Sechstes Beispiel: Eine Sprache für das Theater?

Der zweite Teil des Sammelbandes enthält eine vollständige Übersetzung der Tragödie "Cinna". FÜRER gibt ihr den Untertitel "Die Gütigkeit Augusti in einem Trauer-Spiel vorgestellt durch P.Corneille, und aus dem Französischen ins Hoch-Teutsche übersetzt." Daraus wähle ich als Probe den zweiten Auftritt des fünften Aktes, worin die Knoten der Handlung sich allmählich lösen und, ganz gegen klassische Tragödientheorie, eine Aufwärts-Katastrophe, ein Glückswechsel zum guten Ende, angebahnt wird. Da der deutsche Leser in den seltensten Fällen Gelegenheit findet, sich mit dem französischen Original zu befassen, findet er es den zitierten Versen der Übersetzung gegenübergestellt; was allerdings den Zusammenhang der Handlung angeht, so verweise ich der Einfachheit halber auf MOZARTs Oper Titus , die man schon eher kennt hierzulande. METASTASIO und sein Bearbeiter haben im Opernlibretto zu La Clemenza di Tito eine sehr ähnliche Verwicklung dargestellt.
Augustus, Livia, Cinna, Æmilia, Fulvia.
Liv. Mein Herz/ ihr wißt noch nicht/ es suchet eur Verderben
auch die Aemilia/ und ist mit Haß entzündt.

[LIVIE
Vous ne connaissez pas encore tous les complices:
Votre Ömilie en est, Seigneur, et la voici.]

Cinna. Ihr Götter sie kommt selbst!
Aug. Und du dann auch/ mein Kind!

[CINNA
C'est elle-même, ô Dieux!
AUGUSTE
Et toi, ma fille, aussi!]

Æmil. Ja/ was er hat gethan/ that er mich zu vergnügen/
ich selbsten war der Lohn von eurem Unterliegen.

[ŒMILIE
Oui, tous ce qu'il a fait, il l'a fait pour me plaire,
Et j'en étais, Seigneur, la cause et le salaire.]

Aug. So hat die Lieb/ die heut durch mich den Anfang macht/
dich in so kurzer Zeit schon also weit gebracht/
daß du willst ihm zu lieb aufopfern Leib und Leben?
Du liebst den Liebsten sehr/ den ich dir hab gegeben.


[AUGUSTE
Quoi? l'amour qu'en ton c ur j'ai fait naître aujourd'hui
T'emporte-t-il déjà jusqu'à mourir pour lui?
Ton âme à ces transports un peu trop s'abandonne,
Et c'est trop tôt aimer l'amant que je te donne.]

Æmil. Die Liebe/ die mich treibt/ kommt nicht so ungefehr
von einem Wort von euch und eurer Ordnung her.
Wir haben allbereit/ ohn euch und eur Verlangen/
fast bey vier Jahren her/ zu lieben angefangen;
und obgleich unsre Lieb die Herzen stark bewegt/
so war uns doch der Haß weit tieffer eingepregt.
Ich hab ihm meine Treu nur mit Beding versprochen/
wann er zuvor an euch des Vatters Tod gerochen:
Er schwur mir dieses zu/ und suchte seine Freund;
der Himmel hindert uns/ und ist dem Vorschlag feind.
Drum komm ich/ und will mich euch selbst zum Opffer geben/
nicht daß ich Cinna will erhalten bey dem Leben/
sein Tod ist ganz gerecht nach dieser seiner That/
dann der wird nicht verschont/ der sich verschworen hat
zu einem Keisers-Mord. Wer Könige will stürzen/
dem darf man auch mit Recht den Lebens-Faden kürzen.
Drumb such ich keine Gnad. Ich möchte nur allein
bald sterben/ und mit ihm bey meinem Vatter sein.

[ŒMILIE
Cet amour qui m'expose à vos ressentiments
N'est point le prompt effet de vos commandements;
Ces flammes dans nos c urs sans votre ordre étaient nées,
Et ce sont des secrets de plus de quatre années;
Mais quoique je l'aimasse et qu'il brûlât pour moi,
Une haine plus forte à tous deux fit la loi;
Je ne voulus jamais lui donner d'espérance,
Qu'il ne m'eût de mon père assuré la vengeance;
Je la lui fit jurer; il chercha des amis:
Le ciel rompt le succès que je m'étais promis,
Et je vous viens, Seigneur, offrir une victime,
Non pour sauver sa vie en me chargeant du crime:
Son trépas est trop juste après son attentat,
Et toute excuse est vaine en un crime d'Etat:
Mourir en sa presence, et rejoindre mon père,
C'est tout ce qui m'amène, et tout ce que j'espère.]

Aug. Ihr Himmel/ hat noch nicht eur Zorn ein End genommen/
soll dann mein Unglück stets aus meinem Hause kommen:
Die Julia hab ich als unkeusch weggebannt/
und setzt Æemilien aus Lieb in ihren Stand.
Doch seh' ich/ daß auch die mit Untreu ist umgeben;
die eine raubt die Ehr/ die andre raubt mein Leben;
die erste tödt mich fast durch ihrer Geilheit-Sinn/
und diese andre wird gar meine Mörderin.
Muß dann August allein nur darum Vatter heißen/
daß man vor seine Treu ihm Untreu sollt' erweisen?
Ach Tochter/ ist dann diß vor meine Lieb der Lohn!


[AUGUSTE
Jusques à grand, ô ciel, et par quelle raison
Prendrez-vous contre moi des traits de ma maison?
Pour ses débordements j'en ai chassé Julie;
Mon amour en sa place a fait choix d'Ömilie,
Et je la vois comme elle indigne que ce rang.
L'une m'ôtait l'honneur, l'autre a soif de mon sang;
Et prenant toutes deux leur passion pour guide,
L'une fut impudique, et l'autre est parricide.
O ma fille! Est-ce là le prix de mes bienfaits?]

Æmil. Mein Vatter trug von euch einst gleichen Lohn davon.


[ŒMILIE
Ceux de mon père en vous firent mêmes effets.]

Aug. Gedenk zu was vor Sorg mich deine Zucht bewogen.

[AUGUSTE
Songe avec quel amour j'élevai ta jeunesse.]

Æmil. Mein Vatter hat euch einst mit gleicher Sorg erzogen.
Er war eur Vormund-Freund/ und ihr sein Henkers-Knecht/
was euch einst billich war/ ist mir anjetzo recht.
Es hat mir eure Hand den Undanks-Weg gezeiget/
drum schändt nicht meine That/ weil sie der euren gleichet:
da diß den Unterschied noch bey uns beeden macht/
daß ihr aus Hochmuht[sic] nur den Vatter umgebracht;
ich aber wollt eur Blut/ durch rechte Rach getrieben/
der Unschuld opffern auf/ die ihr habt aufgerieben.

[ŒMILIE
Il éleva la vôtre avec même tendresse;
Il fut votre tuteur, et vous son assassin;
Et vous m'avez au crime enseigné la chemin:
Le mien avec le vôtre en ce point seul diffère,
Que votre ambition s'est immolé mon père,
Et qu'un juste courroux, dont je me sens brûler,
A son sang innocent voulait vous immoler.]

Freilich, für 'tuteur', 'assassin' und 'immoler' standen keine ebenso gehobenen deutschen Wörter zur Verfügung; und wer denkt, statt 'Hochmut' hätte 'Ehrgeiz' als Übersetzung von 'ambition' besser gepaßt, täuscht sich über den viel stärkeren Unterton von unbeherrschtem Laster, der dem Wort damals noch anhing, und der wohl zu Augustus nicht gepaßt hätte. ('Geiz' hieß eine 'Gier' nach dem Besitz hoch bewerteter Dinge. Es hatte noch nicht eindeutig mit Geld und Bewahren-Wollen zu tun, deshalb mußte man damals auch ausdrücklich 'Geldgeiz' sagen, wenn man das meinte.) Wir sehen aber schon, daß es FÜRER gelungen ist, eine angemessene Übersetzung zu liefern, die der Vorlage Zeile für Zeile folgt — bei gereimten Texten ist schon das eine beachtliche Leistung — und die sogar gut zu sprechen ist. Um Cinna bei uns einzubürgern, fehlte es eigentlich nur an der Propaganda. Dem Stück fehlte es zwar für deutsche Verhältnisse außerdem noch an Zeitbezug, während CORNEILLE um 1640 auf ein Komplott gegen RICHELIEU bzw. auf eine Volkserhebung in der Normandie anspielen konnte. Aber welches Theaterstück aus der großen Epoche der französischen Literatur, das diesem vorgezogen wurde, hatte hierzulande unmittelbaren Zeitbezug? Oder hatte einen solchen nötig?