Teil I: Die dritten Gründer

 

Am 29. Juli 1700 schwankten ein paar Kutschen aus dem Tiergärtnertor zu Nürnberg und rollten nordwärts auf der Landstraße nach Bamberg dahin. Eine Dreiviertelstunde Weges später, in der Ortschaft Buch, blieb eine zurück; den alten Herrn, der darin gesessen war (ANDREAS INGOLSTÄTTER), hatte eine Übelkeit befallen. Man kümmerte sich wohl in einem Gasthof um ihn.

Es muß ein heißer Tag gewesen sein. INGOLSTÄTTER traute sich nicht zu, so lange durchzuhalten, bis die Fahrt, eine gute Viertelstunde später, vor einem verhältnismäßig schattigen Waldstück zuende gewesen wäre, in dem er POLIANDER genannt worden wäre und sich in seiner belaubten Hütte beim Gespräch mit seinen Blumengenossen" hätte erholen können. Die geplante Sitzung des Pegnesischen Blumenordens im Irrhain sollte eigentlich nichts Anstrengendes sein: Gerade darum, weil man die Freude an der freien Natur mit der Freude an der Dichtkunst verbinden wollte, hatte man sich in den ersten Zeiten des Ordens in den Auen des Pegnitzflusses ergangen (der auch im Namen der Vereinigung zu finden ist) und seit 1676 das verwilderte, aus dem Rand des Sebalder Reichswaldes nahe Kraftshof sich hervorschiebende Dickicht als labyrinthischen Rückzugsort ausgebaut. Aber INGOLSTÄTTER war nun schon zu alt für solche Ausflüge.

Er war 1633 geboren, bekleidete das einträgliche Amt des Marktvorstehers in Nürnberg, war Mitglied der Blumengenoßschaft" seit 1672, Ordensrat; ein sonderbarer [besonderer] Liebhaber der Astronomie", machte Merkverse auf Ordnung und Namen von Sternbildern, stiftete nicht nur dem Orden freigiebig, sondern auch einmal der Universität Altdorf zur Erwerbung einer Armillarsphäre 300 fl.; hatte immerhin noch elf Jahre zu leben. In seiner und ASTERIOS Hütte, einer der größten, fand die Versammlung statt.

ASTERIO zog ein Stück Papier aus der Tasche und legte Tintenglas und Federkiel zurecht. Er hatte das Protokoll zu führen: GEORG ARNOLD BURGER, einundfünfzig Jahre alt, kein unwichtiger Mann in der Stadt (wenn auch keiner von denen, die wirklich die Fäden in der Hand hielten). Er hatte in Jena auf derjenigen Universität, die im naturwissenschaftlichen Bereich damals führend war, Mathematik bis zum Magistergrad studiert, trieb aber auch Theologie, hielt nach seiner Rückkehr Privatvorlesungen vor Liebhabern der Mathematik, deren es in Nürnberg auch unter Nichtakademikern seit des Regiomontanus Zeiten etliche gab, und es wurde ihm erlaubt, dazu die Stadtbibliothek samt ihren Globen zu benützen; 1675 wurde er Schreiber in der Registratur der Stadt und Mitglied des Ordens, 1693 älterer Rath-Schreiber"; mit der Erfahrung aus diesem Amte diente er dem Orden natürlich auch als Schriftführer und Ordensrat und ist ohne Zweifel Abfasser des vorliegenden Schriftstücks, aus dem wir über den Verlauf der Sitzung unterrichtet sind. (Er starb 1712.)

Eine Sitzung beginnt mit der Begrüßung durch den Vorsitzenden. DAMON II. erhebt sich. Auf der Abbildung, die ihn, Professor MAGNUS DANIEL OMEIS, als den zum zweitenmal amtierenden Rektor der Altdorfer Universität zeigt, trägt er eine lange, gepuderte Perücke. Ob er sie auch an jenem Julitag getragen hat, ist fraglich; das wäre er sich kaum als Präses des Blumenordens schuldig gewesen, denn hier spielte man eigentlich die Rollen einer poetischen Schäfergesellschaft. Schäferkostüme sind jedoch im Archiv des Pegnesischen Blumenordens nicht überliefert, lediglich weißseidende Armbänder. Man darf den Herren aber gönnen, daß die Kleiderordnung bei einer Versammlung im Irrhain nicht allzu streng war; an breitkrempige Hüte und offene Hemdkragen nach den Abbildungen von dichtenden Schäfern in den damals veröffentlichten Gemeinschaftswerken des Ordens wäre zu denken,

Auch DAMON nimmt nun ein Papier zur Hand, daraus trägt er eine vorbereite Rede vor, in der er beklagt, daß seit dem Ableben des MYRTILLUS II. kein Werk aus der Mitte dieser Dichtergesellschaft mehr erschienen sei und man also in der Fremde fast nicht wisse, ob solche noch in aufrechtem Stand wäre". Außerdem habe die Gesellschaft die entworfene Satzung nicht in die Tat umgesetzt. Man müsse nun aber zur Erhaltung des Blumenordens etwas beschließen. Daraufhin wird der Satzungsentwurf verlesen, ein Beschluß aber ausgesetzt, bis die Satzung an die übrigen Mitglieder weitergereicht sei. Zum zweiten wird an den Jahresbeitrag von einem Taler erinnert.
 
   

Magnus Daniel Omeis
(Ausschnitt)
Original 30,5 x 20 cm

Hier sind zwei Rückgriffe notwendig: Bei dem erwähnten MYRTILLUS handelt es sich um den acht Jahre vorher verstorbenen Präses und Kraftshofer Pfarrer MARTIN LIMBURGER, gemäß dessen Einfall der Irrhain eingerichtet worden war. Und zweitens sollten wir uns einmal vorstellen, wir hörten der Verlesung der Ordenssatzung zu. Wir haben sie nämlich hier, obwohl es lange Zeit hieß, sie sei verschollen. WILHELM SCHMIDT, Mitglied des Pegnesischen Blumenordens in seiner schwersten Zeit, machte am 9. Juli 1942 eine Entdeckung, die für ihn trotz der Zeitumstände erfreulich gewesen sein muß (ich sehe ihn wie Serenus Zeitblom aus Thomas Manns "Doktor Faustus"): Er fand an unerwarteter Stelle (wie es bei dem Zustand des Pegnesenarchivs immer noch im Bereich des Möglichen liegt) die Urschrift der Satzung, die sich der Orden 1699 gegeben hatte, die älteste erhaltene. Nun sind Satzungen zwar keine literarischen Texte im engeren Sinne, doch sie erhalten durch den Bezug auf die Bedingungen, unter denen gedichtet und Sprachpflege betrieben wurde, eigene Bedeutsamkeit. Der dahinter stehende Wille einer Gruppe hat in einer Weise Ausdruck gesucht, die der Verständigung über ganz bestimmte, zeitgebundene Verhältnisse dienen sollte, und die Zwecke greifen über diese Gruppe hinaus in den Sprachraum der betreffenden Zeit. So werden selbst kleine Änderungen am Wortlaut von Satzung zu Satzung aussagekräftig. Darüber hinaus kommt diesen Dokumenten auch rechtliche Verbindlichkeit zu -- alles Eigenschaften, die eine geschichtliche Deutung oder wenigstens Einordnung geradezu herausfordern. Die Satzungen legen solcher Deutung auch weniger Hindernisse in den Weg als poetische Texte und unterstützen dadurch mittelbar die Deutung der Poesie. Aus diesen Gründen erscheint es mir gar nicht so unsinnig, sich einmal darum zu kümmern.

Wenige Übriggebliebene versuchen, die erste Satzung zu erstellen
Ein neuer Präses

Die erste gedruckte Satzung