Erstens, Ordensziele:

Verehrung des Göttlichen Nahmens, Vermehrung der Teutschen Treue, und [...] das Wachsthum unserer Mutter-Sprache nach ihrer Zierde und Lieblichkeit.

Von einer Aussprache über diesen Punkt oder die folgenden ist in der Niederschrift nichts erwähnt. Möglicherweise war den Herren nicht ganz danach, während sie im flimmernden Halbschatten einer aus Ruten zusammengebogenen, von Latten gestützten Laubhütte eng beieinandersaßen oder -standen. (Gab es Mobiliar im Irrhain? Bänke allenfalls.) Es war aber auch kaum nötig, die allgemein anerkannten, längst praktizierten Grundsätze denen zu erläutern, die damals anwesend waren.

Heutigen Lesern allerdings könnten die trügerisch vertrauten Worte schon etwas aufstoßen, wenn sie nicht in ihrer tatsächlichen Fremdheit erkannt und vor dem Hintergrund dessen, was wir über die damalige Kultur wissen, in unsere ganz anders gewordene Sprache umgesetzt werden.

Die religiöse Wendung hatte SIGMUND VON BIRKEN, der ja auch mit namhaften Pietisten der ersten Generation in Briefwechsel stand (z.B. mit dem erwähnten PHILIPP JAKOB SPENER), dem Orden gegeben. Davon zeugt die aus dieser Zeit überkommene Devise "Alles zur Ehre des Himmels". In der lateinischen Fassung, die AMARANTES angibt, heißt sie: "Divini germen honoris", was wörtlich übersetzt lauten würde: "Keim göttlicher Ehre". Damit ist aber ausgedrückt, daß der Orden auf seinem Gebiet Gottes Ehre zum Wachsen bringen solle, also nicht etwa, daß alles, was der Orden unternehme, nur um der Ehre Gottes willen zu geschehen habe. So scheint es aber um die Mitte des 18. Jahrhunderts verstanden worden zu sein! Die Generation der Gründer war auch nicht unfromm gewesen, aber für so vorrangig hatten sie das bei einer Schäfergesellschaft nicht gehalten.

In der Festschrift von 1894 stellt THEODOR BISCHOFF die Vermutung auf, als Vorbild für die ursprüngliche Zielsetzung des Blumenordens sei die Satzung der "Intronati" zu Siena anzusehen. HARSDÖRFERS Wiedergabe findet sich in seiner Vorrede zum Teil V der Frauenzimmer-Gesprächspiele. Das erscheint mir stimmig angesichts der Gleichzeitigkeit der Gesprächspiele mit den Anfängen des Ordens. Wenn wir diesem Hinweis folgen, so war wohl in den ersten Jahren die Empfehlung zur geistigen Haltung der Mitglieder etwa folgende:

"Die Feinde der Tugend und der Teutschen Helden Sprache, sollen hier nicht zugelassen werden. [...] Du aber bet andächtig, studiere fleissig, sey fröliches Gemüts, beleidige niemand. Frage nicht nach frembden Händeln. Glaub Deinem Wahn nicht. [D.h. Halte deine Anschauungen nicht für die einzig richtigen, bilde keine fixen Ideen aus, sei tolerant; wie leicht das einseitige Wähnen zum Verfolgungswahn werden kann, deutet der folgende Satz an:] Laß Dich ein fröliches Schertzwort nit betrüben."

Wie es von hier aus zur "deutschen Treue" kommt, ist nicht ohne weiteres verständlich. Es handelt sich aber wahrscheinlich um einen Gegenbegriff zu dem im Hofleben dieser Zeit gängigen Leitbegriff des "Politischen". Darunter verstand man nicht etwa öffentliche Angelegenheiten -- eine Öffentlichkeit, die sich um Staatsdinge hätte kümmern dürfen, gab es im heutigen Sinne ja noch nicht -- sondern die Kunst des Karrieremachens, oft auch auf Kosten der weniger durchtriebenen Mitmenschen. Bezeichnend für diesen Sprachgebrauch ist der Sinnspruch "Heutige Welt-Kunst":

Anders sein und anders scheinen;
anders reden, anders meinen;
alles loben, alles tragen,
allen heucheln, stets behagen,
allem Winde Segel geben,
Bös' und Guten dienstbar leben;
alles Tun und alles Dichten
bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
kann Politisch heuer heißen.


Sein Verfasser ist FRIEDRICH VON LOGAU, ein schlesischer Dichter (1604-1655), der übrigens zur selben Zeit wie HARSDÖRFER am selben Ort, nämlich in Altdorf, studierte. Diese Studenten waren sehr wohl darüber im Bilde, daß besagte Leitvorstellungen politischer Klugheit aus Macchiavellis amoralischem Buch vom Fürsten sowie aus den an Höfen absoluter Könige ausgebildeten Überlebenstaktiken stammten. Ein anderer Vertreter der gegenhöfischen Tendenz war Johann Michael MOSCHEROSCH, dessen Bruder QUIRIN als PHILANDER das 49. Mitglied des Ordens war. Als weitere Beispiele für Schriftsteller, die sich nicht eben um die Verbreitung absolutistischen oder kriecherischen Gedankenguts verdient machten, kann man JUSTUS GEORG SCHOTTEL und JOHANN RIST erwähnen. Beide, obwohl Auswärtige, gehörten schon unter HARSDÖRFER dem Orden an.

Man fragt sich, was eine Sprachgesellschaft mit solchen Grundsätzen bezweckt. Auf den zweiten Blick aber kann man nicht übersehen, daß die Kultur der Sprache mit der Möglichkeit, die Wahrheit sagen zu dürfen und auch beim Wort genommen werden zu können, aufs engste verbunden ist.

Die Sprachenvermengung der damaligen Zeit war eben auch Ausdruck sowie Mittel der Spitzbüberei und Verstellung. Bevor man sich also um den moralischen Hintergrund der Sprachverderbnis gekümmert hatte, brauchte man mit der Zierde und Lieblichkeit gar nicht erst anzufangen. Diese zu fördern war allerdings wichtig, um den Anschluß an die überlegene Kultur der anderen europäischen Staaten nicht zu verpassen. Man konnte nicht erwarten, gebildete Leute zum Gebrauch des Deutschen anzuregen, wenn diese Sprache sich höchstens zum Umgang mit den Pferden eignete, wie Kaiser Karl V. der Anekdote nach ein gutes Jahrhundert früher gesagt haben soll.