Winkelzüge

Auch diesmal unterschreibt sich STOY zuerst, schon am folgenden Tag. Aber — welche Überraschung: Er schlägt, abweichend von seiner Parteinahme für HOLZSCHUHER, LILIDOR II. vor. Dieser Vorschlag lenkt den gesamten Vorgang um. Seine Ursache kann man höchstens ahnen. (Wer sich näher damit befassen will, sollte herauszufinden versuchen, ob STOY in irgendeiner Hinsicht als Klient der FÜRERschen Familie zu gelten hat.) Alles weitere ist Rückzugsgefecht von zu wenig konservativen Positionen. Vom 21. bis 26. Oktober 1751 votieren nun mehrere Mitglieder für eine persönliche Zusammenkunft. Das Schriftliche ist wohl zu kompromittierend, sollte LILIDOR nicht zu vermeiden sein. MYRTILLUS III. ergreift die Gelegenheit, dabei an den Jahresbeitrag zu erinnern. (Auch das lag im argen.) Und zuletzt versucht tapfer noch URANIO , zu retten, was zu retten ist, wobei er gegen den plötzlichen, allerdings schon lange im Hintergrund wartenden Favoriten die härteste Kritik vom Stapel läßt, die unter den damaligen Umständen denkbar war: Je weniger wir uns, wie ich sorge, Hofnung machen dürfen, daß des Herrn Lilidors II. Wohlgeb. Sich von nun an unsrer Gesellschafft mehr annehmen werden, als bisher geschehen; je unwahrscheinlicher es mir auch ist, daß unser theuerster Herr Irenäus Sich zur Übernahme des Präsidii überreden lassen wird: um so mehr wünschte ich, daß der Vorschlag [Schönlebens] durchgängigen Beyfall finden möchte." All dies eigentlich nur wegen der Weigerung HOLZSCHUHERs, dessen Familie sich innerhalb des Patriziats vor den FÜRERs eigentlich nicht zu verstecken brauchte, der viel für den Orden tätig gewesen war und auch von vielen anerkannt wurde. Doch er läßt sogar seinen Gegenkandidaten fallen und ordnet sich SCHÖNLEBEN unter, wenn er am 25. Oktober an diesen schreibt, er werde bei Senator WALDSTROMER sondieren. Von einer weiteren Sorge ist in diesem Brief die Rede: Eigentlich ist ja der Orden von den 20 Kreuzern befreit, die man der Zensurbehörde für ihre Mühewaltung auch noch zu zahlen hat. Bei der Einreichung der in Druck gehenden Trauergedichte auf MELANDER -- darunter eines von URANIO -- sei die Gebühr jedoch verlangt worden. Hat da jemand angesichts der bevorstehenden Wahl Druck ausüben wollen?


Uranio

Überlegen wir uns einmal, um gerecht zu sein, was ein Präses ALCANDER für einen Unterschied gemacht hätte. Er hatte noch knappe vier Jahre zu leben. Seine geistige Orientierung? Aus dem Brief vom 7. 12. 1751 an SCHÖNLEBEN geht hervor, daß er eine poetische Sammlung mit dem Titel Erweckliche Todes-Betrachtungen herausgibt, die der Vorläufer einer Sammlung moralischer Poesien sein soll. Eine vorsichtige Abschätzung der Aussichten des Blumenordens, unter seiner Leitung die gebahnten Wege zu verlassen und zeitgemäß zu werden, kann nicht sehr ermutigend ausfallen. (Es käme auf die Nebenbedeutungen und Verknüpfungen des Wortes moralisch" an.) Und das wußten die anderen Mitglieder auch, vielleicht sogar er selber. Jedenfalls wird er in dem erwähnten Brief schlagartig sanguinisch: Nachdem STOY mit FÜRER geredet habe, seien seine, HOLZSCHUHERs, Bedenken alle ausgeräumt. Er ist Feuer und Flamme für den neu-alten Kandidaten und fordert CALOVIUS auf, eine Plenarversammlung einzuberufen.

Das entsprechende Rundschreiben ergeht am 21. Februar 1752, knapp ein Jahr nach SCHWARZENs Tod. (Wieder war ein Jahr lang vorwiegend mit Vereinsmeierei hingegangen.) Und siehe: Alle bisherigen Gegenkandidaten sind für LILIDOR. Er wird als einziger offiziell vorgeschlagen -- Zustände wie in der ehemaligen DDR -- und alle schreiben sie ihre untertänigsten Gratulationen auf lateinisch dazu, sogar Akrosticha, und IRENÄUS sogar auf griechisch. Auf deutsch hätten sie ehrlicher sein müssen, oder es wäre aufgefallen. Symptom für den Tiefpunkt der Ordensgeschichte.

Am 24. 2. beklagt sich HOLZSCHUHER bei SCHÖNLEBEN über LEUCORINUS. Der gute LÖHNER hatte das Glückwunschgedicht zur Einsetzung FÜRERs, das carmen inaugurale, aufgetragen bekommen und mit übertriebener Bescheidenheit abgewehrt. Man erinnert sich, daß er von allem Anfang für HOLZSCHUHER als Präses war. Hier wollte jemand, trotz erwiesener Vorsicht und Rücksicht, nicht charakterlos werden. Professor SCHUNTER, ehemals auch für ALCANDER, übernimmt die Aufgabe. Er wird auch eine Lobrede in Prosa auf LILIDORs Herrn Papa halten.

12. April 1752: ALCANDER erwähnt, GRUNDHERR habe wegen der neueren Schwierigkeiten mit der Zensur mit ihm besprochen, daß man ein Testimonium", ein Führungszeugnis, brauche, ob die Societät [...] allezeit unterwürffig gewesen seye, oder nicht". Das könnte jemanden geradezu erleichtern, der die Schuld für alle die blamablen Dinge in diesem Kapitel nicht beim Blumenorden allein suchen will: Schon im 18. Jahrhundert scheint es in Nürnberg eine regierende Seilschaft" von Betonköpfen" gegeben zu haben, wie die Ausdrücke aus der Verfallszeit der DDR lauten.