Plattheit als Gegengift zum Bombast


Georg Andreas Will hatte in seiner Lyrik-Vorlesung, die er 1758 in Altdorf hielt, im Anschluß an Gottsched gefordert, ein jeder Vers müsse mit einem Sinnschritt übereinkommen. Das ist ein Rückschritt in die Frühzeit der mittelhochdeutschen Prosodik! Man wird gleich sehen, was dabei herauskommt; folgende Strophen sind typisch für den knöchernen Belehrungston der Gottsched-Epigonen:

Die Seele der Gesellschaft ist
In der Vereinigung zu finden,
Aus welcher die Theilnehmung fliest,
Zu der die Glieder sich verbinden;
Die sich in Freud und Leid bewähret,
Und überall die Pflicht bestimt,
Die an der Schickung Antheil nimt,
Und unsre Regungen erkläret.
[...]

Das hier gewählte heischre Rohr,
Das unsre Freude Dir ausdrücket,
Bringt nicht so laute Töne vor,
Wie es dem Deinigen geglücket;
Doch mindert dieses Unvermögen
Die Gröse unsrer Freude nicht,
Die wir nach der Gesellschaftspflicht
Dir dadurch suchen vorzulegen.
Dein uns allzeit geneigter Sinn
Nimmt für die That den guten Willen
Zum Abtrag der Pflichtleistung hin,
[...]

  — ohe iam satis est. Rief denn niemand beim Verlesen dieses antilyrischen Machwerks "Aufhören!"? Für würdig ohne Bombast und daher modern werden die Zuhörer es gehalten haben. Schuld an der peinlichen Wirkung auf Heutige ist das üble 'Besitzdenken': Gefühle werden im Namen der Gesellschaft — und zwar der menschlichen überhaupt, nicht nur des Ordens — gegeneinander pflichtschuldigst verrechnet.

Das ist der poetische Tiefpunkt. Hieran überrascht nur eines: daß in einer gewerblich orientierten Stadt wie Nürnberg diese Kehrseite der Wolffianischen Philosophie nicht eher das öffentliche Bewußtsein bestimmte. Man ist den eingefleischten Lutheranern ja geradezu dankbar für die Verzögerung. (Sieht jemand die Parallele zur ehemaligen DDR?) Schmidbauer konnte nämlich auch anders, wenn er in einem Trauergedicht mehr auf die christliche Überlieferung Bezug nahm. Als er 1774 für Reichel den poetischen Nachruf zu verfassen hatte, war er wohl auch erfahrener, aber vor allem der Gehalt erlaubte ihm kein so abstraktes Umspringen mit Hauptwörtern mehr:

[...] So oft wir hier die Hütten sehen,
Die unser Irrhain in sich schliest,
Soll unser Denken dahin gehen,
Wo unser Freund verherrlicht ist,
Und vor dem Stuhl des Lammes stehet;
Da ists gut seyn, wo wir Gott schauen,
Da wollen wir uns Hütten bauen,
Wenn unsre Zeit zu Ende geht.
[...]

Und doch wird aus Hodevon kein halbwegs geschickter Poet: Die Tonbeugungen kann er immer noch nicht lassen, am auffälligsten bei "gut sein".