Verlagerung der Interessen
Die geschichtswissenschaftlichen Neigungen einiger Ordensmitglieder wirkten sich in diesen Jahren auf einem Großteil der Versammlungen aus. Dabei mutet es merkwürdig an, schon etwa hundert Jahre, bevor die gründerzeitliche Renaissance-Schwärmerei einsetzte, an der Wahl der Gegenstände bei diesen Nürnbergern ähnliches zu beobachten. Vielleicht hängt es mit dem absehbaren endgültigen Untergang der Reichsidee und des reichsstädtischen Wesens zusammen, daß man sich auf deren beste Zeiten gerne besann. Kaum war Siebenkees aufgenommen (16. 8. 1790), las er schon über Quellen Nürnberger Geschichte (8. 11. 1790). Präses Panzer und Will gruben den Barbier und Meistersinger Hans Volz aus (16. 8. 1790), Colmar des gleichzeitigen Meisters Rosenblüth Komödie von Troja (22. 8. 1791).

Kiefhaber las am 16. 2. 1792 über Willibald Pirckheimer, Volkert aus Originalbriefen von Celtis (7. 5. 1792). Auch über Nürnberger Goldmacher und die ältere Geschichte Straßburgs konnte man auf letzterer Sitzung etwas vernehmen. Am 5. 11. 1792 griff Panzer sogar ins Mittelalter zurück und las aus Hugo von Trimberg. Daß am 12. 8. 1793 Vogel einen Versuch über die Religion der alten Ägypter verlas, gehört allerdings eher zu den freimauerischen Bezügen, die einzelnen Ordensmitgliedern wohl nicht abzusprechen sind.

Die Geschichte des Ordens selbst wurde zunächst nur soweit ins Auge gefaßt, daß man den neuaufgenommenen Candidaten Wißmüller (16. 8. 1790) damit beauftragte, das Ordensarchiv in Ordnung zu bringen, und daß man von den Neumitgliedern verlangte, ihre Lebensläufe einzureichen (7. 2. 1791). Am 6. 5. 1793 wurde dies noch einmal zur Sprache gebracht mit der ausdrücklichen Absicht, den Amarantes fortzusetzen. Daraus wurde freilich nichts. Die zünftigen Historiker, die dem Orden nun angehörten, blickten doch mehr nach außen und weiter nach hinten, mußten es wohl auch, um Deutschlands steigendem Selbstbewußtsein die beruflich von ihnen erwarteten Dienste zu leisten.

Am 3. August 1791 fand im Irrhain eine Feier zu Ehren des Präses Panzer statt. Dazu war ein Laubentempelchen aufgebaut, der "Tempel der Freundschaft", an welchem Inschriften angebracht waren. Abends wurden das Tempelchen und der "Kirchhof" beleuchtet. Das hatte Konrad Grübel eingerichtet, der Stadtflaschnermeister. Damit empfahl er sich für die weit aufwendigere Illumination zur Jubiläumsfeier 1794.



Auf dem erneuerten inneren Portal, das von Friederich mit einem deutschen Text versehen worden war, waren die beiden Buchstaben V und F angebracht und beleuchtet, was "Vivat Friederich" bedeuten sollte. Der so Mitgefeierte gab wieder eine Probe seiner geselligen Tugenden: Er sang mit seiner schönen Tenorstimme die Strophen des Schiller'schen Liedes An die Freude, die anderen Mitglieder hielten beim Kehrreim mit. Fünf "Stadt-Hautboißten" werden dabei auch ihr Bestes getan haben. Schiller wußte nichts davon...

Am 1. November 1791 mußte besprochen worden, wie sich der Orden gegen eine abträgliche Darstellung in der Berliner Deutschen Bibliothek (des After-Aufklärers Nicolai, dem Nürnberg sowieso wegen seines nicht schachbrettartigen Straßenverlaufs ein Greuel war) zur Wehr setzen sollte. Ein Widerhall davon war auch in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung in einem der neuesten Stücke zu lesen gewesen. — Das war doch schon mal dagewesen, nur waren's ein Jahrhundert früher die Sachsen, im Namen der Galanterie! Was mochte nun dahinterstecken? Ohne einer genaueren Untersuchung vorzugreifen, die einem Erlanger Studenten als Zulassungsarbeit zu gönnen wäre, vermute ich einmal, daß es politische Gründe waren, die den Journalismus jener Tage veranlaßten, Nürnberg zum Gegenbild all dessen hinabzustilisieren, was man für fortschrittlich hielt. Statt des Josephinismus einen ordentlichen Jakobinismus, oder so ähnlich. — Die Pegnesen rückten dem Journal von und für Franken eine in ihren Augen zweckmäßige Abhandlung ein, desgleichen dem Intelligenzblatt Nürnbergs. Schiller hat's nicht wahrgenommen...

Weil im Irrhain einige fremde Leute gestört hatten, wurde am 22. 8. 1791 vereinbart, daß Mitglieder zu Versammlungen nur noch "Hausgenossen" mitbringen dürften; selbst Personen von Ansehen müßten sich in Zukunft Abweisung gefallen lassen, wenn sie nicht an Ort und Stelle durch eine Abstimmung der Mitglieder eingeladen würden.

In den nächsten Jahren gediehen die Hecken trotz mehr und mehr stützenden Lattenwerks immer schlechter, da der zum Hochwald herangewachsene Baumbestand immer mehr Schatten warf. Auf die Dauer wurde daher aus den künstlichen Gängen ein Park nach romantischem Geschmack.

Am 13. 8. 1792 machte man sich allmählich Gedanken über die Feiern zum einhundertfünfzigjährigen Bestehen des Ordens. Es wurde eine Sammlung angeregt: Jedes Mitglied sollte vierteljährlich einen Taler zwölf Kreuzer in die Kasse liefern. (Das, im Zusammenhang mit den Aufwendungen für Trauerfälle, war dem damaligen Hersbrucker Stadtpfarrer wohl zu viel; als anläßlich des Ablebens des Dr. Wittwer-Chiron II. die Liste an ihn kam, strich er seinen Namen einfach durch.) Im übrigen drängte der Präses darauf, die Satzung rechtzeitig vor dem Jubiläum zu überarbeiten, und am 12. 8. 1793 wurde endlich deren letzte Fassung innerhalb der Epoche erstellt. Man hat sie dann augenscheinlich vordatiert: