Poetische Selbstdarstellung des Ordens

Ein Ordensjubiläum als Veranlassung eines Gedichtes befreit zunächst einmal von der Verlegenheit, einen Gegenstand von hinreichendem öffentlichen Interesse zu finden — unter der Voraussetzung, daß an die öffentliche Bedeutsamkeit des Ordens noch geglaubt wird. (Sonst wird die Rühmung zur geselligen, aber nicht mehr gesellschaftlich anerkannten Angelegenheit und verpufft irgendwie zwischen Vermeidung unerwünschten Eigenlobs und der notwendigen Verschleierung der wahren Bedeutungslosigkeit.) 1744 konnte das noch glücken. Man druckte, ließ zensieren und verbreitete in voller Länge als Einzeldruck in Form ineinandergelegter Quartblätter die von August Christoph Reichel (Eusebius) verfaßte Ode:

Eilt, Musen! eilt aus Teutschlands Grenzen,
Mars steckt noch nicht die Schwerdter ein.
Wo dessen Mord-Cometen glänzen,
Kan euer Sitz nicht ruhig seyn.
Verziehet; weicht; ach! bleibt zurücke;
Doch nein, bey so verworrnem Glücke,
Bey so ergrimmter Heere Macht,
Gibt man euch willig gute Nacht.

Wo der Carthaunen Donner brüllet,
Wo der Trommeten düstrer Schall
Die Lufft mit Angst und Schrecken füllet,
Steht Phöbus schon bey seinem Fall.
Hier darf man keine Künste hegen,
Wo ein entflammter Feuer-Regen
Um die verzagten Ohren pfeift,
Und nach dem [sic] Pracht der Städte greift.

Seht! Hier kan man viel tausend Leichen
In ihrem Blute schwimmen sehn;
Dort muß ein Heer dem andern weichen,
Und ohne Hofnung flüchtig gehn.
Da seh ich kämpfen, dorten siegen,
Hier Feind und Freund vermenget liegen,
Da, wie das Schwerdt im Fleische zischt,
Dort, wie sich Blut mit Staub vermischt.

Hier wird die Mauer überstiegen,
Dort sprengt man Minen in die Höh,
Da liegt ein Ort in letzten Zügen,
Dort sitzt der Bürger voller Weh
Bey dem betrübten Aschenhaufen,
Und läst die milden Thränen laufen,
Die Zeugen der bestürzten Pein:
Weil Stadt und Land verwüstet seyn.

Dieses Jammerbild, in den Jahren des Zweiten Schlesischen Krieges wohl recht naheliegend, verdankt dennoch manche Züge der literarischen Überlieferung noch von der Antike her. (Einzelnachweise müßten einen Altphilologen reizen). Daß die Leiber von Feind und Freund im Tode vermengt liegen, stellt wahrscheinlich einen Topos dar. Überraschend ist aber das Epitheton "milde" zu den Tränen des Bürgers. "Bitter" oder etwas dergleichen hätte man erwartet. Hier stiehlt sich ein Element der Idylle, des Gefühlskultes ganz privater, innerlicher und daher tröstlicher Art in eine Gedichtgattung, die eigentlich dem Schrecklichen, dem öffentlichen Unheil, mithin dem Erhabenen gewidmet ist. (Davon ein Beispiel ist die Darstellung des Schwertes, das durchs Fleisch zischt.) Stilbrüche dieser Art sind aber weniger als Anzeichen minderen Könnens zu werten — die Schablone "bittere Tränen" lag wirklich sehr nahe, also mußte Reichel einen guten Grund haben, davon abzuweichen — sondern als Vorläufer eines zeitbedingten Wandels in der Behandlung des Gegenstandes. Mir fällt dabei das Gedicht Sehnsucht nach Ruhe des preußischen Offiziers Ewald von Kleist ein. Darin stehen noch viel ausgeprägter ein zurückgezogenes, friedliches Leben mit der Freundin in einer ländlichen Ideallandschaft und das Toben des Krieges einander gegenüber. Kleist versteht aus eigener Anschauung noch ein Gutteil mehr davon als Reichel, und seine Kriegsszenen lassen in der Zusammenstellung und der aufnehmenden Überbietung bekannter Muster die oben zitierten Verse hinter sich, wenn es etwa heißt:

Wie wenn ein Heer Kometen aus der Kluft,
Die bodenlos, ins Chaos niederfiele,
So zieht die Last der Bomben durch die Luft,
Mit Feu'r beschweift. Vom gleißenden Gewühle
Fließt hier Gehirn, liegt dort ein Rumpf gestreckt;
Hier raucht Gedärm; so ist der Grund bedeckt.

Reichel setzt gegen die Schrecken und Verwüstungen des Krieges ein anderes Gegenbild als der empfindsame Kleist. Dieser kann auch in der Idylle, in der Liebe zu seiner "Doris", keinen sinnvollen Ausweg aus dem Dienst für seinen obersten Feldherrn Friederich mehr erblicken. Deswegen beschließt er seine "Sehnsucht nach Ruhe" mit der schmerzlichen Vorstellung, Doris drücke ihm nach seinem Tode die Augen zu. Das öffentliche Leben sei selbst im Frieden ein Übervorteilen, sagt eine seiner Strophen aus, und auch in der Idylle gebe es böse Nachbarn. Ewald von Kleist hat alles nur noch satt, als er im Siebenjährigen Krieg, 1759, an einer schweren Kriegsverwundung stirbt, als desillusionierter, lebensmüder Held. In seinem Gedicht steht der Kernsatz "Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen sein", doch Reichel singt das Lob eines weisen Regiments, das seinen Bürgern den Krieg erspart. Das ist keine so neuartige Aussage wie Kleists Weltschmerz. Der Blumenhirte Eusebius bewegt sich noch innerhalb des Gedankenguts der Aufklärung, welcher mehr an geselligen Tugenden als an Heldentum oder Einsamkeit gelegen war.

Und wie! Ist Noris nicht bemühet,
Sorgt nicht der weisen Väter Rath/
Daß Kunst und Wissen bey uns blühet?
Wo ist ein Land, wo ist ein Staat,
Der mehr für seine Bürger wachet,
Wie er sie klug und glücklich machet,
Und bey der Völker Kampf und Streit
Von Nacht und Finsternus befreyt?

Seht, sucht in den vergangnen Zeiten,
Was unsrer Häupter Schutz gethan,
Wie Sie weit mehr mit Klugheit streiten,
Als sonst der Waffen Schärfe kan.
Es müssen die erhabne Sinnen,
Und nicht die Macht, den Sieg gewinnen;
Nicht Stücke, Pulver, Schwerdt und Bley,
Nein; Ihre Weißheit macht uns frey.

Ein schöner und beherzigenswerter Standpunkt, der in einem Feiergedicht am Platze ist. Halten wir dieses Ideal nur immer hoch. Wir wissen dabei freilich, daß alles diplomatische Geschick den Nürnberger Stadtvätern des 17. Jahrhunderts nichts geholfen hätte, hätten sie nicht auch aus den Rücklagen einer reichen Zeit genügend Mittel aufgeboten, um ihrer Stadt den Frieden zu erkaufen. Nun, 1744, bedarf man zur Friedensliebe nicht mehr besonderer Weisheit, da es in Nürnberg ohnehin nichts mehr zu holen gibt. Untätigkeit, bzw. Lavieren auf der Stelle, ist sowohl das Gebot der politischen Klugheit als auch das einzige, was den Nürnbergern übrig bleibt.

Als eben jetzt vor hundert Jahren
Das Reich deß Krieges Bürde fühlt,
Und eine Menge wilder Schaaren
In dessen Eingeweyde wühlt:
So macht doch unsrer Väter Sorgen,
Daß noch der Wahrheit holder Morgen
Der Noris Horizont bemahlt,
Und über ihren Scheitel strahlt.

Spielt Reichel hier auf Hans Sachsens sogenannte "Reformationshymne" an? ("Wacht auf, es nahet gen dem Tag?") Jedenfalls feiert er mit seiner Lichtmetaphorik die Errungenschaft einer verhältnismäßigen Geistesfreiheit, die darin besteht, daß Nürnberg das mehrheitlich ergriffene lutherisch-orthodoxe Bekenntnis behalten konnte. Aus dieser Sicht wird der Protestantismus zum Vorläufer der Aufklärung, und die Rolle des Blumenordens rückt in den Zusammenhang der erfolgreichen Abwehr der Gegenreformation:

Ein Mann von ungemeinem Witze,
Den ieder noch im Grab verehrt,
Hat, mitten unter dem Geschütze,
Der teutschen Musen Flor vermehrt.
Er, als ein Grundgelehrter Kenner,
Versammlet sich die grösten Männer,
Und weist sie auf der Dichter Bahn
Zum Ruhm und Preiß deß Höchsten an.

Die nun folgende Strophe ist der wenig überraschenden Eröffnung gewidmet, wer diese Männer waren. Reichel fährt dann fort:

Ich suche nicht den Fleiß zu loben,
Womit sich diese Schaar erhöht.
Ein jeder nehme selbst die Proben,
Und seh, wie weit der Vorsatz geht.
Doch werdet ihr, erhabne Dichter,
Von dieser ihrem Singen Richter;
So geht mit eurem scharfen Blick
Auch mit in ihre Zeit zurück.

Daß man frühere Dichtung auch nach den Maßstäben und den Möglichkeiten der Entstehungszeit beurteilen solle, ist 1744 ein noch ziemlich neuer Gesichtspunkt: Es war noch nicht lange her, daß man nur einen, ewig gültigen Satz von Werten — Horaz, vermittelt durch Boileau — zur Richtschnur nehmen zu müssen glaubte. Ganz verleugnen kann Reichel diese Auffassung noch nicht; für ihn gibt es kulturell tiefer und höher stehende Zeiten. (Die neueren sind, dem naiven Fortschrittsverständnis der Epoche gemäß, grundsätzlich die besseren.) Aber er gibt schon zu bedenken, ob man nicht Vorläufer eben deshalb hochschätzen solle, weil ohne sie der spätere Flor nicht möglich gewesen wäre.

Hier war der Weg nach Pindus-Höhen
Mit Dorn und Sträuchen noch besät.
Was Wunder! wann wir sichrer gehen,
Da uns nichts mehr im Wege steht?
Doch darf ich nur die Namen nennen,
Ich weiß, ein jeder wird bekennen,
Daß sich ein nicht geringer Geist
In ihrem rauhen Kleide weist.

Rom prangt nicht gleich mit Marons Stärke,
Es singt ihm Ennius erst vor.
Und wann ich auf die Teutschen merke,
So stieg man nach und nach empor.
So ist auch unser Blumen-Orden
Zuerst noch angebauet worden;
Allein wer sieht nicht, daß die Zeit
Auch hier weit beßre Früchte beut?

Im Hinblick auf die Geläufigkeit, mit der im 18. Jahrhundert die deutsche Sprache in Metren und Reimformen gegossen wird, ohne daß die Wörter übermäßig zurechtgestutzt werden müssen, kann Reichel durchaus recht haben. Was er, wie später die Epigonen der Klassik im 19. Jahrhundert, nicht sehen kann, ist die nach der Lösung formaler Probleme leicht einreißende Einfallslosigkeit, das Augen-Verschließen vor neuen Aufgaben, die drittklassige Poeten aus der Behaglichkeit ihres beherrschten Handwerks scheuchen könnten. Er kann es nicht sehen, weil in Nürnberg zu dieser Zeit noch ganz andere, allgemeinere Zeitfragen, von denen die poetische Wahrnehmung aber abzuhängen pflegt, mehr oder weniger bewußt verdrängt wurden. Das müde Abwinken, aus einer Position gekränkten Stolzes, kann man sich deutlich vorstellen, wenn von den Bestrebungen nach der Errichtung fester Theaterbauten die Rede war: Haben wir doch längst. Soziale Frage: Bitte sehr, unseren Handwerkern geht es besser als den öffentlichen Finanzen, und die Spitäler samt dem Almos-Amt dienen anderen Städten als Vorbild. Was die Politik betrifft, haben wir ja schon gesehen. Und so weiter. Es muß schwer gewesen sein, einen Nürnberger der Abstiegszeit davon zu überzeugen, daß alles anders werden müsse.

Wo Omeis, Werner, Faber, Birken,
Reusch, Fürer, Lang, Wegleiter war,
Da muß der Fleiß was gutes würken,
Da stellt sich nichts gemeines dar.
Ich melde nicht, die annoch leben;
Dann diese wird ihr Ruhm erheben.
Genug, daß man kein Glied nicht wählt,
Dem unsrer Sprache Känntnus fehlt.

Si tacuisses! Was Eusebius gerade in dieser Strophe vermissen läßt, ist eigentlich die grundlegendste Voraussetzung für dichterische Betätigung in der Schriftsprache: eine saubere Grammatik. Wenn doppelte Verneinung und eine schon für Birkens Begriffe obsolete Endung durchgingen, dann wundert einen nicht mehr, warum die Namen der Pegnesen von 1744 nicht weithin rühmlich bekannt wurden. Stattdessen mußten sie unbedingt eine bestimmte Orientierung haben, von der nun sechs Strophen lang zu lesen ist. Der Leser kennt das schon, deswegen wird hier nur die sechste zitiert:

Diß ist die erste von den Pflichten,
Worzu uns unser Stiffter führt:
Ein Glied bezeug in seinem Dichten
Nichts, als was seinem
[sic] GOtt berührt.
Wie! kan nun jetzt die Zunge schweigen?
Diß sey dem Ungehorsam eigen.
Wir stellen in vereinter Schaar
Deß weisen Strephon Bildnus dar.

Und in diesem Sinne geht es nun noch vier Strophen weiter. Hier wird die Verengung des Grundsatzes "Alles zur Ehre des Himmels" überdeutlich. Abgesehen davon, daß Harsdörfer durch die Brille Birkens gesehen wird: Wenn die Mittelmäßigkeit das Wort ''Ungehorsam" im Munde führt, gerät der wahre, nötige Gehorsam gegenüber dem Geist der Gesellschaft in ein schiefes Licht. Es sieht seltsam aus um die Moral im Orden zur Hundertjahrfeier: Anscheinend muß eigens darauf hingewiesen werden, daß noch mehr Lieder zum Preis des Höchsten verfaßt werden sollen. Warum nur Lieder, d.h. lyrische Kleinformen? Und wie steht es um die Breite der Themen? Gibt es da nichts Übergreifendes, neben dem dienstwillig Abgelieferten zu schicklichen Anlässen?



Reichel selbst ist ein fruchtbarer Gelegenheitsdichter und nun als Verfasser von Oden zu feierlichem Anlaß etabliert; als Schwarz zum nächsten Präses gewählt worden ist, fällt ihm die nächste derartige Aufgabe zu.