Auseinandersetzung mit neuen Größen

Nicht ohne bedächtiges Kopfnicken beobachtet man den Wandel in der Wertschätzung, die der Pegnesische Blumenorden dem Naturalismus und weiteren neuen Richtungen der Literaturentwicklung entgegenbrachte. Hieran zeigt sich besonders zeittypisch die Spannung zwischen bürgerlichen Ressentiments und dem Wunsch, auf dem laufenden zu bleiben.

Die Brüder Hauptmann hatten in den Augen der Freitagstafelrunde die Schwelle zur Anerkennung schon 1895 überschritten. Am 19. April dieses Jahres berichtete Knapp „über das Schauspiel «Marianne» von [gestrichen: „Gerh“] Carl Hauptmann, welches er sehr günstig beurteilt. […]“ Ohne wertende Aussage wird vermerkt, daß am 11. Dezember 1896 „über «Die versunkene Glocke» v. Gerhard [sic] Hauptmann“ berichtet worden ist. Die Anteilnahme an weiteren Autoren dieser Richtung erstreckt sich auch auf Otto Erich Hartleben („Sonnenblumen“) und Hermann Sudermann:

3. Februar 1899     5. Wochenversammlung
[…] Wingenroth bespricht Die drei Reiherfedern v. Sudermann in eingehender und fesselnder Weise; er kommt zu eine anderen Ergebniß, als die in voriger Sitzung verlesenen Kritiken und erklärt das Werk als ersten Ranges, sowohl in Form als auch in seinem poetischen Inhalt. Es knüpft sich eine Besprechung hieran, an der sich Schmidt, Wingenroth und Kügemann betheiligen. […] Wingenroth vertritt den Standpunkt die neue Literatur [bei der Anschaffung] mehr zu bevorzugen, während Schmidt an den alten Beschlüßen festhält, die dahin gingen, die in unserer Bücherei bestehenden Lücken nach und nach auszufüllen. Wingenroth beantragt schließlich doch wenigstens:
Sudermanns „Die drei Reiherfedern“
Hauptmanns „Fuhrmann Henschel“
anzuschaffen, was einstimmig angenommen wurde.

Aus der Zeitschrift „Sonnenblumen“ wurden u.a. Werke von Johannes Schlaf und Richard Schaukal vorgelesen. Im Jahre 1900 hatten die ursprünglich so „naturalistischen“ und daher als Pessimisten gescholtenen Schriftsteller, wohl auch aufgrund ihrer eigenen Wandlungen, im Pegnesenorden den Status von Kultfiguren erreicht.

16. Februar 1900  7. Wochenversammlung
[…] Wingenroth berichtet in längerer Ausführung über den neuesten „Hauptmann“ Schluck & Jau das er als eines der besten Werke Gerhart Hauptmanns bezeichnete. Um zu zeigen wie der Verfasser auf den Gedanken des Stückes kam, las der Berichterstatter das Vorspiel Shakespeares zu „Bezähmte Widerspenstige“ vor. Wingenroth wußte seine Ausführungen sehr interessant zu gestalten und schloß sich eine längere Besprechung des neuen Stückes an, an der sich Beckh, Geißler, Schmidt, Kügemann & Wingenroth betheiligten. […]

9. Maerz 1900     10. Wochenversammlung
[…] Richter liest aus der ihm [!] vom Verfasser Arno Holz gewidmeten Gedichtsammlung
„Der Frühling“
„Ein Bild“
„Ein Anderes“
Es sind dies Jugendgedichte, doch zeigen sie großes Talent Formvollendung und viel Empfindung. Die Gedichte gefielen sehr.

20. April 1900     13. Wochenversammlung
[…] Wingenroth schenkt der Bücherei
Tolstoi Auferstehung
wofür gedankt wird und schlägt als Mitglied vor:
Dr. Emil Richter Kaufmann Egydienplatz 21
ferner zu Ehrenmitgliedern:
Gerhart Hauptmann
Detlev v. Liliencron
Richard Dehmel
Hermann Sudermann
auf Anregung Beckhs wird der Vorschlag Dehmel als noch verfrüht zurückgezogen und wird nach § 8 der Gesetze vorstehender Antrag weiter verfolgt werden. […]

Dr. phil. Max Wingenroth, der Hauptbefürworter der genannten Autoren, war Assistent am Germanischen Nationalmuseum; er war am 20. 5. 1898 aufgenommen worden und ging, als er nach Freiburg verzog, nicht einfach seiner Mitgliedschaft verlustig, sondern wurde am 4. Mai 1900 zum „correspondierenden Mitglied“ ernannt.

Am 7. Oktober 1904 sandte die Buchhandlung Zeiser „Des berühmten Schäffers Dafnis, Freß- Sauf- und Venuslieder“ von Arno Holz. Aus diesem Buch wurde gleich vorgelesen. Zwei Wochen darauf schenkte der seither nach München (ohne fernere Mitgliedschaft) umgezogene Buchhändler Emil Richter „ein Exemplar des letzthin besprochenen Buches von Arno Holz «Dafnis Freß- Sauf- und Venuslieder» mit einer eigenhändigen Widmung von Arno Holz. Der Schriftführer soll dafür den Dank zum Ausdruck bringen.“ Nach der wieder aufgelebten spielerischen Anverwandlung gewisser Äußerlichkeiten der Barockdichtung mußte dieses burleske Büchlein ja einschlagen.

Ganz unproblematisch war das Verhältnis zu Gerhart Hauptmann nie, abgesehen davon, wie lange es dauerte, bis man seinen Vornamen in der von ihm gewünschten Weise schrieb. Zum 4. Mai 1906 heißt es: „[…] Brügel verliest 3 Sonette von Gerhard [sic] Hauptmann, die alle drei so rätselhaft ausgefallen sind wie seine „tanzende Pippa“, so daß es der Tafelrunde trotz mehrmaligem Lesen nicht gelingt voll in die tiefen Geheimnisse der Dichtung einzudringen. […]“ Den Roman „Emanuel Quint“ nahm man kommentarlos entgegen. Aber dann regte sich auch einmal Widerspruch:

Freitag den 31. März 1911    13. Wochenversammlung
[…] Schneider berichtet in ausführlicher Weise über Gerhart Hauptmanns Drama „Die Ratten“ u. verliest daraus einige bemerkenswerte Stellen. Das Drama erinnert in seiner ganzen Art an „Fuhrmann Henschel“, entbehrt aber des großen Zuges, da es sich in eine Menge Nebenhandlungen verliert, die die Haupthandlung, nicht immer logisch, unterbrechen. Die Hauptfrage dreht sich um das Kind einer polnischen Dienstmagd, die dieses Kind an eine Berliner Arbeiterfrau verkauft hat, die es ihrem Manne gegenüber als ihr eigenes Kind bezeichnet. Die Hauptconflikte des Dramas entstehen dann dadurch daß die junge polnische Mutter ihr Kind wieder zurückverlangt, was von der Arbeiterfrau mit allen Mitteln verweigert wird u. sogar zur Ermordung der Dienstmagd führt. Der Berichterstatter bezeichnet „Die Ratten“ als ein Werk, das durchtränkt ist von Pessimismus u. Trostlosigkeit. Die Dialektgespräche zwischen der Arbeitersfrau u. der jungen Polin sowie zwischen dem Theaterdirektor Hassenreuther u. dem Theologiecandidaten Spitta — die Schneider verliest — enthalten viele interessante Stellen, wenn auch in der Anwendung des Dialektes zu weit gegangen ist. […]

Da aber nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, schaffte man 1912 für die Ordensbücherei Gerhart Hauptmanns gesammelte Werke in sechs Bänden an und hielt 1913 einen öffentlichen Gerhart-Hauptmann-Abend ab:

Dienstag, den 25. Februar 1913
Oeffentliche Versammlung im oberen, kleinen Adlersaal
Der ungewöhnlich rege Besuch des Gerhart-Hauptmann-Abends bekundet ein erfreuliches Interesse weiterer Kreise für die Kunst des hervorragendsten Dichters unserer Zeit. Schneider gibt eine einführende Betrachtung über „Hauptmann und die Mystik“. [Zwei sehr lobende Zeitungsausschnitte über den Abend sind ins Protokollbuch eingeklebt.]

Je näher der Erste Weltkrieg rückt, desto weniger Verständnis bringt man im Orden dafür auf, daß Hauptmann so gar nicht vaterländisch erregt sein will.

Freitag den 6. Juni 1913    20. Wochenversammlung
[…] Dr. Behringer verliest aus der tägl. Rundschau die Kritik über das von Gerh. Hauptmann verfaßte und anläßlich der Jahrhundertfeier der deutschen Erhebung in Breslau aufgeführte Festspiel. […] nicht allein, daß derselbe weit eher eine Verherrlichung Napoleons als ein Gerechtwerden der damaligen Zeit und ihrer großen, deutschen Männer darstelle, zeige es sich in Aufbau und Entwicklung so naiv und so roh in der Diktion […] Wenn trotzdem keine glatte Ablehnung erfolgte, war dies nur der außerordentlichen Regiekunst Reinhardts zuzuschreiben, der durch pomphafte Dekorationen und geschickte Massenwirkungen das Auge so zu lenken verstand, daß der Zuschauer mehr auf diese, wie auf den Text achtete […]

Freitag den 2. Januar 1914    1. Wochenversammlung
[…] Voit verlas aus der tägl. Rundschau eine eingehende Besprechung des neuesten Gerh. Hauptmannschen Dramas: Der Bogen des Odysseus, von Strecker. […] daß sie [die Personen des Stückes] sich nicht nur mit den, von Homer geschilderten Charakteren in keiner Weise decken, sondern in ihrem teils verlotterten, teils verblödeten Zurschaustellen das gerade Gegenteil von dem zeigten, […] den rustikalen Typen seiner sozialen Dramen nicht nur geistig, sondern auch sprachlich nachzimmert. […]
 
Hatte man sich mit dem Naturalismus auf die Dauer noch einigermaßen abgefunden — in der Fabrikstadt Nürnberg bot sich nicht zu verleugnende Anschauung —, so führten aber die Kurven, Schwünge und Brüche der künstlerischen Entwicklung eines bedeutenden Individuums immer wieder zu Entfremdung. Die Bezeichnungen, unter denen Zeitgenossen die Gruppenaktivitäten von Künstlern zusammenzufassen versuchen, um sich einen Überblick zu verschaffen, werden in der Literaturgeschichte vererbt und sind doch im Hinblick auf tatsächliche Entwicklungen und auch Auseinanderentwicklungen von Gruppen ziemlich unsinnig, um wie viel mehr dann bei der Betrachtung eines einzelnen Lebenswerkes. Es lohnt höchstens, Namen von Künstlern innerhalb bestimmter Abschnitte zusammen zu erwähnen, von denen bekannt ist, daß sie persönliche und professionelle Kontakte hatten oder gar eine programmatische Ausgangsposition teilten. Viel sagt das aber vor jeglicher Einzelanalyse nicht aus und wird von dieser nur zu bald bestritten.

Keiner wird den Dichter-Ingenieur Max Eyth zu den Naturalisten rechnen, doch seine Gegenstände überschnitten sich mit den ihren:

Freitag, den 21. Juni 1912    22. Wochenversammlung
[…] Wiesner [sic] bringt aus dem Werk von Max Eyht [sic] „Hinter Pflug und Egge“ einige Gedichte zu Verlesung. So „Wanderregeln“, „Winterabend“ und „Der Monteur“. Das Letzte schildert die Schaffensfreude eines Monteurs der eine Lokomotive zusammensetzt und dann schließlich auf der Probefahrt von seinem eigenen Werke zermalmt wird. — Das Gedicht kann als wohlgelungenes Musterbeispiel gelten für die poetische Behandlung von Stoffen aus der modernen Technik. […]

Die sehr ausführliche Darstellung einer Diskussion über Hermann Sudermann im Protokoll der 4. Wochenversammlung vom 23. Januar 1914 zeigt vor allem, wie sehr sich nach einigen Jahrzehnten die Wahrnehmung eines ursprünglich als Naturalisten bezeichneten Autors verändert hatte: „[…] Schneider hebt Sudermanns Verdienst um die Neuschaffung des deutschen Dramas, seine geschickte Milieuschilderung, die Kraft seiner Gestaltungsgabe sowohl, wie den sittlichenden Einfluß der von ihm geschaffenen Charaktere und nicht zuletzt seine fließende, schöne Sprache hervor. […]“ Andere aus der früher als „Pessimisten“ gescholtenen Gruppe eigneten sich zunehmend zur gehobenen Unterhaltung mit satirischem Einschlag:

Freitag den 17. Dezember 1909    35. Wochenversammlung
[…] Der übrige Teil des Abends wird mit Brettlliedern von Arno Holz, Detlev von Liliencron, Dehmel, Finkh und Heimel ausgefüllt, an deren Verlesung sich eine lebhafte Unterhaltung anschließt.

— oder gar für Damenabende:

Freitag den 28. Nov. 1913.    37. Wochenversammlung. Damenabend.
Den Reigen der literarischen Vorträge eröffnete Dr. Heerwagen mit einer Arno HolzBiographie. […] alle Stimmungen seines regen Geistes […] sowohl die mystische, wie die lyrische, soziale und märchenhafte […]

Im Jahresbericht steht darüber: „[…] Auch die Abende mit Damen erfreuten sich eines sich stets steigernden Zuspruchs. Während die ersten 5 Abende noch ohne bestimmtes Programm stattfanden, wurden die letzten 3 mit einem festen Programm durchgeführt und zwar galt der eine ausschließlich den Dichtungen Lilienkrons, der nächste denen von Arno Holz & Otto Jul. Bierbaum, während der letzte dem Dichter Stefan George gewidmet war. [Lob an den II. Vorsitzenden für die Auswahl]“ Dies überrascht vor allem im Hinblick auf Richard Dehmel, der ein Schreckbild gewesen war:

10. W.V. Freitag den 12. Maerz 1897
[…] Dann Lambrecht über „Auf die Liebe“ von Richard Dehmel. Die vorgelesenen Proben lassen nur bedauern, daß ein sonst begabter Dichter sich in dem Schmutze wälzt. Das Buch gibt Lambrecht dem Orden zum Geschenk.

Freitag, den 6. Oktober 1911    29. Wochenversammlung
[…] Steller verbreitet sich im Hinblick auf den Dehmel-Abend der „Neuen Vereinigung“ dahier am kommenden Freitag über den Dichter und Menschen Richard Dehmel, den er u.a mit folgenden Sätzen charakterisiert:
In Dehmel zeigt sich […] ein großes Talent, das aber vollständig das Bewußtsein verloren hat, was ein zweckbewußtes, arbeitsfreudiges Leben wert ist. Er bringt keine Ewigkeitsideen. Mit einem erheblichen Aufwand von lyrischer Technik weiß Dehmel hie und da Eindruck zu machen. Ein großes Können wird an Gemeines verwendet. […]

Freitag den 1. November 1912    31. Wochenversammlung
[…] Daß der veränderte Geschmack einer neuen Zeit nach anderen Kunstformen ringt u. diese seinem jeweiligen, geistigen Empfinden anzupassen sucht, ist ein von Alters her vererbter Drang allen menschlichen Strebens, u. je umfassender die Wandlungen, ja entgegengesetzter die Richtungen, desto schwieriger ist die Aufgabe einer neuen Verkörperung der Kunst. Die Verschiedenheit der Anschauungen u. der Drang, etwas absolut Neues, Eigenartiges zu bringen, zeitigt dabei Formen, die ja als Übergänge interessant, aber in sich nichts weniger als vollendet sind. So mag auch dem Impressionismus vielleicht in sich selbst, vielleicht als Vorstufe einer sich daraus entwickelnden Zukunftsrichtung, nach der nötigen Klärung noch eine Zukunft bevorstehen; was er vor der Hand bietet u. was Rich. Dehmel als sein berufenster Vertreter in seinen auf ihm aufgebauten Dichtungen bietet, ist rein negativ; sind visionär gesehene Figurenfragmente zu einem bunten Haufen verschlungen u. in Verse gepreßt, ohne jede Möglichkeit für den Leser sich darin zurechtzufinden. Der Impressionismus soll das in seine Vorstellung übersetzte Geschaute künstlerisch verklären u. nicht verklexen, wie er es in den meisten Fällen tut. Von Rich. Dehmels Gedichten: „Lebensmesse“, „Ruf an die Kühnsten“, „Gebet im Flugschiff“, „Anno Domini 1812“ u. „Blutfrost“ ist das erste geradezu eine Musterwerk der Unverständlichkeit. — Wesentlich glücklicher zeigt sich Rich. Dehmel in seinen Kinderliedern. […] der Zweck des Kinderliedes ist doch nicht allein dessen Auffassungsvermögen entgegen zu kommen u. es zu unterhalten; es soll auch sowohl ethisch, wie sprachlich, bildend wirken […Protokoll von Börner]

Solche fast widerwillig erteilten späten Weihen wurden Frank Wedekind nicht zuteil.

Freitag, den 14. Juli 05    26. Wochenversammlung
[…] Zeiser sendet zur Ansicht: […] „Allsiegende Liebe“ von Frank Wedekind. Aus dem letzteren Buch gibt Beckh einige schaudererregende Beispiele zum besten.

Am 7. Mai 1909 schenkt Schatzmeister Lambrecht der Bibliothek „Frühlings Erwachen“ von Wedekind, wohl als Kuriosität; ein Vorstoß des progressiv gestimmten Hans Wießner vermochte auch nichts gegen das ihm anhangende Odium eines Bürgerschrecks:

Freitag, den 15. Mai 1914.    18. Wochenversammlung
[…] In eingehender Weise beschäftigt sich die Versammlung mit einem von Wiesner [sic] brieflich an den Vorsitzenden gerichteten u. von diesem verlesenen, eingehend begründeten Vorschlag, den Dichter Frank Wedekind anlässlich seines bevorstehenden 50. Geburtstags zum Ehrenmitglied des Ordens zu ernennen. Beckh erkennt an, daß […Wedekind] seinen Werken trotz abstossender Brutalität und allzu einseitiger Betonung des Geschlechtlichen doch einen ethisch immerhin noch befriedigenden Ausgang in Vergeltung oder Sühne zu geben verstanden habe […] auch Dr. Behringer kann gegenwärtig W. nicht den Charakter einer Persönlichkeit, d.h. sittlichen Persönlichkeit, zuerkennen […] Lambrecht hat alles, was bisher von W. aufgeführt wurde, gesehen u. glaubt sich nicht für prüde halten zu müssen; gleichwohl habe er vor W.s Brutalitäten, Perversitäten, Takt- u. Geschmacklosigkeiten, ganz besonders im „Erdgeist“, sich geekelt. Janko führt aus, dass es W. in den letzten 5 Jahren vorzüglich verstanden habe, sich als Märtyrer der Zensur aufzuspielen; diesem Umstand, der reklamehaften Förderung durch Max Reinhardt […] verdanke er die Zunahme seiner Anhänger […] Wiesners Antrag […] muss also, weil am ungeeigneten Object gestellt, abgelehnt werden. […]

Um noch einmal auf das im Zusammenhang mit Dehmel verwendete Wort „Impressionismus“ zurückzukommen:

Freitag, den 10. Februar 1905    5. Wochenversammlung
[…] Oertel verliest sodann aus Hugo von Hofmannsthal’s „Unterhaltungen über literarische Gegenstände“, welche zugleich das 1. Bändchen der von Georg Landau herausgegebenen Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen, „Die Literatur“ betitelt, bilden, das erste Gespräch: „Über Gedichte“. Es gibt eine Art Extrakt aus der Poetik jener hysterisch-nervösen Richtung der modernen Literatur, die man nach dem Vorgange der Franzosen der in ihr zutage tretenden bildlichen Ausdrucksweise wegen „Symbolismus“ oder, sofern der Dichter jedem von außen kommenden Eindruck blind und willenlos folgt, „Impressionismus“ nennt. Wie die französischen Vorbilder dürften auch die deutschen Vertreter dieser Richtung sich „Dekadenten“ nennen, da sie in bewußtem Gegensatz zu dem abgehausten [?] äußerstem Naturalismus vom Körper gar nichts wissen wollen und in die Abgründe der Mystik, zuweilen sogar des — Blödsinns tauchen. Wenn auch nicht so tief, so gerät die Deduktion Hofmannsthal’s  doch in wunderbare Übereinstimmung mit der Dichtung, der er das Wort redet, in den Irrgarten traumhafter, farbenschwelgender, wortekostender Überpoesie, wo jeder Strom und Quell wahrhaftigen Lebens versiegt, jede deutliche sinnliche Fülle sich in Luft und Wortsch[w — das „w“ nachträglich gestrichen!]all verflüchtigt. Wie die unklare Verschwommenheit seiner Aufstellungen gegenüber der Klarheit der von wahren Kunstwerken abgezogenen Gesetzen [sic] etwa eines Lessing in nichts zerfällt, ebenso spricht er Dichter wie Hebbel und Goethe ganz mit Unrecht für Parteigänger des von ihm auf den Schild gehobenen Stefan George an. Das Hebbel’sche, nur acht Zeilen umfassende Gedicht „Herbsttag“ von Oertel [welcher das Protokoll führt] aus dem Gedächtnis vorgetragen schlägt alles, was er und Stefan George in seinem „Jahr der Seele“ über „den“ Herbst zu sagen haben.

Über Hofmannsthal hatte man schon einmal zustimmend geurteilt:

1. December 1899     39. Wochenversammlung
[…] Wingenroth bespricht Hugo v. Hofmannsthal: Theater in Versen
er liest daraus „Die Frau im Fenster“
sowie Bruchstücke aus
Die Hochzeit der Sobeide
Der Abentheurer und die Sängerin
Die Sachen gefielen sehr und soll das Werk angeschafft werden. […]

Im ganzen war seine Rezeption im Blumenorden eher lauwarm.

Freitag, den 15. März 1912    9. Wochenversammlung
Heerwagen bringt die gedankenschwere Dichtung Hugo v. Hofmannsthals: „Der Tor und der Tod“ zur Verlesung. In wirkungsvollem Vortrag führte uns Heerwagen den, von faustischem Verneinungsdrang erfüllten Toren Claudio vor, wie er teils monologisierend, teils mit dem Tode dialogisierend das menschliche Dasein erst in seiner Wesenheit zerfasert, um es in seinem Endwert mit umso größerem Rechte verdammen zu können. Durch einen Bogenstrich auf seiner Geige läßt der Tod […] ihm […] zur Erkenntniß bringen, welch reiches, unerkanntes Maß von Mutterliebe, Geschlechtszuneigung und aufopfernder Freundschaft er im Leben achtlos übersehen, ja verscherzt, um seinem blöden Verneinungsdrange gerecht zu werden […] In ihrem rein geistigen Aufbau ohne wesentliches dramatisches Beiwerk dürfte die Dichtung, trotz der in ihr versuchten Lösung des großen Lebensproblems und des heute dieser Frage entgegengebrachten, regen Interesses, kaum einen ernstlichen Bühnenerfolg erringen. […]

Hingegen steigerte sich das Interesse an Stefan George bis zum ersten Weltkrieg und darüber hinaus — aus den falschen Gründen.

19. W.V. Freitag 21. Mai 1897
[…] Url spricht über einen neuen Dichter George und liest ein Gedicht desselben „Der Jahrestag der Ringer“ […gemeint ist „Der Ringer“ aus dem „Buch der Hirten- und Preisgedichte“, das mit dem Gedicht „Jahrestag“ anfängt.]

29. April 1904    16. Wochenversammlung
[…] Steller erzählt daß er vor kurzem in einer Münchener Gesellschaft als bedauernswerter Idiot angesehen wurde, weil er von der modernen Lyrik eines Stefan George nicht viel wußte u. das ihm Bekannte als nicht hervorragend bezeichnete. Er gibt nun einige Proben aus George’s Lyrik, die in tollen Sprüngen u. Besonderheiten sich ergehen u. ruhigen Mutes in das Kapitel des unfreiwilligen Humors verwiesen werden können.

Freitag den 30. Januar 1914.        5. Wochenversammlung
[…] Dr. Reicke […] welcher in 1 1/2stündigem, fesselnden Vortrag ein ziemlich eingehendes Bild Steph. Georges entwarf. […] Eine Eigentümlichkeit Georges war das Ausschalten fast jeder Interpunktion, aller großen Buchstaben u. eine große Papierverschwendung bei der Drucklegung. [… Dazu ein Ausschnitt aus Fränk. Kurier v. 4/2 14., gezeichnet Osk. Beringer:] Herr Konrad Gustav Steller […] verlas zum Schlusse unter starkem Beifall drei prachtvolle sogenannte Kampfgedichte von George: „Dante“, „Goethe“ und „Böcklin“, die das Bild des Dichters in willkommener Weise erweiterten.

Wenn die Freitagsbrüder überfordert waren, versuchten sie’s humorvoll zu nehmen, so auch im Fall Rilke:

Freitag den 3. November 05        34. Wochenversammlung
[…] In hervorragend fröhlicher Stimmung verlief sodann der übrige Teil des Abends. — Ein moderner Dichter war daran Schuld; Rilke ist sein Name — urdrollig seine Art! — Seine 3 Gedichte in Prosa aus der neuen Rundschau: Hetärengräber —, Die Geburt der Venus — Orpheus-Eurydike-Hermes bergen so viel unbewußten u. ungewollten Humor in sich, daß beim Verlesen den Herren der Tafelrunde die Tränen über die Wangen liefen. […]

Freitag den 6. März 1914    9. Wochenversammlung
Wießner jun. las, in geschickter, aber etwas zu ungestümer Anpassung an die Art der Dichtung, eine im üppigsten Impressionismus schwelgende Arbeit Rainer Maria Rilkes: „Die Weise von Liebe & Tod des Cornets Christ. Rilke“ vor. […]

Mit den Katalogisierungen tat man sich schon damals schwer. Die Klassische Moderne rang sich erst in Einzelleistungen aus dem vielstimmigen Chor der Literatur, die noch etwas Weltanschauliches voraussetzte, heraus und wurde zunächst als geistig leer empfunden. Einig war man sich höchstens im Bewußtsein, einer Endzeit anzugehören, und die Propheten dieses Gefühls wurden auch anfangs nicht ernst genommen; man hatte es ja so herrlich weit gebracht.
 
27. W.V. Freitag den 10. Juli 1896
[…] Schmidt berichtet noch über „fin de siècle“ v. Herm. Kurz, eine geringwertige Arbeit, welche die Lust nach Neuheiten nicht zu erhöhen vermag.

Hermann Kurz, Vertreter der „Schwäbischen Dichterschule“? Nicht Hermann Bahr? Jedenfalls hielt man im Blumenorden erst einmal Abstand zu aller Dekadenz.

15. W.V. Freitag den 3. Mai 1895
[…] Dr. Beckh kommt auf das früher gelesene Buch „Fiebernde Gluten“ zurück das eine gewisse Verderbtheit der jetzigen Literatur kennzeichne. […]

Über die Ansicht-Vereinbarungen mit den Buchhändlern und die abonnierten Literaturzeitschriften bekamen die Pegnesen allerdings manches mit, womit sie sich, das muß man ihnen zugute halten, erst eingehend befaßten, bevor sie in einem Urteil übereinkamen. Gelegentlich kamen sie auch nicht überein. Es gab jedenfalls eine vorandrängende Minderheit, der nichts zu gewagt war.

9. Wochenversammlung am 4. Maerz 1898
[…] F. & H. Zeiser legen zur Ansicht vor:
Arthur Schnitzler „Freiwild“

23. Wochenversammlung 17. Juni 1898
[…] Dr. Wingenroth liest […] Max Dauthendey: Gesänge der Düfte
1.) Geruch der Walderde, 2) Regenduft
3. Jasmin 4. Rosen 5. Morgenduft
Die wenigsten dieser Gedichte sprechen an und liegen den Empfindungen und dem Geist die im Orden herrschen zu fern ab. […]

12. Januar 1900 2. Wochenversammlung
[…] Wingenroth bespricht
Heinz Thomasett: Die 4 Bücher des armen Thoms
Unglaubliches Zeug. Der Verfasser sollte nicht frei herumlaufen dürfen, obwohl er ein Bekannter Wingenroths und Kügemanns ist.
W. bespricht weiter
Rud Huch [Bruder von Ricarda Huch]: Geschlechtsgrößenwahnsinn
Ein äußerst geistreich geschriebenes Buch, das aber trotzdem nur in dunkler Nacht in einem dunklen Keller gelesen werden darf. Schluß ½ 12 Uhr, worauf Wingenroth noch bittet, eine handgemachte Gänseleberpastete vertilgen zu dürfen, was ihm huldvoll bewilligt wird.
fecit Lambrecht

Weil man ja im Wirtshaus zusammensaß, gewöhnte man sich an verschwiemelte Décadence bzw. grelle Satire wie an bestimmte stark gewürzte bzw. mit haut goût versehene Speisen und fand nichts dabei, was nachhaltig im Bewußtsein und Genuß der eigenen Alltags-Solidität gestört hätte.

26. Februar 1904    8. Wochenversammlung
Die Zeiser’sche Buchhandlung sendet:
[…] Der einsame Weg, Schauspiel v. Arthur Schnitzler.
Das letztere wird für die Bücherei erstanden.
[…] Sohm, ein seltener Gast in der Tafelrunde, verliest mit glücklicher Betonung u. tiefer Empfindung eine dramatische Studie „Gestern“ von Hoffmansthal [sic], die einen Blick in das üppige Leben der italienischen Frührenaissance bietet. […]

Freitag, den 14. Februar 1913    5. Wochenversammlung
 […] Zeiser sendet: Arthur Schnitzlers Komödie „Professor Bernhardi“, die bereits an mehreren reichsdeutschen Bühnen mit Erfolg aufgeführt wurde, deren Aufführung in Oesterreich aber wegen ihrer kritischen Stellungnahmen zu österreichischen Staatseinrichtungen verboten ist. Das Werk Schnitzlers behandelt in tragikomischer Weise und mit scharfer Satire gewisse politische, konfessionelle und ethymologische [sic] Gegensätze in dem neuen Oesterreich und entwickelt aus einem anfänglich unscheinbaren Konflikt zwischen Arzt und Priester überraschend dramatische Wirkungen. […]

Artur-Schnitzler-Abend im Pegnesischen Blumenorden.
Nürnberg, 27. März [1914]
[Fränk. Kurier.  Ein sehr ausführlicher, zweispaltiger Artikel, verfaßt von Oskar Beringer. Daraus:]
Der Pegnesische Blumenorden hatte es sich für  dieses Winterhalbjahr zur besonderen Aufgabe gemacht, die deutschen Dichter der Gegenwart einem größeren Kreise näher zu bringen […] Dr. phil. S. L. Janko [sprach über] „Artur Schnitzler als Erzähler“.
[…] So tragisch es wirken kann, wenn ein Dichter nie über sein Erstlingswerk hinausgekommen ist, ebenso quälend kann es manchmal für den Dichter werden, wenn man ihn stets vom Standpunkt seines Erstlingswerkes beurteilt. So ist es ein Irrtum, wenn man Schnitzler nur nach seinem „Anatol“ und seiner „Liebelei“ einschätzt. […] alle Menschheitsfragen haben ihn bewegt, und er ist manchmal im persönlichen Kampf mit Gegenwartsproblemen so weit gegangen, daß er wie in „Professor Bernardi“ lediglich ein jedem Liebesmotiv fernes Problem zur Sprache kommen läßt.
[…] als Grundstimmung Pessimismus und Fatalismus […] Gegenüberstellung zu dem Phäakentum […] dieser schönheitstrunkenen und kulturreichen — aber bereits einer Dekadenz entgegengehenden Stadt [Wien]
[…] Man tut dem Dichter unrecht, in seinen Frauengestalten nur liebestolle Geschöpfe und lebenshungrige Gesellschaftswesen sehen zu wollen. Frauen, wie Anna Rosner in „Weg ins Freie“, […] lieben, aber ihre Liebe ist eine große, ewige, schaffende, gebärende, weil nicht die Lust sie treibt, sondern das Verlangen nach einem Kind. […]

Leicht schwülstige „Lebensphilosophie“, ja — aber wenn es um den ging, der das alles angestoßen hatte, war man erst einmal entsetzt:

Freitag den 1. Juli 04    25. Wochenversammlung
[…] Lambrecht weist auf ein Buch von Wüst „Umwertung der Werte“, das dem Andenken Nietzsche’s geweiht ist, hin u. schenkt dasselbe der Bücherei. Der Inhalt ist zum Teil haarsträubender Natur. […]

Freitag den 26. Mai 1911    20. Wochenversammlung
[…] Heerwagen bringt das Buch von Eckertz „Nietzsche als Künstler“ zur Vorlage […] daß Nietzsche in seinen Werken, sowohl in der dichterischen u. sprachlichen wie auch musikalischen Form Großes geleistet hat, so daß viele seiner Sätze vollendete Kunstwerke von feinstem Formgefühl genannt werden können. Dr. Eckertz, der Nietzsche sehr viel apostrophiert, geht im Rausche der Begeisterung in manchen Punkten etwas zu weit, so daß seine Beweisführungen oftmals gekünstelt u. gequält erscheinen. […]

Freitag den 19. Dez. 1913,    40. Wochenversammlung
[…] Dr. Behringer las alsdann aus den Abhandlungen Bieses eine Biographie Nietsches [sic] vor. […] Die Anschauung, daß sich Nietsche in seinen Lehren mit der Sozialdemokratie identifiziert und ihrem materiellen Aufputz gewißermaßen zu einem geistigen Rückgrat verhelfe ist schon darum nicht haltbar, weil gerade die markantesten Stellen seiner Werke dem ethischen Programm der Sozialdemokratie entgegenstehen. — Als Dichter zeigte er die meiste Verwandtschaft mit Hölderlin […]

Da Hölderlin erst 1914 wiederentdeckt wurde, ist die Aussage ein bemerkenswertes Dokument für einen sich anbahnenden Diskurswechsel. So etwas läuft übers Hörensagen, ohne daß die meisten die betreffenden Werke eindringlich gelesen haben. Mit Nietzsche in Verbindung gesehen hatte Beckh schon am 12. Juli 1895 Christian Morgenstern. Zu diesem ist nur noch ein Hinweis in den Akten, als nämlich seine kürzlich erschienenen „Galgenlieder“ mit „viel Heiterkeit“ aufgenommen wurden. Seine Wendung zur Anthroposophie bekam man nicht mehr mit. Das ist, für Nürnberg, eigentlich seltsam; oder auch wieder nicht, wenn man die ererbte lutherische Buchfrömmigkeit dieser Herren bedenkt.

Der Name Hermann Hesse geistert an wenigen Stellen durch die Protokolle. Merkwürdigerweise bezeichnet man ihn als „bekannten schwäbischen Dichter“, nimmt ihn aber nicht als solchen wahr, sondern als Verfasser interessanter Essays, und überlegt schon, 1911, ob man ihn im folgenden Jahr zu einem Vortrag einladen solle. Daraus ist nichts geworden.

Mit Befriedigung nimmt man zur Kenntnis, in welchem Maß und mit welcher Duldung der scheinbar so elitäre Zirkel sich Verfassern zuwandte, die seiner eigenen Lebens- und Wirtschaftsweise mehr oder weniger fremd gegenüberstanden oder sogar feindlich gesonnen waren. Dabei muß hier ungeklärt bleiben, ob die Betreffenden eher sozialistisch oder sozialdemokratisch genannt zu werden verdienen. (Etwa im Falle von Carl Henkell.)

Wer ist ein „Arbeiterdichter“? Ein Arbeiter, der auch dichtet?

29. W.V. Freitag     18. October 1895
[…] Dr. Beckh hat von einem 27jährigen Erd-Arbeiter Kiefel einen Brief erhalten, worin er bittet, zwei beigelegte Gedichte
Acrostichon auf den Blumen-Orden
Die Liebe
zu lesen u. zu begutachten; dieselben zeugen von einer gewissen Beanlagung und sind in Anbetracht, daß der Verfasser nur den Unterricht einer kl. Dorfschule genoß, beachtenswerth. […]

Dieser orientierte sich offenbar an der herkömmlichen Bürgerkultur. Nicht so sehr Karl Bröger, nach dem der Sitz der Nürnberger SPD, das Verlagsgebäude der sozialdemokratischen Zeitung „Fränkische Tagespost“ benannt ist. Wilhelm Schmidt berichtet in seiner ungedruckten Festschrift von 1944:
 
[…] Der Werdegang des Nürnberger Dichters Karl Broeger [sic] (†1944) wurde von Anfang an verfolgt und seine neuen Gedichte vorgetragen und besprochen, dreimal erschien er persönlich als Gast im Orden. Selbstverständlich platzten oft auch entgegengesetzte Auffassungen aufeinander und veranlaßten anregende Aussprachen. In den Jahren um 1903 bildete der jüngere Teil der Tafelrunde die „scharfe Ecke“, welche die neuen Gestirne am Dichterhimmel pries, während die älteren Ordensgenossen diesen kritischer gegenüberstanden. […]

Freitag den 23. September 1910    27. Wochenversammlung
[…] Beckh verliest […] eine Anzahl Gedichte der Herren Karl Bröger und Wilhelm Übelacker, die sich beide um die Nürnberger Schillerstiftung beworben haben. Die Gedichte von Bröger „Die Seele der Nacht“ — „Vision“ — „Panta rhei!“ — „An die Unberufenen“ — „Wem gilt mein Lied?“ — „Liebesepistel“ — sowie die Verse von Übelacker „Nach dem Gewitter“ — „Kleine Wolken“ — „Sonnenuntergang“ bezeugen fast durchgehends feine Naturempfindung und wahren die schöne Form, so daß sie sehr beifällig aufgenommen werden. […]

Freitag, den 30. September 1910    28. Wochenversammlung
Von dem oft erwähnten Arbeiter-Dichter Karl Bröger, aus dessen Werk Proben seines poetischen Schaffens im Oktoberheft der Südd. Monatshefte mit Einleitung des Münchener Literaturhistorikers Prof. Franz Munker geboten werden, gibt Beckh eine Besprechung von Borngräbers „Die ersten Menschen, ein erotisches Mysterium“ wieder. Hier zeigt sich unser talentierter junger Dichter von einer neuen Gestalt, als witziger Kritiker. Nur schade, daß der jugendliche Draufgänger seiner Bosheit für das Gefühl als ernsthafter Nachprüfender allzusehr die Zügel schießen läßt. […]

Freitag, den 25. November 1910    35. Wochenversammlung
[…] Beckh macht die Mitteilung daß Aussicht besteht, daß die gesammelten Gedichte Brögers im Inselverlag erscheinen werden. Hohe u. einflußreiche Kreise, darunter auch Prinz Rupprecht schenken dem jungen Dichter ihre Aufmerksamkeit. Beckh verliest anschließend an diese Mitteilung 2 sehr tiefe u. formschöne Bröger’sche Gedichte „de profundis“ und „Das Ewige“.

Freitag, den 23. Dezember 1910    39. Wochenversammlung
[…] Beckh verliest […] eine Anzahl Gedichte der Herren Karl Bröger und Wilhelm Übelacker, die sich beide um die Nürnberger Schillerstiftung beworben haben. Die Gedichte von Bröger „Die Seele der Nacht“ — „Vision“ — „Panta rhei!“ — „An die Unberufenen“ — „Wem gilt mein Lied?“ — „Liebesepistel“ — sowie die Verse von Übelacker „Nach dem Gewitter“ — „Kleine Wolken“ — „Sonnenuntergang“ bezeugen fast durchgehends feine Naturempfindung und wahren die schöne Form, so daß sie sehr beifällig aufgenommen werden. […]

Freitag, den 30. September 1910    28. Wochenversammlung
Von dem oft erwähnten Arbeiter-Dichter Karl Bröger, aus dessen Werk Proben seines poetischen Schaffens im Oktoberheft der Südd. Monatshefte mit Einleitung des Münchener Literaturhistorikers Prof. Franz Munker geboten werden, gibt Beckh eine Besprechung von Borngräbers „Die ersten Menschen, ein erotisches Mysterium“ wieder. Hier zeigt sich unser talentierter junger Dichter von einer neuen Gestalt, als witziger Kritiker. Nur schade, daß der jugendliche Draufgänger seiner Bosheit für das Gefühl als ernsthafter Nachprüfender allzusehr die Zügel schießen läßt. […]

Freitag, den 25. November 1910    35. Wochenversammlung
[…] Beckh macht die Mitteilung daß Aussicht besteht, daß die gesammelten Gedichte Brögers im Inselverlag erscheinen werden. Hohe u. einflußreiche Kreise, darunter auch Prinz Rupprecht schenken dem jungen Dichter ihre Aufmerksamkeit. Beckh verliest anschließend an diese Mitteilung 2 sehr tiefe u. formschöne Bröger’sche Gedichte „de profundis“ und „Das Ewige“.

Freitag, den 23. Dezember 1910    39. Wochenversammlung
[…] Ein besonderer Genuß wird der Tafelrunde durch Darbietungen mehrerer Gedichte Carl Broegers [sic] zu teil. Den Vortrag derselben übernehmen die Herren Dr. Beckh und Grimm, die von Herrn Broeger darum gebeten werden. […] Die beiderseits sehr gut vorgetragenen Sachen werden mit herzlichem Beifall aufgenommen, insbesondere finden „Chor der Ungeborenen“ und „Feldüber“ volle Beachtung.

Freitag den 13. Januar 1911    2. Wochenversammlung
[…] Zuerst verliest Beckh das Bröger’sche Gedicht „Lied der Arbeit“, das ein kraftvolles u. formenschönes Hohelied auf die menschliche Arbeit, u. zwar des körperlichen u. des geistigen Schaffens, bildet. Dann folgt das weitere Bröger’sche Gedicht „Winterabend“ ein prächtiges Stimmungsbild, aus den schönen Winterbildern, die uns der diesjährige Winter in r.M. bietet, herausgewachsen u. mit feinem Gefühl verarbeitet. Den Schluß bildet die Verlesung eines Lustspiels „Die Probe“, das Herr Bröger vor ungefähr Jahresfrist verfaßt hat. Das Lustspiel spielt in einer deutschen Kleinstadt ums Jahr 1782 und behandelt eine lustige Erbschaftsgeschichte. Das Lustspiel hat, wie der Verfasser selbst zugibt eine ungesunde Länge und müßte, wenn es wirken sollte, zu einem Einakter zusammengestrichen werden. Manche Stellen sind recht lustig u. geschickt geschrieben u. gefallen durch den Fluß der Sprache. Mit dem Lustspiel als Ganzes kann sich aber die Tafelrunde nicht einverstanden erklären. […]

Bröger war als Gast anwesend. Vielleicht nahm er die Kritik übel; jedenfalls scheint er späterhin nicht mehr gesehen worden zu sein. Angesichts der Tatsache, daß in diesen Jahren kaum eine Sitzung verging, ohne daß ein oder zwei seiner Gedichte verlesen wurden, nimmt es schon wunder, daß er nicht in den Blumenorden aufgenommen wurde. An diesem selbst scheint es nicht gelegen zu haben.

Freitag den 18. Oktober 1912        29. Wochenversammlung
[…] Beckh verliest einen Aufsatz des bekannten Literaturhistorikers Barthels über Bröger. Darin erscheint die Begabung Brögers nicht durchwegs treffend gewürdigt. Was Barthels an Bröger als einem „metaphysischen Kulturpoeten“ hervorheben zu müssen glaubt, gehört wohl zu dieses Dichters Schwächen. Abgesehen davon, daß Versuche, erkenntnistheoretische Probleme zu lösen, trotz glänzender Ausnahmefälle (z.B. Heraklit, Giordano Bruno, Nietzsche) nicht in das Reich der Poesie gehören, und deshalb reflektorische Dichtung stets unechte Dichtung ist, kommt Brögers Gedankendichtung, die erfreulicherweise ja nicht den Hauptinhalt seines Schaffens bildet, aus einem nicht philosophisch geschulten Kopf und zeigt selten mehr als das — häufig hilflose — Verlangen nach mystischer „Tiefe“ und den Mißbrauch wissenschaftlicher Termini. Gerade auf entgegengesetztem Gebiet scheint Brögers Stärke zu liegen. Das Urwüchsige und Ursprüngliche, das Unmittelbare und Anschauliche gibt seinen Gedichten mitunter überraschende Kraft und Schönheit. Seine oft erfinderische Sprache wirkt da am mächtigsten, wo sie — weit entfernt von der begrifflichen Welt der Philosophie — Erschautes und Erlebtes, Empfundenes und Ersehntes mit feinem Naturalismus zum Ausdruck bringt. Wahrscheinlich wird die ungewöhnliche dichterische Begabung Brögers, die sich in seinen bis jetzt vorliegenden Gedichten unverkennbar, wenn auch noch keineswegs vollkommen äußert, erst dann zu voller Entfaltung gelangen können, wenn der Dichter den Einfluß Hebbels überwunden und seine starke, zu hoher Erwartung berechtigende Eigenart selbständig entwickelt haben wird. — Kraus tadelt an der Propaganda für Brögers Gedichte das „Kokettieren“ mit dem Nimbus des „Arbeiterdichters“ und verbreitet sich, an eine Betrachtung über die gesteigerte Empfänglichkeit der Künstlerseele anknüpfend, in temperamentvollen und bemerkenswerten Ausführungen über die Bedeutung der Ehe für den Schaffenden. […]

Freitag, den 12. Juni 1914.    22. Wochenversammlung
[…] Ortmann las alsdann aus der Gedichtsammlung von Broeger: „Die singende Stadt“ eine Anzahl Gedichte vor, welche, soweit sie rein lyrisch sind, alle die von ihm bekannten Vorzüge zeigen. Wo er tendenziös und politisch wird, fehlt es ihm vielfach an der Bemeisterung des Stoffs, wodurch er zu ungeschickten Bildern und falschen Schlüßen kommt. Auf alle Fälle liegt ihm dieses Gebiet weit weniger, als das rein lyrische. — O. Börner.

Was die Ordensmitglieder daran so ansprach, sollte man nachvollziehen können. Die folgenden Beispiele sind in Schachtel 60 des Pegnesenarchivs zu finden.

Wiese der Kindheit

Viele grüne Wiesen
liegen um die Stadt.
Aber eine nur von diesen
vielen schönen grünen Wiesen
ist es, die mein Heimweh hat.

Häuser stehen heute,
wo die Wiese meiner Kindheit lag.
Immer aber bleibt mir das Geläute
unsrer wilden, heißen Knabenfreude
tief im Ohr bis an den letzten Tag.

Zwischen Traum und Wachen
steht die Wiese stets in meiner Schau,
und aus allem harten Mühn und Machen
schweb ich dann mit buntpapiernen Drachen
hoch und selig auf ins Blau.

Viele grüne Wiesen
liegen um die Stadt.
Aber eine nur von diesen
vielen schönen grünen Wiesen
ist es, die mein Heimweh hat.

Ich (Kügel) bekenne gern, daß dies für mich haargenau auf die Wiese hinter dem „Neuen Theater“ zutrifft, auf der ich um 1956 Drachen steigen ließ. Heute sind dort die Produktionshallen der Schöller-Werke.

Dom und Kamin

Doppelgesichtige Stadt! Wie grüßen Burg noch und Dome,
reizender Straßen Flucht und der Höfe heimliches Spiel!
Ueber verschnörkelte Giebel weg
tauschen Jahrhunderte Seelen aus
und spinnen den Traum fort
einst gewesener Blüte.

Lieb ist dies Antlitz mir
das Grüße bestellt von Ahnen,
kraftvoll und frei,
wo jeder Zug im Lichte glänzt
würdiger Taten.

Doch dein andres Gesicht grüßt mir vertrauter, Stadt,
ob auch von Schweiß überströmt, von Ruß gestriemt.
In karger Ebene um alte Tore gelegt
dampfen Fabriken und wölken den Himmel mit Rauch.
Recken sich drinnen auch Türme hoch, und ragt die Burg:
Höher noch flattern die grauen Banner der Arbeit,
wehend über mir und den Brüdern,
denen lebendig die Brust pocht in Not und Jubel.

Stern der Geschichte und Fleisch dieser Zeit
wachsen in dir zusammen, gepriesene Stadt!
Dome predigen dein Unvergängliches, und Kamine,
und künden den einen Geist: werkhaft und weltsinnig!

Ein ganz anderer Geist, vorderhand kaum unterscheidbar, drückt sich im Werk eines fast ebenso hoch geschätzten Autors aus: Gustav Frenssen. In der Stammliste wird er geführt als „geboren 19. 10. 1863, ehedem Pfarrer, dann Dichter und Schriftsteller; zum Ehrenmitglied ernannt 28. 1. 1910“.

Freitag den 26. Oktober 1906        32. Wochenversammlung
[…] Dr. Voit teilt einen Aufsatz Paul Mahn’s mit, der den „neuen Frenssen“ behandelt u. in der „Täglichen Rundschau“ erschienen ist. Entgegen der letzthin im „Fränkischen Kurier“ erschienenen Besprechung zollt Paul Mahn dem neuen Roman Frenssens vollstes Lob u. rühmt die schöne Sprache u. den hohen patriotischen Geist, der ihm eigen ist. […]

Freitag den 3. Dezember 1909    34. Wochenversammlung
[…] Der übrige Teil des Abends wird durch einen Bericht Stellers über Frenssens Roman „Klaus Hinrich Baas“ ausgefüllt, aus dem auch mehrere Proben gegeben werden. — Der  Berichterstatter stellt den neuen Roman Frenssens sehr hoch, lobt dessen prachtvolle Entwickelung u. die lebensvollen Schilderungen der darin behandelten Menschen, sowie der sie umgebenden Welt. Die Sinnlichkeit trete nicht in der Form auf, wie sie seinen letzten Romanen eigen ist, sondern bewege sich in mehr selbstverständlichen gesunden Bahnen. Besonders diejenigen, die dem Heimatlande Frenssens näher stehen werden den Inhalt des Buches mit großer innerer Freude in sich aufnehmen. Einige umfangreiche Proben aus dem Werke lassen die großen u. wertvollen Schönheiten der Einzelschilderung erkennen u. befriedigen sehr.

Es hilft nichts, die Mitgliedschaft dieses späteren Nazis durch den in jener Liste angebrachten Vermerk „Verbleib ungeklärt“ zu kaschieren, falls das die Absicht gewesen sein sollte. Gegen 1914 wurden die nationalistischen, kolonialistischen und rassistischen Töne, die schon geraume Zeit mitgeschwungen hatten, lauter, und man vereinnahmte in diesem Sinne sogar die Gründer des Friedrichshagener Dichterkreises, in dem eigentlich fast alle fortschrittlichen Schriftsteller vertreten waren:

Dienstag den 26. Mai 1914.
Den Vortrag für den heutigen, letzten öffentlichen Abend im Winterhalbjahr 1913-14 hatte Mitglied Herr Conr. Gust. Steller übernommen. Als Thema hatte er sich das Wirken und die Dichtungen der Brüder Heinrich & Julius Hart gewählt. [Überaus ausführliche, halbseitige Wiedergabe im Fränk. Kurier, o. Z., verfaßt von Oskar Beringer]
[…] Wir haben in den Brüdern Hart zwei prächtige Menschen unseres Blutes und unserer Art, zwei Menschen besten germanischen Wesens. Tief und fest wurzeln ihre Gefühle und Anschauungen in der deutschen Heimat, in der deutschen Familie. […] Am meisten aber wurden ihre „Kritischen Waffengänge“ beachtet, mit denen sie erfolgreich gegen Mittelmäßigkeit und Banausentum in der Literatur ankämpften. Aus demselben Geist heraus bildete sich ein Literarischer Verein, der sich den Namen „Durch!“ beilegte, in dem mit viel Temperament debattiert wurde. Neben den Brüdern Hart gehörten demselben an: Arno Holz, Johannes Schlaf, John Henry Mackay, Adalbert v. Hanstein, auch Gerhart Hauptmann ließ sich öfter sehen, weiter der Naturwissenschaftler Wilhelm Bölsche und Bruno Wille, der Freigeist und Poet. — Friedrichshagen am Müggelsee bei Berlin, wo die beiden Brüder wohnten, wurde wie sich Heinrich Hart ausdrückt, eine Art Mekka. […]