Zweite Generation der Empfindsamen



Weniger politisch, auch sonst nicht weltanschaulich, gibt sich ein Trauergedicht auf eine Freundin, das Maria Mandleitner (Laura) im selben Almanach untergebracht hat.
An Selindens Leyer
Hängst nun einsam an Cipressen Zweigen,
Heil'ge Leyer! und sie schlummert hin;
Klage trauernd — höhere Gespielin!
Der erblasten Sängerin. [...]

Das heißt wohl: Die Leier der verstorbenen Dichterin hängt einsam an Zypressenzweigen, während diese entschlummert ist; die Leier als Freundin höherer Art möge (falls 'Klage' eine Befehlsform darstellt) um sie trauernd klagen. Freilich ermißt man nach solch prosaischer Umsetzung erst den Reiz der gebundenen Rede, der klagend abgebrochenen Ausrufe des Gedichts. Und doch wäre es möglich, poetisch über dasselbe Motiv zu schreiben, ohne am Vers-Ende immer innezuhalten und im Satzbau so undurchsichtig zu werden:

Ihr Freunde, hänget, wenn ich gestorben bin,
die kleine Harfe hinter dem Altar auf,
wo an der Wand die Totenkränze
manches verstorbenen Mädchens schimmern.

[...]

"Oft", sagt er staunend, "tönen im Abendrot
von selbst die Saiten leise wie Bienenton:
die Kinder, hergelockt vom Kirchhof,
hörtens, und sahn, wie die Kränze bebten."

Sage keiner, die reimlose Strophe erzwinge weniger Umstellungen; eine sapphische Odenstrophe, wie sie hier vorliegt, ist etwas Kompliziertes. Aber Ludwig Heinrich Christoph Hölty, der Göttinger Haindichter, beherrschte sein Handwerk eben besser als Laura, und nur aufgrund seines Originals — er war schon 1776 verstorben — verstehen wir erst, was Selindens Leier in den Zweigen überhaupt tun soll.

Wahrscheinlich bezieht sich das folgende Gedicht auf denselben Trauerfall: Magdalis II., Kunigunde Scherb, redet darin Maria Mandleitner zu (nach einem Motto aus Gellert):

An die zurückgelaßne Freundin der nun erblaßten N...

Du bist von Gram jezt hingerissen
Die Freundin starb: —
Du ließest bittre Thränen fließen
Um ihren Sarg [...]

Schlicht und schön, nicht wegen irgendwelcher seraphischer Vorstellungen und verquälter Wortwahl, sondern wegen des innehaltenden Rhythmus: nach vierhebiger Verszeile jeweils eine zweihebige eingefügt, die, aufgrund der Erwartung von Verslänge, die man noch im Ohr hat, dazu veranlaßt, die offengebliebenen Takte zu pausieren. Wenn dazu die Aussage paßt, wie es hier zweifellos der Fall ist, entsteht eine rührende Wirkung. Deshalb war diese Strophenform auch damals so beliebt. Hat man davon allerdings 36 Strophen anläßlich eines Trauerfalls anzuhören, erfüllt dies den Tatbestand der Zumutung. Hier konnte beim besten Willen nicht mehr zitiert werden.

Während Barden stürmen, Engel säuseln, wandeln bürgerliche Freundespaare schwärmerisch Hand in Hand im Irrhain. Als Leinker stirbt, verfaßt Dietelmair-Orestes zum 28. 3. 1788 das Trauergedicht. Daraus:

Wie, wenn in der stillen Sommerabendstunde,
Freunden, kühle Lüfte Labsal wehn,
Sie im sichern Blumenfelde, Mund an Munde,
Hand in Hand geschlungen, einher gehn,
Ihres Bunds sich freuen, der so süsse Freuden,
Stolze Hofnung wonnereicher Zukunft schenkt —
Wenn sie dann vergessen alle Erdenleiden,
Jeder sich so überglücklich denkt:
Und urplötzlich, auf sonst friedevoller Haide
Mörderschuß den lieben Freund erlegt —
Und dann zitternd, an des kalten Freundes Seite
Des verwaißten Herze bange schlägt;
So auch wir erfreuten uns des Erdenlebens,
Als so schnell der Mörder Tod Sein Herz zerbrach —
Ach! wir wähnten uns so sicher — doch vergebens —
Fühlen nun die Qualen tausendfach.

Ich habe im März 1991 auch ein Freundespärchen "Mund an Mund" im Irrhain wandeln sehen, von denen der eine stark geschminkt und onduliert war, sodaß meine Kinder sich verwunderten. Aber so dürfen wir obige Verse nicht auffassen, und wenn sie noch so peinlich klingen. Der Freundeskult um 1800 war eine jugendliche Übersteigerung von Formen der Geselligkeit gegen eine unbefriedigende Gesellschaftsordnung, und er trat später in anderem Gewande als Burschenschaft auf. Rein männlich blieben diese Formen besetzt, solange Frauen in öffentlichen Angelegenheiten nicht mitspielen durften. Vielleicht war die Haltung vorgebildet im Freimaurertum. Als ich Kind war, wurde mir dort draußen einmal zugeraunt, der Irrhain habe irgendetwas mit den Freimaurern oder etwas ähnlichem zu tun. So hielten sich in der ungelehrten Bevölkerung unbestimmte Vorstellungen, daß der Blumenorden auch geheime Ziele haben müsse, die weiter gingen als nur auf das Sprachliche und Literarische. Beide Organisationsformen des politisch ambitionierten Freundeskultes wurden ja zeitweise nicht ganz ohne Grund verboten. Lockere Bünde wie unsere Altdorfer Privatgesellschaft hatten es leichter, gruppenweise in einflußreiche Stellungen zu sickern und von da aus den Staat mehr oder weniger merklich zu erziehen — "der Marsch durch die Institutionen", wie man um 1970 sagte.

Mir aber fällt angesichts obiger Verse immer mehr Schiller ein, und zwar nicht der echte, sondern der vom jungen Thomas Mann parodierte: "Schorke, kömmt auch dir die Stunde jetzt, wo dein Blick sich am ERHABNEN letzt?" Es ist schon ein Witz, daß Schiller nicht wußte, wie abgrundschön er von den Pegnesen seiner Zeit parodiert wurde; sein ins Leere mäkelndes Epigramm, das den Pegnesen heute noch ärgern könnte, wenn ihm die Pegnesen von 1905 nicht passenderweise eine Bildsäule im Irrhain aufgestellt hätten, wäre sonst vielleicht unterblieben. Jene Leute von 1785 dichteten ja nicht unbedingt ihm nach, sondern hatten die Wurzeln mit ihm gemeinsam, hätten ihm sympathisch sein können. Und er war doch auch viel zu sehr theoretischer Ästhet, um jederzeit zu merken, wann die Grenze vom Erhabenen zum Lächerlichen überschritten wurde.