Drittes Beispiel: Psychologisch gebändigte Rhetorik

Man erwartet eigentlich nicht, in Gelegenheitsgedichten zu Leichenbegängnissen besondere Proben dichterischen Talentes aufzufinden: Wenn man den Tod von Menschen zu betrauern hat, die einem selber nahegestanden sind, wäre Kunstfertigkeit schon fast unaufrichtig, und im andern Fall wird auf die Gefühle anderer Leute in einer Weise gezielt, die um so schamloser ist, je besser es gelingt. Aber eines von MUNZens Trauergedichten ergreift das Gemüt eben doch — gerade weil er das erwähnte Dilemma zum Ausgangspunkt nimmt und anständig durchführt, sodaß gefühltes und dargestelltes Leid ununterscheidbar werden. Dazu hatte er bloß die Worte in den Mund der Witwe zu legen. (Dieser perspektivische Kunstgriff war allerdings nicht neu und lag vom barocken Rollen-Gedicht her nahe. Schuber LXI a des Archivs enthält zum Beispiel ein Klag-Lied Der höchstbestürtzt- und bekümmerten Edlen Frau Wittib von 1669, das von FERRANDO I. stammt, JOHANN LUDWIG FABER.)

An MUNZens Gedicht ist beachtenswert, wie sich der madrigalische, aufgelöste Versbau den Seufzerfiguren der Rede anschmiegt: Je gewichtiger die Aussage oder herber das Leid, desto karger fallen die Worte aus:
Nach der Leich-Predigt. Klage der Frau Wittib.
Weicht, ihr beredten Tröster, hin,
Und lasst mich ganz allein.
Ein schmachtend, ein gebeugter Sinn
Mag lieber einsam sein.

Mein Ohr ist taub, euch anzuhören:
Und, wo ich selber reden will;
So stehen alle Triebe still,
Die mich sonst Wort und Antwort lehren.
Das Herze denkt, bey einem stillen Ach,
Nichts, als dem harten Schlusse nach,
Der ein so liebreich Band zerschneidet,
Und mich von meinem Pfinzing scheidet:
Und kan mithin, in solchem Unvermögen,
Den Nachdruck wol nicht überlegen,
Der eure Tröstungen erfüllt,
Sonst aber wol aus reinen Seelen quillt.
Dein treues Herz, o theurer Ehgemahl/
Hat sich so fest an mich verbunden,
Daß nunmehr meine Wunden,
Durch zugehäufte Qual,
Und, unter tausend Thränen-Güssen,
Nur desto stärker bluten müssen.
Wiewol ich irre, wenn ich glaube,
Daß sich bey Sarg und Grabe
Der Liebe Band zerschnitten habe.
Und etwan mehr, als das was sichtbar, raube.
Ich weis, du liebst mich noch jezund.
Und ich, indem ich mich betrübe,
Versiegle ja mit Thränen meine Liebe,
Die unzertrennlich ist,
Und da schon lebt, wo du verherrlicht bist.
[...]
Schöne Empfindungen unter weitgehender Vermeidung dessen, was man damals anfing 'Schwulst' zu nennen. Man vergleiche doch einmal damit den dick aufgetragenen Redeschmuck des FABERschen Gedichtes:
Schlagt den Marmel eurer Brüste!
Reisst die Netze eurer Haar!
Meiner Waisen arme Schaar/
Die Ich Kummer-Mutter küsste.
Lasst die Augen Threnen quellen!
(wo noch Threnen immer sind)
Windt die Hände! lasst sie schellen!
Weil uns aller Trost zerrinnt.
[etc.]
Hier stehen schulmäßig zusammengestellte Gebärden des Pathos im Vordergrund; MUNZ dagegen versucht bereits, das Fehlen der Worte und die innere Bewegung zu ergreifender Wirkung zu bringen. MUNZ war in seinen besten Hervorbringungen ein fähiger Dichter auf der Höhe seiner Zeit und wohl ein noch besserer Seelsorger. Einen besseren Textdichter hat auch BACH nicht gehabt. Und so etwas wurde in Nürnberg nicht für Fürsten, sondern zu jedem derartigen Anlaß in Kreisen des gehobenen Bürgertums aufgeführt. Denn daß dies in Kantatenform Verfaßte auch gesungen wurde, liegt sehr nahe. Wie war wohl die Besetzung beschaffen, welche Musik erklang zu den Versen? Ist das alles verweht, und haben wir keine Möglichkeit mehr, dem Glanze Leipzigs und Hamburgs ein wenig Eigenes entgegenzusetzen? (Zum Beispiel wurde im Jahre 1737 eine Hochzeitskantate des 1690 geborenen Nürnberger Komponisten CHRISTOPH STOLZENBERG aufgeführt, anläßlich der Hochzeit des ADAM FRIEDRICH GLAFEY mit der Tochter des Altdorfer Juraprofessors RINK. Die Wiederaufführung war am 20. 5. 1990 zu hören, unter der Leitung von WOLFGANG RIEDELBAUCH.)