Versammlungsort wechselnd

Außer dem wetterunterworfenen Irrhain besaß der Orden nie ein eigenes Vereinslokal. In Wirklichkeit ist es nicht sehr lustig, was die Vorstände sich am 19. Februar 1875 humoristisch zurechtbogen: „[…] 2, Der zweite Vorstand Herr Knapp erhält nun das Wort, um über die Veranlassung zu berichten, welche uns genöthigt hat, das bisherige Vereinslocal ,Wartburg’ zu verlassen und heute hier die Tafelrunde aufzuschlagen. Der Berichterstatter legt dar, daß die Wirthin der Wartburg sich, infolge erhobener gerechter Zweifel an der Trinkbarkeit ihres Bieres, gröblich gegen mehrere Mitglieder vergangen und dem Orden das Lokal gekündigt habe. Die Vorstandschaft hat es demzufolge mit der Ehre der Gesellschaft nicht verträglich gefunden, fernerhin noch in der Wartburg, die unserer so schlecht gewartet, zu verkehren u. schickte deshalb seine Sendboten aus, uns eine neue, bessere Stätte zu bereiten. Es waren gewiegte Mannen, die da auszogen, ortskundige Männer, feinkundigen Gaumens; aber sie fanden in der ganzen großen ,Wallumgürteten’ nichts besser als ein Stüblein in der Rathhausgasse, benannt ,zur Stadt Regensburg’.
Und da sind wir nun.“

Daran hing etwas mehr als die Bierqualität. Wenn man einmal nur die Akten verfolgt, die den Ort der Zusammenkünfte betreffen, kommen Umständlichkeiten und sogar Unzuträglichkeiten zutage. Wo bewahrt man zum Beispiel das Archiv auf? Bis dahin war es üblich gewesen, diese Dinge dem jeweiligen Ordensschriftführer in Verwahrung zu geben. Also zog alles immer wieder um. „Freitag, 28. Mai 1875 […] 3) Herr Pfarrer Seiler bittet, ihn der ferneren Aufbewahrung der Ordensbibliothek u. des Archivs zu entheben. Man wünscht, daß dies bis zur Genesung von Herrn Rect. Heerwagen u. Priem aufgeschoben werden möge.“

„Freitag, 22. October 1875 […] 2) Herr Knapp theilt mit, daß heute die Bibliothek in die Stadtbibliothek überführt worden sei. Dabei stellt sich die Nothwendigkeit heraus Schränke anzuschaffen u. man beschließt demgemäß

a, einen neuen Schrank fertigen u.
b, die alten Regale mit Rückwänden versehen zu lassen.“

„Freitag, 9. März [1877…I.] Auf Vorschlag des Hrn. Cassiers beschließt die Versammlung die Bibliothek auf 5 Jahre zu versichern, unter Vorausbezahlung der Prämie und dem darauf gebotenen Vortheil eines 6. Freijahres. […]

Freitag, 16. März […I.] Im Anschluß an den vor 8 Tagen gefaßten Beschluß schlägt der Vorsitzende [Knapp] vor die Bibliothek mit 2000 Mark zu versichern, womit man einverstanden ist; die 3 Pokale sollen mit 1000 Mk. versichert werden.“

„Freitag, 15. Februar [1878] I […] 2) Ferner wird beschlossen, die in der alterthümlichen Ordenscassette noch befindlichen Gegenstände als Stahlstempel mit Harsdörfers Brustbild, Devisenbänder etc laut Verzeichniß an den O.Präses zum Aufbewahren in der Ordenslade zu übergeben, unter Vermerk zum betr. Inventarienprotokoll.“

„Freitag, den 2. Sept. [1881] Sedanstag […] I Herr Vorsitzender [Knapp] regt an, daß sich einige Herren erbieten möchten das Ordnen u Verzeichnen der Archivalien unseres BlumenOrdens zu übernehmen, da dasselbe sich keiner besonderen Ordnung erfreue. — Hr. Ass. Lehmann erbietet sich in seiner freien Zeit gern dabei behilflich zu sein — was mit Freuden begrüßt wird.“

„Freitag, 18. November […] I 1) Vorsitzender verliest ein Schreiben des Director [sic] d. Naturhist. Gesellschaft betr. der Schaffung eines sog. Gesellschaftshauses zum Zwecke für hier bestehende wissensch. liter. und künstler. Vereine; man bittet um moralische Unterstützung zur Verwirklichung des Planes.“

„Freitag d. 19. September [1884] […I] 2) Ferner ein Schreiben der ,Naturhistor. Gesellschaft’, welches seine [sic] Räumlichkeiten in dem ihm gehörigen Hause (Schildgasse 12) zur miethweisen Benutzung anbietet; dieselben sollen durch Hr. Lorsch, Geißler u. Müller angesehen u. von diesen dann darüber berichtet werden.“


Die Sache schaukelte sich auf bis zu einer „Ausserordentliche[n] Generalversammlung
Freitag d. 10. October abends 9 Uhr bei Wagner Rathhausgasse
[…] Tagesordnung: (Wichtige innere Vereinsangelegenheiten):
1) Schätzung behufs Versicherung gegen Feuergefahr unserer Ordens-Kleinodien u. deren fernere Aufbewahrung
2) Anerbieten der Naturhistorischen Gesellschaft in ihrem Hause, Schildgasse No. 12, Räumlichkeiten für unsere Vereinszwecke zu miethen
Zu 1 Der 1. Ordens-Präses, Herr Oberstudienrath Dr. Heerwagen, in dessen Gewahrsam sich seither die Pokale u. die Truhe mit verschiedenen werthvollen Urkunden der Gesellschaft befinden, drückt den Wunsch aus dieser Sorge nun enthoben zu sein, da seine jetzige Privatwohnung ihm zur Aufbewahrung nicht mehr genügend sicheren Raum biete wie seine frühere Amtswohnung.
In gerechter Würdigung dieser Umstände beschließt man nach längerer Besprechung:
a, Die Werthschätzung der Pokale durch Herrn Director Essenwein (der sich dazu schon freundlich bereit erklärt hatte) wahrnehmen zu lassen und dann sämmtliche Kleinodien bei einer freien Versicherungsgesellschaft zu versichern — und
b, indem unter dieser Bedingung Herr Dr. Heerwagen sich in dankenswerter Weise bereit erklärt die Kleinodien auch ferner in seiner Obhut zu behalten, eine Veränderung im Aufbewahrungsorte nicht eintreten zu lassen.
Zu 2 Nach genauer u. eingehender Abwägung aller einschlägigen Verhältnisse wird einstimmig beschlossen:
in einer Veränderung keinen Vortheil für den Orden zu erblicken u. darum die seitherigen Lokalitäten, sowol für die wöchentlichen Freitagsversammlungen als auch für die öffentlichen Versammlungen noch [unleserlich] innezubehalten.“

„Generalversammlung Sitzung am 9. Januar 1885 […] Dr. Essenwein würde den Pokalen des Ordens gerne einen Platz im germ. Museum anweisen, was von Dr. Zehler befürwortet, von der Versammlung jedoch abgelehnt wird, nachdem eine General-Versammlung schon endgiltig über diesen Punkt beschlossen habe.“

„Ausserordentliche Generalversammlung am 27. März Abends bei Wagner, Rathhausgasse […] In der nun folgenden kleinen Versammlung […] beschließt man einstimmig dem Verlangen des Herrn Kassier ,Die General-Versammlung möge aussprechen, daß der Herr Ordenssekretär mit dem an den Ordenskassier gestellten Ansinnen, ihm die Ordensaufnahmediplome nebst Siegel u. Quittungsformular auszuantworten, seine Amtsbefugnis überschritten habe’ nicht nachzukommen. Hingegen findet man es für nothwendig u. richtiger, daß für die Folge die Ausfertigung der Diplome dem Sekretär zustehe u. er zu diesem Behufe im Besitze der Blanko-Diplome, des Petschaftes u. der Siegel sei. Man beschließt demgemäß.“

„Freitag den 23. October 1885 […] Es wird die Frage wegen eines Lokals für d. öffentl. Sitzungen aufgeworfen, nachdem das rothe Roß solches nicht mehr stellen kann. Müller schlägt das l. Parterre Zimmer des ,Adler’ vor u wird beauftragt sich zu informieren u. Bericht zu erstatten. Für die Bibliothek ist ein Schrank nöthig, dessen Anschaffung Lehmann besorgen will.“

„Freitag, den 20. Nov. 1885 […I] 1) Ballhorn wird beauftragt mit Gastwirt Schlenk den Saal für spätere Versammlungen für 15 M. festzumachen. […] 3) Es wird beschlossen einen Fragekasten im Vereinslokal aufzustellen, für etwaiche annonyme liter. Fragen u. Wünsche“ Kaum eine Sitzung vergeht, ohne daß eine im Fragekasten vorgefundene Bitte um Erklärung eines Wortes mithilfe des Grimmschen Wörterbuches beantwortet wird.


„Freytag, den 28. Januar [1887]. […I] 1) […] Die Verhältnisse unseres Archivs kommen wieder zur Besprechung u. nähere Erörterung, infolgedessen Herr Consul Fr. Knapp den Antrag stellt: Versammlung möge beschließen, daß dem 2. Vorsteher als Mitglied der Archiv-Commission die Archivalien zur Sichtung u. Katalogisirung nach u. nach ausgeliefert werden mögen.“ Wird einstimmig angenommen.“

„Freitag, den 18. Februar […] Ferner berührt der Vorsitzende den Beschluß vom 28. Januar, bez. des Archivs und bemerkt, daß er Herrn Archivar Mummenhoff infolge seiner betr. Anfrage dahin verständigt habe, daß es sich hierbei nur um die Mithilfe des 2ten Vorstehers Herrn Postspecialcassier A. Schmidt, der Mitglied der Archiv-Commission ist, handle. Wenn diesem das Recht eingeräumt wurde, Archivalien behufs Sichtung und Katalogisirung mit nach Hause zu nehmen. — In derselben Angelegenheit berichtet der 2te Vorsteher über einen Briefwechsel, welchem er mit dem Ordensrate und Archivsvorsteher F. Pfriem [offenbares Mißverständnis: Johann Paul Priem] geführt habe. — Man ist der Meinung, daß das Anerbieten des 2ten Vorstehers in Übernahme genannter Arbeit der Sache selbst doch nur förderlich sein kann, ohne irgendjemand in formeller Hinsicht zu nahezutreten; der Beschluß vom 28. Januar ist demgemäß auch nur in diesem Sinn zu deuten.“ Mummenhoff erwies sich zum ersten Mal als ziemlich empfindlicher Zeitgenosse.


„Freitag den 13. Mai […] Beschlossen wird ferner: […] den neu angeschafften Bücher u. Archivalien-Schrank mit seinem Inhalte (der im Vereinslokal steht), gegen eine vom 1. Vorsitzenden abzuschließende Summe, besonders zu versichern.“

„Freitag, 27. Juli 1888 […] Müller beantragt Anschaffung einer zweckmäßigen Umhüllung des Pokals; wird genehmigt u. Müller mit der Besorgung beauftragt.“ Kann es sein, daß das Futteral, welches bei Sonderausstellungen im Germanischen Nationalmuseum neben dem Tulpenpokal hinter Glas zu sehen war, erst von 1888 stammt? Oder ist der Pokal des Literarischen Vereins gemeint? Es wäre das Wahrscheinlichere.


„Freitag 20 Dezember 1888 […] Bezüglich eines neuen Lokals wurde als solches der kleine Saal im naturhistorischen Vereins’Hause  angenommen, der Cassier erhält den Auftrag, das bisherige Lokal zu kündigen; von der Änderung soll den Mitgliedern durch Umlaufschreiben und durch Annonce Kenntniß gegeben werden.“

„Freitag den 28. Decbr. 1888. […] Die Verhandlungen mit dem naturhistorischen Verein sind abgeschlossen und wird die Miethe von M 70,- /Jahr von den Anwesenden genehmigt.“
 

Dabei müßte es eigentlich bis 1911 geblieben sein, als die Naturhistorische Gesellschaft in das Luitpoldhaus umzog; etwas verwirrend ist aber der Protokolleintrag „9t W.[ochen]V.[ersammlung] Freitag den 2 Maerz 1894 […] Müller berichtet über seine Unterredung mit Schlenk und wird beschlossen, in dem liebgewordenen Adler zu bleiben d.h. auch die Familien-Abende dort abzuhalten und wird der 1t auf Freitag 9 Maerz anberaumt.“ Das kann sich eigentlich nur auf die Wochenversammlungen beziehen. In deren Protokollen wird seit 1888 kein Ort des Geschehens mehr genannt; nur die der Generalversammlungen tragen jedesmal den Vermerk, sie seien im Vereinslokal in der Schildgasse 12 abgehalten worden.