träumend darzuthun? Doch ist es jetzund wahr,
Und, wie das Sonnen-Licht am Mittag, offenbar:
Mithin hat unsre Zeit noch vieles anzupreisen,
Das unsrer Vätter Spruch nicht allzeit gut geheisen.
[...]
Hier ist ein ganzes System von Leitgedanken der Aufklärung beisammen. Geradezu triumphierend, eingekleidet in Lichtsymbolik, tritt der Fortschrittsglaube hervor, der bei FÜRER noch halb in Voraussetzungen versteckt und in der Defensive war. FÜRER wäre kaum so weit gegangen, die Zeit der Wunder ein für allemal als vorbeigegangen zu erklären. MUNZ geht freilich nicht so weit, die Wunder früherer Zeiten allein aus dem Aberglauben der früheren Menschen herzuleiten. (Dies blieb, in Deutschland, dem von LESSING verteidigten Hamburger Theologen REIMARUS vorbehalten.) Aber es bedeutet schon etwas, wenn ein Nürnberger Theologe das aus der "Quérelle" stammende Argument aufnimmt, die Neueren bräuchten keine Riesen zu sein, um die Alten zu übertreffen, weil sie auf deren Schultern stünden, und das Heil von der Naturwissenschaft erwartet. MUNZ scheint ein Deist zu sein, der Gott als Weltenbaumeister gelten läßt, ohne an seine fortwährende Einwirkung zu glauben. (Mußte er deswegen nach Saalfeld?) Außerdem steht er dem Kosmopolitismus nahe, wenn er keinen Unterschied zwischen den Menschen — als "Menschen an sich" — macht, auch im Hinblick auf die entlegensten Bewohner der Erde.