Mitglieder der 'deutschen Privatgesellschaft'

Ihre Anfänge gehen auf das Jahr 1776 zurück. Ganz ohne das Vorbild und die Unterstützung der Will'schen Gesellschaft scheint es dabei nicht hergegangen zu sein, wie aus einem Rückblick hervorgeht: "Will [...] bezeugt, daß feine Köpfe und besonders gute Dichter darunter waren. Diese Gesellschaft erhielt sich jedoch nur so lange, als Link in Altdorf war, der eben deswegen mit [...] Colmar, Friedrich [sic] und Leuchs, im Jahr 1786 in den pegnesischen Blumenorden trat."

Die frühesten Texte dieser Sammlung stammen von Karl Ebner von Eschenbach. Es handelt sich um 13 Gedichte aus den Jahren 1756 bis 1775.

Wilhelm Carl Jakob Ebner von Eschenbach, wie ihn Nopitsch schreibt, war am 24. 7. 1757 geboren, hatte 1768 bis 1775 das "Egydianische" Gymnasium besucht, ging dann zunächst nach Altdorf zum Studieren. 1778 wechselte er nach Göttingen, 1779 nach Wetzlar, "um bei dem dasigen Kammergerichte sich besonders in den anhängigen Nürnbergischen Processen zu unterrichten [...]". Ab 1782 findet man ihn in unterschiedlichen Rechtsbehörden Nürnbergs, er starb aber schon 1793. Von seinen Gedichten erschienen einige in Wochenschriften und Musenalmanachen, darunter 'Der Schlachtgesang, meinen Freunden den Amerikanern gewidmet' in der Nürnbergischen Poetischen Blumenlese auf 1782 .

Mit der lyrischen Begeisterung hat es wohl angefangen, aber es blieb nicht beim empfindsamen oder patriotischen Alleingang. Aus der Rede, die Karl Link am 5. Mai 1784 bei der Auflösung der Gesellschaft hielt, erfahren wir: "Der erste Entwurf der Geseze ist vom 13. Aug. 1777". Ohne formelle Satzung fingen diese jungen Leute keinen Freundeskreis an, im Unterschied zum Blumenorden, der dazu fünfzig Jahre gebraucht hatte! Es könnte als wichtigtuerische und lähmende Vereinsmeierei erscheinen; wenn man aber bedenkt, daß Streitgespräche über die beste Verfassung des Staates im Vorfeld der französischen Revolution große Anziehungskraft auf fortschrittlich denkende Studenten ausübten, sieht die akademische Spielwiese anders aus. (Es war jedenfalls echteres Bedürfnis im Spiele als bei der heutigen, pflichtschuldigst betriebenen Einübung der Demokratie im Rahmen der Schülermitverwaltung und Studentenvertretungen, mit Blick über die Schulter zu den Jugendorganisationen der Parteien.)

Die Namen, soweit entzifferbar, waren folgende: Helmes — Friederich — König — Balbach — Angerer — Wucherer[?] — Goez — Drechsler — Link — Klenk — Schunther — Colmar — von Scheurl — von Ebner — von Winkler — Marperger — von Grundherr — von Praun — Siebenkees — Mannert — Öhrl[?] — Sixt — Riederer — Fehmel[?] — Herbart[?] — Leuchs.

Angesichts des mehrfachen Auftretens einiger dieser Namen in der Nürnberger Geistesgeschichte ist man froh um jeden Nachruf, der die Individuen nachweist, denn die Vornamen werden in diesen Blättern höchst selten erwähnt. Damals sprachen selbst gute Freunde einander wohl mit dem Familiennamen an. (Das hielt sich auf Höheren Lehranstalten Nürnbergs noch bis etwa 1965.) Einiges Licht in das Dunkel bringen die Supplementbände zu Wills Gelehrtenlexikon; von einigen der obigen Namen fehlt auch dort jede Spur.

Unter dem Namen König hat man die Auswahl zwischen zwei Individuen. Es gab einen Johann Christoph König, geboren zu Altdorf 1752, der bis 1772 auf zwei Nürnberger Gymnasien seine Schulausbildung absolvierte, von da ab bis 1775 in Altdorf studierte, zum Dr. phil. promoviert wurde, aber schon 1776 wieder nach Nürnberg ging und zunächst von Privatunterricht lebte. Er könnte der Gesellschaft also höchstens ganz zu Anfang angehört haben. Für seine Interessen sind Schriften volks-, ja jugendbildenden Inhalts über philosophisch-ästhetische Themen bezeichnend. Nach einem Zwischenaufenthalt auf hessischen Hochschulen wurde er 1786 Philosophieprofessor zu Altdorf und brachte es bis zum Rektor.

Der wahrscheinlichere Kandidat ist ein Justus Christian Gottlieb König, "der Rechte Doctor und Advocat", geboren 1756 in Nürnberg als Sohn eines Kaufmanns. 1775 bezog er die Universität Altdorf und studierte Philosophie, Physik, Mathematik, Geschichte, christliche Moral, Rechtswissenschaft und Gerichtsmedizin. "Auch übte er sich bei Prof. Will fleißig im disputieren." Dies ist wohl der Anhaltspunkt, ihn der "Deutschen Privatgesellschaft" zuzuordnen. 1779 wurde er Advokat in Nürnberg, ging dann nach Wien, wo er bis 1780 zum Reichshofrat-Agenten aufstieg, war aber ab 1781 wieder in Nürnberg und betätigte sich — anscheinend bei kümmerlichen Einkünften — als Freizeitdichter. Unter seinen Werken ist die Poetische Blumenlese für 1783 genannt. "Er ist nicht nur der Herausgeber von beiden [auch der Blumenlese von 1782; beide verlegte Grattenauer], sondern hat auch eine beträchtliche Menge Gedichte selbst gefertigt." 1789 nahm man ihm die Pflegerstelle des Ebracher Hofes, für die er ausersehen war, wieder ab, weil er die Kaution nicht aufbringen konnte. Zehn Freunde steuerten das Geld zusammen — zu spät; er geriet darüber "in kümmerliche Umstände und starb den 20 Sept. 1789 an der Auszehrung. Besagte edle Freunde unterhielten ihn in seiner Krankheit und sorgten auch für sein Begräbniß. Er war als ein munterer und feiner Dichter bekannt [...]" Können nicht unter den edlen Freunden einige der "Deutschen Privatgesellschaft" gewesen sein?

"Drechßler (Johann Michael) Pfarrer zu Kraftshof", geboren 1758 als Sohn eines Kaufmanns in Nürnberg, zur Schule gegangen am "Ägydien"-Gymnasium — Schreibweisen bei Eigennamen waren alles andere als fest —, nach Altdorf 1776, wo er bei den oft in diesen Einträgen erwähnten Professoren Nagel, Will, Jäger und Adelbulner (Physik, Mathematik) einen ziemlich breiten Grund des Studiums legte. 1779 ging er nach Leipzig, später Holland, nach Göttingen und 1781 nach Nürnberg zurück. 1783 war er Predigamts-Kandidat, 1784 erhielt er seine erste Pfarrstelle, 1789 wurde er von der Familie Kreß von Kressenstein als Pfarrer nach Kraftshof berufen. Traditionsgemäß kam er dadurch als "Irrhayn-Inspector" in den Blumenorden. Seine kleinen Schriften werden nicht der Grund gewesen sein. Er verfaßte aber auch im Auftrag des Ordens einen der später üblichen Nachrufe.

Klenk: Ist es derselbe, der von Will als mutmaßlicher Verfasser folgender Schrift genannt ist: Philosophische Bemerkungen über die Republiken überhaupt, und über die kaiserl. freien Reichsstädte insbesondere. Aus dem französischen [...] übersezt. Vom Verfasser Sr. Mai. dem iezt regierenden Kaiser Joseph II. zugeeignet. Amsterdam 1787. ? Will bemerkt dazu: "Herr Klenk aus Frankfurt a. M. soll der Verfasser dieser Schrift seyn, die so wenig aus dem französischen übersezt, als unpartheyisch ist." (Auch der Druckort Amsterdam ist, wie bei Umgehung der Zensur allgemein üblich, wahrscheinlich fingiert.) Klenk habe sich besonders über Nürnberg und Nürnbergische (also Altdorfer) Professoren sehr abfällig geäußert. Das klingt ganz nach enttäuschtem Idealismus.

Welcher der vielen Scheurls ist der vorhin genannte? Dem Geburtsjahrgang nach kommt wohl am ehesten in Frage "Scheurl von Defersdorf (Gottlieb Christoph Wilhelm)", geboren den 8. 12. 1757. "Er studierte zu Altdorf, wurde Assessor im Untergericht zu Nürnberg, gieng in K.K. Kriegsdienste und privatisirt seit 1795. zu Feucht."

"Winkler von Mohrenfels (Joseph Johann Paul Carl Jacob)" war geboren 1761, erhielt schulische Unterweisung bei Diakon Schöner von St. Lorenz, besuchte aber auch das Gymnasium in Ansbach und ging erst 1779 nach Altdorf, dann auf die neue Universität Erlangen, schließlich nach Wien. Auch er "privatisierte" von 1792 bis zu seinem frühen Tod 1798 in Altdorf und bekleidete keine Stelle. "Er hatte ein ausserordentliches Gedächtniß und war ein guter Dichter, welches er durch allerhand Proben, besonders in den Fränkischen und in den Wiener Almanachs bewies." Ein Band Gedichte von ihm kam 1789 in Wien heraus.

"Riederer (Georg Andreas) [geboren in Altdorf 1767, also bei weitem der Jüngste der Gruppe, kam wohl nur als Schutzbefohlener eines älteren Studenten dazu, der ihn mitnahm.] Durch die [...] Unterweisung des damals in Altdorf Studierenden [...] Joh. Balbach, gebildet und zu höhern Wissenschaften vorbereitet, widmete er sich der Arzneikunde und der Chirurgie [...]"

Das älteste und damals schon gesetzte Mitglied war: "Sixt (Johann Andreas) Doctor der Theologie und derselben vorderster Professor zu Altdorf, ist gebohren den 30. November 1742 [...]" Er stammte aus Schweinfurt, hatte vorwiegend in Jena studiert, wo er 1765 Magister geworden war, war 1771 nach Altdorf als ordentlicher Professor der Theologie berufen worden und hatte 1773 geheiratet. Aus der Ehe gingen 5 Töchter und zwei Söhne hervor, von denen aber keiner alt genug war, um statt des hier verzeichneten Sixt zur deutschen Privatgesellschaft gehört haben zu können. Man möchte gar nicht glauben, daß um 1780 dieser Enddreißiger sich in dieser Gruppe aufhalten mochte, ohne die Führung zu beanspruchen, wenn man nicht erwägt, daß er gutmütig genug gewesen sein kann, nach außen hin durch seine Mitgliedschaft der Gesellschaft den Anschein der Seriosität zu geben, ohne den sie leicht verboten werden hätte können, und daß er dazu auch hinreichend literarisch interessiert war. Immerhin soll er viele deutsche und lateinische Gelegenheitsgedichte verfaßt haben und hatte 1770 in Jena ein Groß-Duodez-Bändchen Poetischer Kalender auf das Jahr 1771 herausgebracht.

"Leuchs (Johann Georg) gebohren in dem Nürnbergischen Pfleg-Städtchen Lichtenau bei Ansbach, am 24. Februar 1761. Sein Vater, damals Gastgeber zur goldenen Krone und Bierbräuer, nachher Gerichtsschöpfe, ist jetzt Richter daselbst." 1778 ging Leuchs nach Altdorf und studierte die Rechte, Philosophie bei Will, Geschichte u.a. bei Dietelmair; 1780 ging er nach Göttingen, kam 1782 zurück und wurde Licentiat, gleich darauf Advokat in Nürnberg, 1783 Doktor, wurde 1786 in den Blumenorden aufgenommen und 1803 Kurbadener Justizrat. "Dem Vernehmen nach ist er Verfasser verschiedener Schriften, bei welchen er sich nicht genannt hat. [...]" Ob diese Bemerkung Nopitschs, des Zeitgenossen, Wilhelm Schmidt veranlaßt hat, Leuchs die Verfasserschaft jener Schrift Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung zuzuschreiben, für deren Verbreitung Napoleon den Erlanger Buchhändler Palm nach Braunau verschleppen und dort erschießen ließ? Weitere Einträge lassen es geraten erscheinen, der Sache im weiteren Verlauf dieser Darstellung noch einmal nachzugehen: Leuchs ist der Verfasser eines Artikels Adolf der Nassauer, Kaiser und König der Deutschen. Für Wahrheitsfreunde, Patrioten und denkende Köpfe ietziger Zeit. Leipzig [...] 1802. "Er war auch Mitarbeiter an der Erlanger Zeitung in den 2 letztern Jahren der Redaction des Hrn. Hofr. Meusels, hauptsächlich für das Fach der Geschichte und des deutschen Staatsrechts."

Mehr von den übrigen Mitgliedern nach und nach, wie es sich trifft.