Drittens, eine Wende in der Sprachpflege der Pegnesen:

Jedes Mitglied wird aufgefordert, sich neuer, unbekannter Wörter und "verworfener Konstruktionen" zu enthalten, wobei mit den ersteren nicht einmal unbedingt Fremdwörter gemeint sind.

Sollte etwa die Warnung vor neuartigen Wörtern bereits ein Zeichen dafür sein, daß man sich von den oft recht gesuchten Kunstwörtern der barocken Dichtkunst abwandte, obwohl gerade die Nürnberger auf diesem Gebiet viel Erfindungsreichtum bewiesen hatten? Um diese Zeit legten sie damit jedenfalls wenig Ehre mehr ein. Der "galante" Schriftsteller MENANTES äußert sich verächtlich: "[...] Denn mancher Maul-Affe stehet in der Ketzerey, er könne vor keinen Poeten passiren, oder seine Verse würden sich bey den Leuten nicht beliebt machen, wenn er sie nicht durch und durch mit neugebackenen Worten ausfüttert. Darum zerkauet er wohl manchmal ein halb Mandel Federn, ehe eine solche Gebuhrt zur Welt kömmt. [...] Vor allen Nationen suchen die Nürnberger etwas sonderliches hierinnen. Ob aber ihre Inventiones durchgehends solten approbiret werden, darüber mögen Teutschverständige urtheilen." Spätere "Deutschverständige", wie um 1730 GOTTSCHED, führten einen ausdrücklichen Kampf gegen den "Schwulst der LOHENSTEINischen Manier" (der dem MENANTES noch teuer war), und was sie an Vertretern der sogenannten Zweiten Schlesischen Dichterschule tadelten, traf mittelbar auch die zweite Generation der Pegnesen zu BIRKENs Zeit. Der vorliegende Satzungspunkt konnte jedoch nicht hindern, daß die Nürnberger auch später nach jener Epoche beurteilt wurden.

Eine zweite Quelle des Vorurteils: Es gab um 1700 zahlreiche und vielbelächelte Wortneuschöpfungen auf dem Gebiet religiösen Schrifttums, gerade bei den Pietisten -- und die Pegnesen dieser Jahre waren dem Pietismus geneigt. Man sollte die Warnung vor Wortneubildungen zum Hinweis nehmen, den Blumenorden als Sprachgesellschaft und die religiöse Orientierung seiner Mitglieder besser auseinanderzuhalten, als es die Zeitgenossen taten. Hierzu diene ein Blick auf den Hintergrund solch neuartiger Bestrebungen bei MAGNUS DANIEL OMEIS (einen Hintergrund, von dem MENANTES zunächst nichts wußte).
OMEIS las für interessierte Studenten in seiner Eigenschaft als Altdorfer Professor auch Kollegia über Poesie und gab als Frucht dieser Vorlesungsreihe -- und als Stütze für weitere derartige Veranstaltungen -- eine "Gründliche Anleitung" heraus. Hierin finden sich fast wörtlich die Bestimmungen aus der zitierten Satzung. Das heißt aber auch, daß die Grundsätze, die Omeis mit seinen Ordensgenossen ausarbeitete, in der damaligen Zeit durchaus nach draußen und in die Weite der deutschen gelehrten Welt wirken konnten. Es lohnt sich schon einmal, den überaus weitschweifigen Titel des Werkes anzusehen, der geradezu eine Inhaltsangabe darstellt. So wollte man also um 1700 der Aufgabe nachkommen, Sprache und Dichtung zu pflegen:

Gründliche Anleitung Zur Teutschen accuraten Reim- und Dicht-Kunst/ durch richtige Lehr-Art/ deutliche Reguln und reine Exempel vorgestellet: worinnen erstlich von den Zeiten der Alten und Neuen Teutschen Poësie geredet/ hernach/ nebst andern Lehr-Sätzen/ auch von den Symbolis Heroicis oder Devisen, Emblematibus, Rebus de Picardie, Romanen/ Schau-Spielen/ der Bilder-Kunst/ Teutschen Stein-Schreib-Art u.a. curieusen Materien gehandelt wird; samt einem Beitrage von der T. [eutschen] Recht-Schreibung/ worüber sich der Löbl. Pegnesische Blumen-Orden verglichen. Hierauf folget eine Teutsche Mythologie/ darinnen die poëtische Fabeln klärlich erzehlet/ und derer Theologisch- Sittlich- Natürlich- und Historische Bedeutungen überall angefüget werden; wie auch eine Zugabe von etlich- gebundenen Ehr- Lehr- und Leich-Gedichten. Welches alles zu Nutzen und Ergetzen der Liebhaber T. [eutscher] Poësie verfasset Magnus Daniel Omeis/ Comes Palat. Cæs. Moral. Orator. und Poës. Prof. P. zu Altdorff/ der im Pegnesischen Blumen-Orden so benannte Damon. Andere Auflage. Nürnberg/ in Verlegung Wolfgang Michahelles/ Buchhändl. Gedruckt bey Joh. Michael Spörlins seel. Wittib. 1712.

In diesem Werk wird mit voller Absicht zwischen den sprachlichen Regeln für Poesie und denen für Prosa kein Unterschied gemacht. (Der Grammatiker MORHOF hatte in dieser Hinsicht BIRKEN und seine Freunde sehr kritisiert.) "Wir haben uns nemlich die ungezwungene natürliche Schreib-Art in den Reim-Gedichten des Herrn von Rosenroth/ Herrn Morhofs selbsten/ Herrn Weisens und dero Erinnerungen/ bestens gefallen lassen/ und unsers hochverdienten Herrn Harsdörfers auch hierinnen gantz richtige- und ungezwungene Schreib-Art nach und nach wiederum eingeführet." Man möchte provinzielle Eigenheiten nicht geradezu pflegen, obwohl OMEIS sich in diesen Dingen für mehr Duldsamkeit ausspricht, als der Orden von seinen Kritikern erwarten durfte: "Was aber Herr Morhof hiedurch verstehe/ daß bei den Schrifften der Pegnitz-Hirten etwas fremdes sey/ so in den Ohren der Schlesier und Meißner nicht wol klinge/ kan ich fast nicht errathen. [...] Es klinget auch in unsern Ohren hier zu Lande nicht wol/ wann sie ihre diminutiva Kindgen/ Liebgen u.a.m. allzuviel gebrauchen; auch wenn sie reimen und schreiben z.E. Können und Sinnen/ Marter-Wochen und Bisem-Kuchen/ Durchlauchtig/ Guttes/ Bluttes und dergleichen. Wir lassen sie aber nichts desto weniger bei ihrem Werth/ und erwarten von ihnen gleiche Gedult und Höflichkeit."

Das half dem Orden keineswegs gegen auswärtige Polemik. Er war, wie man dem entschuldigenden Ton dieser Ausführungen anmerkt, in einem Rückzugsgefecht begriffen. Einzelne Seltsamkeiten bei anderen aufzuspüren, konnte in allen Lagern der damaligen Auseinandersetzung zum Sport werden, doch man gewann nicht viel dabei. Die allgemeine Entwicklungstendenz ließ sich weder zugunsten noch zuungunsten des Ordens in wenigen Beispielen fassen. Es fällt freilich auf, wenn in dem "Register vieler T.[eutscher] gleichlautender Wörter", das OMEIS seinem Buch beigab, derart unreine Paarungen auftreten wie "Bahn -- Bann, Eiter -- Euter, Kriegen -- kriechen, Spielen -- ausspülen", und diese sind schwer aus dem Nürnberger Dialekt erklärbar. (Freilich hat er sich seit damals sehr verändert.) Aber die Hauptfrage muß doch lauten: Ging die Entwicklung der deutschen Literatursprache an den Nürnbergern vorbei, oder verlief sie gar im Gegensatz zu ihnen?

Jedenfalls war dem Orden zu diesem Zeitpunkt gewiß nicht mehr vorzuwerfen, daß er auf gewaltsame Weise Eindeutschungen von Fremdwörtern vorgenommen hätte, wie das Sprachgesellschaften vormals zu tun pflegten. Mäßiger Gebrauch von Fremdwörtern wird zugestanden; ausgeschlossen werden allerdings "Die aus der Französischen/ Italienischen/ und andern fremden Sprachen entlehnte Wörter/ welche in unserer Mutter-Sprache das Burgerrecht noch nicht überkommen [...] Müßen auch allzuhohe/ oder vielmehr hart-gezwungene/ obscure und affectirte Wörter [...] vermieden werden; als wie jener sagte: Ich erdrache mich/ ich erbasiliske mich. d.i. ich werde zornig." Das heißt: Neubildungen, Neologismen, haben auch im Blumenorden keine Konjunktur mehr.

Damit folgen OMEIS und seine Ordensmitglieder eigentlich dem Fluß der Dinge. Auch die Trennung verschieden poesietauglicher Stilebenen erfolgt in seinem Buch ganz nach Auffassung der immer ständischer denkenden Zeit: "Man soll durchgehend in einem T.[eutschen] Reim-Gedicht solche rein-Teutsche Wörter gebrauchen/ die bei gelehrten und vornehmen Leuten im Gebrauch sind." Unzeitgemäß erscheint allenfalls die Zusammenkoppelung von "vornehmen" und "gelehrten" Leuten, denn weniger die allmählich nach unten gedrängten Professoren, sondern die aristokratischen Vorbilder gaben den Ton der guten Gesellschaft an -- so dachten jedenfalls diejenigen Gelehrten, die sich unter Geringachtung ihrer "schulfüchsischen" Standesgenossen nach oben orientierten, die "Galanten". Daß dabei mehr das Ausland als der Zustand der "guten Gesellschaft" in Deutschland Anlaß gab, sei beiläufig angemerkt.

Etwas bedenklich muß auch erscheinen, daß Omeis selber oft nicht beherzigt, was er lehrt — beziehungsweise, daß sein Setzer sich nicht daran hält. So heißt es zwar, daß fremdsprachige Eigennamen — "nomina propria" — in deutschen Buchstaben zu schreiben seien und daß sie nicht in der Weise der fremden Sprache dekliniert werden sollten. Doch selbst in den wenigen bisherigen Zitaten können wir Gegenbeispiele finden. Ähnliches gilt für die Machart der mitgeteilten Gedichte: die Praxis läuft hinter der Theorie her. Immerhin erscheint die Sprache dieses Buches der heutigen näher — und auch Harsdörfers Schreibweise näher — als Texte aus dem damaligen Sachsen, das Vorbildwirkung beanspruchte. Wir sehen es an dem oben zitierten Text von HUNOLD-MENANTES, und weitere Beispiele werden folgen. Was sich ungefähr bestätigen läßt, ist allerdings, daß OMEIS die Entwicklung der Schriftsprache wieder auf den in Nürnberg ziemlich folgerichtigen Pfad brachte. Im Gegensatz dazu zeigen die handschriftlichen Blätter aus dem Ordensarchiv, daß man sich zumindest im Alltag nicht sehr um Sprachreinheit bemühte.

In Gedichten sah das jedoch anders aus. Mir scheint, der Punkt 3 der ersten Satzung ist vor allem auf die von der Poesie zu fordernde Richtigkeit zu beziehen. Damals wurde nämlich gerade die poetische Freiheit im Satzbau diskutiert; hier wird sie erwähnt als die "verworfenen Konstruktionen". Es handelt sich wohl um eine mehr ästhetische als sprachpflegerische Maßgabe, die für die deutsche Dichtung als erster MARTIN OPITZ aufgestellt hatte und die in der Literaturtheorie der Aufklärung unter französischem Einfluß erneut stark betont wurde. OMEIS hob den sächsischen Schulmann und Dichter CHRISTIAN WEISE lobend hervor wegen der Natürlichkeit der Wortstellung in dessen Gedichten, "secundum constructionem prosaicam".