Der Reformpräses
Unterdessen, am 1. September, wie beschlossen, war nämlich die Wahl vor sich gegangen, und zum Präses war Georg Wolfgang Panzer-Theophobus erkoren worden — nicht Friederich, sei es, daß er gerne als Ordensrat aus zweiter Reihe wirken wollte, sei es, daß er weiterhin als zu jung galt, oder, daß in einer geheimen Wahl, also ohne Fortwirken der schwiegerväterlichen Protektion, die Vorbehalte gegenüber einem Macher, der ein bißchen zu tüchtig zu Werke gegangen war, um sympathisch zu wirken, zum Tragen kommen konnten.



Zweiter Ordensrat, da Leinker unterdessen gestorben war, war Faulwetter geworden. Colmar, Link, Waldau, Seyfried und Reichel wurden als Ausschußvorsitzende dem Vorstand neu hinzugefügt. Schriftführer wurde Zahn.

Er bekam bald viel zu tun, noch fehlten ihm wichtige Unterlagen. Schon am 3. September 1788 richtete Friederich ein "Promemoria" an Panzer, in dem es unter anderem heißt: "Wer soll die bey dem Transport der Behälter, Akten etc. aufgehende Kosten bestreiten, da Herr Hodevon die Cassa und Rechnungen noch in Händen hat?" Man muß es nicht so sehen, als hätten die bisherigen Amtsträger mauern wollen; in einer Zeit, in der jeder Wechsel des Schriftführeramtes einen Umzug der gesamten Archivalien mit sich führte, nicht nur einiger Schachteln mit Briefen, kostete diese Umstellung Geld. Und Schmidbauer konnte nicht gut zugemutet werden, von sich aus für den Transport zu sorgen. Es ist fraglich, ob bei der schließlich doch zuwege gebrachten Übergabe wirklich alles übergeben worden ist. Warum sollte seit den Tagen Holzschuher-Alcanders nichts, aber auch gar nichts an Schriftwechsel dazugekommen sein? Andererseits hätte Schmidbauer, wenn er nichts aus seiner und Reichels Amtszeit auszuliefern gehabt hätte, den Vorwurf bestätigt, es sei nichts getan worden. Er wird behauptet haben, es sei etwas da, gehe aber die Verächter seiner Amtsführung nichts an, und diese werden sich an dieser überwundenen Epoche nicht sehr interessiert gezeigt haben. Vielleicht kommt sogar noch einmal aus dem unübersichtlichen Archiv oder anderswo her etwas ans Tageslicht, was der jüngere Fürer verordnete, was Dietelmair schrieb, was die wenigen Mitglieder um 1765 trieben.

Am 3. 11. 1788 hat Hartlieb schließlich den Amtsnachfolgern alles ausgehändigt, was sie erwarteten — auf jeden Fall seinen nachgetragenen Kassenbericht 1774 bis 1786, diesmal gegen Quittung — und sie der guten Form halber beglückwünscht. Er scheint mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft zufrieden gewesen zu sein. Eine alte, wahrscheinlich noch um 1800 eingetragene Randbemerkung mit Bleistift: "Diese Bitte ist Unglaublich und im Hinblick auf das Verhalten des Praeses Sclerophilus geradezu unbegreiflich." Fragt sich nur, wer wen gebeten hatte — war es Großmut des Siegers oder Wahren des Gesichts? Daß man nun gemeinschaftlich versuchte, nach außen hin alles als ganz normalen Verlauf hinzustellen, zeigt nicht allein Panzers wenige Jahre danach gehaltene, hier mehrfach zitierte Festrede.

Ganz so schroff, wie es die neuen Vordenker erwartet hatten, war nämlich der Bruch mit der Vergangenheit unter Präses Panzer nicht. Er war immerhin eines der ältesten Mitglieder. In jener Festrede von 1794 gibt er bekannt, daß er 1729 zu Sulzbach in der Oberpfalz geboren und noch unter Anton Ulrich Fürers Vorsitz 1764 "unter die Ordensmitglieder aufgenommen" worden sei. Es scheint ein gewisser Widerspruch zu der an gleicher Stelle erhobenen Behauptung zu bestehen, er gehöre zu den von Reichel Aufgenommenen, aber wer den geringen zeitlichen Abstand zwischen 1764 und des jüngeren Fürer Ableben ins Auge faßt, kann für wahrscheinlich halten, daß Panzer, durch familiäre Verbindung mit dem Hause Jantke ohnehin dem Orden nahe, von Reichel nur noch die Urkunde zu erhalten hatte. (Nebenbei sieht man daran, wie Reichel in die Aufgaben eines Präses hineinwachsen konnte, ohne gewählt zu sein.) Das Weiterleben der Tradition ersieht man aus dem folgenden Satz aus Friederichs eben zitierter Denkschrift: "Außerdem werden auch neue Diplomata gedruckt werden müßen und mit dem Ordens Siegel zu signieren seyn."

Am 9. Februar 1789 wurde Colmars Satzungsentwurf besprochen. Weiter oben war zu sehen, daß sich Colmar bereits im Juli 1788 "Themisander II." genannt hatte. Wenn man ein wenig vorausgreift bis zu dem Rundschreiben mit Protokoll einer Ordenssitzung, das Panzer durch Zahn am 11. August 1789 ausgehen ließ und in dem unter anderem dazu aufgefordert wird, die gewählten Ordensnamen und Blumen einzutragen, sieht man, wie die Reste der Schäfermode doch wieder durchdrangen: Sechs Einträge sind bis zum 8. Februar 1790 geschehen; Link wollte auf die Dauer gegenüber älteren Mitgliedern auch nicht zurückstehen und nannte sich Evonymus. Theophobus — "der Gottesfürchtige", oder ist nach Gellerts Vorbild der Name als "Fürchtegott" zu verdeutschen? — wollte die arkadischen Namen nicht abschaffen. Er muß noch um den christlichen Hintergrund der Pegnitzschäferei gewußt haben, in einer Zeit, da republikanische Franzosen die Schäfereien der Marie Antoinette unsäglich albern und provozierend fanden.

In einer anderen Hinsicht jedoch hielt es Panzer nicht mit gutem altem Herkommen: Er dachte offenbar wenig von Frauen im Orden, oder mindestens von den einsamen, gramvollen Frauengestalten (Witwen und älteren Fräulein), die dem Orden zu dieser Zeit noch angehörten. Ein Zusatz, den er auf Friederichs Promemoria anbrachte, zeigt das mit aller Deutlichkeit: "Den, in dem Orden befindlichen Frauenzimmern die Wahl zu notificiren [zur Kenntnis zu bringen], halte ich nicht für nöthig." Gemahlinnen zu den Sitzungen zuzulassen, auch wenn sie nicht Mitglieder waren, konnte er den Blumengenossen aber offenbar nicht abschlagen. In einem Einladungsschreiben vom 22. Dezember 1790 heißt es, die Versammlung solle um vier Uhr nachmittags im Sebalder Pfarrhof beginnen; der Präses als Hausherr bitte aber, wegen der Enge außer Gemahlinnen keine Nichtmitglieder mitzubringen und für das Abendessen 30 Kreuzer zu bezahlen.

Nach der Reihenfolge der überlieferten Sitzungsberichte: Am 4. 5. 1789 wurde festgestellt, daß in Hartliebs Rechnung eben doch noch ganze 174 Reichstaler fehlten. Fast einstimmig votierte man für gütliches Erlassen. — Panzer schlug in ausgefeilter Form eine Erweiterung der Ordensziele vor, darunter "deutsches Sprachstudium"; man solle es theoretisch, literarisch und praktisch betreiben und etwa Aufsätze über Richtigkeit und Schönheit der Schreibart liefern. — Die Ordensnamen waren erhalten geblieben, aber nun wurden ausdrücklich Band und Denksprüche zu den gewählten Blumen abgeschafft. — Im Hinblick auf die Ausstattung des Irrhains mit Monumenten ist bemerkenswert: Die Marmorplatte, welche Leinkers Frau hatte anfertigen lassen, paßte angeblich nicht gut an einen Baum, also wurde Colmar beauftragt, dafür einen Stein im "Kirchhof" setzen zu lassen — den zweiten.

10. 8. 1789: Nun soll auch noch Hartliebs Bildnis für das Große Ordensbuch gemalt werden. Die Sieger überbieten sich geradezu in Großmut.

Man besichtigte am 28. August 1789 den Irrhain gemeinschaftlich. Mehrere Hütten waren herrenlos, diejenige der Jungfer Scherb ohne Dach. Wie sollte sich das arme Fräulein darum kümmern? Die lud doch keiner mehr in die Kutsche und fuhr sie hinaus. Man ließ es sich aber gern gefallen, daß am 3. Mai 1790 die Bezzels im Namen einer anderen vereinsamten Frauensperson, der Tochter des Amarantes, dem Orden zwei silberne Medaillen mit Abbildungen zweier Präsides nebst schriftlichen Beilagen überreichten.

Eine der herrenlosen Hütten übernahm Dr. Wittwer-Chiron II. Er durfte auch im selben Jahr seinem Vater Chiron I. eine Gedenktafel aufhängen. Im Mai 1790 entstanden größere Schäden durch Windbruch. Es scheint allerdings zweifelhaft, ob das Unwetter, wie 1990, gleich 40 Bäume umgestürzt hat. Die folgenden Besichtigungen der Aufräumarbeiten — am 21. Juni und 26. August 1790 — wurden auch zum Anlaß genommen, Gedichte vorzutragen (Häßlein, ganz altmodischer Autodidakt, las ein Gedicht über Amor, das andere Mal durfte auch Panzers Tochter eines vortragen).