Resignation des alten Vorstands und Neuwahl

In der schon erwähnten Sitzung vom 18. August 1788, die wieder im Gasthof "Rother Hahn" am Kornmarkt 2 stattfand, wurde die Wahl des neuen Vorstands auf 1. September anberaumt und auch eine Einladung an Hartlieb und Schmidbauer ausgesprochen. Doch schon am 17. August 1788 raffte sich Hartlieb, der das wohl hatte kommen sehen oder anderweitig von den Absichten unterrichtet war, zu einer bemerkenswert würdigen Kurzmitteilung auf: "Da mir meine Gesundheit und Gemüthsruhe viel zu lieb ist, als daß ich dieselbe wegen einiger Mitglieder des löbl. Pegnesischen Blumen-Ordens aufopfern sollte; so lege ich mein bisheriges Praesidium bey demselben mit Freuden nieder. PS[alm] CXX, b.[eim] 7. Sclerophilus." Die angegebene Bibelstelle ist mit Bleistift, also wahrscheinlich wieder von Zahn, aufgelöst: "Ich halte Frieden, aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an."

Pfarrer Hartlieb kann einem eigentlich leid tun. Subjektiv hatte er sich nichts zuschulden kommen lassen. Daß er zu einer Symbolfigur für den pfäffisch-oligarchischen Schlendrian geworden war, unter dem Nürnberg als Ganzes litt — und nicht nur Nürnberg —, konnte ihm am letzten klar werden. An seinem Befinden wird er ohne Blutdruckmeßgerät gemerkt haben, was es heißt, in diesem Alter noch so behandelt zu werden. Drei Jahre später war er tot.

Schmidbauer freilich kann es sich wieder nicht verwehren, dazu eine zweieinhalbseitige Erklärung abzugeben. Seine eigene Austrittserklärung legt er bei.

Unterdessen hat für die Sitzung am folgenden Tag Friederich mit einem neuen 'Promemoria' — heute würde man sagen 'Memorandum' — den Weg zur Wahl eines neuen Vorstands gebahnt. Um die Form zu wahren, macht er den Vorschlag, Hartlieb und Schmidbauer möchten ruhig einfache Mitglieder bleiben; es war zu erwarten, daß diese dann ablehnten, was sie auch noch zu schlechten Verlierern stempelte. Das Wahlverfahren wird als Modell künftig zu erhoffender demokratischer Zustände ganz genau festgelegt: "[...] daß nemlich jedes Mitglied einen zusammengerollten Zettel in der Größe eines halben Octavblats, auf welchen nur der blosse Zunahme des neu zu erwählenden Herrn Praesidis, mit der Weglassung aller Titulaturen entweder eigenhändig mit Versalbuchstaben [Großbuchstaben, um die Handschrift unkenntlich zu machen] oder von unbekannter Hand geschrieben mitbringen -- und solchen zwey aus der Gesellschaft hirzu deputirt werdenden Mitgliedern behändigend, diese aber solche Zettel bey gesammter Versammlung eröfnen, und sodann durch die Mehrheit der Stimmen der neue Herr Präses erwählt und eine gleiche Methode bey der Wahl der Herren Consulenten und Sekretärs beobachtet werden solle." — Geheime Wahl, Gleichheit der Kandidaten gegenüber dem Verfahren, Wahlausschuß unter öffentlicher Aufsicht, einfache Mehrheitsentscheidung. Was für Umwege die Geschichte geht! Gut zweihundert Jahre danach lernen unsere neuen Mitbürger im Osten diese Errungenschaften erst wieder kennen und schätzen.