Sitzungen unter Omeis

Nichts von solchen Erwägungen ist dem Protokoll jener Irrhain-Sitzung anzusehen. Man ging zu Punkt drei der Tagesordnung über.

DAMON erinnerte daran, daß man dem CELADON zur Verleihung der Würde eines kaiserlichen Hofpoeten ein Glückwunschgedicht zu verfertigen habe. Über diesen CHRISTOPH ADAM NEGELEIN schreibt AMARANTES, "er war Kauf- und Handelsmann allhier [...] Ehe er sich noch zur Römisch-Catholischen Religion gewendet [anders wurde man nicht Hofpoet in Wien], so ward er Ao. [=Anno] 1679. von dem seligen Floridan [BIRKEN] aufgenommen."



1700 war er schon nicht mehr in Nürnberg. Er war der zweite Hofpoet nach dem Italiener DONATUS CUPEDA, dessen jährlichen Ausstoß von 6 Opern- und mehreren Operettentexten er ins Deutsche zu übertragen hatte. Daneben konnte er deutsche Theatertexte verfassen. Lateinische Poesie und Komödie war aber den Jesuiten reserviert. Aus seiner Nürnberger Zeit soll es ein Singspiel im Duodezformat geben: Der Grosglaubige Abraham, und der Wundergehorsame Isaac . Mit der Abfassung des Glückwunsches wurde FERRANDO beauftragt.

SAMUEL FABER war im Orden der zweite des Namens FERRANDO. Er war geboren zu Altdorf 1657 als Sohn FERRANDOS I. (JOHANN LUDWIG FABER); wurde ebenfalls P[oeta] L[aureatus] C[aesareus] und war eine zeitlang Sekretär bei KNORR VON ROSENROTH in Sulzbach gewesen. Von MYRTILLUS II. wurde er 1688 in den Orden aufgenommen. Beruflich war er als Rektor des von Melanchthon gegründeten Gymnasiums bei St. Egidien tätig. Eine der Übungen, die er seinen Schülern aufgab, war, aus "Hui und Pfui der Welt" von ABRAHAM À SANCTA CLARA die "elegischen Epigrammata" in andere Gattungen umformen zu lassen, und er spornte sie auch sonst zum Dichten an. Er selbst war ein begabter Stegreifdichter, verfaßte 250 lateinische und deutsche Epigramme, gab ein Schulbuch mit Merkversen historischen Inhalts heraus (übersetzt aus dem Lateinischen des CHRISTOPH WEIGEL 1697) und hat auch viel beigetragen zu den deutschen Bildunterschriften der auch heute noch verbreiteten WEIGELschen Beschreibungen der "Haupt-Stände", schönen Kupferstichen über Berufsbilder mit erbaulicher Ausdeutung, wie man sie noch in Nürnberger Geschäften und Lokalen, zuweilen in Glasmalerei umgesetzt, finden kann. Des weiteren gab er Privatvorlesungen über Arithmetik, Zivilarchitektur und Festungsbau. Dieser ungemein umtriebige und vielseitige Mann starb 1716. Sein Schüler RIEDERER, von dem noch die Rede sein wird, hat ihm in Leipzig nach seinem Tod eine Lobschrift wegen seiner pädagogischen Fähigkeiten drucken lassen.

Einige Zeit schon hatte draußen vor dem Irrhaintor, wo die Kutscher mit den Pferden vor sich hindösten, ein Kraftshofer Landwirt ausgeharrt. Jetzt ließ man ihm ausrichten, daß er mit seinem Anliegen vor die Versammlung treten könne. Es muß nötig gewesen sein, daß ihn ein Diener auf dem Hin- und Rückweg begleitete, sonst hätte er sich in dem Geschlinge der Irrwege nicht zurechtgefunden. Es ist wohl nicht denkbar, daß ein Bauer jemals den umzäunten und normalerweise verschlossenen Irrhain ohne Erlaubnis betreten hätte. Es gab allerdings am Ende des "Langen Ganges" ein Pförtchen, wodurch man unter Umgehung der Irrwege in den "Kirchhof" und von da auf demselben Wege, der heute zur Naturbühne führt, die damalige Gesellschaftshütte erreichte.

Die versammelten Blumengenossen hörten den offenbar recht selbstbewußt auftretenden Bittsteller durchaus mit einem Gefühl für Recht und Billigkeit an; im nächsten Punkt des Protokolls steht: "4. Nachdeme [...] Kißkalt zu Krafftshoff nicht mehr gestatten wollen, daß über seine Wiesen an die Thür des Irrgartens mit Kutschen gefahren werde, weil ihm nicht allein dadurch mercklicher Schaden an Graß zugefüget, sondern auch von 3. Jahren her ihm keine Beliebung40 mehr, wie ehedeßen geschehen, gereichet worden: als hat man selbigen vorkommen laßen, mit ihme deswegen gütlich gehandelt, und sich endlich dahin verglichen, daß man ihm vor die vergangene 3. Jahre zusammen Drey Gulden bezahlen und für das Künfftige alle Jahr um Laurentij Einen Gulden und Vierzig Creuzer entrichten wolle, welches er dann also angenommen, und für genehm gehalten."

Nun hatte man aber auch Erfreuliches zu berichten. Drei Blumengenossen hatten im Berichtszeitraum Werke verfaßt.

Zuerst erwähnt ist POLEMIAN. Dies war JOHANN MICHAEL LANG, geboren 1644 in Etzelwang. Für die Vielfältigkeit seiner Neigungen und seiner Persönlichkeit sprechen die von AMARANTES mitgeteilten Einzelheiten: Er studierte in Altdorf nicht nur Theologie, sondern auch Medizin und sammelte in heilkundlichem Zusammenhang über 1000 Kräuter. 1687 wurde er Magister (und, wie es sich bei Pegnesen jener Zeit fast von selbst versteht, PLC), ging dann nach Jena, zwischendurch war er Pfarrer zu Vohenstrauß, und 1694 begab er sich als Lizentiat der Theologie nach Halle. (Ein weiteres Mal sieht man daran die pietistischen Verbindungen des Ordens!) 1697 nach Altdorf berufen, promovierte er zum Doktor, wurde auch Professor der Theologie und 1698 Pegnese, später auch Ordensrat; dann aber wurde er zum Anhänger eines umstrittenen Predigers namens Rosenbach und anscheinend deswegen 1709 vom Magistrat "in Ehren" entlassen. Nun wandte er sich zur Zuflucht der verfolgten Pietisten, dem König in Preußen, der ihn zum Pastor und Inspektor nach Prenzlow in der Uckermark berief, wo er 1729 starb. Seine 37 Schriften, einige Kirchenlieder nicht gezählt, bilden ein Hin und Her zwischen naturwissenschaftlichen und theologischen Betrachtungen. So auch Mathematische Sinnbilder, durch Christliche Erklärungen und Andachten zur Übung in der Gottseeligkeit bequem gemacht . -- Es erscheint uns heute vielleicht reichlich verschroben, in der Mathematik, die seit Descartes eine gesellschaftsfähige Geistesübung geworden war, nach Zusammenhängen zu suchen, die sich theologisch ausdeuten ließen, und das ganze in literarischer Form zu bearbeiten; doch was war Irdisches Vergnügen in Gott , das BARTHOLD HINRICH BROCKES ab 1721 herausgehen ließ, anders als ein ähnlicher Versuch anhand genauer Naturbeobachtungen? Daraus gelangen noch heute einzelne Gedichte in die Schulbücher.

Das zweite erwähnte Werk war von DAMON selbst: Historia Poetarum Latinorum , offenbar ein Standardwerk für den Lehrgebrauch, sonst wäre der Titel bereits damals weniger allgemein gehalten gewesen. Zwei weitere seiner Werke sind unter "Ejusd" aufgeführt -- eine Abkürzung von "eiusdem", d.h. desselben --, und zwar die oben schon zitierte Gründliche Anweisung zur Teutschen Poesy , die ihm neben BUCHNER, HARSDÖRFER selbst, ROTTH und anderen einen Platz im Reigen der OPITZ-Nachfolger sichert, und ein Gedicht bey Übergebung der Academischen Rector-Würde . Daß Gelegenheitsgedichte damals eine so große Rolle spielten, erklärt sich schon hinreichend aus der Lust am Repräsentieren. (Die gibt es heute wohl ebenso, doch wird ihr nicht in so künstlicher Form und deshalb oft stilloser und langweiliger gefrönt.) Darüberhinaus ist Dichtung innerhalb eines Ordens ganz selbstverständlich eine gesellige Angelegenheit und nicht Herzensergießung einsamer Genies; der Orden ist ja überhaupt aus geselligem Anlaß entstanden. Nicht-Barockforscher sollten sich also nicht über die scheinbare Plattheit solcher Lyrik erhaben dünken; wenn sie nicht sehr lyrisch ist, so ist sie doch Zeichen einer Hochkultur.

Der letzte Punkt, den jene Blumengenossen, ohne Zweifel von zahlreichen Stechmücken umschwirrt, im Irrhain behandelten, betraf die etwas ausweichende Antwort, die man einem ungenannten Geistlichen auf sein Ersuchen um Aufnahme erteilen wollte.

Außer den bisher erwähnten Anwesenden ist im Teilnehmerverzeichnis noch PHILEMON genannt: DAVID NERRETER, geboren 1649 in Nürnberg. Nach Studien in Altdorf und Königsberg sowie der üblichen Bildungsreise wurde er 1694 Diakon in Nürnberg, ab 1695 Pfarrer der Vorstadt Wöhrd bis 1708, dann Konsistorialrat und Generalsuperintendent in Hinterpommern; er starb 1726. Bemerkenswert ist, daß er unter anderem wissenschaftlich über den Koran arbeitete.

Mit dem Erscheinen zweier weiterer Mitglieder hatte man anscheinend gerechnet, ihre Namen aber in der Niederschrift mit Abwesenheitsvermerken versehen müssen: Zum einen ISMENIAN (KONRAD MARTIN LIMBURGER, Sohn des vorigen Präses MYRTILLUS II.), aufgenommen 1691. Er hatte im Laufes seines Lebens Pfarrstellen verschiedener Orte des Nürnberger Gebiets inne, zuletzt in Lauf, wo er 1730 starb; als Werke von ihm sind einige erbauliche Lieder verzeichnet. Der andere war LYCIDAS (WOLFGANG MAGNUS SCHWEYHER, Bankier zu Nürnberg), aufgenommen 1698 wegen seiner "Dienstfertigkeit und Gastfreyheit"; zudem hatte er als Schwager des Präses OMEIS diejenigen Beziehungen zum Orden, die anscheinend auch wichtig genommen wurden. Er lebte bis 1701.
Alle Angaben zu Lebensläufen in diesem Kapitel folgen Amarantes.

Ein weiteres Sitzungsprotokoll (Ort: Altdorf; Zeit: 25. Juli 1705) zeigt ein ungewöhnlich hohes Maß an Sekretärslatein und einige Zerfahrenheit im Orden. Es waren wieder nur sechs Mitglieder zugegen: DAMON, POLIANDER, ASTERIO, IRENIAN, POLEMIAN und THEMISON.

Bei dem letzteren handelte es sich um ADAM BALTHASAR VON WERNER. Er war geboren in Breslau, hatte in Leipzig studiert, ab 1694 in Altdorf; dort promovierte er zum Doktor der Rechte und wurde 1697 Professor. In den Blumenorden wurde er 1698 von OMEIS aufgenommen und fungierte später als Ordensrat. In seiner beruflichen Laufbahn brachte er es 1699 zum Dekan seiner Fakultät und 1705 zum Rektor. 1708 wurde er abberufen nach Frankfurt an der Oder; zuletzt wirkte er in Hannover als Hof- und Kanzleirat; er starb 1740. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich durch derartige Ortswechsel die Mitgliedschaft im Blumenorden über weite Gebiete des Reiches verteilte.

Die Nürnberger Vertreter hatten nicht einmal ihre Ordensbänder dabei, wurden aber nur auf den entsprechenden Satzungspunkt hingewiesen und mußten nicht zahlen, denn es war auch keine förmliche schriftliche Einladung erfolgt.

DAMON hatte eigene Gedichte mitgebracht, scheint aber damit allein gestanden zu sein, denn er weist ausdrücklich auf Punkt 2 der Satzung hin. POLIANDER wird lobend hervorgehoben, weil er sich um die Erhaltung des Irrhaines verdient gemacht hatte. Die Gesellschafter fragen sich in diesem Zusammenhang, ob nicht weitere kapitalkräftige Mitglieder geworben werden könnten.

Folgende Namen waren im Gespräch: Johann Jacob Hartmann (Schaffer, d.h. oberster Diakon, zu St. Lorenz, der dann als DURANDO -- lat. ,durus': ,hart' -- aufgenommen wurde), M. JUSTIN WEZEL, WALTHER BARTHEL MARPERGER, DREßLER, M. PONHÖLZL, GOTTFRIED ENGELHARD GEIGER (Rektor der Schule bei St. Sebald), ein Herr PFLÜGER und ANDREAS TAUBER (Marktadjunkt in Nürnberg).

Nachträglich wurde TAUBER von HERDEGEN-AMARANTES ein wenig ungerecht als muthwilliger Bankerotteur" bezeichnet -- man hatte ab 1704 bei ihm immerhin 100 fl. des Ordensvermögens zu 5% angelegt und konnte später gerade noch das Kapital retten; daraus machte dann ISMENIAN nach Auffinden eines alten, längst abgegoltenen Schuldscheins eine große Affäre, sodaß der Orden durch Zutun unbefriedigter Gläubiger TAUBERs noch in einen unprofitablen Prozeß geriet, der ihn 50 Gulden kostete.

Über zwei weitere Neuaufnahmen wurde ein Beschluß gefaßt: Der damalige Pfarrer von Kraftshof, DAVID BÜTTEL, sollte wegen der Aufsicht über den Irrhain Mitglied werden. Er erhielt den Namen SILVANO. Und unter 7. steht, daß Frau REGINA INGOLSTÄDTERin unter dem Namen REGILIS "in die Gesellschafft eingenommen" wurde.