Siebtes Beispiel: Poetische Rollenverteilung überspielt Gegensätze

Wer bisher CHRISTOPH VON FÜRER als einen im Grunde voraufklärerischen, protestantischen Autor gesehen hat, kann daran beinah irre werden, wenn er seine letzte Sammelveröffentlichung ansieht:

Pomona, Oder Aufgesammlete Früchte der Einsamkeit, von verschiedenen Poëtischen/ Teutschen auch andern Gedanken und Erfindungen. Nürnberg/ zufinden bey Johann Friederich Rüdiger. Gedruckt bey Lorenz Bieling/ 1726.



Der doppelseitige Titelkupfer zeigt im Vordergrund eine etwas geschönte, zu einem Halbrund veränderte Arkadenstellung beim Rockenbrunn, darüber im Hintergrund rechts den Moritzberg mit Kapelle, im Mittelgrund links das Schloß Haimendorf, dahinter Lauf, und ganz weit entfernt, kaum noch erkennbar, Nürnberg. So vollständig war der Umkreis, in dem diese Schriften entstanden sind, in den vorigen Büchern noch nicht abgesteckt.

Aber sehen wir uns das einleitende Scherz-Gespräch zwischen Vesta/ Flora und Pomona näher an. Vesta, die dem Himmel geweihte, beklagt sich unter anderem über die (nicht mehr ganz neue) Lehre, daß die Erde sich um die Sonne drehe:
Philosophia wird zu schanden,
weil sich die Welt selbst ändern kan.
Die Erde macht sich auf die Bahn,
die etlich Tausend Jahr gestanden;
da Phoebus still dargegen steht,
und nicht, wie sonst, spazieren geht.

Auch die Göttin der Heilkunde findet sie neuerdings befremdlich:

Hygeia macht es etwas besser;
doch ändert dis verwegne Weib
bißweilen gar des Menschen Leib;
sie nimmt an statt des Schwerds das Messer,
und löst damit der Rätzel Hauf,
wie Alexander Knoten, auf.

Das Blut muß jetzo circuliren,
so doch vor diesem anderst war;
Stieg einst Galenus aus der Bahr,
wie sollte der nicht admiriren,
daß, wie der Ledae Söhn', auch er,
aus einem Ey geboren wär!

Die dem Irdischen nicht abgeneigte Flora verteidigt dagegen alles Neue, ob es sich nun um wissenschaftliche Errungenschaften oder das Alamode-Wesen handelt:
Ja! Vesta, ich muß zwar bekennen,
die Welt ist voller Eitelkeit;
doch bin ich darum nicht bereit,
mich völlig von ihr abzutrennen:
dann sie ist ein Comödi-Haus,
und sieht bunt, unvergleichlich aus.

Schon hier könnte der Leser mißtrauisch werden, ob er der Flora noch ein einziges Wörtlein glauben soll. Es sieht zunächst nicht danach aus, als habe FÜRER auf seine alten Tage das Theater noch so wert geschätzt, daß er im Ernst die guten Seiten der Welt damit verglichen haben wollte. GOETHE, der sich doch weit enger mit dem Theater verbunden hatte, läßt einen der Pädagogen in Wilhelm Meisters Wanderjahren seltsam kalt über die Bühne urteilen, und man ist darauf gefaßt, daß würdige ältere Herren der früheren Zeiten dafür nicht mehr viel übrig haben konnten, wollten sie nicht aus der Rolle fallen. Flora aber fährt munter fort:
Mir scheint, du habest heut gelesen
ein Stuck aus dem Misanthropo,
und aus dem Spötter Boileau
die mit der Welt im Krieg gewesen;
weil sich der Welt-Kopf, wie er sollt,
nach ihrem Kopf nicht richten wollt.

Der Ausdruck 'Weltkopf' trägt zwar kein philosophisches Gewicht, das annähernd an HEGELs 'Weltgeist' herankäme, aber er verallgemeinert die herrschenden Anschauungen, ohne daß man dargestellt findet, wie sie sich bilden. Sie sind einfach da und scheinen nicht beeinflußbar. So sieht es jemand, der nicht gewohnt ist, sich auseinanderzusetzen, sondern von anderen Unterwerfung unter seine vermeintlich ewig gültigen Ansichten verlangt. Es ist für Floras Rolle bezeichnend, daß sie diese Haltung als charakterkomischen Typ auf der Bühne oder in der Satire verkörpert findet. In diesen Medien wurde auch zuerst so etwas wie öffentliche Meinungsbildung versucht. Man schrieb dagegen an, daß sich die Angehörigen alter Bildungsschichten gegen Neues abkapselten, ohne sich mit dem Urteilen viel Mühe zu machen; sich von Vorurteilen beherrschen zu lassen und andere dadurch zu beherrschen, ist aber ein Hauptvorwurf der Aufklärer an die Bewahrer der Tradition. Flora ist gar nicht so oberflächlich, wie es erst schien, wenn sie kenntnisreich weiterargumentiert:

Sophia pflegt sich zwar zu ändern;
jedoch zu ihrer Besserung.
Man fehlt offt wann man ist noch jung,
und bessert sich mit den Calendern.
Dann wer den Circul recht versteht,
sieht leichtlich, daß die Erde geht.

Je weiter eines Circuls Kreise
von diesem Punkt entfernet sind,
der in dem Mittel sich befind,
je grösser werden dessen Gleise.
Jezt meß den Weg der Sonn zur Erd,
und denk wie groß der Circul werd.

Meß' auch das grosse Sonn-Gerüste,
und rechne nach mit was für Grund,
in Zeit von vier und zwanzig Stund,
der grosse Cörper lauffen müste;
und ob es leichter nicht gescheh,
daß sich die Erde nur verdreh?


Das heißt doch nichts anderes als: Die neue Philosophie ist zunächst einmal darum besser, weil sie mehr Zeit gehabt hat, sich herauszubilden — der Glaube an einen geradlinigen, unumkehrbaren Fortschritt ist die Bedingung für diese Aussage! FÜRER hatte in Paris Gelegenheit gehabt mitzuerleben, welche Kreise die Quérelle des Anciens et des Modernes" seit 1683 zog; Flora läßt er die Partei der letzteren ergreifen. Sie tut das am Beispiel des Planetensystems mit mathematischen und physikalischen Argumenten. NEWTONs neue Lehre von der Gravitation liefert allerdings mittelbar eine Begründung, die KOPERNIKUS und KEPLER noch nicht geläufig war, wenn sie auffordert, die beteiligten Massen in Betracht zu ziehen.

Insofern ist die Darstellung auf neuestem Stand; sie ist das aber nicht in sprachlicher Hinsicht, denn FÜRERs Zeitgenosse, der Philosoph CHRISTIAN WOLFF, ging in diesen Jahren daran, die aus dem Lateinischen stammenden Ausdrücke 'Circul', 'Linie' und dergleichen durch 'Kreis', 'Gerade' und so fort zu ersetzen.
Immerhin bedient sich FÜRERs Flora eines logischen Lieblings-Hilfsmittels der Aufklärer: des Satzes vom zureichenden Grund: [...] mit was für Grund [...] der grosse Cörper lauffen müste". Hernach nimmt sie ihre Gründe zugunsten der neuen Medizin wieder aus der Anschauung, die das Theater vor die Sinne stellt:

Wann ein gesunder Molière
die edle Medicin veracht;
so macht er, daß man mit ihm lacht;
doch der malad' imaginaire
zeigt allen Spöttern deutlich an,
wie bald man sich versünden kan.

Bekanntlich war Molière in der Rolle des eingebildeten Kranken an seiner echten Schwindsucht gestorben.

Wem sollt die Poësie belieben?
die dir und mir so sehr beliebt,
und stetig etwas Neues giebt.
Wann sie beym Alten wär geblieben,
Hanns Sachs gieng allen Sachsen vor,
und Lobesan wär noch im Flor.

Eine treue Nürnbergerin scheint diese Flora nicht zu sein, wenn sie den Vorrang der neuen sächsischen Dichterschule vor dem guten alten Schusterpoeten noch eigens hervorhebt. Sie übernimmt damit eigentlich die Redensarten der Auswärtigen von GRYPHIUS bis THOMASIUS und weiter; erst der junge GOETHE, der die alten Volksbücher liebte, verbannte alle in den Froschpfuhl, die ihren Meister je verkannt hatten. Gehörte auch FÜRER zu jenen, stand er gänzlich hinter seiner Flora?
Wir selbsten bleiben nicht beym Alten,
zumal in diesem Scherz-Gedicht;
wir fürchten uns der Sünde nicht,
auch fremde Wörter einzuschalten;
Französisch, Griechisch und Latein,
muß Salz auf unsre Suppe seyn.

Hier verliert Flora in unseren Augen jede Glaubwürdigkeit: Das konnte doch der Präses des Blumenordens nicht selbst meinen! Flora spielt den Anwalt der Gegenseite. Oder? Schließlich fallen einem in manchen Schriften FÜRERs gewisse Fremdwörter auf, wenn auch nicht in so unbekümmert großer Zahl. Und dies soll ja ein Scherzgedicht" sein, also gehört wohl etwas Selbstironie dazu. Wie steht es aber mit Floras aufklärerischen Tendenzen, über deren Gedankengänge sich FÜRER wohlunterrichtet zeigt? Wir müssen den Schiedsspruch der Pomona abwarten, um der wahren Meinung des Verfassers näherzukommen. Nachdem Pomona, also die Titelallegorie, ihre sittsame Schwester Vesta aufgefordert hat, sich lieber um ihre Stickerei zu kümmern, und Flora ein wenig zurechtgewiesen hat, vermittelt sie zwischen den beiden, indem sie weltanschauliche Unterschiede als Generationenkonflikt relativiert:
Es fordern allzeit andre Zeiten,
auch andre Sitten in der Welt;
was offt der Jugend wol gefällt,
diß mag das Alter nicht mehr leiden.
Drum hat der alles recht gefügt,
der nutzt und auch zugleich vergnügt.
Daß nur niemand vermutet, derjenige, der alles recht gefügt hat, sei der Schöpfer! FÜRER macht in einer Fußnote klar, daß er damit die poetologische Empfehlung des HORAZ omne tulit punctum qui miscuit utile dulci" übersetzt. Dem Dichter wird zur Aufgabe gemacht, sowohl die Floren zu erfreuen als auch den Vestalinnen moralischen Nutzen zu bieten. Das bedeutet, daß neue Erkenntnisse und Moden als erfreuliche Abwechslung durchaus Gegenstände der Dichtung sein dürften, dabei aber die unveränderliche christliche Lehre von der Sorge um die ewige Seligkeit nicht außer Betracht gesetzt werden dürfe.

Leicht wird ein solcher Vorsatz um 1730 nicht mehr zu verwirklichen gewesen sein. Die dichterischen Gattungen fielen immer weiter auseinander in erbauliche und kühn mit ungelösten Fragen befaßte. Lehren wollte die neuere Dichtung auch, aber kaum noch auf eine Weise, die den Schriftsteller zum dilettierenden Theologen ohne Amt gemacht hätte. Was die Grundlage neuer, weltlicher Klugheit bildete, war FÜRER, wie wir gesehen haben, nicht unbekannt. Ist es ihm gelungen, durch dichterische Mittel beiden Seiten gerecht zu werden? Pomona scheint vorauszusehen, daß sie mit ihrer Art wenig Gefolgschaft und Öffentlichkeit findet:
Sollt aber jemand nicht verlangen,
diß, was ich theils zum Haus-gebrauch,
und dann vor gute Freunde auch,
in meinem Garten aufgefangen;
der denke, daß Pomonen Freud
besteh auch in der Einsamkeit.
Darin zeigt sich bis auf einen gewissen Grad epikuräische Überlieferung: man zieht sich aus dem städtischen Treiben auf sein Landgut zurück, unterhält Freundschaft und strebt nach heiterem Gleichmut; bis auf die Pflege freundschaftlicher Beziehungen und die Heiterkeit hätte es FÜRER auch ähnlich gesehen, einem christlichen Stoizismus das Wort zu reden, der nach irdischen Dingen überhaupt nichts mehr fragt. Jedenfalls ist die Einsamkeit nicht nur daraus abzuleiten, daß er mit seinen Ansichten und seinen Dichtungen je länger je einsamer geblieben wäre. Aber zu den Bahnbrechern der weiterführenden Entwicklung hat er sich einsichtsvoll nicht gezählt, obwohl er ja gewußt hat, daß die Dichtung nicht einfach nach bewährten Mustern betrieben werden könne. Er dichtete in Pomona wohl nur noch für sich und seinen exklusiven Kreis und ließ sich, wie wir wissen, lange zur Veröffentlichung drängen.

In diesem Buch machen Huldigungsgedichte einen großen Teil aus. Sie sind an alle möglichen Habsburger gerichtet, auch an den Prinzen EUGEN, bemerkenswerterweise auch an den neuen König in Preußen" und dessen Ansbacher Verbindungen. (FÜRER war Politiker, und Nürnbergs Politik war seit eineinhalb Jahrhunderten ein Seiltanz zwischen Katholiken und Protestanten, dem Kaiser, Fürsten und anderen Reichsständen gewesen.)

Eine Gattung von Gedichten, die man wenig später nicht mehr schrieb, besteht in Beschreibungen von Gedenkmünzen. Desgleichen finden sich Aufschriften56, Devisen (deutsch und lateinisch), und mehrere geistliche Gedichte und Abhandlungen. Alles sehr gelehrt, mit einer Fülle von Fußnoten, die Parallelstellen antiker Dichter anführen, ungemein wohl konstruiert und -- nach heutigem, damals aber schon sich ankündigendem Verständnis — leer von Poesie. Und damit nimmt meine Betrachtung des bedeutendsten Pegnesen seiner Zeit ein betrübtes Ende.