Kurzes Zwischenspiel einer Dame
Zunächst ließ Dietelmair die Damen innerhalb des Ordens nach guter Überlieferung wieder zu ihrem Recht kommen. Es wurde schon erwähnt, daß er noch im selben Jahr die Tochter des Amarantes endlich aufnahm. Vom 30. 12. 1775 stammt das Dankgedicht einer Jungfer Scherbin, die als Magdalis II. Ordensmitglied geworden war. Das Gedicht selbst muß hier nicht zitiert werden; es ergeht sich in üblicher Weise endlos lang in Alexandrinern. Kunigunde Scherb ist allerdings als Person bemerkenswert und geradezu eine Allegorie für den Zustand Nürnbergs.

Ihr eigenhändiger Lebenslauf weiß zu melden, daß sie 1742 als Tochter eines Nürnberger "Bordenhändlers" (also Kurzwarenhändlers) geboren wurde. Auch solche Leute ließen ihren Töchtern um diese Zeit schon Privatunterricht geben — eine Ausgabe, die ein mittelsituierter Bürger wenige Jahrzehnte zuvor für widersinnig gehalten hätte, es sei denn, seine Tochter wäre ein Ausbund von Häßlichkeit gewesen. Früh fing sie an, Verse auf Melodien zu schreiben, die sie von ihrer sangesfrohen Mutter hörte. Noch als junges Mädchen schickte sie ein Gedicht über die Prager Schlacht von 1757 an General von Schwerin. Auch mit anderen Gelegenheitsgedichten erregte sie Aufmerksamkeit. Dann allerdings verdüsterte sich ihr Gemüt: An einem einzigen Tag starben drei ihrer Geschwister. Dietelmair wollte vielleicht durch seine Förderung ein solches Talent nicht verstummen lassen; er verschaffte ihr das Patent der 'Kaiserlich gekrönten Dichterin' und nahm sie in den Orden auf, aber Magdalis II. schrieb vorzugsweise in der Zurückgezogenheit religiöse Verse und Trauergedichte. Sie blieb unverheiratet und starb am 9. 4. 1795, ohne sich an der Umgestaltung des Blumenordens beteiligt zu haben. Sie ist das weibliche Gegenstück Chirons. Diakon Wilder von St. Lorenz schrieb ihr die Leichenpredigt, ein in schwarzes Glanzpapier eingebundenes Geheft, und sie wurde auf mehrspännig gezogenem, schwarz drapiertem Wagen zum Johannisfriedhof hinausgefahren und dort bestattet, wo die Gräber der berühmtesten Nürnberger, wie auch der Ordensgründer, zu finden sind. Sie ist die letzte der Damen im Orden, der noch die Ehren zuteil wurden, welche die alte Reichsstadt, welche das alte Reich zu vergeben hatte — und das ganz ohne familiäre Beziehungen.