Erstes Beispiel: Occasionaldichtung

Die Nummer VIII aus der Abteilung "Ehren- und Pflicht-Gedichte" ist gewiß nicht ohne innere Beteiligung zustandegekommen, unerachtet des nach gesellschaftlicher Sittenübung schmeckenden Sammeltitels. Fürer wendet sich darin kurz vor seiner eigenen Abreise an einen Bekannten, der schon eher die Kavalierstour antritt:
Abschieds-Gedicht/ auf eines guten Freundes Abreise.

Wie? ist es Schlaffen oder Wachen?
quält mich nicht Morpheus bey der Nacht?
daß er durch so betrübte Sachen
die Ruh zur grösten Unruh macht:
Soll der/ den man nie satt kan preisen/
so bald von unsren Gränzen reisen?

Ach freylich ja/ es ist kein Schlaffen:
kein Traum/ der mich mit Lügen kränkt;
könnt ich doch mein Gedächtnus straffen/
wann es an diese Reis gedenkt:
Doch nein: was wir geliebet haben/
bleibt auch dem Denken eingegraben.

Zwar quält die Freude diß Entschliessen/
so Freund von Freund- und Brüdern reisst:
Man siht viel hundert Thränen fliessen/
wann uns das Glück entweichen heisst.
Man siht/ bey solchen Schmerzen-Stimmen/
die Treu auch auf den Wangen schwimmen.

Diß/ liebster Freund/ quält uns ingleichen/
es quillt aus dem betrübten Kiel
diß/ was der Mund nicht kan bezeugen/
dieweil er lieber schweigen will/
und deines Ruhmes Eingedenken
viel mehr dem stillen Herzen schenken.

Dein Ohr kan nicht das Lob vernehmen/
ich weiß/ die Demut leidt es nicht:
Drum will ich mich darzu bequemen/
im Fall dein Daseyn uns gebricht.
Dann wer den Schmeichel-Nam will meiden/
der lobt die Freund zu andern Zeiten.

Diß sag ich/ daß ich/ weil ich lebe/
nicht deiner Lieb vergessen kan:
Wann ich in fremden Orten schwebe/
und geh/ gleich dir/ mein Reisen an/
so soll dein Nam zu allen Zeiten
mich auch bis in die Fremd begleiten.

Sollt etwan dich der Neid verfolgen/
der sich nur an die Tugend wagt/
und wetzt die Zäne nur an solchen/
die Muth und Blut zu Edlen macht;
so glaub/ daß solche Neid-Beschwerden
wir möglichst unterdrucken werden.

Und sind gleich eine hier zugegen/
die dein Entfernen nur ergötzt/
die nichts als Lust und Freude hegen/
daß du den Fuß hinweg gesetzt:
Die lassen alle Welt erfahren/
daß sie nicht deiner würdig waren.

Noch eins/ ich sag es zwar mit Grämen/
doch weil ich es je sagen muß/
und weil ich muß den Abschied nehmen/
so nimm dann hin den letzten Kuß.
Leb höchstvergnüget unterdessen!
Doch gleichwohl meiner unvergessen.


Als Hilfe für das Einlesen in einen längeren Text jener Zeit versuche ich nun eine Umschreibung zu geben, die für manche heute mißverständliche Stelle Worte einsetzt, wie sie in entsprechender Lage unter Zeitgenossen gebraucht werden könnten. (Das Verfahren lehnt sich an die Paraphrasierungen an, die KARL BERTAU seine Oberseminaristen von mittelhochdeutschen Texten anfertigen ließ und die er selbst in seiner Literaturgeschichte Deutsche Literatur im europäischen Mittelalter, München 1973 dem heutigen Leser gibt, wobei Fachgenossen derartiges ruhig verschmähen mögen. Doch indem die Zyklen der kulturellen Bewußtwerdung immer kürzer werden, haben junge Studenten der Germanistik heute schon Schwierigkeiten mit Früh-Neuhochdeutsch.)

Schlafe oder wache ich? Quält mich in dieser Nacht ein Albdruck (Morpheus, der Gott des Schlafes)? Die Bettruhe wird durch dieses Ungewisse zur größten Unruhe: Ob derjenige, den man nicht genug loben kann, schon so bald aus unserem Land abreist?

Ach, es ist tatsächlich nicht der Schlaf, es ist kein Traum, der mich mit Lügen kränkt; wenn ich doch mein Bewußtsein dafür bestrafen könnte, daß es an diese Reise denkt! Doch nein: was wir geliebt haben, läßt sich nicht verdrängen.

Derjenige Entschluß verdirbt die Freude, der den Freund von Freunden und Brüdern reißt. Wenn das Schicksal uns abzufahren befiehlt, fließen viele Tränen. Während solch schmerzlicher Ausrufe sieht man sie als Zeichen der Anhänglichkeit auf den Wangen.

Auch mich, lieber Freund, quält es, und ich schreibe lieber auf, was mein Mund scheut zu sagen, da ich lieber das Gedenken an deine Vortrefflichkeit bei mir behalte. Was ich an dir zu loben finde, hörst du nicht; du wärst auch zu bescheiden dazu. Darum will ich dich loben, wenn du nicht da bist. Wer nicht als Schmeichler erscheinen will, der lobt die Freunde in ihrer Abwesenheit.

Ich kann, so lange ich lebe, deine Freundschaft nicht vergessen. Wenn ich mich, wie du, im Lauf meiner Reise an fremden Orten aufhalte, soll mich dein Name auch in die Fremde begleiten.

Wenn sich neidische Leute über deinen Ruf hermachen, weil solche sich ja grundsätzlich an die Guten wagen und an die, deren Haltung, nicht nur deren Abstammung sie zu Edlen macht: dann kannst du dich darauf verlassen, daß wir solche Nachreden nach Kräften niederhalten werden.
Und wenn es welche hier gibt, die sich über deine Abwesenheit nur freuen, dann kann daran die ganze gute Gesellschaft lediglich ersehen, daß sie deiner nicht würdig waren.

Noch eines (ich kann es nur traurig sagen, aber weil ich es nun schon einmal sagen muß, und weil ich Abschied nehmen muß): Laß dich zuletzt in die Arme schließen. Laß dir's einstweilen gutgehen, aber vergiß mich nicht.

Nun sollte man grundsätzlich eine derartige Aussage nicht für unmittelbaren Ausdruck des Erlebten und Gefühlten halten, gerade im 17. Jahrhundert. Ich nehme zwar dieses Gedicht, wie gesagt, nicht für ein kühl berechnetes Kunststückchen; es ist dennoch aus einer Rolle heraus geschrieben, in der sich mancher wiederfinden konnte -- und sollte. Ganz genau und ausführlich wird der Kreis der gesellschaftlichen Umstände abgeschritten, keine der von der Höflichkeit erforderten Überlegungen ausgelassen; und daß als der Augenblick des Schreibens eine schlaflose Nachtstunde gewählt ist, geschieht wahrscheinlich nicht deswegen, weil FÜRER wegen der Abreise des Freundes tatsächlich nicht hätte schlafen können, sondern zur Unterstreichung der nahen Beziehung: Man denkt an den Verabschiedeten sogar, wenn man allein auf der Kammer liegt. Es ist eine Feinheit, daß sich daraus zwanglos das versteckte Lob, die Vermeidung der offenen Schmeichelei ableiten läßt; andere hätten wohl zu dem gröberen Mittel des Unsagbarkeitstopos ("es läßt sich nicht ausdrücken...") oder der Correctio ("was sage ich...") gegriffen.

Durchaus als überlegtes Mittel ist auch die Strophen- und Versform gewählt. Zur Vertrautheit mit dem Freund passen die volkstümlich liedhaften, vierhebigen Verse, und daß die Strophen nach zwei Kreuzreimen mit einem Reimpaar schließen, betont nicht nur das Strophenende bei mündlichem Vortrag, sondern gibt auch Gelegenheit, das in jeder Strophe enthaltene Argument zuzuspitzen: Die Verspaare ergeben jeweils einen gedanklichen Abschluß, den man beinahe als Spruch, als Sentenz, aus dem Zusammenhang nehmen könnte. Davon rührt der ins Allgemeine zielende Ernst dieses Abschiedes her. (Besonders deutlich: "Doch nein: was wir geliebet haben, bleibt auch dem Denken eingegraben.") Man sieht: FÜRER, allem Anschein nach ein Musterschüler und fleißiger Student seines Professors OMEIS, beherrschte die Rhetorik aus dem Grund. Und das war damals eine Empfehlung für einen Dichter.

Dazu gehört auch, daß man sich vor plattem, gar zu selbstverständlichem Ausdruck scheut (auch wo man nichts Besonderes auszudrücken hat). An mythologischen Anspielungen haben wir hier zum Glück nur eine, den Morpheus, sodaß es nicht zu gelehrt wird. Aber an Entgegensetzungen, Antithesen, ist schon die erste Strophe verhältnismäßig reich: "Schlafen oder Wachen", "Ruh zur grösten Unruh". Dieses Wenden und neu Betrachten, so bezeichnend für den Denkstil des Rationalismus, scheint Fürer zur zweiten Natur geworden zu sein. Wir werden immer wieder darauf stoßen. Zusätzlich bedient sich der Autor eines in der Lyrik eigentlich bedenklichen, weil unanschaulichen Mittels: Er erhebt abstrakte Hauptwörter wie 'Gedächtnis', 'Entschließen', 'Eingedenken', 'Demut', 'Dasein', 'Tugend', 'Neid' zu handelnden oder zumindest erleidenden Wesen. Von hier ist es nicht weit zu Allegorien wie 'Glück' — die Dame Fortuna. Freunden der Metapher und anderer Mittel uneigentlicher Ausdrucksweisen tut FÜRER jedoch auch einen Gefallen: "es quillt aus dem betrübten Kiel" — nur ist dies nicht gerade ein Beispiel einzigartiger Erfindung. Weit eher noch originell scheint das Concetto zu sein, daß man "die Treu" in Gestalt von Tränen "auf den Wangen schwimmen" sieht. Hier überlegte der damalige Leser (man will wissen, nicht ohne Genuß), wie das Bild nun mehrfach zusammengesetzt sei.

Eine Schwierigkeit, deren sich FÜRER damals noch kaum bewußt gewesen sein dürfte, behinderte jedoch die wohlwollende Aufnahme eines derartig gelungenen Gedichtes über die Weite des deutschen Sprachraums hinweg. Es sind die Provinzialismen, anders gesagt, die sprachlichen Anzeichen, daß hier ein Franke schreibt. Zwar stehen dem Auge kaum Besonderheiten entgegen, die das Verständnis behindern, aber ein Sachse wie HUNOLD nahm wohl Anstoß am Wegfallen des Endungs '-e' in Wörtern wie 'Ruh', 'Reis', 'Treu'. Wirklich verräterisch wird das aber erst bei Reimen, und damit fürs Ohr: 'ingleichen' — 'bezeugen'; 'meiden' — 'Zeiten'; 'verfolgen' — 'solchen'; 'wagt' — 'macht'. Seit GOETHE hat man dazu wieder ein unverkrampfteres Verhältnis und findet es wohl gar heimelig; doch in einer Zeit, die gerade anhand der Reinheit der Reime um eine allgemeinverbindliche Hochsprache rang, schürte es Feindseligkeiten. Man nahm den Pegnesen andernorts ihre Sprachpflege nicht mehr ab, wenn sie sich nicht nach dem "meißnischen Idiomate regulireten".

Wichtiger wäre freilich anzuerkennen, daß hier ein Dichter am Werke ist, der das Klappern und Leiern metrisch regelmäßiger Verse vermeiden kann. Das erreicht er durch Überspielen der Zeilengrenze, etwa bei: "daß er durch so betrübte Sachen die Ruh zur grösten Unruh macht"; dazu kommt, daß innerhalb der Verse verschieden lange Sinn- oder Sprechabschnitte auftreten, deren trennende Staupausen den Fluß des Metrums leicht verzögern: "Ach freylich ja/ es ist kein Schlaffen: kein Traum/ der mich mit Lügen kränkt"; nicht zuletzt wirkt daran auch die Abwechslung von weiblichen und männlichen Versendungen mit, die am Ende jeder Strophe durch zwei aufeinanderfolgende Zeilen mit unbetonten Endsilben noch einmal eine Abwechslung erfährt. Man betrachte einmal, wie die so entstehenden Wechsel der Lesegeschwindigkeit mit den Aussagen zusammenpassen: eine Unstimmigkeit habe ich dabei jedenfalls nicht gefunden.

Man möchte dieses Gedicht schon fast "natürlich" nennen, wenn man es mit den hochtrabenden Wortarien und künstlich gesponnenen Erfindungen der vorhergehenden Generation vergleicht. Die Stilebene ist niedrig bis mittelmäßig (Genus humile ohne Grobheit), und das Kluge daran ist eher weltklug als pedantisch. In Hinblick auf einen Leitbegriff der damaligen Zeit qualifizierte sich FÜRER mit dergleichen Äußerungen als ein "Galanthomme". Freilich galt es für ihn auch, sich mit den schwerblütigeren Produkten der damals noch so gerühmten zweiten schlesischen Dichterschule auseinanderzusetzen, und in Nürnberg konnte er auch auf Zustimmung rechnen, wenn er gelegentlich ein etwas derberes, aufrecht-treudeutsch lutherisches Register zog.