POLIANDERS Denkschrift



Die offensichtlich früheste Denkschrift richtet sich mit mehreren Anreden unmittelbar an den neuen Präses, als hätte dieser sich von einem besonders ausersehenen Mitglied Bericht erbeten. Der mit Bleistift in späterer Zeit angebrachte Vermerk "Schrift Lilidors" ist etwas irreführend, weil nicht gleich ersichtlich ist, daß er sich auf die Schrift der Randbemerkungen bezieht. Der Verfasser gibt auf der zweiten Seite unten an, er sei in hohem Alter, und in dem "Poetenstübchen" in seinem Haus "Zum halben Mond" seien die Pegnesen früher zusammengetroffen, also vor der Einrichtung des Irrhains. Es muß sich also um POLIANDER handeln, denn AMARANTES berichtet, das Haus, am Fischbach gelegen, habe INGOLSTÄTTER gehört und dieser habe den Pegnesen, bevor es den Irrhain gab, auch seinen Garten zu Zusammenkünften angeboten.

POLIANDER, noch der zweiten Generation der Pegnesen um SIGMUND VON BIRKEN zugehörig, war der rechte, seinem neuen Ordensoberhaupt die Anfänge des Ordens in Erinnerung zu rufen. Es ist nur seltsam, wie wenig FÜRER offenbar zunächst davon wußte — oder wie wenig man ihm zu wissen zutraute —, nachdem er doch dem Orden seit 1680 angehörte. Man war auch durchaus bereit, die geschichtlichen Tatsachen von der Gründung des Ordens so zurechtzufiltern, wie es dem hohen Herrn belieben sollte: "Hirbey werden Herrn Fürers hochadel.[ige] Herrl.[ichkeit] zu fragen seyn, ob Sie gut befinden, daß der Anfang der Gesellschaft vom S.[eligen] Herrn Harsdörffer hergeführt werde? nach welchen Entschluß die Wahl S.[einer] Hochadel. Herrl. möchte ausgeführet werden."

Diese auf den ersten Blick etwas seltsame Zumutung erklärt sich vielleicht daraus, daß man die langen Zwischenräume zwischen den Amtszeiten der ersten Präsides zum Vorwand hätte nehmen können, von Neugründung zu sprechen und dadurch den Blumenorden zu einer moderneren Angelegenheit zu machen. (Schließlich schriebe sich die Académie Française auch schon von 1635, wenn nicht nach dem Ende einer inaktiven Periode 1661 eine Neugründung erfolgt wäre.) Oder galt etwa der wahre Gründer HARSDÖRFER zu seiner Zeit und vielleicht auch im Gedächtnis der folgenden Generationen als nicht allzu rühmenswerter Außenseiter innerhalb seiner Kaste? Er hatte sich jedenfalls 1649 einen Verweis vom Rat zugezogen, weil er dem Feldmarschall Wrangel und anderen zum Friedensschluß in Nürnberg versammelten Gesandten trotz verordneter Staatstrauer um die siebzehnjährig verstorbene Kaiserin Maria Leopoldina das Eintreffen einer Komödiantentruppe "verschwätzt" hatte. Der Schwede hatte daraufhin nicht abgehalten werden können, die Schauspieler zu sehen, und man hatte alle Hände voll zu tun, den Vorfall in Wien nicht bekannt werden zu lassen. Und das war nicht einmal alles: Ein Lobgedicht auf die Siege des schwedischen Feldmarschalls hatte ihn 1648 schon auf ein paar Tage in -- ehrenvolle -- Haft auf dem Rathaus gebracht, da es unter Umgehung der Zensur gedruckt worden war und Nürnberg als protestantische Stadt alles vermeiden wollte, was gegen den katholischen Kaiser gerichtet erscheinen konnte.

POLIANDERs nächster, höchst vorsichtiger Vorschlag zur Vereinfachung der Ordensinsignien ist bemerkenswert, weil er einen rationalistischen Geist vertritt, der mit Hirten- und Blumensymbolik nichts rechtes mehr anzufangen weiß; doppelt überraschend ist dabei, daß er von einem betagten Mitglied kommt, das den Höhepunkt der Pegnitzschäferei noch erlebt hat: "[...] Ob Sie aber viele freundt, auch Dames einnehmen werden, stehet allerdings zu Dero Belieben. Die hiesigen (vielleicht aber die fremde nicht) möchten angelangt werden, zu Erhaltung des Irrhayns zu weynachten etwas jährlich zu erlegen, ob man aber bey derer reception wieder so viel Complimenten mit ertheilung eines Patents, mit der Gesellschafft Insiegel, und eines Bands, so jedesmal 3 fl. kostet, fortzufahren, solle auch in S. Hochadel. Herrl. gn[ädiges] Belieben gestellt werden."

Am Rand steht in anderer, also wahrscheinlich FÜRERs, Handschrift: "Wer hat den Lehnbrieff über den Irrgarten von E.[inem] HochE.[dlen] Rath der Gesellschafft ertheilt?" Diese Bemerkung sieht nach Rücksichtnahme auf einen Ratskollegen aus — abgesehen davon, daß Fürer kurioserweise nicht wußte, daß sein eigener Vater zu den Mitunterzeichnern des Dokuments gehört hatte. Ist er vielleicht kurzzeitig mit dem Gedanken umgegangen, den unrentablen Irrhain aufzugeben, hat es dann aber aus Pietät unterlassen? In POLIANDERs Text heißt es da nämlich: "Der Irrgarten kost mehr zu erhalten, als man glaubete, ich habe dazu vor wenig Jahren auf einmal bey 50 fl. angewandt, dennoch gebraucht er abermal reparirens. Doch wird Herr Pfarrer zu Krafftshoff wolEhrw.[ürden] mit guter Aufsicht viel ersparen können." Andererseits könnte die Randbemerkung auch von FÜRERs Bestreben zeugen, auf klaren und gesicherten rechtlichen Verhältnissen aufzubauen.

Ein für die zunehmende Sorgfalt in zeremoniellen Fragen typisches Zeugnis der galanten Epoche ist der Satz: "Bißhero ist gebräuchlich geweßen, daß der ältiste von der Gesellschafft [POLIANDER selber nämlich, in den letzten Jahren!] bey Zusammenkünfften den Vorgang gehabt, solches aber wird sich hinfüro wegen vornehmer Personen, so eintretten möchten, nicht thun laßen." Freilich, eine Schäfergesellschaft war eben dazu gegründet worden, daß man sich über angenehme Dinge in seiner Freizeit auch einmal von Mensch zu Mensch, sozusagen in naturnahen Verhältnissen, unterhalten könnte; dabei kommt allenfalls die Würde des Alters in Betracht. Gerade das kommt einem Nürnberger um 1710 nicht mehr tunlich vor. Man sehe sich nur einmal die reichlich überzogenen Anreden an! (Schließlich gehörte ein Nürnberger Freiherr nicht zum hohen Adel; aber es war wohl eine gewisse Inflation der Titel und Würden eingetreten, um nur ja von dem Grobianismus der vorigen Epoche loszukommen.) Damit ist aber die Hirtengesellschaft wesenlos geworden. Die ausgehende Barockzeit scheint verschnörkelter in gesellschaftlichen Dingen als der Hochbarock -- und das in einer Reichsstadt, die eigentlich eine Republik darstellt. In den letzten Jahren ist in der Wissenschaft eine Auseinandersetzung wiederaufgenommen worden, ob nicht die herrschenden Familien Nürnbergs sich seit der Kleiderordnung von 1641 noch mehr als bisher gesellschaftlich abgeschlossen und versucht hätten, die Schicht der Akademiker von den Privilegien ihres Standes auszuschließen. POLIANDERs Zaghaftigkeit wäre ein deutliches Zeichen solchen Niedergangs.

Man vergleiche damit einmal, was HARSDÖRFER in der schon zitierten Vorrede zu Teil V der Frauenzimmer-Gesprächspiele zu diesem Gegenstand aus der Satzung der Sieneser "Intronati" anführt, und wie er es angewandt wissen will:

III. Such Ehre bey deines gleichen. Lehr die Ungelehrten. Lerne von den Verständigen. Frag/ was du nicht verstehest. Sey freundlich gegen jedermann.
IV. Wer wol redet/ dem wird wol nachgeredet. Wer wol thut/ dem wird wolgethan. Wer nach Lob strebet/ muß sich löblich halten. Wer das wolgemeinte mißdeutet/ kan nicht für fromm geachtet werden.

Soweit die Intronati. Es ist leicht ersichtlich, daß diese Gesellschaft sich noch nach dem Ideal des Renaissance-Gelehrten ausrichtete, das seit BALDASSARRE CASTIGLIONEs Buch Il Cortegiano (1528) auch für den Höfling vorbildlich geworden war. Dort blieb etwas am Leben von der Aufbruchsstimmung der Gebildeten, die eine zeitlang auf gleichem Fuße mit den Mächtigen der italienischen Stadtstaaten verkehrten (da sich diese ihrerseits als Emporkömmlinge verstehen mußten). Die Sienesen machten HARSDÖRFER mit der Möglichkeit von Gesprächspielen bekannt, und aus ihrem Bestand verdeutschte er die ersten Spiele seiner Sammlung, wie er am angegebenen Ort selbst erwähnt. HARSDÖRFER führt weiter aus, durch fortdauernde Verwendung der Gesellschaftsnamen würden die ständischen Verschiedenheiten überwunden:

Dann I. hierdurch die Gesellschafter hohes und nidriges Standes einander gleich werden/ und keinen andern Vorzug/ als nach der Ordnung ihrer Einkunfft [ihres Eintreffens] erheischen.
II. Daß aller Ehrgeiz dadurch aufgehoben/ und vielmehr auf allgemeinen Ruhm der Gesellschaft/ als absonderliches Namenslob eines oder deß anderen/ gesehen wird. III. Daß hierdurch aller Titelpracht abgethan/ und so hochfürstlicher Personen Tugendeifer in so gewogener Freund- und Höflichkeit erhelle.

Eine Randglosse führt an, daß bei den Intronati in Siena immerhin ein Francesco de' Medici und vier Piccolomini Mitglieder seien. Hier überdauerte etwas den Absolutismus, was später in bürgerlichen Idealen aufgehen konnte. Übrigens war HARSDÖRFER auch Mitglied der "Accademia degli Ociosi" in Neapel, der ein Fürst Carrafa angehörte, und unterhielt Beziehungen zur "Accademia della Crusca" in Florenz.

Auch zu den späteren Zeiten nach 1700 wurden gerne Herren aus bedeutenden Familien in Sprachgesellschaften aufgenommen (GOTTSCHED, der ein tüchtiger Propagandist war, machte es sich in Leipzig um 1730 zur Hebung des Ansehens seiner Bestrebungen geradewegs zum Prinzip), aber von Bedenken wegen Förmlichkeiten des Umgangs wurden diese nicht behindert. Von einer Exklusivität des Adels wie beim Gesandten in GOETHEs Werther hätte jedenfalls literarische oder wissenschaftliche Liebhaberei wenig profitiert, ebenso wie von zeremonieller Weitschweifigkeit. Ob diese aber beim Pegnesenorden einriß, darf angesichts der Mitgliederliste bezweifelt werden, und ANDREAS INGOLSTÄTTERs resignierter Seufzer "Ich habe aber um dieses alles ausgesorgt, indem meine wenige Kräffte und hohes Alter mir nicht zulaßen werden, bey der Gesellschafft etwas thun zu können" drückt wohl eher die Angst eines älteren Menschen aus, mit neuen Gesichtern zurechtkommen zu müssen, als einen Wandel der Umgangsformen im Orden. (INGOLSTÄTTER starb im folgenden Jahr.) Sein Gutachten fährt fort:

"[...] über den Irrgarten, haben jeweiln gelehrte fremde etwas geschrieben. Ich weiß aber nicht, wo ihre Gedichte hinkommen seyn, noch auch, was in erst besagten Stüblein, und in denen Hütten des Irrgartens geschrieben worden." — Vermutlich ziemlich wenig, der oben erwähnten Mücken halber.

"In den neuen Gesezen, möchte vor allen anzuführen seyn, [...]" — hieraus geht hervor, daß eine neue Satzung errichtet werden sollte. Es folgt der erneute Vorschlag eines Zensurparagraphen nach Art des vorigen und ein Hinweis auf die von BIRKEN festgesetzten Ordensziele.

Zuletzt rafft sich der Verfasser noch zu einer Beschwerde gegen einen beliebten Schriftsteller des galanten Zeitalters auf, wiewohl nicht ganz zu begreifen ist, was dies in einer Denkschrift zur Fortführung des Blumenordens zu suchen hat. "Hierbey frage ich, ob nicht dem Menantes, oder Hunold aus Türingen bescheidentlich zu Gemüth geführet werden können, was er unbescheidentlich von der Gesellschafft geschrieben. [...] Er hat [unleserlich] 2. Tractätlein geschrieben, wie man wol und höfflich werden, auch höfflich und galant schreiben soll, hat es aber übel praestirt." Es liest sich in der Tat nicht sehr galant und noch weniger höflich, wenn dort steht: "Jedoch wollen am allermeisten die Nürnberger, oder sogenannten Pegnitz-Schäffer, angesehen seyn, und brüten allerhand Worte aus, welche man zu Tausenden, wie die Raupen-Nester verbrennen solte. [...] Wer ein guter Teutscher Poet seyn will, mag sich nur nicht unter dieser Hirtenzunfft so gemein machen, daß er seine Renommee drüber verschertzet."

Das ist glatter Rufmord. Offenbar hat der Protest der Pegnesen Herrn HUNOLD auch erreicht, denn in der Neuauflage von 1722 rückt er in die Vorrede die Entschuldigung ein: "Nur ehe von dieser Materie abbreche/ muß ich nothwendig erwehnen/ daß wenn unter andern nichts-würdigen Poeten der Pegnitz-Schäffer in meiner Comödie gedacht/ ich hiermit den gelehrten Hrn. Professorem Omeis zu Altorff/ wie auch andere brave Ordens-Glieder will honestissimo Modo ausschliessen/ als die sich/ wie diesen vornehmen Leuten selber bekannt/ besser als viele ihrer Lands-Leute signalisiret." Er stellt dies in den Zusammenhang von Erörterungen darüber, daß man Mithilfe von Regeln zwar Gedichte machen lerne; die Poesie komme aber aus dem Geist, der von der Natur empfangen wird. (Insofern vertritt HUNOLD für seine Zeit einen recht fortgeschrittenen Standpunkt, aus dem er eben mit Dichtergesellschaften nichts mehr anfangen kann.) Was jedoch "Stil" betrifft — und das hat damals sowohl mit landschaftlichen als auch gesellschaftlichen Spracheigenarten zu tun — bleibt HUNOLD bei seiner Ablehnung der Pegnesen und unterläßt keineswegs seine mit Vorurteilen beladenen Schmähreden. Etwa: "So weiß ich auch, daß die Nürnberger viel schöne Gedichte, welche gut und zierlich nach unserer [der Meißnischen Art] elaboriret gewesen, verlacht, und nicht einen Creutzer werth geachtet haben, sondern sie haben ihre Saalbadereyen, wie die Affen ihre Jungen, und wie die Spanier ihre Mäntel, über alles geliebet und aestimiret. Doch ihre eigenen Lands-Leute, welche eine Zeitlang in Meissen gelebet, haben sie vor Narren gescholten. Es ist oben eine Opera, Arminius genannt, in Druck kommen, welche Negelein gemacht, von dieser machen sie einen grössern Staat, als weyland Augustus von der Aeneide des Virgilii. Als ich sie aber las, kriegte ich die Colica davon."

Ich kann mich des Eindrucks nicht ganz erwehren, daß HUNOLDs Urteile auch mit dem widrigen Gezänk der Konfessionen zu dieser Zeit zusammenhängen; der zum Katholizismus konvertierte NEGELEIN mußte ihm einfach ein Greuel sein. Desgleichen betont er auch an mehreren Stellen, er wolle nicht für einen Pietisten gehalten werden. Ob die Urteile zutreffend seien oder nicht, ob sie sich auf den Blumenorden von 1707 oder gar 1722 überhaupt noch beziehen lassen oder längst überwundene Sachverhalte betreffen, kommt gegenüber der öffentlichen Wirkung, die es hat, kaum mehr in Betracht. Die Untertanen des starken August fühlen sich im Aufwind, lassen neben sich nichts mehr gelten — und die Literaturgeschichtsschreibung, jedenfalls die zum Schulgebrauch, betet ihnen das seit nahezu zwei Jahrhunderten nach, als ob nicht WIELAND und GOETHE die reichsstädtische, oberdeutsche Kultur gegen die HUNOLDs und GOTTSCHEDs erfolgreich vertreten hätten. Ich habe den Verdacht, es ließen sich auch andere Entwicklungslinien ziehen als nur immer die von den Mittel- und norddeutschen Galanten über die Leipziger und Berliner Aufklärer nebst den Schweizer Querdenkern, Göttinger Genieburschen und die Halberstädter Glucke geradewegs nach Weimar. In Dichtung und Wahrheit findet man den Verlauf anders dargestellt, und daran ist wohl mehr Wahrheit als Dichtung.

Nebenbei erlauben die hier gegebenen Auszüge aus den Nürnberger Gutachten dem in der Literatur der Epoche bewanderten Leser die Feststellung, daß in der Rechtschreibung und Grammatik der Nürnberger weniger Unterschiede zum heutigen Gebrauch bestehen (abgesehen von der immer wiederkehrenden Verwechslung von Dativ und Akkusativ und der Bevorzugung der starken Adjektivdeklination) als bei Schriften aus dem bairisch-österreichischen Sprachraum. Sie können es in dieser Hinsicht mit den Schreibgewohnheiten der vielgepriesenen Meißnischen Kanzlei sehr wohl aufnehmen. Es wundert also nicht, daß der vielgelesene JOHANN HÜBNER in seinem Lehrbuch über die Redekunst unter anderem Franken als eine Gegend nennt, in der die deutsche Sprache besonders gepflegt worden sei. Es hat freilich auch historische Gründe und nicht nur solche der sprachlichen Vorzüge, daß gerade die mitteldeutsche Schreibtradition auf unseren heutigen Gebrauch stärker nachgewirkt hat als die anderer Gegenden. Übrigens ist an der Schreibung "höfflich" bei INGOLSTÄTTER im Unterschied zu "Höflichkeit" bei HARSDÖRFER zu ersehen, daß man in Nürnberg mittlerweile von einem Umweg der Rechtschreibungsentwicklung beeinflußt war, der über schlesische und sächsische Schreiber lief. Ich habe manche Texte aus dem Meißnischen Einflußgebiet gelesen, das sich als so vorbildlich empfand; HARSDÖRFER war sparsamer mit Verdopplungen umgegangen — das mußten die anderen erst wieder abschaffen.

Die im Vergleich dazu schlichtere Rechtschreibung der ersten Pegnesengeneration geht auf SCHOTTELs Grundsatz zurück, Zusammensetzungen aus den ursprünglich einsilbigen Stammwörtern der deutschen Sprache sichtbar werden zu lassen. Er hatte auch in hauptwörtlichen Zusammensetzungen den Anfangsbuchstaben eines jeden Hauptworts groß geschrieben — ein Brauch, der sich bis in die Schreibweise KLOPSTOCKs und HÖLDERLINs hinzieht; für Lyriker gar kein schlechtes Mittel, Wortbildungen durchsichtig und empfindbar zu machen.

An dieser Stelle empfiehlt sich ein Einschub über JUSTUS GEORG SCHOTTEL, auch wenn er nicht unmittelbar zum Umfeld der hier behandelten Zeitspanne gehört; man wußte aber gewiß noch von seiner Bedeutung für den Orden und für die deutsche Sprache insgesamt. Er war "der vertraute Genosse Harsdörfers in allen sprachlichen Fragen" als FONTANO I. (Eine Blume führte dieses Ordensmitglied noch nicht, wie WILHELM SCHMIDT in seinem unveröffentlichten Entwurf der Ordensgeschichte gegen HERDEGEN und BISCHOFF behauptet. Das sei ein voreiliger Rückschluß aus der Blume des nächsten FONTANO gewesen; nur Verwandte hätten jedoch die Blume ihres Namensvorgängers übertragen erhalten.) SCHOTTEL war Kammer- und Konsistorialrat in Wolfenbüttel, erster Hofmeister des jungen Herzogs ANTON ULRICH, der nachmals mit seinen umfänglichen Barockromanen in die Literaturgeschichte eingehen sollte. Eine zeitlang war SIGMUND VON BIRKEN der zweite Hofmeister, d.h. Privatlehrer des ANTON ULRICH gewesen, was sich in seinem ganzen späteren Leben immer wieder einmal auszahlte; er hatte dafür freilich das Korrekturlesen für die Aramena zu leisten, die in Nürnberg gedruckt wurde. SCHOTTEL wurde jedenfalls mit BIRKEN bekannt und daher Mitglied des Ordens; er hatte schon 1641 eine Teutsche Sprachkunst verfaßt, 1645 eine Teutsche Vers- oder Reimkunst und gab 1663 sein Hauptwerk heraus, Ausfuehrliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache [...] , laut M. SZYROCKI "das bedeutendste sprachwissenschaftliche Werk des 17. Jahrhunderts". SCHOTTELs "Sprachkunst" war übrigens ab 1644 an den Nürnberger Schulen eingeführt.