Ein neuer Präses


Professor Omeis starb im November 1708; wie in den vorherigen Fällen, so führte auch diesmal das Ableben des Präses zu einer Denkpause. Man war veranlaßt, den nach wie vor kritischen Zustand des Ordens genauer ins Auge zu fassen und der Ratlosigkeit zu entgehen. Es dauerte bis ins folgende Jahr, daß sich die Ordensräte entschlossen, dem Herrn CHRISTOPH VII. FÜRER VON HAIMENDORF AUF WOLKERSDORF den Vorsitz anzutragen. Dieser war seit dem Gründer der erste Präses, und überhaupt erst das zweite Mitglied, aus dem Patriziat. Er hatte ab 1678 von M.[agister] BURGER — dem erwähnten ASTERIO, aller Wahrscheinlichkeit nach, — Privatunterricht erhalten; dieser war es auch, der ihm den Antrag überbrachte, da der älteste Ordensrat, POLIANDER, mit seinen 77 Jahren zu diesem Gang derzeit zu kränklich war. Mitglied war FÜRER schon seit 1680 unter dem Namen LILIDOR gewesen (,der Lilienträger', nach seinem Wappenbild), nachdem er ab 1679 in Altdorf, unter anderem bei OMEIS, studiert hatte.

1682 hatte er eine Gedichtsammlung herausgehen lassen mit dem Titel Vermischter Gedichte-Kranz bey Muß- und Neben-Stunden aus Lust zusammengebunden/ von dem Pegnesischen Blumengenossen Lilidor [...], und die gefiel einem der maßgebenden Literaten der Zeit, jenem oben erwähnten ERDMANN NEUMEISTER, so gut, daß er sie für die beste hielt, die bis dahin aus dem Orden hervorgegangen war. Fürer war also auch von daher für sein Ordensamt wohlgeeignet. Er hatte fast die ganze Zeit von 1682 bis 1690 auf ausgedehnten Kavaliersreisen verbracht und war wieder heimgekehrt, obwohl ihm in Italien ein Prälat, der ihn gerne zum Katholizismus bekehrt hätte, zugeredet hatte, niemand wisse in Nürnberg einen Mann wie ihn richtig zu schätzen. (Das könnte man beinahe glauben, wenn man von den heutigen Nürnbergern auf die damaligen schließt.) Nach seiner Rückkunft vertraute man ihm immerhin erst einmal eine Stelle im Rat an, in der er "das Beste der Kirchen und Schulen auch des gemeinen Wesens zu befördern, sich eifrigst angelegen seyn lassen" durfte. Das heißt, er war so etwas wie Kulturreferent mit kirchlichem Einschlag oder, wie man damals sagte, ,Scholarch'. In dieser Eigenschaft wird er einen gewissen Anteil gehabt haben an der "ehrenvollen Entlassung" des Polemian im Jahr 1709. Jedenfalls rühmt AMARANTES ihm persönlich nach, daß "dem Verführer TUCHTFELD, da er sich ehemalen unterstehen wollte, sein Unkraut unter den guten Waizen hier auszusäen, der Weg bald zum Thor hinaus gewiesen wurde." Auch dem pietistischen Theologen PETERSEN, der von OMEIS etwas überstürzt in den Orden aufgenommen worden war, wies er nach, daß seine Lehre in einem Punkt nicht mit der Augsburger Konfession vereinbar sei, und er entlarvte einen betrügerischen Visionär. Mit Katholiken kam er jedoch, bei allem Abstand — oder wegen des Abstands — recht gut zurecht, und das war wünschenswert: Der Orden hatte nämlich in Österreich außer NEGELEIN noch weitere katholische Mitglieder, auch aus dem Adel: PHILIPP JAKOB OSZWALD, FREIHERRN VON OCHSENSTEIN, Kaiserlichen Hofmathematiker, aufgenommen 1676; DAPHNIS III., Baron FERDINAND ADAM PERNAUER VON PERNEY, der als Altdorfer Student 1680 aufgenommen worden war, und ALBANIE, ANNA MARIA BARONESSE VON WEISZENFELD, PLC, aufgenommen 1696 unter OMEIS. Es war den Ordensmitgliedern angesichts solcher Vielseitigkeit klar, daß kein anderer als LILIDOR in Frage kam, dem Orden wieder aufzuhelfen, der, wie ASTERIO vortrug, 1708 kaum noch sieben Mitglieder "in hiesiger Gegend" zählte.

LILIDOR veranlaßte, was ein heutiger Vorstandsvorsitzender in ähnlicher Lage wohl auch in die Wege leiten würde: Er forderte erst einmal alle Mitglieder zu schriftlichen Vorschlägen auf, wie der Orden wieder zur Blüte gebracht werden könne. Einige dieser Denkschriften sind erhalten. Sie zeigen, daß man auf der Höhe der Zeit war und gerade deshalb nicht länger pseudo-höfische Schäferpoesie treiben konnte.

Übrigens wurde noch 1717 eine dichtende "Schäfergesellschaft Helicon" durch CHRISTOPH GOTTLIEB VON IMHOF, VEIT AUGUST HOLZSCHUHER — alte Patriziernamen! — , GOTTFRIED KASPAR DAUMILLER, JOACHIM BÄUMLER und LORENZ WILHELM NEUBAUER gegründet, wie WILHELM SCHMIDT in seinem Manuskript ausführt. RENATE JÜRGENSEN deutet den Vorgang als Absetzbewegung derjenigen, die mit dem Blumenorden nicht mehr einverstanden gewesen seien, weil er von FÜRER obrigkeitlich ausgerichtet und den Pietisten sowie der reichgeschmückten Verssprache gar nicht mehr günstig gewesen sei. Der starke Anteil patrizischer Gründer der Helicon-Schäfer scheint dem ersten Gesichtspunkt entgegenzustehen. Wenn man darüberhinaus phantasievollen Umgang mit der Sprache unter dem Zeichen des Pietismus aus ästhetischen Gründen bevorzugt, bezieht man leicht gegen den Zug der damaligen Zeit Stellung. FÜRER war nicht unmusisch, er war lediglich ein modernerer Dichter als die abgelebten Schäferspieler. Die Sache hatte ja auch, wie JÜRGENSEN selbst hervorhebt, keine Zukunft. Mir scheint, hier handelte es sich um ein Sammelbecken der Zurückgebliebenen, und gerade darum war der Anteil der patrizischen Namen so hoch — neben den sozial Aufstiegswilligen, die sich zu allen Zeiten gern nach der gehobeneren Mode von gestern orientieren. Aber letztlich handelt es sich bei den hier wettstreitenden Betrachtungsweisen nur um zwei Seiten derselben Münze, und ich halte es nicht für problematisch, mit meiner Blumengenossin "zu einem Ton einzustimmen".

POLIANDERS Denkschrift

ERGASTOs Gutachten

LILIDORS Programm

Vorschläge eines rätselhaften Unbekannten

Es ist nicht ausgeschlossen, daß LILIDOR auf der bewußten Sitzung aus diesem älteren Text vortrug und somit die Überlieferung auf eine falsche Spur setzte. Auf diese oder ähnliche Gedanken hin ließ ERGASTO seine Fernere Erläuterung der jüngsthin gehorsam eingesendeten Unvorgreifl. Gedanken nachfolgen und betrat damit wieder den sicheren Grund der praktischen sprachwissenschaftlichen Tätigkeit. Für uns ist daraus vor allem die nähere Erläuterung bemerkenswert, wie er sich die Wörterbucharbeit vorstellt. Er beginnt mit der zweifellos richtigen Feststellung, selbst gelehrte Deutsche verstünden ihre "Mundart" (ihre Muttersprache) nicht richtig. Andere Völker verachteten deshalb die deutsche Sprache, und man müsse sie kultivieren. Hier holt er aus zu einer großen Begründung aus der Sprachpflege der alten Römer. Die lateinische Kultur überhaupt ist ihm Vorbild, wie von einem Gelehrten in der Nachfolge der Renaissance nicht anders zu erwarten. (Das führte in der Praxis allerdings oft zu einer Nachahmung der langatmigen Satzbaukünste Ciceros.) Er wiederholt das allgemeine Vorurteil vom harten und rauhen Klang des Deutschen und macht dafür mangelnde Pflege seines Wohllauts verantwortlich. Den STREFON, also HARSDÖRFER, nennt ERGASTO als Vorbild mit seinem Specimen Philologiae Germanicae. Gerade der Orden habe ihm darin nachzueifern. Außerdem nennt er SCHOTTELs "Opera de Lingua Germanica", BÖDIKERs "Grundsätze der Deutschen Sprache und Grammatik" sowie die Werke von GEORG HENISCH als gute Beispiele.

Zuletzt erwähnt er auch ein abschreckendes Beispiel: der Palmenorden sei nunmehr erloschen! Es ist die Zeit, in der die Sprachgesellschaften des siebzehnten Jahrhunderts nach und nach absterben. GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ, der ja in Altdorf studiert und somit wohl auch vom Blumenorden einiges erfahren hatte, hatte ja bereits geurteilt: "Am allermeisten aber ist unser Mangel [...] bey denen Worten zu spühren, die sich auff das Sitten-wesen, Leidenschafften des Gemüths, gemeinlichen Wandel, Regierungs-Sachen, und allerhand bürgerliche Lebens- und Staats-Geschäffte ziehen. [...] Das Übel ist so hoch gestiegen, daß es nicht mehr mit Reimen, Liebesgedichten und Lustschriften, wie wohl sie auch gesetzt, zu erreichen und zu übermeistern, sondern anderes Rüstzeug von mehr Gewicht und Nachdruck vonnöten." Das scheint sich geradewegs gegen die "ziersteigenden Reimgedichte" der Nürnberger zu richten. Es konnte nicht ohne eine Trennung von Liebhaberei und wissenschaftlicher Philologie weitergehen. Dem waren Sprachgesellschaften nicht mehr gewachsen. Jedenfalls in Deutschland, wo es keine hinreichend breite und einflußreiche Kulturträgerschicht in einer Hauptstadt von überragender Bedeutung gab.

Was Damon jahrelang versuchte, erreicht Lilidor dank seiner 50 fl. und einem etwas festeren Zupacken aufgrund seines höheren Ansehens fast spielend: die Tätigkeit in Gang zu halten und neu zu beleben. Dabei sind zunächst Ergebnisse in bildlicher Form zu vermelden, die immer wieder einmal abgedruckt werden, während die damaligen Dichtungen des Ordens fast restlos vergessen sind.