Höhepunkt der 'deutschen Privatgesellschaft

Ja, der akademische Nachwuchs Nürnbergs war politisch unzuverlässig geworden. Mannert las am 1. Juli 1781 eine Übersetzung aus Voltaires Candide, des 25sten Cap.: nicht das Neueste, aber so lange tot wie Luther war Voltaire nun auch wieder nicht — ganze drei Jahre. Und naturverbunden empfanden sich die jungen Kerle auch noch. Gesellschaftsmusterung, vorgelesen am 5. Julius 1781 zu Markt Allersberg, wohin die sämtlichen Mitglieder unserer Gesellschaft, ausser v. Grundherr, zu Begehung des 1sten Jahresfestes lustwandelten. Von Karl Link, dermal. Sekretair. Erst durften die Guten zu einem Anlaß, der trotz des schon mehrjährigen Bestehens der Gesellschaft zum erstenmal vom Zaun gebrochen worden war, an die dreißig Kilometer einfache Strecke laufen, zum Teil wahrscheinlich durch die Schwarzachschlucht. (Birken und seine Pegnesen hatten in ihrer Jugend auch derartige Streifzüge durch die "Berinorgischen Gefilde" unternommen.) Dann ließ der hier zum erstenmal "Schriftführer" genannte Kommilitone Link allerlei launige Aufzieherei auf sie los. Und dann ging es womöglich wieder zurück nach Altdorf? Selbst wenn es am nächsten Tage geschah — das verbindet, wie Schillers etwa gleichzeitige Räuberspiele auf dem Bopser.

Man denkt bei Links nächsten zwei Titeln auch unwillkürlich an Schubart und Schiller, aber die Zwei Amerikaner Lieder lassen es merkwürdigerweise ganz an Kritik fehlen, und man kann nicht sicher sein, ob sich in dem Aufsatz Über den Saz: Die Tugend ist um ihrer selbst willen zu begehren tatsächlich schon kantianischer Einfluß bemerkbar macht. (Das konnte ja ein Christ schon lang sagen. Bloß hätte er vermutlich 'Gotteskindschaft' oder dergleichen statt 'Tugend' gesagt.)

Zum Austritt eines Mitgliedes, dessen Teilnahme vielleicht nie ganz unproblematisch gewesen war, hielt Link eine lange, wohlvorbereitete Rede: den 11. Jul. 1781 bei Hr. von Grundherr, als er abdankte.

Es war die Zeit, in der Cooper's "Lederstrumpf" spielt und die U.S.A. unabhängig wurden. Mannert erweiterte das Bewußtsein seiner Gesellschaftsfreunde in diesem Sinne durch die Nacherzählung einer Begebenheit eines jungen Engl. Officirs unter den wilden Amerikanern, den 13. Sept. 1781. Er griff aber auch geisteswissenschaftliche Theorie dieser Sturm- und Drang-Zeit auf mit dem Beitrag Der Poet, der Erfinder (Genie im guten Verstand) wird geboren: nicht so der schulgerechte Philosoph, der Gelehrte. 17. 10. 1781. Einem ähnlichen Thema widmete sich Link am 30. Januar 1782: Über Litteratur und Gelehrsamkeit, wozu er aber noch ein Gedicht Nichts anhängte, dem die Rezension beiliegt. Nie verlegen um anziehende Themen, handelte er Über Sokrates und Xanthippe. In der teutschen Privatgesellschaft vorgelesen von Karl Link, den 24. April 1782. Und dann tritt in diesen Überlieferungen eine Pause ein. Es ist allerdings durchaus möglich, daß einige der bisher undatiert eingereihten Stücke in diesen Zeitabschnitt gehören, denn der erste Sammler dieser Papiere — höchstwahrscheinlich Link selber — hat auch die datierten nicht immer in zeitlicher Reihenfolge, sondern nach Verfassern geordnet. (Und auch darin herrscht kein eindeutiger Grundsatz.)

Am 11. September 1782 fand bei Riederer wieder eine mehr oder weniger humorige Durchzieherei der Mitglieder statt. Beim 2ten recht solennen JahresFest der teutschen-Privatgesellschaft zu Altdorf vorgelesen von K. Link umfaßt 16 Seiten des kleinen Formats samt Schlußversen. Bemerkenswert für die Sturm- und Dranggefühle scheint mir folgendes kulturfeindliche Zitat: "[...] und wieder ist einem alles so unbehaglich, so enge, daß ich im Sommer immer nackt gehen möchte. Aber man darf nicht, so lange man in seinen Kerker gesperrt ist. Im Himmel muß die Seele ganz nackt gehen; und auf der Erde wird sogar ihr tagtäglich Gehäuse, der Körper, von Leinwand, groben und feinen Tuch, Hasen- oder Fuchspelz gesteckt [sic; ...]" Ein gutes Jahrhundert später findet dieselbe Stimmung innerhalb der Wandervogelbewegung Ausdruck in den Bildern Vogelers, mit dem Unterschied, daß man die christlich beeinflußte Vorstellung, der Körper sei zeitlebens der Kerker der Seele, nicht mehr hat. Im Gegensatz dazu hatten im Spätmittelalter unterschiedlichste Gruppen von religiösen Ketzern ihren Fanatismus erotisch ausarten lassen, und rituelle Nacktheit spielte überhaupt in dionysischen Kulten aller Völker eine große Rolle. Fortschritt des Geistes und Entfesselung des (oft zerstörerischen) Eros gehen Hand in Hand, wenn sie nur eine halbe Chance bekommen. Die von jenen Altdorfer Studenten so herbeigesehnte Helligkeit der Aufklärung hat ein lasterhöhlendunkles Gegenstück: das Aufbegehren dumpf-heißer, in ihrem Kreise wahrscheinlich nur in solcher Andeutung eingestandener Körper-Bedürfnisse gegen all die Gescheitheit und gesellschaftlichen Rücksichten. Jetzt fehlt bloß noch, wie in Goethes Satire, daß man rohe Kastanien als göttlichen Fraß empfiehlt. Freilich lassen es jene Privatgesellschafter bei aller Privatheit nicht dazu kommen, sich vor sich selber lächerlich zu machen. Selbstverständlich wird auch das bald wieder über den Kopf verarbeitet. Rousseau läßt grüßen (statt de Sade).

Mannert gab am 10 November 1782, ganz nach seiner Art, Anekdoten zur Reichsgeschichte zum besten. Link allein scheint es von da an überlassen geblieben zu sein, seine Freunde mit Beiträgen anzuregen, die sich an der Grenze zwischen zivilisierter Erörterung und Wühlarbeit gegen herkömmliche Begriffe bewegen. Über Tapferkeit, Höflichkeit, Complimenten. Eine Vorlesung in der teutschen Gesellschaft von A. [Schreibfehler?] Link. den 12. Febr. 1783. — Skizze von der Ehrlichkeit der Scharfrichter, aus Urkunden. — Warum brandmarkt man doch ein böses Herz mehr als einen schlechten Verstand? mit Rezension von Siebenkees. Dritte Musterung der teutschen Gesellschaft und ihrer Glieder. Nach dem Jahresfest, das den 5. Jul. mit Besichtigung der Festung Rothenberg und Laufs begangen wurde, vorgelesen in der Versammlung bey Hr. Scheurl den 16. Jul. 1783. Die Marschleistung war nicht minder eindrucksvoll als im Jahr zuvor. Rhapsodien. Den 5. Nov. 1783. von K. Link. — Von den Gränzlinien zwischen Hofnungslosigkeit und Verzweiflung. — Sorglosigkeit, ein notwendiges Ingredienz zur Mühe des Lebens. — Nähere Bestimmung des Sazes: De gustibus non est disputandum.

Die Zeit des Abganges von der Hochschule rückt für die Hauptgestalten des Gesprächskreises näher; man merkt ihnen einen leicht unbehaglichen Ernst an. Die schriftlichen Niederlegungen reißen ab; nur Colmar, der von auswärts zurückkehrt und schon eine Stelle zur Probe bekleidet, macht sich in altbewährter Weise die Mühe: Die Jahrsfeier. Eine auserordentliche Vorlesung von Albert Colmar. Den 18. Julius 1784. Bei meinem Aufenthalt als Candidat. Dann verläuft sich der Kreis — nein; im Blumenorden treffen sie sich wieder.